Frankenthal

Die Geschichte der Frankenthaler Manufaktur

Der Keramiker Hannong hatte - nach vielen Versuchen - um das Jahr 1748 das vollständige Arkanum zur Herstellung von Porzellan erlangt. Zusätzlich zu seiner Fayencen-Produktion in Strassburg und Hagenau stellte Hannong 1751 erstes Strassburger Porzellan her. Um 1753 war Hannong soweit, vollendet weisses, mehrfarbig bemaltes und mit aufgebranntem Gold verziertes Porzellan in grossen Stückzahlen zu produzieren. Doch zur fabrikmässigen Fertigung sollte es in Strassburg nicht kommen. Argwöhnisch beobachtete man in der Porzellan-Manufaktur Vincennes die Aktivitäten Hannongs. Da man selbst nur Weichporzellan ? Frittenporzellan ohne Kaolin ? zu produzieren vermochte, wollte man einen Konkurrenten, der sogar Hartporzellan herstellen konnte, auf französischem Boden nicht dulden.

Zum Schutze der königlich priviligierten Manufaktur Vincennes hatte Louis XV. schon 1745 ein Dekret erlassen, das zunächst gegen die Manufakturen St. Cloud, Chantilly und Mennecy gerichtet war. 1753 wurde dieses Verdikt nochmals verschärft. Ausländisches Porzellan, wie solches aus Meissen, war zuvor schon mit drastisch hohen Einfuhrzöllen belegt gewesen. Im Februar 1754 musste Hannong binnen drei Wochen seine Produktion einstellen, andernfalls drohte man ihm die Öfen einzureissen. Da Hannong enorme Gelder in dieses Projekt gesteckt hatte, überdies auch Spitzenkräfte vertragsmässig ihren Lohn erhielten, musste die Porzellanherstellung schnellstens ins Ausland verlagert werden.

Eine Verbindung bestand zur benachbarten Kurpfalz. Durch Vermittlung des Hofarztes Peter Joseph Walck bat Hannong den Kurfürsten Carl Theodor eine "porcelain fabrique" in seinen Landen errichten zu dürfen. Äusserst erfreut, eine eigene Manufaktur als fürstliches Aushängeschild zu bekommen, gab Carl Theodor seine Zustimmung und gewährte Hannong sowohl einen finanziellen Zuschuss als auch eine günstige Konzession. Dieser am 26. Mai 1755 gedruckte und veröffentlichte Vertrag sicherte Hannong für die Kurpfalz Steuererleichterungen; und eine absolute Monopolstellung zu.

Schon am 14. April 1755 hatte Hannong mit dem Mannheimer Baumeister Rabaliati die leerstehende Dragonerkaserne in Frankenthal besichtigt und die notwendigen baulichen Massnahmen für die Glasurmühle und die Brennöfen besprochen. Anfang Juni konnte der Umzug der kompletten Porzellan-Manufaktur von Strassburg nach Frankenthal beginnen. Mit von der Partie waren natürlich auch die besten Kunsthandwerker, Techniker, Arbeiter sowie die speziellen Werkzeuge, Materialien und Halbfertigwaren.

Die Fabrikation vertraute Hannong seinem ältesten, 23jährigen Sohn Karl an. Ausgelastet mit der Leitung seines Fayence-Doppelbetriebes kehrte Paul Hannong nach Strassburg zurück. Als Gehilfe blieb zunächst der 16jährige Sohn Peter bei seinem Bruder Karl. Der Modelleur Johann Wilhelm Lanz (tätig seit 1748) war mit Strassburger Modellen und neuen Schöpfungen der erste massgebende Künstler in Frankenthal. So erlebte die Porzellan-Manufaktur fast aus dem Stande einen glanzvollen Aufschwung. Schon im November konnte Carl Theodor stolz und beglückt dem sächischen Gesandten am Mannheimer Hofe feinstes kurpfälzisches Porzellan vorstellen. Im Dezember erhielt Paul Hannong den Titel eines kurpfälzischen Kommerzienrates. Zum Jahresbeginn 1756 wurde auch seinem Sohn Karl, der ja der eigentliche Leiter der Fabrik war, diese Ehre zuteil. 

Karl Hannong starb am 29. Juli 1757 in Strassburg. Paul Hannong musste nun die Geschäfte neu verteilen. Der bisher in Strassburg arbeitende Josef Adam wurde neuer Prinzipal in Frankenthal. Mit dieser Massnahme sollte bereits eine Übernahme der Manufaktur als Erbnachfolger eingeleitet werden. Durch die Verpflichtung des ehemaligen Meissner Modelleurs Joh. Friedrich Lück erlebte die Manufaktur eine künstlerische Steigerung. Mit der Heirat von Josef Adam am 13.Juni 1759 wird die Fabrik vom Vater Paul Hannong an den Sohn für 125.273 Livres übergeben.

Selbstbewusst veröffentlichte J. A. Hannong seinen ausführlichen Katalog im Brüsseler ?Journal de Commerce? für den Pariser Markt und hob hervor, dass Frankenthaler Porzellan ebenbürtig mit Meissen und Sevres sei und trotzdem um ein Drittel niedriger im Preis liege. Diese Reklame traf zwar zu, aber eine Niedrigpreispolitik um den Markt zu erobern, bei der hohen Verschuldung, bedeutete ein gewaltiges Risiko.

Als der Vater Paul Hannong am 31. Mai 1760 überraschend stirbt, muss Josef - durch die Erbansprüche der Geschwister gezwungen - die Manufaktur verkaufen. Der Hauptgläubiger, Kurfürst Carl Theodor, ist an einer Übernahme sehr interessiert und lässt sich ein Gutachten erstellen. Dieses kommt auf ein Schätzergebnis von 223.000 Livres für Warenbestände, Gerätschaften und Arcanum. Zustande kommt auch, beeinflusst durch den Verrat von Herstellungsgeheimnissen des Bruders Peter Hannong an den Direktor Boileau von Sevres, ein minderer Preis von 50.800 Gulden. Gezahlt werden; nach Abzug des Darlehens ganze 36.091 Gulden, darin sind 10.000 Gulden für das Arcanum mit enthalten. Zu einem Drittel des Schätzwertes ging daher ab dem 1. Februar 1762 die Manufaktur in den Besitz des Landesherrn Carl Theodor über.

Die Hauptmarke auf dem Frankenthaler Porzellan der Hannong-Zeit war der steigende Kurpfälzer Löwe in Unterglasurblau. Für die neu beginnende kurfürstliche Periode gilt das CT-Monogramm mit dem Kurhut, ebenfalls in Unterglasurblau, als Gütezeichen Frankenthaler Porzellankunst. Das Staatsunternehmen überwachten fortan kurfürstliche Beamte von Mannheim aus. Zum technischen Leiter bestellte man den bisherigen Buchhalter der Kurmainzischen Porzellan Manufaktur Höchst, Adam Bergdold. Da Bergdold den Erwartungen nicht entsprach, wurde ihm ab 1770 der sehr befähigte Simon Feylner als Inspektor zur Seite gestellt, der dann 1775 alleiniger Direktor der Manufaktur wurde.

Für die plastische Gestaltung waren nun vor allem der Hofbildhauer Conrad Linck und Karl Gottlieb Lück zuständig. Trotz der künstlerischen Erfolge wollten sich wirtschaftliche Gewinne nicht einstellen. Um die Absatzgebiete zu erweitern, gründete man, neben der schon seit 1762 bestehenden Filiale im Haag, Niederlassungen in Frankfurt, Mainz, Aachen, München, Basel, Nancy und Livorno (Italien). Man tat wirklich alles, um den ?auswärtigen debit zu poussieren?. Um Geld in die Fabrikkasse zu bringen veranstaltete man 1773 in Mannheim sogar eine Porzellan-Lotterie. Diplomaten wie z. B. der Kardinal Antonelli erhielten wertvolle Porzellan-Staatsgeschenke. Dies alles half aber nicht. Der Warenumsatz ging ständig zurück und die Manufaktur blieb ein Zuschussbetrieb. Ein weiterer Einschnitt mit negativen Absatzfolgen bedeutete die Verlagerung der Residenz von Mannheim nach München, als 1777 Carl Theodor den bayerischen Thron erbte. Trotzdem wurde 1779 der berühmte Johann Peter Melchior aus Höchst als Modellmeister verpflichtet; ihm wurde jedoch nahegelegt, weniger Plastiken, als vielmehr Geschirre und Tafelaufsätze ? dem Zeitgeist entsprechend ? zu entwerfen.

Da die Warenlager völlig überfüllt waren, machte sich gegen Ende der 80iger Jahre ein starker Rückgang in der Produktion bemerkbar. Ein weiterer Personalabbau musste vorgenommen werden. Hatte man vor der letzten Reform noch an die 100 Personen beschäftigt, so waren es um 1790 nur noch etwa 60 Porzellaner. Die revolutionären Kriegsereignisse im Jahre 1794 leiteten den Untergang ein. Den grössten Teil der Lagerbestände, die neuesten Modelle und den teuren Rohstoff Kaolin brachte man eilends nach Mannheim. 1795 wurde die Manufaktur von den Franzosen als kurfüstliches Eigentum an Joh. Nepomuk van Recum aus Grünstadt verkauft, aber im gleichen Jahr durch das wechselnde Kriegsglück von der kurfürstlichen Verwaltung wieder zurück gefordert.

Als 1797 die linksrheinische Pfalz an Frankreich abgetreten werden musste, erklärten die Republikaner die Manufaktur zum Nationalgut und übergaben sie wieder an van Recum. Unter dem letzten Besitzer orientierte man sich bei der Geschirrmalerei ebenfalls nach Frankreich, folgte den modischen Stilrichtungen des Directoire und der klassizistischen Antikenbegeisterung. Freilich war der Qualität der Porzellane stark herabgesunken. Es fehlte vor allem an Porzellanmasse, so dass van Recum 1799 in Frankenthal aufgab. Er siedelte mit einigen Leuten, Geräten und dem riesigen Bestand an Hohl- und Geschirrformen nach Grünstadt über und eröffnete eine Steingutfabrik. Ein Reskript des Kurfürsten Maximilian IV. Joseph in München vom 27. Mai 1800 besiegelte offiziell das Ende der Porzellan-Manufaktur Frankenthal.