Rosenthal Archiv

Übergabe Rosenthalarchiv an das Porzellanikon Selb - Über 15.000 Objekte umfasst das Archiv der traditionsreichen Porzellanfirma Rosenthal, das dank der Initiative des Regierungspräsidenten von Oberfranken, Wilhelm Wenning, und mit finanzieller Unterstützung der Oberfrankenstiftung, der Wenning vorsitzt, nun ihren Platz im Selber Porzellanikon gefunden hat. Die über 120 Jahre zurückreichenden Bestände des Archivs sind vieles zugleich:

Übergabe Rosenthal Archiv an Porzellanikon

Zeugnis der Entwicklung der Porzellanindustrie und Porzellantechnik in Deutschland, Lehrbuch mustergültigen Industriedesigns, Kunstsammlung von Werken bedeutender Künstler, Teil der Geschichte der Stadt Selb, Bilder- und Filmesammlung weltberühmter Künstler und Showstars bei ihren Besuchen in Selb, und schließlich Spiegel des Lebens eines Mannes, der sich, seine Stadt und sein Unternehmen zu einem öffentlichen Ereignis zu machen verstand: Philip Rosenthal. Kaum ein anderer Industriezweig hat die oberfränkische Wirtschaft auch nach außen hin so geprägt wie die Porzellanindustrie. Klangvolle Namen wie Rosenthal oder Hutschenreuther sind über unseren Regierungsbezirk hinaus weltweit nicht nur Porzellankennern geläufig. Mag unsere Porzellanindustrie seit einiger Zeit auch mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, bleibt Oberfranken auch heute noch das Zentrum dieser Branche in Deutschland. Für die Oberfrankenstiftung stand deshalb von vornherein fest, dass wir das Rosenthal-Archiv retten wollten. Wir überlassen damit dem Porzellanikon eine Sammlung von unschätzbarem Wert." Wilhelm Wenning, Regierungspräsident von Oberfranken. Das Rosenthal-Archiv spiegelt die für die deutsche Porzellanbranche zentrale Bedeutung des Unternehmens Rosenthal wider. Rosenthal ist einer der ältesten Porzellanhersteller in Oberfranken. Bereits 1879 begann Philipp Rosenthal in Erkersreuth bei Selb den Aufbau einer Porzellanmalerei. Sein großer Erfolg, bereits nach 10 Jahren beschäftigte er rund 200 Menschen, brachte ihn dazu, in Selb eine Fabrik aufzubauen und selbst Weißware herzustellen. Philip Rosenthal war eine Unternehmerpersönlichkeit von seltenem Weitblick. Die Erzeugnisse seiner Fabriken sollten durch moderne Formen- und Farbensprache gefallen und ihnen ein unverwechselbares Image geben. Der Jugendstil wurde erstmals gezielt für diesen Zweck eingesetzt, in der Folgezeit machte sich Rosenthal einen Namen im Art Deco, aber auch im Funktionalismus. Für mich gehören zu den spannenden Stücken des Archivs auch die Entwürfe bedeutender Künstler, die nicht verwirklicht und damit nicht in der Öffentlichkeit bekannt wurden, z.B. von der französischen Künstlerin Niki de Saint-Phalle. Eine Aufarbeitung dieser verborgenen Schätze des Museums und der Gründe für ihre Nichtverwendung wäre ein hoch interessantes Thema.

Wilhelm Siemen, Leiter des Porzellanikons Rosenthal-Porzellan wurde zum Inbegriff moderner Porzellangestaltung. Einen beträchtlichen Teil des Bestandes machen neben Porzellanen des Historismus solche des Jugendstil und Art Deco aus, eine Zeit, in der Rosenthal bereits zu den führenden Unternehmen Europas zählte. Service, Zierartikel, aber auch die Erzeugnisse der gerade gegründeten Kunstabteilungen waren bekannt und gefragt. Auch die 1930er Jahre sind mit verschiedensten Produkten hochwertiger Art repräsentiert. Die Nachkriegszeit ist zweifellos am stärksten vertreten. Sein Sohn Philipp Rosenthal setzte diesen Weg nach dem Zweiten Weltkrieg konsequent fort. Mit ihm verbinden sich Begriffe wie New Look, Studio-Linie, Studio-Häuser, Limitierte Kunst, mit ihm verbindet sich die Verpflichtung von Künstlern und Designern von internationalem Ruf. Es gelang, dem in Oberfranken beheimateten Unternehmen Weltgeltung zu verschaffen und es zu d e m Vertreter modernen, zeitgemäßen Porzellans zu stilisieren. Hier sind es vor allem auch Erzeugnisse der Limitierten Reihen und künstlerischer Serien, mit Entwürfen von z.B. Henry Moore, Roy Lichtenstein, Marcello Morandini oder Niki de Saint Phalle, die einen hohen Sammlerwert besitzen. Besonders beeindruckt haben mich im Archiv die Vielfältigkeit der Stücke und deren kreative Schöpfer. Von ganz frühen Stücken aus dem ersten Brand vom 1. März 1891, über die hervorragende Sammlung von Jugendstil- und Art Deco -Porzellanen (die ich besonders gerne mag) bis hin zu den Designhighlights ab den 50er Jahren und den limitierten Kunstobjekten ab 1968. Phantastisch sind auch die Form-, Muster- und Dekorbücher, die größtenteils farbig gezeichnet wurden sowie die Künstlerentwürfe. Dieses Firmenarchiv ist meiner Meinung nach einmalig in der Porzellanindustrie und ich kenne nichts Vergleichbares, was nahezu 130 Jahre Form-, Dekor- und Unternehmensgeschichte so gut dokumentiert.

Petra Werner, Kuratorin und langjährige Betreuerin des Archivs Die Erzeugnisse der Studio-Linie, seit rund 50 Jahren das Flaggschiff der Rosenthal AG, sind nahezu lückenlos vertreten, teilweise zusätzlich zu keramischen Teilen auch mit dazu gehörigen Gläsern oder Besteck. Namen wie Björn Winblad, Tapio Wirkkala, Walter Gropius, Mario Bellini oder Jasper Morrison sind beispielhaft zu nennen. Auch einige Möbelentwürfe namhafter Gestalter sind Bestandteil des Archivs. Ebenfalls sind aus den Kollektionen Versace und Bulgari repräsentative Stücke vorhanden. Neben Erzeugnissen der Marke Rosenthal finden sich auch Produkte der Porzellanfabrik Thomas in Marktredwitz aus der Zeit ab etwa 1904 bis heute. Die Marke Hutschenreuther ist mit Stücken aus den letzten Jahren im Archiv vertreten. Das Rosenthal-Archiv ist für die Stadt Selb von unschätzbarem Wert und enormer Bedeutung. Es dokumentiert nicht nur die Geschichte der Rosenthal AG, sondern auch die Geschichte unserer Stadt, vom kleinen, unbekannten Weberstädtchen . Es waren vor allem die Entwicklungen der Firma Rosenthal, die hierzu beigetragen haben. Künstler von Rang und Namen wie Victor Vasarely, Professor Otto Piene, Professor Walter Gropius, Bjørn Winblad, Professor Günther Uecker, Marcello Morandini oder Friedensreich Hundertwasser, um nur einige zu nennen, haben sich im Rosenthal- Archiv verewigt und darüber hinaus auch zur Gestaltung unseres Stadtbildes und öffentlicher Gebäude wie Rosenthal-Theater oder Hallenbad im Rosenthal-Park beigetragen.

Wolfgang Kreil, Oberbürgermeister der Stadt Selb Einen nicht unbeträchtlichen Wert stellen die Archivalien, z.B. Dekor- und Modellbücher, dar, die von der Forschung, Sammlern und der Publizistik stark genutzt werden. Das Rosenthal-Archiv die umfassendste, geschlossenste und die Produktion der oberfränkischen und damit auch deutschen Porzellan-industrie der letzten rund 130 Jahre am besten widerspiegelnde Sammlung. Neben diesem erheblichen immateriellen Aspekt ist natürlich auch auf den hohen materiellen Wert hinzuweisen. Insbesondere die teilweise sehr seltenen Stücke aus der Zeit des Jugendstils und den 1920er Jahren werden in Sammlerkreisen und auf Auktionen hoch gehandelt. Aber auch die limitierten Kunstobjekte der letzten vier Jahrzehnte sind in Kennerkreisen stark gefragt. Durch den Erwerb des Rosenthalarchivs sichert die Oberfranken-Stiftung ein auf seine Weise typisches und unersetzliches Kulturgut für die Region. Es untermauert eindrucksvoll die herausragende Stellung Oberfrankens in der deutschen Porzellanindustrie. Die Sammlung des Rosenthal-Archivs deckt die 130jährige Firmengeschichte ab und enthält alle jemals von Rosenthal gefertigten Porzellanstücke. Die Kaufsumme für das Rosenthal-Archiv von 1,3 Millionen EUR wurde seitens Rosenthal nicht bestätigt. Das Rosenthal-Archiv wurde von der Oberfrankenstiftung gekauft und als Dauerleihgabe an das Porzellanikon übergeben. Damit ist eine dauerhafte Nutzung durch das Porzellanikon gesichert und die Rosenthal Schätze verbleiben in Selb.

Selb - Sie ist die Hüterin des Schatzes: Petra Werner vom Porzellanikon Selb betreut seit siebzehn Jahren das umfangreiche Archiv der Rosenthal AG. Die Kuratorin kennt sich aus mit den 15 000 bis 20 000 Stücken, die von erstaunlichen Kunst-Raritäten über gängige Rosenthal-Serien bis hin zu zeitgenössischem Werbematerial aus 130 Jahren reichen.

Exponate aus 130 Jahren

Erleichtert und glücklich ist Petra Werner, dass die Oberfrankenstiftung nach dem Verkauf des Unternehmens an die italienische Sambonet-Gruppe diese Kostbarkeiten komplett erworben hat (wir berichteten). "Die Sammlung ist das Archiv der Porzellanindustrie schlechthin, es war sehr wichtig, dass es nicht in alle Winde verstreut wurde." Der - laut Aussage von Regierungspräsident Wilhelm Wenning - "Schatz von unschätzbarem Wert" ist künftig dem Porzellanikon von der Oberfrankenstiftung als Dauerleihgabe überlassen. "Wir haben jetzt mit Abstand die größte Rosenthal-Sammlung, die es auf der ganzen Welt gibt", zeigt sich Werner stolz. Das einzigartige Fabrik-Archiv ist zum 100. Firmenjubiläum von Rosenthal 1978 eingerichtet worden", berichtet die Kuratorin. Doch die Bestände reichen viel, viel weiter zurück: Die ältesten stammen bereits aus dem Jahr 1880. "Das Besondere ist, dass wirklich noch alles vorhanden ist. Die gesamte Firmengeschichte wird anhand der Stücke aufgezeigt.

Namhafte Künstler

Das Archiv umfasst, wie Werner erläutert, sämtliche Produktionsentwürfe, darunter auch viele Originale, die nicht in Serie gingen. So hat etwa Salvador Dali für seine Ehefrau Gala eine Teekanne mit dem Motiv seiner "weichen Uhr" kreiert, die nie in den regulären Verkauf gegangen ist. "In unserer Sammlung ist die Kanne aber in mehreren Farben vorhanden. Alle namhaften Künstler und Designer haben für Rosenthal gearbeitet und damit ihre Spuren in unserem Archiv hinterlassen", hebt Petra Werner hervor und zählt nur einige herausragende auf: Walter Gropius, Ferdinand Liebermann, Raymond Loewy, Lucio Fontana, Niki de Saint Phalle, Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Björn Wiinblad, Otto Pine, Friedensreich Hundertwasser und Jörg Immendorff. "Kunst aus allen möglichen Richtungen, alles was formprägend war, haben die Rosenthals hierher gebracht. Zuerst der Senior, später der Junior", weiß die Porzellanexpertin.

Entwürfe und Skizzen

Nicht nur viele Entwürfe und Freigabemuster aus der Kreativschmiede gehören zu den Exponaten, auch das gesamte Schriftenarchiv ist erhalten: Muster- und Dekorbücher, Künstlerentwürfe und Skizzen. Von Philipp Rosenthal, dem Firmengründer, etwa stammt ein Skizzenbuch, in dem er die damals neuesten Entwicklungen und Anregungen für zeitgemäße Porzellangestaltung festhielt, die er auf Reisen und Messen suchte. Bei Kunstschauen war das Unternehmen aber auch selbst außerordentlich erfolgreich: So sind sämtliche Medaillen komplett vorhanden, die Rosenthal unter anderem auf verschiedenen Weltausstellungen errungen hat.

Suche nach neuer Bleibe

Das Archiv ist derzeit noch in einem Gebäude hinter dem Regenbogenhaus in Selb untergebracht. "Aber wir müssen hier raus", berichtet Petra Werner. Derzeit laufen die Verhandlungen darüber, wo die Sammlung künftig am sinnvollsten untergebracht werden kann. "1000 Quadratmeter sind dafür notwendig, wenn die Stücke fachgerecht sortiert in Regalen untergebracht werden sollen." Die Öffentlichkeit wird keinen Zutritt zu diesem Archiv haben, aber immer wieder einmal Stücke daraus bei Ausstellungen sehen können. Schon bei der großen Schau des Porzellanikons "Königstraum und Massenware" 2010 sind verschiedene Exponate dabei.

Viele Ideen für Ausstellungen

Jede Menge Themen für Sonderausstellungen aus den Beständen des Archivs fallen mir sofort ein, sagt die Kuratorin und zählt auf: "Design der 50er Jahre", denn 1950 stieg Philip Rosenthal junior in das Unternehmen ein und prägte es. "Jugendstil", "Art Deco" oder "Form 2000" - ein Service das über 20 Millionen Mal verkauft wurde - sind weitere Ideen für spezielle Schauen. "Da gibt es auf Jahre hinaus Möglichkeiten", schwärmt Petra Werner. Auch für Forschungsarbeiten darf die Sammlung genutzt werden: "Die Oberfrankenstiftung wollte beim Ankauf sicher nicht, dass das Archiv danach vor sich hinschlummert.