Kultur Selb
Kunstwerke, Fassaden und Künstler
Arnold Bode, dem Vater der Kasseler Kunstmesse documenta[1], hatte gemeinsam mit Philip Rosenthal folgende Idee entwickelt: nachdem Maler durch verschiedene Drucktechniken ihre Werke leicht vervielfältigen konnten, waren die Plastiker im Nachteil. Also musste auch für sie eine Methode geschaffen werden, mit deren Hilfe sie ihre dreidimensionalen Arbeiten aus Holz, Stein oder Bronze reproduzieren könnten. Am besten mit Porzellan. Rosenthal mag bei der Einbeziehung künstlerischer Entwürfe den Wunsch gehabt haben, der Nivellierung im Massenprodukt eigener Fertigung entgegenzuwirken. Im Industriezeitalter war es nahe liegend, dass Künstler begannen, sich mit dem Verhältnis der drei Qualitäten Natur, Mensch und Technik zueinander zu beschäftigen und diese intellektuelle Auseinandersetzung in ihren Arbeiten sich widerspiegeln zu lassen. Im Wesentlichen wollten diese Künstler die drei Qualitäten in neue, spannende Verbindung zueinander setzen, sie liessen sie also kontrastreich aufeinanderprallen oder überraschend weich ineinander fliessen.Ganz wichtig war um 1960 die internationale Künstlergruppe ZERO um die drei Düsseldorfer Künstler Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker.
Als eine Art beliebig austauschbare, dreidimensionale Leinwand für Dekore aus der Hand weltberühmter Künstler wurde die Rosenthal Form Suomi von Timo Sarpaneva entwickelt. Suomi erhielt die Goldmedaille von Faenza, die höchste Auszeichnung, die einer Porzellanform zugeteilt werden kann. Nun sollte jedoch die perfekte, charakteristische Grundform von Suomi den Körper für ganz unterschiedliche Künstlerdekore abgeben. Damit war der Künstler gezwungen seine Arbeit in die vorgegebene Grundform zu integrieren. Dies konnte kaum gelingen, schlussendlich war das ganze Experiment nur noch als eine Beliebigkeit bei der Kombination von Form und Dekor zu begreifen. Mit viel Aufwand wurden zweifelhafte Ergebnisse geschaffen. Aber für die Stadt Selb in Oberfranken bleibt festzuhalten, dass mit Otmar Alt, Mario Bellini, Emil Cimiotti, Luigi Colani, Michael Croissant, Salvador Dali, Alev Ebüzziya, Lucio Fontana, Otto Piene, Björn Wiinblad HAP Grieshaber, Walter Gropius, Otto Herbert Hajek, Marcello Morandini und vielen anderen insgesamt wohl die bedeutendsten Künstler des 20.Jahrhunderts in Selb gearbeitet haben. Nicht alleine versteht sich, sondern die Zusammenarbeit mit Technikern und Modelleuren der Firma Rosenthal. Noch heute erinnert sich eine ältere Generation in Selb daran, wie der junge, mittellose Björn Wiinblad mit dem Fahrrad vom Schloss zum Studio fuhr oder wie Marcello Morandini, ebenfalls als junger Mann ohne Geld, in Selb landete. Beide waren damals noch kaum bekannt. Zwischen 1965 und 1974 hatte sich Walther Stürmer im Bereich der Studio Line bei Rosenthal um die Förderung freier Kunst bemüht und dabei neben anderen mit Walter Gropius, Henry Moore und Lucio Fontana eng zusammengearbeitet.
Auch heute noch ist die Rosenthal AG bemüht, junge Künstler und Designer zu entdecken und zu fördern. Dazu gibt es Hochschulwettbewerbe und Preise. Im Rahmen des alljährlichen Porzellinerfestes in Selb zeigt das Industriemuseum ein Forum junges Porzellan - Aktuelles Porzellandesign aus Ateliers und Werkstätten. Heute ist Selb belastet von schweren Krisen und Unsicherheiten in der Porzellanindustrie. Doch der Stolz, mit bedeutenden Künstlern von Weltrang gemeinsam Umsetzungen und Probleme gemeister zu haben, hat sich erhalten. Solange die von diesem Stolz und Bewusstsein Erfüllten Selb noch leben, wäre es sicher klug und organisch passend, auf diesem "Künstlerstadt-Selb" -Gefühl und -Image etwas Neues aufzubauen zu versuchen, diesmal vielleicht mit entschieden individuellem Charakter. In der Nachbarstadt Rehau wurde mit Museumszentrum und Kunsthaus IKKP Grosses geleistet. Unterstützt von seiner zweifelslos bestehenden Bekanntheit hätte Selb womöglich den Boden, zu einem aktiven Künstlerzentrum wieder aufzublühen. Porzellangässchen, Porzellanbrunnen, Porzellanstrassenschilder, Skulpturen von Achtziger, Erich Höfer und Wolfgang Stefan an öffentlichen Plätzen, Vasarely-Porzellanrelief im Städtischen Hallenbad, Morandini-Spiegelhaus, Hundertwasserhaus, Regenbogenfassade Otto Piene, Denkmal Morandini Industriemuseum Selb-Plössberg, aber auch das Rosenthal-Casino, Rosenthal Theater und schliesslich das unter Denkmalschutz stehende Rosenthal Werk Rotbühl von Walter Gropius tragen künstlerisch und architektionisch bei zu einem sehr aussergewöhnlichen, auf neues künstlerisches Leben wartenden Stadtbild. 
[1] Ingo Nitzsche (Türkei Buch)
Neue Dauerausstellung "Weiße Oase" im Porzellanikon Selb
Helmut Drexler - Sieben Jahrzehnte Berufserfahrung – das klingt nach Routine und danach, dass einen wohl nichts mehr überraschen kann, klingt nach Gesetztheit und danach, dass ein derart Erfahrener alles im berühmten Schlaf beherrscht. Bei Helmut Drexler jedoch ist alles anders. Ihn führt sein enormes Wissen zu immer neuem Experiment und immer neuem Aufbruch ins noch Unerforschte. In der Region Selb und darüber hinaus ist der gelernte Porzellanmaler längst als eigenwilliger, nimmermüder Künstler bekannt, der in einer lebenslangen, immer noch und immer wieder begeisterten, glühenden Liaison mit dem Weißen Gold lebt und diesem immer wieder neuen Ausdruck und neue Gestalt abringt.
Nun lädt das Porzellanikon Selb ein zu einer neuen Ausstellung mit gut achtzig Objekten des mittlerweile 84jährigen Drexler: „Weiße Oase“ ist diese Ausstellung betitelt, die am 19.10.2011 eröffnet wird. Drexler setzt diese schon im Titel bewusst in den größtmöglichen Kontrast zu seiner mystisch-dunklen „Schatzkammer“, einem schwarzen Raum ohne Tageslichteinfluss, mit dem sich das Porzellanikon schon 2007 dem Lebenswerk des emsigen Künstlers in einer Dauerausstellung in Europas größtem Porzellanmuseum widmete (und die dort weiterhin zu sehen ist). Die „Weiße Oase“ hingegen strahlt Licht und Ruhe aus. Die Prächtigkeit der häufig mit Gold- und Lüsterglasuren dekorierten Gefäße und Porzellanbilder wirkt hier strahlend und klar in dem üppig mit Tageslicht und zusätzlichen Scheinwerfern versehenen Raum. Auch die vom Innenarchitektur-Büro „Die Werft“ entwickelte Rezeption ist eine ganz andere: Der neu renovierte weiße Saal im Haus 5 des weitläufigen Museums wird dominiert von zwei Decken hohen, je 4,50 m langen Glasvitrinen, zwischen denen sich eine fast ebenso lange Sitzbank befindet. Von ihr aus lassen sich in Ruhe die Exponate „Fantasie in Weiß“ und „Die Dornenkrone“ betrachten, die aus über 200 handgeformten Einzelteilen bestehen. Die ältesten Arbeiten stammen von 1961, die überwiegende Zahl jedoch ist in den Jahren zwischen 1990 und 2011 entstanden.
Sechs von seinen sieben Jahrzehnten Berufserfahrung also sind hier versammelt – und das bedeutet im Falle Helmut Drexlers an jedem Atelier-Arbeitstag einen neuen Aufbruch aus der Gewissheit heraus, hinein ins Feld des Experimentes. Und selbst für Kenner seines Oeuvre und seiner nie erlahmenden Entdeckerfreude dürfte die „Weiße Oase“ eine wirkliche Überraschung sein. Bislang malte und dekorierte Helmut Drexler stets auf existierenden Rosenthal-Formen. Doch in der „Weißen Oase“ finden sich Arbeiten, mit denen sich der Altmeister auf das Terrain der formalen Neugestaltung begibt.
Drexler schafft also neue Porzellanobjekte, die er selbst mit der Hand aufbaut, ohne Gipsformen zu Hilfe zu nehmen. Außerdem fügt er zerschlagenes Porzellan ein, also Scherben von Gefäßen, die er mit dem Hammer zertrümmerte. Einmal mehr arbeitet er wie bei seinen Glasuren mit dem (bewusst herbeigeführten) Fehler, ja der Katastrophe, als ästhetischer Komponente. Die teilweise komplizierten Volumen fügt Drexler dabei nach dem Glattbrand mit einem High-Tech-Kleber zusammen. Auch hier also – und einmal mehr – schreckt der Porzellanenthusiast nicht vor einem Tabubruch zurück, wenn dieser seiner künstlerischen Aussage dient.
Die „Weiße Oase“ verheißt also durchaus Aufregendes. Helmut Drexler und das Porzellanikon laden zum Genuss und zum Studium in diesen neu renovierten Ruheraum ein. Was den ästhetischen Durst so mancher Kunstfreundin, manches Porzellanfans und vieler Drexler-Kenner aufs Trefflichste stillen dürfte.
Eine Ausstellung mit Exponaten aus der Sammlung der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen GmbH



