Keramik traditionsreiches Kunsthandwerk
Wenn wir von kunsthandwerklicher Keramik sprechen, müssen wir uns im klaren sein, dass wir gerade heute Dinge schätzen und in den Bereich des künstlerischen hineinzunehmen geneigt sind, denen weder bei der Herstellung noch in Ihrer Zweckbestimmtheit eine solche Rolle zugedacht war. Ja, es ist geradezu so, dass uns heute die primitive, aber um so lebensvollere, dem täglichen Gebrauch dienende Hafnerkeramik, künstlerisch in vielem wesentlicher erscheint als manche hochgezüchtete aber blutarme Fayence.
Dies soll vorausgeschickt werden als Erklärung dafür, dass in diesem Aufsatz neben den bedeutenden Einzelmeistern und den altberühmten Fayencemanufakturen auch die ganze Entwicklung der bäuerlichen und städtischen Hafnerkeramik aufgezeigt werden soll. Wie allenthalben führen auch in Bayern die Anfänge der Keramik bis in die früheste Zeit der Besiedelung unseres Landes zurück. Wir finden Gefässe und Idole von ursprünglicher Kraft und Schönheit. Modernste Bestimmungsmethoden werden es in vielleicht nicht allzu ferner Zukunft erlauben, diese Funde zeitlich genauer einzuordnen.
Auch die römische Besatzung hat in der Keramik spuren hinterlassen. Wir finden in reicher Zahl Sigillaten, die - soweit es sich um einfache Dinge handelt - sicher auf deutschem Boden und aus deutschen Rohstoffen entstanden sind. Die Technik ging verloren und konnte bis heute nicht wiederentdeckt werden. Auch aus dem Früh- und Hochmittelalter sind uns zahlreiche Zeugnisse keramischer Tätigkeit erhalten. Es handelt sich beinahe ausschliesslich um bescheidene, aber schön geformte und hart gebrannte Gebrauchsgeschirre. Der Scherben ist auf der Töpferscheibe freigedreht und überraschend dünnwandig. Glasur kam noch keine zur Verwendung.
Der Beginn der Verwendung von Glasur bedeutet einen vollkommen neuen Abschnitt in der Entwicklung und vorallem ungezählte neue Möglichkeiten in der Fertigung kunsthandwerklicher Keramik. Der genaue Zeitpunkt für das Vertrautwerden mit der Glasur ist noch nicht festgelegt. Sicher ist, dass farbige Glasuren, und zwar speziell farbige durchsichtige Glasuren, in den Grundfarben Kupfergrün, Kobaltblau, Mangan-Braunviolett und Eisengelb zuerst und in grossem Umfang für Ofenkacheln verwendet wurden. Im fünfzehnten Jahrhundert treffen wir dann überall schon eine so ausgesprochene Kunstfertigungkeit in der Anwendung bunter Glasuren an, dass wir unbedingt eine längere Anlaufzeit annehmen müssen.
Der Höhepunkt dieser eigentlichen Hafnerkultur liegt im sechzehnten Jahrhundert. Leider hat diese kunsthandwerklich sehr wertvolle Erscheinung, deren bester Vertreter in Bayern wohl Preuning in Nürnberg war, erst allzu spät das Interesse der Liebhaber und Fachleute gefunden, so dass heute eine Rekonstruktion des gesamten Ablaufs nicht mehr möglich ist. Wir kennen lediglich die Überreste, die sich in ländlichen Bezirken auf natürlichen Rohstoffvorkommen zum Teil bis in unsere Tage durchgerettet haben.
In Bayern kennen wir einige solcher Hafnergebiete, die einmal durch die spezifischen Eigenschaften der verwendeten Tone und zum anderen durch stammesmässige Verschiedenheit, sehr charakteristische Erzeugnisse aufweisen. Betrachten wir das Hafnerhandwerk der einzelnen Landschaften Bayerns, so sollen zuerst zwei in ihren Bereich gehörende, jedoch formal und technisch eigenartige Arbeitsgebiete Erwähnung finden. Unterhalb von Passau an der Donau hatte in Hafnerzell, heute Obernzell, die Schwarzhafnerei ihren Hauptsitz. Der dort gefundene Graphit wurde dem ebenfalls anstehenden Ton bis zu sechzig Prozent beigemischt und so eine sehr geschätzte hochfeuerfeste Ware für Kochgeschirr und Schmelztigel erzeugt. Um ein zu starkes Ausbrennen des Graphits im oxydierenden Feuer zu vermeiden, wurde der Brand rauchig geführt, wobei durch Kohlenstoffeinlagerung die graphitisch grauschwarze Färbung entstand. Die bekannten grossen Vorratsgefässe mit ihren typischen Verzierugen, den Wellenbändern und Strichmustern, wurden jedoch nicht mit Graphit versetzt. Bei ihnen wurde durch den aus dem Rauchbrand stammenden Kohlenstoff eine so weitgehende Verdichtung des Scherbens erreicht, dass sie zur Aufnahme von Flüssigkeiten geeignet wurden. Die Schwarzhafnerei ist heute völlig erloschen.
Eine zweite durch ein spezifisches Rohmaterial heraustretende Gruppe ist die Kreußner Ware. Kreußen, in Oberfranken in der Nähe von Bayreuth gelegen, war der Standort der einzigen Gefässkeramik in Steinzeug. Charakteristisch sind der braune, dichtgebrannte Scherben, der mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Salzglasur trug, die Bemalung mit bunten Emailfarben, wie sie für die Glasmalerei benutzt werden, und die aus Modeln ausgedrückten und aufgelegten Flachreliefs. Kreußner Krüge sind ein fest umrissener Begriff. Die Kreußner Hafnerei, 1512 erstmals erwähnt, erlischt bereits 1760.
Neben diesen beiden heraustretenden Erscheinungen kennen wir als Hauptvertreter der Hafnerkultur in Bayern die Kröninger Hafnerei in Niederbayern und ihr fränkisches Gegenstück in Thurnau. Die Hafnerstadt auf der Kröning - richtiger wohl Hafnerstatt - ist kulturgeschichtlich eine interesante Erscheinung. Der Kröning, ein Höhenzug zwischen Isar und Vils, südostwärts Landshut, hat ausgezeichnete Tonvorkommen. Bestimmt seit dem Mittelalter, nachweisbar seit der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, hat bis in die neueste Zeit immer eine grosse Anzahl von Hafnern dort auf ihren Einödhöfen gesessen. In den Zeiten, in denen die Landwirtschaft sie nicht in Anspruch nahm, haben sie ihre Geschirre gefertigt und auch die für den Kröning typische Durchbrucharbeiten. Welchen Umfang die Hafnerei hatte, erfahren wir aus mehrfachen Ansuchen der Innung an die Landesherren. Im siebzehnten Jahrhundert ist einmal von zweihundert Hafnern die Rede, was aber erheblich übertrieben sein dürfte. 1852 sind aber noch achtzig Hafner beglaubigt. Das Handwerk ging mehr und mehr zurück, die letzten Brände dürften um 1920 herum ausgeführt worden sein. Heute stehen zwar noch die Einödhöfe mit den altbekannten Namen, auch die bereits verwachsenen, ausgebeuteten Tonlöcher sind noch zu erkennen. Das ist aber auch alles, die Hafnerei auf dem Kröning ist völlig zum Erliegen gekommen.
Nicht viel anders erging es der Thurnauer Hafnerei, die sich - obwohl auch Bauernhafnerei - schon auf den ersten Blick wesentlich von den Kröninger Arbeiten unterscheidet. War hier die Malerei von untergeordneter Bedeutung, so macht diese den Hauptsitz der Thurnauer Hafner-Keramik aus. Es wurde auf den hell brennenden Ton mit grünem, blauem, rotbraunem und dunkelbraunem Beguß gemalt. Im Ganzen machen die Thurnauer Keramiken einem freundlichen und angenehmen Eindruck. Bis vor dem II. Weltkrieg war Thurnauer Geschirr auf jeder Auer Dult noch reich vertreten. Neben den oben ausführlich beschriebenen speziellen Hafnerarbeiten gab es in früheren Zeiten auch im übrigen Bayern überall noch Geschirr- und Kachelhafner. Über den durch ihr Erliegen für Bayern entstandenen Verlust sprechen die im Bayerischen Nationalmuseum in München, im Germanischen Museum in Nürnberg undin den Heimatmuseen ausgestellten reichen Belege eine beredete Sprache.
Ein weiteres Gebiet der Kunstkeramik, das in seinen besten Leistungen Werke von europäischer Bedeutung aufweist, ist die Fayence, deren Entwicklung in Bayern um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts einsetzt. Bestimmend für die Fayence ist die Einführung der zinnhaltigen, weissdeckenden Glasur auf einem nicht weiß brennenden Scherben.
Die aus Italien zu uns gelangte Technik fand ihren ersten nachweisbaren Niederschlag in Nürnberg. Das Germanische Museum bewahrt einige technisch und künstlerisch wohlgelungene Teller auf, die auf der Schauseite mit den Jahreszahlen 1530 und 1531 datiert sind. Vorallem auf Ofenkacheln, Epitaphien und Wandbrunnen wurden in künstlerisch interessanter Weise die alten farbig-durchsichtigen und die neuen weißen Glasuren nebeneinander verwendet.
Während die erste deutsche Fayencefabrik bereits im Jahre 1661 in Hanau errichtet und in Betrieb genommen wurde, liegt die erste Gründung einer landesherrlichen Manufaktur in Bayern im ersten Jahrzehnt des achtzehnten Jahrhunderts. Der Marktgraf von Brandenburg, fränkischer Linie, Wilhelm Friedrich, errichtete in den Jahren 1708-1710 in seiner Residenz Ansbach als hochfürstliches Unternehmen eine Porcelain-Fabrique. Dieser Gründung war das Glück beschieden, neben den späteren bayerischen Gründungen in Nürnberg 1712, Bayreuth 1719, Oettingen 1735, Künersberg 1745 und Göggingen 1748 die bedeutendste zu werden.
Neben einem schönen Schmelz der Glasur war es vor allem die reiche Dekoration der Blaumalerei und in den vier Scharffeuerfarben, die Ansbacher Fayencen auszeichnen. Berühmt wurde es durch die Stücke, die in der Art der grünen Familie bemalt sind. Es handelt sich dabei einmal um direkte Nachahmungen chinesischer Porzellane der Tsing-Periode um 1700, oder die Dekorationen sind selbstständige Entwicklungen mit Wappen, Laub und Bandelwerk im Stil des zweiten Viertels des achtzehnten Jahrhunderts. Das Kennzeichnende an diesen Stücken der grünen Familie ist ein emailartig aufliefendes Grün von prachtvoller Leuchtkraft in Verbindung mit den anderen Scharffeuerfarben. Da sich die Fayencen schon seit der Zeit ihrer Entstehung hoher Wertschätzung erfreuen, können wir in allen bayerischen Museen und vielfach auch noch in Privatbesitz prächtige Stücke bewundern, die Manufakturen selbst sind zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts mit dem Erscheinen des billigeren Steingutes und des widerstandsfähigeren Porzellans ausnahmslos eingegangen.
Werfen wir noch einen kurzen Blick auf den heutigen Bestand an kunsthandwerklichen keramischen Werkstätten in Bayern. Gemessen an dem, was früher war, ist er heute zahlenmäßig bescheiden, nicht aber der Qualität nach. Über das ganze Land verstreut, eigentlich ohne ausgesprochene Schwerpunkte, arbeiten etwa zwei Dutzend keramische Werkstätten nach alter kunsthandwerklicher Tradition, jedoch nicht historisierend oder gar kopierend, sondern allem guten Neuen aufgeschlossen.
Die Staatliche Fachschule für Keramik in Landshut, die älteste in Deutschland, dienst zusätzlich der Nachwuchsschulung für die bayerischen und die Werkstätten des Bundesgebietes. Moderne Baukunst und Innenarchitektur stellen heute dem Kunsthandwerk grosse Aufgaben und vermitteln ihm so wertvolle Aufträge. Auch die kunsthandwerkliche Keramik hat teil daran. Es ist zu hoffen, dass es so bleibt und damit der Mut und die Opferbereitschaft, die dazu gehören, heute einen handwerklichen Betrieb zu führen, nicht umsonst sind, und die uralte kunsthandwerkliche Keramik in Bayern nicht völlig zum Erliegen kommt.