Krister Waldenburg
Porzellanzentrum Waldenburg
Neben den fünf hier vorgestellten Fabriken gab es im Waldenburger Bergland noch zwei kleinere mit sehr kurzer Produktionszeit in Ober-Weistritz (1855-1860) und in Fellhammer (ca. 1845-1851). Die massive Ansammlung von Porzellanindustrie begünstigte natürlich auch andere Betriebe. Im Jahre 1907 wurden im Kreis Waldenburg 16 Betriebe der Porzellanherstellung und -Veredelung mit insgesamt 3.291 Beschäftigten gezählt. In der Hauptsache handelte es sich um Porzellanmalereien, wie z.B. die Firmen C. Hübner (gegr. 1850), C. G. Schiller (gegr. 1878), F.W. Joneleit (gegr. 1870), A, Hillmer sowie Hugo Zehe und Leopold Ernst & Sohn in Altwasser. Eine besondere Art der Dekoration hatte die 1860 gegründete Firma A. Leisner entwickelt: das Einbrennen von Photographien auf Porzellan. 1873 erhielt sie dafür auf der Wiener Weltausstellung eine Medaille. Sie hatte - mit einer zeitweiligen Stillegung in den Jahren um 1930 - bis 1945 Bestand. Große Bedeutung hatte auch die 1896 in Altwasser von Emil Wunderlich gegründete Steindruckerei E. Wunderlich & Co., die für die Porzellan-, Glas- und Emailindustrie einbrennbare Abziehbilder herstellte und weltweit vertrieb. 1905 mußte die Fabrik bereits in ein größeres Gebäude umziehen. Im selben Jahr wurde sie unter dem Vorsitz ihres Gründers und seines Teilhabers Alfred Münnich in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. 1906 kaufte sie die Firma Gruschwitz und Lechner in Freiburg/Schl. auf und ließ dort die für die Stammfirma benötigten Farben herstellen.
Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb Waldenburg ein Zentrum der Porzellanindustrie. Es wurden nicht nur die beiden großen Fabriken Krister und Tielsch unter neuem Namen weitergeführt und modernisiert, sondern die Stadt war auch Sitz des Kombinats CERPOL, unter dem 1973-1981 alle in Polen befindlichen Porzellanfabriken zusammengefaßt wurden. Nach den politischen Umwälzungen 1981 erhielten die einzelnen Fabriken ihre Eigenständigkeit zurück. 1985 wurde neben den beiden Nachfolgefabriken von Krister und Tielsch eine dritte große Fabrik mit dem Namen Ksiqz (= Fürstenstein) gegründet
Die schlesische Porzellangeschichte begann im Jahre 1820, als der Leinenkaufmann Rausch im Herzen Waldenburgs eine Sanitätsgeschirr Fabrik gründete, die er langsam zur Porzellanfabrik ausbaute. Anfangs waren neun Arbeiter mit der Herstellung von Sanitätsgeschirr beschäftigt, wie es die Berliner KPM seit 1817 auf dem Messen vorstellte. Später stieg die Zahl der Beschäftigten auf 30. 1823 stellte sich ein Mann ein, der für die Entwicklung der Porzellanindustrie in Schlesien von höchster Bedeutung sein sollte: den Blaumaler Karl Franz Krister (1802-1869). Er wurde in Neisse/Oberschlesien als Sohn eines Feldwebels geboren, wuchs in Gera/Thüringen auf und lernte sein Handwerk fünf Jahre lang in verschiedenen thüringischen Porzellanfabriken. Während seiner Wanderjahre sammelte er in dreizehn verschiedenen Betrieben von Frankreich bis Ungarn weitere Erfahrungen, bevor er einstweilen bei Rausch blieb. 1826 heiratete er die Bauerntochter Therese Knittel.
Porzellanfabrik Hayn 1829-1836
Als 1829 Johann Traugott Hayn, ebenfalls ein Leinenverkäufer, auch eine Porzellanfabrik in Waldenburg gründete, wechselte Krister noch im selben Jahr in den neuen Betrieb. 1831 erwarb oder pachtete Krister erst die kleine Fabrik von Rausch und übenahm spätestens 1836 auch Hayns Betrieb. Er legte beide Werke zusammen und baute sie systematisch nach dem neuesten Stand der Technik aus. Damit war der Grundstein zu einem beispielhaften blühenden Unternehmen gelegt.
Sanitätsgeschirr- und Steingutfabrik(en) Carl Krister 1831-1840
1840 stellte Krister die Feuerung seiner Rundöfen von der üblichen Holzkohle auf die ergiebigere Steinkohle um, die direkt in und um Waldenburg gefördert wurde. In den nächsten Jahren vergrösserte und modernisierte er seine Fabrik beträchtlich: 1845 besass er fünf Rundöfen mit Steinkohlenfeuerung, zehn Jahre später brannten bereits 15 Steinkohleöfen Porzellan, dessen Produktionsumfang sich seit Mitte der vierziger Jahre verdreifacht hatte. Der Brennstoffverbrauch betrug allein an Steinkohle 5% der niederschlesischen Jahresförderung. Ab 1853 trieben zwei Hochdruckdampfmaschinen seine Massemühlen, Stampf- und Quetschwerke und Schneidemühlen an. Als sich 1856 das Gründungsjahr der Firma zum 25. Mal jährte, arbeiteten bereits 1.200 Angestellte, Arbeiter und Beamte in der Fabrik. Mit 1.500 Beschäftigten erreichte das Waldenburger Unternehmen 1859 den höchsten Beschäftigungsstand. Es wurden nun insgesamt 24 Rundöfen betrieben, zum Leidwesen der Anwohner, die unter der Luftverschmutzung durch den Rauch aus den Fabrikschloten zu leiden hatten.
Krister Porzellanmanufaktur 1840 -1895
Kirster war in seiner umsichtigen Weise bestrebt, sich zur Sicherung seiner Unternehmens in den Besitz der Rohstoffquellen zur Porzellanproduktion zu bringen. So gehörten ihm in Sachsen Kaolingruben bei Meißen, in Schlesien Alabastergipsvorkommen bei Löwenberg, Feldspat- und Quarzvorkommen bei Schreiberhau, je eine Grube für Kapselton in Puschkau und Konradswaldau und eine Kohlegrube in Reußendorf. Das Verpackungsmaterial für den Transport, Kisten und Fässer, wurde in eigenen Werkstätten mit zugehörigen Schneidemühlen gefertigt. Die Ware musste anfangs noch mit dem Fuhrwerk nach Leipzig zur Messe gefahren werden, wo ein beträchtlicher Teil des Sortiments verkauft wurde. Später nutzte Krister die Eisenbahn, die 1853 Waldenburg an das moderne deutsche Verkehrsnetz anschloss.
Von Anfang an war Krister bestrebt, preisgünstiges Porzellan herzustellen, das für jeden Haushalt erschwinglich sein sollte, und hatte auf diese Weise gewisse Marktvorteile. Sein Sortiment orientierte sich in Form und Dekor zunächst an Erzeugnissen der KPM Berlin. Er begann seine Produktion mit Pfeifenköpfen, Tassen, Kannen, Sahnegieser und Zuckerdosen. Mit der Zeit traten die Pfeifenköpfe mehr und mehr zurück, während sich das Hauptgewicht auf die Herstellung von Geschirr und sogenannten Luxusgegenständen wie Vasen, Bonbonnieren, Cabarets und dergleichen verlagerte. Zur Unterstützung des Verkaufs bediente sich Krister eines raffinierten Hilfsmittels: Er wählte bis in die neunziger Jahre zum Verwechseln ein Markenzeichen, das dem der Königlichen Porzellanmanufaktur in Berlin zum Verwechseln ähnlich sah. Die Initalen KPM deutete er auf Krister Porzellan-Manufaktur um, was ihm niemand verbieten konnte, da es einen Markenschutz noch nicht gab. Er stiftete damit nicht nur bei den damaligen Käufern verwirrung, sondern auch bei den Porzellanliebhabern unserer Tage.
Die Qualität seiner Produkte wurde durch die Verleihung von Medailien auf den Breslauer Industrieausstellungen 1852 und 1857 und auf der Pariser Weltausstellungen 1857 und 1867 gewürdigt. Daneben machte sich Karl Krister auch um das Wohl der Stadt Waldenburg verdient. Für seine Beschäftigten schuf er zahlreiche soziale Einrichtungen: Unter anderem gründete er das Kristerstift, richtete eine Kranken- und Witwenkasse ein, baute ein Krankenhaus und schuf eine Fabrikfeuerwehr, die auch in der Stadt Brände löschte. Sein Lebenswerk wurde 1862 mit der Ernennung zum Königlichen Kommerzienrat honoriert. 1869 starb er im Alter von 67 Jahren. Nach seinem Tode ging das Unternehmen an seine Erben über, von denen der spätere Königliche Geheime Kommerzienrat Robert Haenschke (gest. 1904) das Unternehmen am meisten prägte. Sein Nachfolger wurde sein Sohn, Albert Henschke.
Porzellan- und Chamottenfabrik Carl Krister 1895-1905
Ende der neunziger Jahre schied die Familie Dimter ganz aus der Firma aus und dürfte zu Lasten des Unternehmens finanziell entsprechend abgefunden worden sein. 1901 wurden nur noch die Vertreter der Familie Henschke und dessen Sohn als Gesellschafter der Firma Carl Krister genannt. Um den Absatz in Ostpreussen zu sichern, traf sich über viele Jahre der kaufmännische Leiter der Porzellanfabrik Carl Krister mit den Direktoren der Porzellanfabriken Thielsch und Königszelt jeweils im Januar in Königsberg. Bei den ortsüblichen Grog sprachen die heiligen drei Könige der Schlesischen Porzellanindustrie die Reihenfolge ihrer Besuche bei den dortigen Grossisten und eventuelle Marktanteile ab. 1902 und 1903 lies die Firma zwei Fabrikmarken registrieren, nunmehr statt der Buchstabenfolge KPM die Buchstaben KPF. Im Januar 1904 verstarb der Königliche Geheime Kommerzienrat und Seniorchef der Porzellanfabrik Robert Haenschke, der 60 Jahre der Firma angehörte. Um 1905 griff die Firma ihren alten Namen auf und benutzte in ihren Fabrikmarken erneut die traditionelle Buchstabenfolge KPM.
Krister Porzellanmanufaktur 1905-1920
Im ersten Weltkrieg musste die Porzellanfabrik herbe Einbussen hinnehmen. Die Zahl der beschäftigten sank durch Kriegseinberufungen und durch Entlassungen, da die Kriegsamtstelle in Breslau 1917 anordnete, den Betrieb um 40% des vorherigen Umfangs einzuschränken. Hinzu kamen Absatzschwierigkeiten da die traditionellen Märkte in Übersee nach Kriegsende vorloren waren, und sich die Firma neu orientieren musste. Aufgrund familiären Differenzen und aus finanziellen Erwägungen wurde 1920 die Krister Porzellanindustrie AG ins Leben gerufen. Ende desselben Jahres starb Albert Henschke. 1921 wurde die AG in den Rosenthal Konzern Selb eingegliedert, ohne dass sich an den Standort etwas veränderte. Für Waldenburg blieb die Fabrik ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor. Ihre Silhouette zierte den Waldenburger Notgeldschein zu 75 Pfennigen von November 1921, und als einzige schlesische Fabrik stellte Krister einen Satz Porzellanmünzen her. Nach den Entwurf des Münchner Bildhauers Karl Roth kamen sie 1922 im Wert von zwanzig Pfennigen, fünfzig Pfenningen und einer Mark heraus.
Krister Porzellanmanufaktur Aktiengesellschaft 1925-1945
Im Jahre 1925 führte die Aktiengesellschaft wieder den Namen Porzellan Manufaktur. Zuständig für den kaufmännischen Bereich des Unternehmens war nach wie vor Direktor Fritz Truckenbrodt; die technische Leitung des Betriebes hatte etwa ab 1925 Direktor Erhard Krause inne. 1925 wurden durch die neue Leitung dazu übergegangen, wieder alte Formen und Dekore aud dem Formenschatz bzw. den Musterbüchern der Porzellanmanufaktur von Carl Krister neu aufzulegen.
Unter den mehr als 60 Jahren alten Dekoren war eine biedermeierliche Bauernrose, von der das Abziehbild jeden einzelnen Pinselstrich des damaligen Originals vermittelte, ein Beleg dafür, dass auch mit den modernen Möglichkeiten der Porzellandekoration die Wiedergabe alter Vorlagen gelang. Nach den Markteinbußen, die durch den Ersten Weltkrieg und seine Folgen bedingt waren, stand der Krister Porzellan Manufaktur AG im Jahre 1927, mit Unterstützung des Rosenthal Konzerns, wieder ein weitverzweigtes Vertreternetz zur Verfügung. Als Fabrik des Rosenthal Konzerns nahm die Krister Porzellan Manufaktur AG 1928 an der Ausstellung "Das Deutsche Porzellan" in Wiesbaden teil.
Ab Mitte der zwanziger Jahre nahm das Unternehmen einen neuen Aufschwung. Seine preisgünstigen Artikel in traditioneller und zeitgemässer, moderner Form waren weithin begehrt. 1931 schied der langjährige Direktor Fritz Truckenbordt aus. Für ihn wurde Otto Zoellner in den Vorstand des Krister Werkes berufen, das er bis 1936 als Direktor leitete. Zu seinen Prokuristen gehörten Erhard Künzel und weiterhin Günther Haenschke. Die Porzellanfabrik arbeitete kontinuierlich weiter bis zum 5. Mai 1945. Nach dem Kriegsende am 8. Mai 1945 wurde sie von Polen übernommen. Schon am 11. Mai wurde die Produktion wieder aufgenommen, wobei die deutschen Fachkräfte bis zu ihrer Ausweisung die polnischen Arbeiter anlernen mussten. Unter den Namen Zaktady Porcelany Stotowey Krzysztof (=Tafelporzellanwerke Krzysztof) wird die Fabrik bis heute fortgeführt. Die früheren Porzellanarbeiter von Krister fanden in Landstuhl/Pfalz eine neue Heimat, wo der Rosenthal Konzern eine neue Porzellanfbrik mit dem Namen Krister einrichtete und auch das Markenzeichen übernahm. Diese Werk hatte bis 1971 Bestand.
Krister Porzellanmanufaktur AG Landstuhl/Pfalz und Marktredwitz/Bayern
Nach dem zweiten Weltkrieg hatte zunächst eine japanische Porzellanfabrik das Warenzeichen KPM und den Namen Krister für sich schützen lassen, um Geschirre mit der persischen Rose in den Iran liefern zu können, die früher Waggonweise von Waldenburg aus geliefert worden sind. Dann liess der Rosenthal Konzern den Namen Krister noch einmal in Westdeutschland aufleben. Dank der Initative des Generaldirektors Otto Zoellner, der selbst mehrere Jahre direkt für das Waldenburger Werk verantwortlich war, und in Anbetracht der durch die Kriegsfolgen ausgelösten starken Nachfrage nach Porzellanwaren errichtete der Konzern in Landstuhl/Pfalz ein Ersatzwerk für die in Schlesien verlorengegangene Fabrik und für die ehemaligen Kristerleute, die als entlassene Kriegsgefangene oder als Flüchtlinge bereits in Westdeutschland Aufnahme gefunden hatten.
Im Jahre 1956, als in der pfälzischen Stadt Landstuhl das 125jährige Bestehen der schlesischen Porzellanmanufaktur gefeiert wurde, arbeiteten bereits etwa 600 Personen in dem neuen Betrieb. Im Jahre 1965 wurde die Krister Porzellanmanufaktur nach Marktredwitz/Bayern verlegt. 1971 wurde schliesslich die inzwischen im Rosenthal Konzern gebildete Besitzgesellschaft Krister Porzellanmanufaktur GmbH auf die Rosenthal Aktiengesellschaft umgewandelt. 140 Jahre nachdem Krister seine Porzellanmanufaktur in Waldenburg gegründet hatte, erlosch ihr Name. Von dem einstigen deutschen Grossunternehmen in Schlesien zeugen jedoch weiterhin seine weltweit vorhandenen Porzellan.