Porzellanfabrik neu belebt
Eine alte Porzellanfabrik, neu belebt
An historischem Ort, in der 1866 von Jacob Zeidler direkt an der Eisenbahnlinie Hof-Asch gegründeten und 1917 von Philipp Rosenthal erworbenen Porzellanfabrik im Selber Ortsteil Plößberg, ist in den letzten Jahren ein Museum entstanden, wie es in der Welt des Porzellans in Europa bisher keine Entsprechung hat.

Nach der von Carolus Magnus Hutschenreuther 1814 im benachbarten Hohenberg an der Eger gegründeten und der von dessen Sohn Lorenz Hutschenreuther 1856 in Selb ins Leben gerufenen Produktionsstätte ist sie die drittälteste Porzellanfabrik im Landkreis Wunsiedel. Nach zahlreichen Erweiterungen im letzten Viertel des 19. und in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts waren 1930 rund 900 Menschen beschäftigt, um mit 10 großvolumigen Rundöfen allerfeinste Service, Zierartikel und Figuren zu fertigen. Aus der Vergangenheit des Porzellans ist sie nicht wegzudenken: Philipp Rosenthal sen. hatte sie nach der Geburt seines Sohnes Philip, 1916, als nicht zur Rosenthal AG gehörige Fabrik im Familienbesitz gehalten. Unter seiner Leitung war sie durch den weltgewandten und gebildeten Unternehmer zu einer renommierten Erzeugungsstätte ausgebaut worden. Er engagierte Künstler von Weltrang, deren Namen durch ihre für Rosenthal erarbeiteten Entwürfe weltweit nunmehr auch mit Porzellan in Verbindung gebracht wurden, so wie auch der Hersteller Rosenthal selbst an Renommee gewann. Ein eigenes Gebäude für die Kunstabteilung wurde auf dem Areal errichtet, kurzzeitig sogar Elektroporzellan hergestellt.
Die Hinwendung zur modernen Linie in der Gestaltung kam nach der Rückkehr seines Sohnes Philip Rosenthal jun. aus der Emigration nach Selb im Jahr 1950 verstärkt zum Tragen: Anerkannte Künstler und Designer wie Björn Wiinblad, Tapio Wirkkala und Elsa Fischer-Treiden arbeiteten jetzt hier auf seine Veranlassung. Meilensteine des Porzellandesigns wurden entwickelt, realisiert und erfolgreich vermarktet. Selb-Plößberg ist damit einer der Ursprungsorte der 1961 ins Leben gerufenen „Studio Linie“.
Doch aufgrund der zunehmenden Mechanisierung und Maschinisierung in der Porzellanbranche in den sechziger Jahren war das Aus für die Fabrik in Selb-Plößberg voraussehbar: Die Gebäudestruktur war auf mehretagige Rundöfen abgestimmt. Sie ließ eine Umstellung auf die moderne Brenntechnik mittels der lang gestreckten, ebenerdig angelegten Tunnelöfen nicht zu. Es unterblieben Umbauten, Modernisierungen und Erweiterungen, wie sie andernorts durchgeführt wurden. Stattdessen entstand auf anderem Areal eine völlig neue Produktionsstätte, Rosenthal am Rotbühl, nach Entwürfen des Bauhaus-Architekten Walther Gropius. Die Produktion in Selb-Plößberg endete 1968/69, die Porzellanfabrik wechselte mehrfach den Besitzer, verfiel. Erhalten blieben die entscheidenden baulichen Strukturen einschließlich des Fabrikareals mit den Eisenbahngeleisen, dem Feuerlöschteich, den Werkstätten und Nebengebäu- den – sowie das gesamte Umfeld mit den Arbeiterwohnhäusern, dem Bahnhof, dem Fabrikantenwohnhaus – in einer selten anzutreffenden geschlossenen Form. Erhalten blieb somit ein Industrieensemble von außergewöhnlich hohem historischem Wert. Es repräsentiert auf idealtypische Weise die Strukturen einer Porzellanfabrik, wie sie nicht nur in Nordbayern mit Selb als einstigem „Weltzentrum der Porzellanproduktion“, sondern fast in ganz Europa bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts bestanden.
Aufgrund seiner historischen Bedeutung wurde der Gesamtkomplex 1988 in die Denkmalliste aufgenommen und in der Folge zum Museum ausgebaut, dem „Europäischen Industriemuseum für Porzellan“. Ein Großdenkmal wurde restauriert und wird es immer noch: Mit geringsten finanziellen Mitteln begann 1990 die Sanierung der Gebäude. Im Rahmen von AB-Maßnahmen angestellte Kräfte leisteten die ersten Arbeiten. Aufgrund der Dimension des Vorhabens wurde 1993 mit den fördernden Stellen vereinbart, den Ausbau in mehreren in sich funktionsfähigen Modulen voranzutreiben. 1996 konnte der erste Bauabschnitt abgeschlossen werden, der zweite 1998, der dritte, 2002 von Staatsminister Hans Zehetmair eröffnet, in Betrieb gehen. Zurzeit ist ein weiterer Abschnitt im Bau.
Mehr als 15 Jahre liegen nun die Anfänge zurück. Während der gesamten Zeit wurde intensiv mit den beteiligten staatlichen Stellen zusammen gearbeitet: Einerseits mit den Vertretern der zuständigen Stelle beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, soweit es z. B. die Restaurierung der Gebäude und die denkmalgerechte Nutzung betrifft, andererseits mit den Referenten der Landesstelle für die nichtsstaatlichen Museen im Hinblick auf die Arbeit an der Ausstellungspräsentation und Fortschreibung des Museumskonzeptes.
Die Fabrik ist als Museum zu neuem Leben erwacht: Mehr als 13 Meter lang ist eine der beiden Dampfmaschinen, die einst die Fabrik über die ledernen Transmissionsriemen und stählernen Wellen mit Antriebskraft versorgten. Heute läuft sie dank Pressluftgeneratoren von hohem Druck angetrieben wieder unter „Volldampf“. Die riesigen Mahlsteine des Kollerganges, der einst Feldspat und Quarz zerkleinerte, die tonnenschweren Trommelmühlen im Bereich der Massemühle bilden einen markanten Kontrast zu der feinsinnigen Arbeit der Modelleure, die wie vor 250 Jahren für die Gestaltung der Formen die Verantwortung tragen. Unter den Händen der Dreher und Gießer entsteht das rohe Porzellan. Hier findet sich der Drehtisch wie vor fast 300 Jahren, als das Porzellan in Meissen durch Johann Friedrich Böttger und Walther Ehrenfried von Tschirnhaus für Europa entdeckt wurde. In der authentisch eingerichteten Dreherei und Gießerei der 1950/60er Jahre mit den Rollern, Gießkarussellen, Elevatoren sind die einzelnen Arbeitsschritte an den realen Arbeitsplätzen zu verfolgen. Die didaktisch aufbereiteten Präsentationen von isostatischen Pressen und Hochdruckgießanlagen dokumentieren die Fabriken von heute. Im Bereich des Brennhauses, wo der Porzellanscherben nach dem Brand seine Weißheit, seine Transparenz und seinen hellen Klang erhält, werden die historischen Rundöfen zu Erlebniszonen, die die Arbeit in der stickigen und heißen Atmosphäre vermitteln. Die Dekorationsvarianten werden er- fahrbar im Buntbetrieb – derzeit noch im Stadium einer Studiensammlung –, wo von der Handmalerei bis zum modernsten Siebdruck die Verfahren der Porzellandekoration dargestellt werden. Bei dem Weg durch die Fertigungsgeschichte der Europäischen Porzellanmanufakturen und -fabriken bleibt zur Technik der Porzellanherstellung, zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in diesem Museum kaum eine Frage offen.
 [1] Museum, Fakten, Tendenzen, Hilfen - Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen - Die „Porzellanwelt Selb“ – eine Welt im Entstehen. Ein weiterer Ausstellungsbereich des Europäischen Industriemuseums für Porzellan in Selb-Plößberg (Wilhelm Siemen)







