Porzellanfabrik Langenthal

Die Porzellanfabrik Langenthal WERNER GALLATI - Porzellan, das edle Material zur Herstellung von Gebrauchsgeschirr und Ziergegenständen, wurde vor mehr als 2000 Jahren von den Chinesen erfun- den. Nachdem auf persischen Karawanenwegen im 14. und 15. Jahrhundert die ersten Porzellangefässe nach Venedig gelangt waren, begann der Handel mit dem Reich der Mitte nach Eröffnung des Seeweges nach Indien (1498) zu blühen. Trotzdem konnte das von den Chinesen streng gehütete Geheimnis der Porzellanherstellung nicht gelüftet, sondern es musste neu entdeckt werden. Das gelang 1709 dem «Goldmacher» Joh. Friedrich Böttger am Hofe Augusts des Starken in Meissen. Zwischen 1710 und 1753 entstanden die Porzellan-Manufakturen von Meissen, Nymphenburg, Sèvres usw. Nun brachten deutsche Facharbeiter das «Arkanum», d. h. das Rezept der Porzellanherstellung auch in die Schweiz. Hier wurde 1763 auf Anregung des Dichters und Kupferstechers Salomon Gessner die Porzellan-Manufaktur in Schooren bei Zürich gegründet, aus welcher wunderschöne Stücke im Rokoko-Stil, zum Teil versehen mit lieblichen Landschaftsbildern, hervorgin- gen. 1781 eröffnete Nyon ebenfalls eine Porzellan-Manufaktur. Noch heute ist das Nyon-Streublumenmuster allen Porzellanliebhabern ein Begriff. Die Lebenszeit der beiden ersten schweizerischen Porzellan-Manufakturen war leider nur von kurzer Dauer. Einerseits führten die damaligen politischen Verhältnisse zur Schliessung der Betriebe, anderseits war sie die Folge man- gelnden Umsatzes, weil das teure Porzellan ohne königliche und fürstliche Protektion zu wenig Käufer fand. So blieb die Schweiz ein Jahrhundert lang ohne landeseigene Porzellanerzeugung, und sie war gezwungen, das benötigte Porzellan zu importieren. Mit der Einführung der fabrikmässigen Produktion wurde Porzellan billiger, und der Bedarf nahm stark zu. Die Abhängigkeit vom Ausland wirkte sich immer nachteiliger aus. Da kamen einsichtige und wagemutige Männer auf den Gedanken, eine schweizerische Porzellanfabrik zu gründen.

Im Frühjahr 1906 ergriffen Vertreter des Porzellanhandels und der Hotellerie die Initiative zur Wiedereinführung der Porzellanindustrie in un- serem Land. Als Standort der Fabrik wurde zuerst Suhr bei Aarau in Aussicht genommen. Im Bestreben, diese zukunftsreiche Industrie für Langenthal zu sichern, setzte sich Nationalrat A. Spychiger, Langenthal, mit den übrigen Initianten in Verbindung und erreichte, dass Langenthal als Sitz gewählt wurde. Im Mai 1906 gelangten die Herren A. Spychiger, Nationalrat in Langenthal, A. Tschumi, Kaufmann in Herzogenbuchsee, W. Morath, Kaufmann in Aarau, J. Tschumi, Hotelier in Ouchy, S. G. Stettler, Fabrikant, und E. Spycher, Notar, in Langenthal, vor einen weiteren Interessen- kreis mit einem Prospekt für die Gründung der ersten schweizerischen Porzellanfabrik in Langenthal. Die Initianten konnten, gestützt auf das Studium der Porzellanindustrie Deutschlands und Böhmens, einen gutbegründeten Plan und zuverlässige Vorschläge für Bau, Betrieb, und Absatzmöglichkeiten des in Aussicht stehenden Unternehmens unterbreiten. Obschon der Prospekt bedeutende Anfangsschwierigkeiten voraussah, zeichneten dennoch 47 Aktionäre in kurzer Zeit ein Kapital von Fr. 500000.-. Als Präsident des Verwaltungsrates wurde der Hauptinitiant A. Spychiger gewählt. Die ersten Entscheidungen konnten sofort getroffen werden. Man beschloss, die Bauten für den Betrieb von vier Oefen zu erstellen, vorderhand aber nur deren zwei einzurichten. Die Arbeiten wurden unmittelbar darauf in Angriff genommen. Die Gründung war ein Wagnis, galt es doch, eine neue Industrie gegen ausländische Konkurrenz, die über reiche Erfahrung und Ueberlieferung verfügte, einzuführen. Der Inlandmarkt musste erst gewonnen werden, einheimische Rohstoffe und Fachleute fehlten. Der Kampf um den Absatz war hart, und die Gewinnung von Kunden gestaltete sich schwieriger als erwartet. So dauerte die Anlaufzeit länger als vorgesehen. Aber die führenden Männer waren von eisernem Willen beseelt, und nach dem Wort «Nüt noloh gwünnt» suchten sie die Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Die grosse volkswirtschaftliche Bedeutung der Einführung einer schweizerischen Porzellanindustrie war ihnen wohl bewusst, und ihr Glaube an den Erfolg konnte durch keine Rückschläge ins Wanken geraten.

Die ersten beiden Jahre nach der Gründung der Unternehmung waren der Durchführung des Bauprogramms gewidmet. Ende 1907 konnte das Fabrikgebäude dem Betrieb übergeben werden. Für diese Etappe beliefen sich die Baukosten auf Fr. 430000.-. Anfangs Dezember wurde mit der stufenweise fortschreitenden Betriebseröffnung begonnen. Am 17. Januar 1908 war es so weit, dass den Oefen das mit grosser Spannung erwartete erste Porzellan entnommen werden konnte. Geschäftsleitung und Personal feierten das Ereignis in einer fröhlichen «Hausräuki» im Gasthof «Löwen».

Zur Ausführung der geplanten zweiten Bauetappe (Sortiererei, Packerei, Spedition, Material- und Kohlenschuppen, Wohnhaus für den technischen Direktor, zwei weitere Oefen) musste das Aktienkapital auf Fr. 650000.- erhöht werden. Die zuversichtlichen Hoffnungen der Gründungszeit er- hielten 1909 durch verschiedene Anfangsschwierigkeiten einen Dämpfer. Fehler in der Fabrikation und Auseinandersetzungen mit der technischen Leitung bereiteten Schwierigkeiten. A. Tschumi wurde Delegierter des Ver- waltungsrates, und Adam Klaesi trat neu in die Fabrikleitung ein. Während die Firma die Fabrikation mit 87 Arbeitern begonnen hatte, fanden jetzt schon 140 - 160 Arbeiter Beschäftigung. Die Geschäftsführung strebte danach, mit der Zeit einen Stamm von zuverlässigen einheimischen Facharbeitern heranzubilden, da in der Porzellanfabrikation die Handarbeit eine ausschlaggebende Rolle spielt. Auf sie entfallen 50 Prozent der Gestehungs- kosten. Weil von Anfang an auch verwöhnte Ansprüche sollten befriedigt werden können, wurde auf hochwertige Arbeit besonderes Gewicht gelegt. Für Form und Dekor zog man neben andern Künstlern den bekannten Berner Maler Rudolf Münger bei. Da ebenfalls das Jahr 1909 noch mit einer Unterbilanz abschloss, musste im folgenden Jahr das Aktienkapital auf Fr.800000.- erhöht werden. Erstmals wies die Rechnung 1910 einen, wenn auch bescheidenen, Reingewinn auf.

Ein schöner Erfolg war der Unternehmung an der ersten schweizerischen Gastgewerbeausstellung im Jahre 1910 beschieden, wo die durch Münger entworfenen Trachtenbilder-Dekore erfreuliches Interesse fanden. Eine starke Zunahme des Absatzes von Hotelporzellan trat daraufhin ein. Die Jahre 1911 - 1913 gelten als Zeiten der Fortentwicklung und Festigung der in- nern Organisation. Damals betrug die Jahresproduktion durchschnittlich 150 Oefen. Das Fabrikat wurde weitgehend den Wünschen der Hotelkund- schaft angepasst. Die Errichtung einer eigenen Steindruckerei hatte eine grössere Selbständigkeit in der Dekorationsabteilung und bessere Leistungen in qualitativer und geschmacklicher Hinsicht zur Folge. Durch den Hinschied des Verwaltungsrates J. Tschumi, Ouchy, und des Chefs des Technischen, J. Kolb, und dessen Nachfolger C. Speck verlor das Unternehmen geschätzte Kräfte, was Anlass zu einer Neuordnung der Gesamtleitung gab.

Auf 1. Mai 1913 ernannte der Verwaltungsrat A. Klaesi zum alleinigen Direktor der Porzellanfabrik. Adam Klaesi hat an der weiteren Entwicklung des Unternehmens beson- ders grossen Anteil. Unter seiner zielbewussten, energischen Führung trat die Porzellanfabrik Langenthal die an unvorhergesehenen Ereignissen reiche Kriegszeit an. Das Jahr 1914 hatte durch die Teilnahme an der schweizerischen Landesausstellung mit hohen Erwartungen begonnen. Der grosse Ausstellungspreis, der der Porzellanfabrik Langenthal zuerkannt wurde, versprach schöne Erfolge. Die Langenthaler Produkte wurden in weiten Kreisen bekannt. Da machte der Kriegsausbruch viele Hoffnungen zunichte. Ein Teil der Belegschaft war mobilisiert, und einige ausländische Facharbeiter folgten dem Rufe ihrer Heimat. Vorübergehend musste die Fabrik stillgelegt wer- den, und erst nach sechs Wochen war es möglich, in beschränktem Umfang weiterzuarbeiten. Infolgedessen blieb die Produktionsleistung zurück, und das Jahr schloss mit einem Betriebsdefizit ab. Die Materialbeschaffung berei- tete in dieser Zeit grosse Sorge, da die Einfuhr gesperrt oder doch sehr er- schwert war. Zudem stiegen die Preise in die Höhe. In dieser Lage suchte man Rohmaterial aus dem Inland zu beschaffen. Das Wallis lieferte Quarz, der Jura Kapselton; die Qualitäten waren jedoch minderwertig.

Im Personalbestand riefen militärische Aufgebote und die ausgebrochene Grippeepidemie zeitweise unerwartete Schwierigkeiten hervor. Entsprechend den steigenden Lebenshaltungskosten mussten die Löhne erhöht werden. Vom Krisenjahr 1914 abgesehen, waren die Beschäftigung an- dauernd gut, der Absatz befriedigend und die Preise lohnend. Im Jahre 1917 machte die «Industrielle Kriegswirtschaft» des Volkswirtschaftsdeparte- mentes die Fabrikleitung auf das Ausbleiben von Porzellanisolatoren aus dem Ausland und die dadurch bedingte Bedrohung der Landesversorgung mit Elektrizität aufmerksam. Der Wunsch wurde geäussert, die Fabrikation von Isolatoren, die vor allem angesichts der Elektrifikation unserer Bahnen dringend schien, an die Hand zu nehmen. Man sah diesen wichtigen Schritt, trotz den ungünstigen Zollverhältnissen, sofort vor, und im Antwortschreiben an das Volkswirtschaftsdepartement gab man der Erwartung Ausdruck, «dass ein gut eingerichtetes, industriell leistungsfähiges Unternehmen bei den kommenden Handelsvertragsverhandlungen auch die durch die wirt- schaftliche Konstellation bedingte Berücksichtigung finden werde». Schon anlässlich der Gründung der Porzellanfabrik Langenthal AG. war die Frage der Fabrikation von Isolatoren und Porzellan für elektrotechnische Zwecke in Erwägung gezogen, aber dann mangels eines Zollschutzes fallen gelassen worden. Da diese Erweiterung des Betriebes die Angliederung eines Neu- baus für Elektroporzellan bedingte, musste das Aktienkapital neuerdings, und zwar auf Fr. 1 500 000.- erhöht werden.

Die Neuanlage wurde baulich und technisch auf das zweckmässigste eingerichtet, so dass ihre Leistungsfähigkeit allen modernen Anforderungen entsprach. Ende 1919 konnte mit der Fabrikation von Elektroporzellan begonnen werden. Die Produktionsziffer des Jahres 1920 stieg auf das Dop- pelte, wobei fast die Hälfte auf elektrotechnisches Porzellan entfiel. Die Er- öffnung der Elektroporzellanabteilung hätte keinen günstigeren Zeitpunkt treffen können, da sich im folgenden Jahr bereits die beginnende Krise ab- zeichnete. Durch eine spätere Umstellung auf Elektroporzellan wären der Porzellanfabrik Langenthal bedeutende Werte entgangen, und die nachfolgende Krise hätte sich in dem grossangelegten Betriebe doppelt schwer ausgewirkt. Nach Kriegsende machte sich die Konkurrenz des Auslandes bald wieder empfindlich bemerkbar, so dass die Weiterführung der Stanz- porzellanartikel (Bestandteile für Kleinapparate wie Schalter, Stecker u.a.) mit dem Wiedererscheinen der ausländischen Massenproduktion wegfiel, da das Ausland mit niedrigeren Gestehungskosten arbeitete. Die Forderung nach Zollschutz blieb ohne Erfolg. Wenn trotzdem ein gewisser Auftragsbestand erreicht werden konnte, war dies der Gewähr für sichere Fabrikation und stetiger Vervollkommnung der Produkte zuzuschreiben; Qualitäts- leistung war das beste Mittel, der Konkurrenz zu begegnen.

Mit der Einführung der 48-Stundenwoche im Juli 1919 hing eine weit- gehende Umstellung des innern Betriebes zusammen. Da die Produktions- kalkulation auf 10stündige Arbeitszeit eingestellt war und der grösste Teil des Fabrikationsprozesses auf Handarbeit fällt (Drehen, Giessen, Dekorie- ren), konnte mit der verkürzten Arbeitszeit nicht mehr genügend Ware zur dauernden Beschickung der Oefen in den verfügbaren Arbeitsräumen hergestellt werden. Giesserei und Dreherei wurden erweitert und der Personal- bestand vergrössert. Das belastete die Herstellungskosten höher und verschlechterte die Konkurrenzfähigkeit auf dem Markt. Als sehr willkommen erwies sich daher die Erhöhung des Einfuhrzolls für Geschirrporzellan anlässlich der Zolltarifrevision von 1921.

Mit dem Jahr 1936 begann die dritte Etappe des Auf- und Ausbaus der Fabrik, insbesondere die Verwirklichung des elektrischen Brennens von Por- zellan. Nach umfangreichen Versuchsarbeiten zur Erforschung der wärmetechnischen, mineralogischen und chemischen Vorgänge konnte in engem Zusammenwirken mit Brown Boveri & Co. AG. in Baden der erste Elektrotunnelofen der Welt gebaut und 1936 erfolgreich in Betrieb genommen werden. Damit hat sich die Porzellanfabrik Langenthal im richtigen Zeit- punkt von der ausländischen Kohle als Heizmaterial weitgehend unabhängig gemacht. Nur so war es möglich, die einheimische Produktion während der schwierigen Kriegsjahre aufrecht zu erhalten. Im Sinne langfristiger Planung wurde nach Kriegsende 1945 ein Mehrjahresbauprogramm in Angriff genommen. Es umfasste hauptsächlich die Erstellung einer neuen, weitgehend mechanisierten Massenaufbereitungsanlage, sowie den Bau des dritten Elektrotunnelofens.

Die Porzellanfabrikation ist eine der arbeitsintensivsten industriellen Produktionsarten, die es gibt, sogar innerhalb der schweizerischen keramischen Industrie. Das der gehobenen schweizerischen Lebenshaltung ent- sprechende relativ hohe Lohnniveau fällt deshalb im internationalen Konkurrenzkampf stark ins Gewicht. Ebenfalls wirkt die für den Schweizermarkt typische Individualisierung der Kundenwünsche kostensteigernd. Porzellan war während Jahrhunderten ein Luxusartikel, den sich nur Fürstlichkeiten, Adelige und reiche Bürger erstehen konnten. Dank der Verbilligung durch rationelle Herstellungsweise und verbesserte Transportmittel ist es im Industriezeitalter zum Gemeingut geworden. Porzellan gehört zu den aller edelsten Stoffen, die menschliche Kunstfertigkeit hervorgebracht und zum täglichen Gebrauch sich nutzbar gemacht haben. Porzellan ist den härtesten Stoffen zuzuzählen. Weder Gabel noch Messer vermögen den Teller zu ritzen. Erstaunlich ist auch seine Festigkeit, denn eine kleine Platte von 1 cm2 Fläche hält dem Druck von 5 Tonnen stand. Sehr geschätzt sind die hohe Isolierfähigkeit und die Wärmeeigenschaften von Porzellan. Es nimmt nur langsam die Wärme auf, behält sie aber länger als viele andere Materialien. Porzellan wird ferner von chemischen Stoffen nicht angegriffen. Die Möglichkeit der leichten Reinhaltung hat viel dazu .beigetragen, dass es zum idealen Geschirr für Speisen und Getränke geworden ist.

Aus dem Lande seiner Herkunft brachte Porzellan die jahrtausendalte Kultur des fernen Ostens mit nach Europa. Die Nacherfindung des Porzel- lans vor 250 Jahren hat dem «Wundermaterial» den Weg in den bürgerlichen Haushalt geebnet. Seine Stilentwicklung überliefert uns viel Schönes aus dem Leben früherer Zeiten. Noch heute bewundern wir die reichen Zier- und Tafelporzellane des Rokoko, des Empire und der Biedermeierzeit. In unserer Zeitepoche nahm das Porzellan schlichtere Formen an und ist heute auch dem einfachen Haushalt zugänglich. In der Stilgeschichte kann immer wieder festgestellt werden, wie die Erfordernisse der Zweckmässigkeit und der Schönheit abwechseln. Der heutige Geschmack zeigt das Bestreben, der Sachlichkeit zu dienen, ohne jedoch die Schönheit, die Grazie, derer das Porzellan als Stoff fähig ist, ausser acht zu lassen. Die Porzellanfabrik Langenthal betrachtet es als eine ihrer Aufgaben, dem subtilen Wesen des Por- zellans nahe zu bleiben, den ihm allein angemessenen Materialstil in Form und Dekor zu pflegen. 

In den letzten Jahren wurde in Langenthal der Herstellung von Tafelporzellan ganz besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Für jeden Zweck sind Erzeugnisse in geschmackvoller Ausführung mit farbenfreudigen wie mit diskreten Dekoren zu finden. Als Neuerung ist das Kochporzellan zu er- wähnen, das Feuer-, Ofen- und Kochplattenhitze aushält und zudem als Tischgeschirr verwendet werden kann. Im weiteren sind ganze Services entstanden, die jede Schweizerfamilie sowohl in ihrem Alltag als auch für fest- liche Zwecke verwenden darf. Als Beispiel seien die anerkannt schönen, gebrauchsgerechten Formen des «Landi»-Services erwähnt, das noch heute, seinen 25 Jahren zum Trotz, als elegant und modern gilt, weil es schlicht, zeitlos mit sinnvollem, einfachem oder überhaupt ohne Dekor gehalten ist. Es eignet sich sowohl für den städtischen, als auch für den ländlichen Haushalt. 

Seit jeher ist es ein Anliegen der Porzellanfabrik in Langenthal, Formen zu schaffen, die nicht allzu modisch sind und daher immer neuzeitlich blei- ben und stets gefallen. Da denken wir an das Service «Rondo» oder an «Jeunesse», beides Formen, die sich durch die Schlichtheit ihrer Linie, Zweckmässigkeit und Materialgerechtheit in der gesamten Gestaltung auszeichnen und deshalb im einfachen wie im anspruchsvollen, im traditionellen wie im modernen Milieu Eingang finden. Ebenso ansprechend und zeitlos ist das Service «Lunch», das dank den feuerfesten Platten, Pfannen und Schüsseln in das Ferienhaus und in den Alltagshaushalt passt. 

Ueber die überlieferte Gebundenheit an Form und Technik hinausstre- bend, suchten schon früh namhafte Künstler für die Erzeugnisse der Porzell- anfabrik Langenthal neue Möglichkeiten der Gestaltung und Ausschmük- kung zu finden. In Anknüpfung an die Dekore des alten Zürcherporzellans schuf Rudolf Münger in den Jahren 1908 - 1912 die beliebten Trachten- bilderverzierungen und verwendete in Anlehnung an «Vieux Nyon» zierliche Enzianblütenstreuer und Alpenblumendekore. Beides sind Fortsetzungen schweizerischer Tradition von ausgesprochener Originalität und heimischer Eigenart, ebenso wie das aus der stilsicheren Hand F. Renfers stammende Teeservice «Alt Zürich» und die hervorragend schönen modernen Dekore, die, aus der Gefässform und ihren Lichtreflexen herausgewachsen und durch sie bestimmt, mit ihr eine vollendete harmonische Einheit bilden.

In Langenthal wird zurzeit Hotelgeschirr, Tafelgeschirr, kochfestes Porzellan, Zierporzellan, Elektroporzellan, Labor- und Industrieporzellan hergestellt. Die Anforderungen in allen diesen Gebieten streben nach verschiedenen Richtungen auseinander. Hotelporzellan muss neben gefälligem Aussehen und glatter Oberfläche auch grösste Härte gegen Abrieb und Schlag aufweisen. Sein Dekor soll unauslöschbar vielen Dienstjahren trotzen. Vom Tafelporzellan wird verlangt, dass es praktisch und schön sei. Beständig entstehen neue Formen und Dekore entsprechend der Nachfrage, ohne dabei vom künstlerischen Prinzip abzugehen. Aus der Manufakturabteilung der Porzellanfabrik sind Mechanisierung und Akkordarbeit verbannt, die schöp- ferische Hand ist hier am Werk. Dagegen sind Rationalisierung und Zweckmässigkeit oberstes Gebot sowohl für die serienmässige Herstellung von Geschirrporzellan als auch für die Isolatorenabteilung. Die Anforderungen, die die Elektroindustrie stellt, steigern sich fortwährend. Kochporzellan muss vor allem temperaturwechselbeständig sein. Aehnliches gilt für das Laboratoriumsgeschirr. Heute werden in Langenthal über 500 Hotel- und über 600 Tafelgeschirrformen hergestellt und tausende von Dekoren sind im Gebrauch. An kochfestem Porzellan bestehen über 100 Formen. Mehr als 450 Typen der verschiedensten elektrischen Isolatoren werden fabriziert. Zu jedem dieser Artikel, die stets in grösseren Serien hergestellt werden, sind grosse Lager von Gipsformen, Hilfsgeräten usw. zu unterhalten. Auslän- dische Besucher vom Fach geben oft ihrer Verwunderung Ausdruck über die Mannigfaltigkeit der Produktion. Wohl mag die Möglichkeit einer Zersplitterung bestehen. Aber die Vielseitigkeit ist der einzig gangbare Weg für eine mittelgrosse schweizerische Porzellanfabrik, lebt sie doch vor allem von der Treue der einheimischen Kundschaft, die Langenthal stets erfahren durfte.

Der Pflege der Personalfragen in ideeller und materieller Hinsicht wird grösste Beachtung geschenkt. Die Fürsorgestiftungen (Unterstützungs-, Invalidenfonds, Alters- und Hinterbliebenenversicherungen) verfügen über ein Vermögen von 6 Millionen Franken. Im Vordergrund des Unternehmens steht, sowohl vom kaufmännischen als auch vom technischen Gesichtspunkt aus gesehen, der Mensch.

Unablässiges Bestreben zur Produktionsverbesserung, neuzeitliche Fabrikations- und Kontrolleinrichtungen, Beratung durch keramische und elektrotechnische Wissenschafter tragen dazu bei, ständig auf der Höhe der fortschreitenden Entwicklung zu bleiben. Der Erfolg der Porzellanfabrik Langenthal AG. ist zum guten Teil der positiven Einstellung aller Mitarbeiter zum Material zuzuschreiben. Nur Sorgfalt gewährleistet Qualität. Weder das Geschirrporzellan, noch die technischen Porzellane erlauben halbe Lö- sungen. In seinem Jubiläumsbericht vom 7. März 1956 spricht der damalige, im Jahre 1958 verstorbene Direktor A. Klaesi die Devise der Ge- schäftsleitung mit folgenden Worten aus: «Fantasie und strenge Sachlichkeit, pedantische Genauigkeit, Sparsinn einerseits und Grosszügigkeit anderseits, Seele und Technik und ein fester Glaube an die Aufgaben und die Zukunft unserer Porzellanfabrik müssen sich zum guten Gelingen des Werkes zusammenfinden. Nie können wir uns auch nur den Gedanken leisten, der Kunde sei von uns abhängig, die Konkurrenz ist in unserer Branche hellwach und leistungsfähig. Wir beklagen dies nicht, sondern freuen uns über diesen dauernden Ansporn zur bestmöglichen Leistung.