Fayencenmalerei - Hausmalerei
Den deutschen Fayencehausmalern verdanken wir wohl die erste Anregung zur Muffelfarbenmalerei auf Fayence und Porzellan. Die eigentliche Domäne der Fayencedekoration war bekanntlich die Scharffeuerfarbenmalerei, so genannt, weil die Farben auf die noch rohe, ungebrannte Glasur aufgetragen wurden, um im Garbrand, im sog. Scharffeuer eingeschmolzen zu werden. Wegen der hohen Temperatur des Glattfeuers war die Palette der Scharffeuerfarben nur auf bestimmte Farbkörper von Blau, Grün, Gelb, Violett und Eisenrot beschränkt.
Wollte man über diese Fünffarbenscala hinaus noch buntere Wirkungen erzielen, so musste man auf die schon fertiggebrannte Glasurmalerei und zwar mit Farben, die nur eine niedrige Hitze aushalten und deshalb in einem weit schwächeren Feuer, dem sog. Muffelfeuer eingebrannt wurden. In Nürnberg übertrugen nun Glasmaler ihre polyphone Emailfarbentechnik, in Augsburg Goldschmiede ihre Feuermalerei auf die Fayenceglasur. Mit dem Einsetzen der deutschen Fayenceindustrie in Hanau 1661 und Frankfurt 1666 blühte auch die Fayencehausmalerei empor.
Nürnberg und Augsburg bezogen wohl dort das so seltene Weissgut; aber vielleicht hat auch schon Nürnberg vor der Errichtung der 1712 gegründeten Nürnberger Fayencemanufaktur, wenn auch in bescheidenem Umfang zinnglasierte Ware hergestellt. Es gibt einen Anhaltspunkt für diese Annahme. Pfuscher, Stimpler, Winkelmaler wurden diese Hausmaler genannt. Wie ein roter Faden zieht sich durch das ganze von Pazaureck die seit der Mitte des 18. Jahrhundert immer mehr abebbende Fehde der privilegierten Betriebe gegen diese Outsider, deren Konkurrenz man mit Recht sehr fürchtete. Denn diese frühen Fayence- und Porzellanhausmaler waren keineswegs Stümper, sondern ganz hervorragende Farbentechniker und z. T. auch künstlerisch hochstehende Persönlichkeiten. Sie waren es, welche die Muffelfarbentechnik schon Jahrzehnte vor der Erfindung des europäischen Porzellans auf eine nicht mehr überbietbare Höhe der Vollendung brachten, sie waren die Hechte im Karpfenteich, die auch die Leiter der Fabrikbetriebe zu gleichen Leistungen anspornten und nicht zur unproduktiven Ruhe kommen liessen.
Mit goldgehöhter, z. T. radierter Schwarzlotmalerei fingen sie an auf Fayenceglasur zu malen, zuerst der kunstreiche Johann Schaper (1621 bis 1670), Glasmaler zu Nürnberg, der Ahnherr der Pfuscher, mit seinem ungemein zart gestrichelten Landschaften. Schwarzlotmaler waren auch der aus Stockholm gebürtige H. Benckert, ansässig in Lauf, und der Nürnberger J. L. Faber, der Sohn des gekrönten Pegnitzschäfers Ferrando I. Doch die Schwarlotmalerei war nur Episode und Auftakt. Man wollte Buntes. Und so zauberte den ein Helmhack (1673 bis 1724) in Nürnberg die Monogrammisten WR, IH, IMG (J. M. Gebhard), wohl angeregt von dem Nürnberger Glasmaler G. Strauch (1613 bis 1675), einen wahren Farbenrausch auf Krüge und Teller; da schlingen sich in buntester Frühlingspracht rings um aufglühende Purpurbilder der Schauseiten üppige Kränze von Tulpen, Rosen, Nelken. Spezialist in Purpurmalerei war der Monogrammist MS. Diese prachtvoll leuchtende Purpurfarbe hat die Porzellanmalerei, die anfänglich so hart mit der Technik zu ringen hatte, den Fayencehausmalern direkt zu verdanken. Was diese frühen Hausmaler auf Fayenceglasur noch besonders auszeichnet, ist die deutsche Art ihrer Malerei, die sich nicht ins Schlepptau der so angebeteten ostasiatischen und französischen Vorbilder nehmen liess.
Die Rückgewirkung dieser technisch vollendeten Muffelfarbenmalerei selbst auf die Scharffeuer-farbenmalerei der Fayencemanufakturen lässt sich besonders bei Malern der Nürnberger Fayencefabrik feststellen, bes. an den Arbeiten von A. Glüer u. Grebner, wenn auch andererseits die Selbstständigkeit Nürnberger Scharffeuerfarbenmaler - ich nenne besonders die Arbeiten von Pössinger - rühmend hervorgehoben werden muss. In Augsburg stand an der Spitze der Fayencehausmaler der Goldschmied, Kupferstecher und Seidenfärber Barthol Seuter )gest. 1754), der neben Fayence später auch Porzellan bemalte. Ein universaler Kunstgewerbler! Seine besondere Liebe galt der einheimischen Vogelwelt, die seine bandumflatterten Blumenstücke so reizvoll belebten. Seuter war es auch, der in bester volkstümlicher Weisse in Gemeinschaft mit Ridinger das mehrbändige Botanikwerk von N. Dietrichs und C. Bieler Phytandros Jconographia mit farbigen Kupferstichen illustrierte.
Die Porzellanhausmaler, die sich schon einige Jahre nach der Erfindung des europäischen Porzellans bemerkmar machen, hatten anfänglich mit der Beschaffung des Weissgutes wohl keine allzugrosse Not. Nach Augsburg, dessen Goldschmiede in der Fassung von Gefässen aus seltenen Material an der Spitze standen, kam reichlich frühes Meissner Porzellan, wenn auch der Goldschmied T. Bauer, der schon 1711 eine grosse Sendung Porzellan von Böttger erhielt, noch nicht an eigene Dekoration mit Muffelfarben dachte. Aber einige Jahre später hat sich besonders der Goldschmied Joh. Aufenwerth (gest. 1728) des neuen kostbaren Materials bemächtigt und unbemalte Stücke reichlich mit Muffelfarbendekor versehen. Aufenwerth ist im Gegensatz zu Seuter, der auch gelegentlich Porzellan bemalte, nicht schöpferisch im Erfinden eigener Darstellungen; die Genreszenen von Watteau sind seine Vorbilder. Auch ist seine Palette nicht so umfangreich wie die von Seuter: beschränkt auf Eisenrot, LIla, Gold und Silber. Seine umfangreiche Produktion scheint Meissen schon verdächtig und unliebsam geworden zu sein. Nach seinem Tode hört auch die Porzellanhausmalerei in Augsburg auf. Einer der hervorragendsten aller Porzellanhausmaler war Bottengruber in Breslau. Seine signierten Arbeiten verteilen sich auf die kurze Zeit von 1726 bis 1730. Ein Maler der Kraft und Lebensfreude, ganz und gar noch Barockkünstler! Ein kräftiges Laub- und Bandelwerk umrahmt seine figürlichen Darstellungen: als Soldaten verkleidete Putti, Szenen aus der antiken Mythologie, meist aus dem bacchischen Kreis, Jagddarstellungen usw. Auch er meidet den konservativen Fayencehausmalern französische und ostasiatische Vorbilder. Unter allen Porzellanhausmalern kann er als der deutscheste gelten; und mit Recht werden seine Arbeiten von Sammlern hoch eingeschätzt. Ganz von Bottengruber abhängig ist der erste adlige Amateur unter den Hausmalern C. F. von Wolfsburg.
Ein besonderes Verdienst hat sich Pazaurek um die Einführung des bis jetzt unbekannten Breslauer Porzellanhausmalers, des Amateurs G.G. von Bressler (gest. 1777) erworben, der ebenfalls aus Bottengrubers Schule hervorging. Zur Gruppe der böhmischen Schwarzlotmalerei auf Porzellan, die wahrscheinlich auf Nürnberger Anregungen zurückgeht, gehören unsignierte goldgehöhte Arbeiten, auch solche in Eisenrot, die wohl z. T. mit Preussler, einer noch nicht klar umreissbaren Persönlichkeit zusammenhängen, die teilweise mit der Kielfeder so zart gezeichneten, an Kupferstich erinnerten Malereien von Helchis und die Wiener W. Anreiter und J. Schulz. Ein glänzendes Kapitel hat Pazaurek der keramischen Produktion von Bayreuth gewidmet. Hier wirkten Fr. A. von Löwenfink (1736 von Meissen), Ph. Dannhöffer (1737 von Wien), Fr. Motzsch, Chr. Jucht, von Drechsel, G. Flügel teils in der Bayreuther Manufaktur, teils als Hausmaler. Besonders in Bayreuth wurde durch Fr. von Löwenfink und Ph. Dannhöffer der denkbar feinste Muffelfarbendekor des Porzellans auf die Fayence übertragen. Aber in Bayreuth hat man selbst auch echtes Porzellan hergestellt und bemalt. Und Pazaurek liefert in seinem Buch einen wesentlichen Beitrag zur Klärung dieser bis jetzt immer so problematisch gebliebenen Frage. Wir lernen einige wichtige, von Hausmalern, bes. von Metzsch bemalte Leitfossilien kennen. Umfangreich aber wird die Herstellung von Porzellan in Bayreuth kaum gewesen sein, da man über ein Experimentieren nicht hinaus kam.
Dresden und Meissen waren, wie nicht anders zu erwarten, Hauptspitze der Porzellanhausmalerei. Während in Augsburg das flächenhafte Email der Goldschmiede zur Fayence- und Hausmalerei den Anstoss gab, ist es in Dresden zunächst das transluzide Reliefemail auf Metall, das von dem Vergolder und Emailleur K. Hunger auf das Porzellan übertragen wurde und zwar bereits auf signierten Stücken vom Jahre 1715. Ein Meister von Goldreliefdekor auf Porzellan war C. F. Herold, (nicht zu verwechseln mit Johann Gregor Herold), in den Fabrikakten Meissens als ein unverbesserlicher Pfuscher bezeichnet. Haussuchungen bei ihm brachten stets Meissner Weissgeschirr ans Tageslicht. Auch mit kalter Malerei und Vergoldung wurde schon zu Böttgers Zeit Meissner Geschirr ausserhalb der Fabrik dekoriert. Zum erstenmal trifft in einer Verordnung vom 7. April 1717 die Direktion der Meissner Fabrik gegen die Pfuscher öffentlich auf. Besonders während des Siebenjährigen Krieges stand die Pfuscherei in Meissen in Hochblüte. Doch man mochte sich gegen diese Übeltäter wehren, wie man wollte, es half nichts. War man gegen die Hausmaler, die meist zugleich auch dem Malerpersonal Meissens angehörten, zu streng, so verliessen diese in der Regel besten Kräften die Fabrik und schadeten schliesslich in den Konkurrenzfabriken oder als berufsmässige Hausmaler mehr als durch ihre gelegentliche Feierabendarbeit. Als besonderes Kennzeichen der vollentwickelten sächsischen Hausmalereien kann der reiche Kalligraphendekor in Gold angesehen werden, der meist mythologische Darstellungen umrahmt. In dieser besonderen Art hat die sächsische Porzellanhausmalerei Werke von unvergleichbarer Pracht geschaffen: u.a. ein Muschelbecken und eine Neptunkanne (Dresden Kunstgewerbemuseum), eine Bockskoptterrine (Reichenberg).
Eine starke Konkurrenz hatte Meissen auch in Böhmen zu spüren durch die Hausmalereien von Fr. Fried. Mayer in Pressnitz und Genossen. Nicht alle diese böhmischen Hausmalereien lassen sich auf bestimmte Namen festlegen, so dass Pazaurek von einem Rosenmaler, einem Maler der Kavaliere, einem Maler der verunglückten Pferde spricht.
Mit dem Arbeiten von Freuer und Genossen sinkt die Porzellanhausmalerei von ihrer künstlerischen Höhe gar rasch herab. Überall entstehen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Porzellanfabriken, so dass Weissgeschirr allen Stümpern zugänglich war; auch die Farbenbereitung war kein Geheimnis mehr. So hat auch Nymphenburg die Hausmalerei stillschweigend geduldet, ja ihr geradezu Vorschub geleistet durch Veranstaltung jener Lotterien, auf denen Weissgeschirr verlost wurde. Ergötzlich ist die Anekdote, die uns Pazaurek von dem Nymphenburger Goldpolierer A. Huber erzählt, der es fertig brachte, dass man ihm sogar den Bau eines Farben-Einschmelz Öferls genehmigte. Und Huber hat auch dann lustig drauflos gepfuscht; denn jetzt kann man die unzähligen Porzellanhausmaler meist schon als wirkliche Pfuscher bezeichnen. Weissgeschirr war nun schon in solchen Mengen erhältlich, dass ein K. Hagen bereits im Jahre 1776 in Passau die Porzellanhausmalerei geradezu fabrikmässig betrieb und bald an demselben Platz zwei Konkurrenten noch auftraten. Ja, die Willandsche Porzellanmalergesellschaft in Regensburg (seit 1782) beschäftigte zur Zeit ihrer Blüte gegen 300 Personen. Nur in Bruckberg-Ansbach hatte man sich nicht über Winkelmalerei zu beklagen. Grund hierfür: die Angestellten wurden ausreichend bezahlt.
Ebenso wie in Nymphenburg wurde auch in Ludwigsburg die Pfuscherei systematisch grossgezogen, da die Gehälter z.T. in Ausschusswaren ausbezahlt wurden. In Norddeutschland bürgerte sich die Hausmalerei erst spät ein und sonst ohne Kampf mit den Fabriken. Fürstenberg und Berlin vergaben sogar Malereien an begabte Hausmaler. Pazaurek nennt Namen tüchtiger Amateure. Neu dürfte manchen sein, dass sich auch der Idyllendichter und Maler Sal. Gessner mit Erfolg in der Porzellanmalerei als Amateur versucht, nachdem er 1764 Teilhaber an der Züricher Porzellanfabrik, an der auch der bekannte Maler und Kunstschriftsteller Heinrich Füssli wirkte, geworden war.
Seit der Empirezeit setzte noch eine Nachblüte der Porzellanhausmalerei ein, die wir aber mehr um ihrer technischen als künstlerischen Qualitäten willen schätzen. Doch zuvor noch ein Wort über die so geliebten Geschenktassen jender Zeit, die wohl meist wie die nun in Mode gekommenen studentischen Bedarfsartikel in zahllosen kleinen Werkstätten bemalt wurden! Von der Legion dieser Winkelmaler ist besonders hervorzuheben L. Sebbers, von dem noch eine im Goethehaus Weimar befindliche 1826 gemalte Tasse mit einem der besten Goethebildnisse aufbewahrt wird. Goethe, der das Porzellan besonders schätzte und selbst gelegentlich auf Porzellan malte, hat dem als Portätisten tüchtigen Sebbers nicht weniger als 20 Sitzungen bewilligt.
 [1] Die Schaulade 1925 - siehe Kopien