Industriealisierung Schlesien
Unter den verschiedenen Industriezweigen, die im Waldenburg-Neuroder Revier beheimatet waren, spielte die Glas- und Porzellanproduktion eine recht bedeutende Rolle. Günstiger Ankauf der Steinkohle und die lokale Rohstofflagerstätte ermöglichte die Entwicklung einer Glas- und Porzellanindustrie.
Im Jahre 1820 baute in Waldenburg der Kaufmann Rausch mit Staatsunterstützung eine Steingutmanufaktur, die durch Carl Krister im Jahre 1831 in eine Porzellanfabrik umgestaltet wurde. Krister kaufte auch 1836 die vom dem Kaufmann Johann Gottlieb Hayn im Jahr 1829 gegründete Porzellanfabrik, er beschäftigte ungefähr 700 Personen, mehrheitlich Frauen. Bis 1840 wurde Porzellan mit Holzkohle gebrannt, später führte Krister als erster in Deutschland Steinkohlenfeuerung ein. Weil Krister einen guten Absatz in Leipzig erzielte, steigerte er die Produktion und transportierte mit Pferdegespannen die Ware selbst dorthin. Im Jahr 1845 entstand in Altwasser-Waldenburg (Walbrzych-Stary Zdroj) die Porzellanmanufaktur von Carl Thielsch, die anfangs 60 Arbeiter beschäftigte. Im Jahr 1850 arbeiteten in den Porzellanfabriken in Waldenburg 1.000 Personen, davon bei Krister 700, Thielsch 300. Im südlich von Waldenburg gelegenen Fellhammer (Boguszow-Kuznice Swidnickie) wurde 1845 eine Porzellanfabrik eröffnet, die aber bald, im Jahr 1851, stillgelegt wurde.
Obwohl enorme Mengen Kaolin zur Porzellanproduktion aus Sachsen importiert wurden, gaben die lokalen Rohstofflagerstätten (Waldenburg, Saarau und Ströbel bei Schweidnitz) von Sand und Ton sowie Kohle - z.B. im Jahr 1849 lag der Kohlenverbrauch bei 5.600 t, 1854 bei 12.000 t - der Keramikindustrie einem grossen Ansporn zur Entwicklung. Neben den Porzellanfabriken von Krister und Tielsch entstanden um Waldenburg noch weitere, im Jahr 1857 gründete Julius Schwarz die Porzellanfabrik in Sophienau-Bad Charlottenbrunn, die 1859 von Jospeh Schachtel gekauft wurde. In der Fabrik, gleich anderen Porzellanfabriken, wurde zunächst Geschirr hergestellt, das Jahr 1871 brachte eine Umstellung der Fabrikation auf elektrotechnisches Porzellan (ab 1904 auch Hochspannungsisolatoren für 200.000 Volt). 1914 waren dort 400 Personen beschäftigt. 1858 baute Mauerermeister und Kaufmann Silber in Waldenburg eine Porzellanfabrik, die bald durch Tielsch erworben wurde; und 1882 eröffnete Hermann Ohme aus Leipzig eine Porzellanfabrik in Niedersalzbrunn, die Gebrauchsporzellan in Tunnelöfen herstellte. Im Jahr 1891 wurde eine Porzellanmalereianstalt, gegründet von Franz Prause 1849 in Waldenburg-Altwasser, von Julius und Ernst Prause umgestaltet in eine Porzellanfabrik, welche 141 Arbeiter beschäftigte.
Im Jahre 1874 gründeten Beer und Reimann in Waldenburg eine Ofen-, Ton und Chamottewarenfabrik, die Kacheln, Kochmaschinen, Wasch- und Kochkesselöfen wie auch transportable Chamottekacheln-Etagenöfen produzierte. Im Jahr 1854 waren in der Porzellanindustrie 1.300 Arbeiter beschäftigt, und der Wert der Porzellanproduktion belief sich auf 300.000 Rtl., 1867 beschäftigten die Porzellanfabriken 3.000 Arbeiter, und der Wert stieg auf 1,25 Mio Rtl. In der folgenden Zeit lag die Zahl der Beschäftigten unter 3.000. Die bedeutendste Kristerfabrik erzeugte im Jahr 1881 2,1 Mio kg Porzellanprodukte im Wert von 0,92 Mio. Mark. Im Jahr 1913 wurden von den 1,5 Mio. kg Porzellanproduktion 70% ins Ausland (USA, Südamerika, Südafrika und Australien) exportiert. Neben den Porzellanfabriken entstanden in Waldenburg Fabriken, die die zur Dekoration des Porzellans nötigen Akzessorien herstellten, z.B. im Jahr 1875 die A. Leisner Porzellanfotographieanstalt; im Jahr 1896 die Keramische Kunstanstalt Emil Wunderlich & Comp., die grösste kontinentaleuropäische Porzellanabziehbilderfabrik, deren Produkte zunehmend an die Stelle der Handmalerei traten.
Nach der Berufszählung vom Jahre 1882 waren in Preussen in Porzellanbetrieben mit über fünf Arbeitern 7.124 Personen tätig, darunter in Schlesien 3.960, davon im Kreis Waldenburg 3.048. In Waldenburg befanden sich zugleich die zwei grössten Werke Deutschlands mit jeweils über 1.000 Beschäftigten. Die Waldenburger Fabriken waren die führenden, hier wurden der erste keramische Buntdruck mit Schmelzfarben (Ohme), die ersten Tunnelöfen (G. Faist 1906) und die ersten volle Elektrifikation der Maschinen (Krister 1908) eingeführt.
Auszug: Toni Pierenkemper; Die Industriealisierung europäischer Montanregionen im 19. Jahrhundert, 2002
Porzellanfabriken Schlesien vor 1945
Neben Thüringen, Sachsen und Bayern entwickelte sich Schlesien im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer bedeutenden Porzellanregion. Von 1820 bis in die ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts entstanden in Schlesien (ohne Ostoberschlesien) in 21 Orten Porzellanfabriken. Gerhard Schmidt-Stein hat in seinem Handbuch Schlesisches Porzellan vor 1945 folgende Übersicht über die Standorte schlesischer Porzellanindustrie erstellt:
Waldenburg 1820 − 1945; Hirschberg ca. 1825 − 1923; Breslau ca. 1826 und 1912; Plottnitz / Reichenstein ca. 1828 − 1893; Freiwaldau 1841 − 1935; Fellhammer ca. 1845 − 1851; Altwasser 1845 − 1945; Weißstein 1846 − 1856; Tillowitz ca. 1852 − 1945; Ober-Weistritz 1855 − 1860; Sophienau 1857 − 1945; Königszelt 1860 − 1945; Tiefenfurt 1865 − 1945; Brieg 1866 − 1869; Schmiedeberg 1871 − 1945; Niedersalzbrunn 1882 - ca. 1933; Haselbach (Rsgb.) 1892 − 1945; Weißwasser 1895 - nach 1945; Erdmannsdorf 1908 - ca. 1945; Peterwitz 1919 - ca. 1942/45
Die Gewerbestatistik von 1882 kannte nur zwei Porzellanfabriken im Deutschen Reich mit mehr als 1.000 Beschäftigten in den Hauptbetrieben: Karl Krister in Waidenburg und Carl Tielsch im benachbarten Altwasser. Mehr als 60% aller im Königreich Preußen im Bereich von Porzellanherstellung und -Veredelung Beschäftigten arbeiteten bis zum Ersten Weltkrieg in Schlesien. Weit über die Hälfte der Produkte wurde in alle Welt exportiert und durch zahlreiche Verkaufsniederlassungen im In- und Ausland vertrieben.
Im Waldenburger Bergland schlug das Herz der schlesischen Porzellanindustrie. Durch seine Bergwälder und Steinkohlevorkommen verfugte es über ausreichend Rohstoffe für den Brennvorgang. Die Anbindung an die Eisenbahn 1853 erleicherte sowohl den Transport der Rohstoffe Kaolin, Feldspat, Quarzsand und Kapselton als auch den der fertigen Produkte. Neben den fünf Porzellanfabriken Krister, Tielsch, Ohme, Prause und Schachtel (siehe Schlesisches Porzellan, Teil I) hatten hier zahlreiche Porzellanmalereien ihren Sitz, darunter die Firma Wunderlich, die größte kontinentaleuropäische Druckerei, die einbrennbare Abziehbilddekore für Porzellan herstellte.
Den hohen Stellenwert, den die keramische Produktion in Schlesien einnahm, unterstrich die Gründung einer Keramischen Fachschule in Bunzlau im Jahre 1897, die für eine gute Ausbildung der keramischen Fachkräfte sorgte. Zusätzlich wurde an der Technischen Hochschule Breslau schon bei deren Gründung im Jahre 1910 ein Institut für feuerfeste Materialien und Keramik eingerichtet.
Im Unterschied zu vielen traditionellen Porzellanherstellern bemühten sich die schlesischen Unternehmer, durch Verbesserung der Produktionsmittel nicht nur qualitätvolles, sondern auch preiswertes Porzellan auf den Markt zu bringen, um so neue Käuferschichten zu erschließen. Einige bahnbrechende Errungenschaften in der Porzellanproduktion wurden in Schlesien entwickelt und erprobt:
1. Die Feuerung der Brennöfen mit Steinkohle statt mit Holz, erstmalig 1840 bei Krister in Waidenburg mit Erfolg eingesetzt;
2. die Verwendung des keramischen Buntdrucks mit Schmelzfarben, zuerst 1888 bei Ohme in Niedersalzbrunn angewandt;
3. das Einbrennen von Photographien auf Porzellan, wofür die Waldenburger Firma A. Leisner erstmalig auf der Weltausstellung in Wien 1873 ausgezeichnet wurde;
4. die Verwendung von Tunnelöfen, die den Brenn- und Abkühlungsvorgang erheblich abkürzten; sie wurden 1906 das erste Mal bei Tielsch in Altwasser eingesetzt. Von den Porzellanfabriken, die außerhalb des Waldenburger Berglandes gegründet wurden, sollen in dieser Schrift jene vorgestellt werden, die durch ihre Produkte besonders gut im Museum für Landeskunde dokumentiert sind.