Porzellanfabrik Dürrbeck und Ruckdäschel

Die Idee, im Jahre 1920 in Weißenstadt Porzellanwaren herzu-stellen, ist nicht erst in dieser Zeit geboren worden. Sie bestand gedankenmäßig schon seit 1892. Als damals der Begründer des Sägewerkes und der Holzwollefabrik Christian Dürrbeck in Röslau seinen Betrieb um eine Ziegelei erweiterte, war sein ferneres Streben auch schon auf die Herstellung von Porzellanwaren gerichtet. Die Verwirklichung des Zieles wurde ihm aber zunächst versagt. Erst nach dem ersten Weltkrieg, als die Holzbetriebe eine geschäftliche Krise durchstehen mussten und mit besonders großen Absatzschwierigkeiten zu kämpfen hatten, wurde von seinen Nachfolgern o. g. Idee verwirklicht.

Ehe drei Brüder Gottheb, Franz und Hans Dürrbeck und der Teilhaber der mechanischen Buntweberei und seinerzeitige Bürgermeister Heinrich Ruckdäschel nebst seinen beiden Söhnen Jean und Hermann gründeten 1920 die Porzellanfabrik Dürrbeck und Ruckdäschel. Der Betrieb wurde in einem der Firma Christian Dürrbeck gehörenden Gebäude errichtet. Im Mai 1921 lief die Produktion mit zwei Brennöfen an. Die maßgebenden Facharbeiter holte :ran sich aus den benachbarten Orten Röslau, Marktredwitz und Waldershof. Die einheimischen Hilfskräfte mussten im Laufeier Zeit erst angelernt und fachmännisch ausgebildet werden. Ms Betriebsleiter hatten die Begründer in Joseph Schmidt einen von der Pike auf in allen Sparten der Porzellanherstellung gelernten und mit allen fachkundigen Kenntnissen ausgerüsteten Mann gefunden.

Dass die produzierte Ware sich sehr schnell eines guten Rufes erfreute und sich der Absatz immer mehr steigerte, wird mit der Erstellung eines Malergebäudes bewiesen, die noch Ende September des gleichen Jahres erfolgen musste. Schon 1922 wurde die Leitung der Produktionsstätte gezwungen, noch einen Anbau vorzunehmen, in welchem eine Massemühle mit den dazugehörenden Nebenanlagen untergebracht wurde. Erst jetzt war das Werk in der Lage, die erforderlichen Rohstoffe so zu bearbeiten und zusammenzusetzen, dass die Güte der Fertigwaren bei den Abnehmern die vollste Anerkennung fand und Absatzschwierigkeiten nicht eintraten. In den folgenden Jahren wurden weitere betriebstechnische Verbesserungen und bauliche Vergrößerungen vorgenommen. Der Werksbau vom Gründungsjahre hatte sich in kurzer Zeit um mehr als die doppelte Ausdehnung vergrößert. 1925 verließ der Betriebsleiter Joseph Schmidt diesen Wirkungsort und verzog nach Arzberg.

Die missliche Krisenzeit Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre mit ihren Absatzschwierigkeiten, Lohnkämpfen und der folgenden Arbeitslosigkeit überstand die Porzellanfabrik ohne nennenswerte Verluste. Es gab auch fast keine Produktionseinschränkungen. Die Qualitätswaren führten mit der Beendigung der Notzeiten sehr schnell wieder zu einem geschäftlichen Aufschwung.

Im Jahre 1940 trat der ehemalige Betriebsleiter Joseph Schmidt wieder in des Werk ein und wurde zu gleicher Zeit Teilhaber dieser Firma. Die Weißenstädter Porzellanwaren erlebten weiterhin eine Verbesserung ihrer Qualität und Formgebung und fanden in der ganzen Bundesrepublik weiterhin begehrlichen Absatz.

Der Betrieb hatte 90 Belegschaftsmitglieder und Angestellte. Man fertigte Gebrauchsporzellan und Geschenkartikel aller Art, so Vasen, Zierdosen, Zierschalen, Aschenbecher und Gedecke. Besonders begehrt waren die Kaffee- und Mokkagarnituren, welche im Auftrag der Porzellanfabrik Rosenthal, Selb, direkt an die Firma WMF geliefert werden mussten.

Mitte der fünfziger Jahre trat nun für die Teilhaber eine sehr ernst zu nehmende Frage auf. Um für die kommenden Zeiten konkurrenzfähig zu bleiben und auch in der Herstellungsdauer keinen Rückschlag zu erleiden, musste die Erstellung eines Tunnelofens in Betracht gezogen werden. Unter den gegebenen damaligen Umständen wäre es unmöglich gewesen, auf einer Fort-setzung der Produktion mit der jetzigen Stammbelegschaft zu bestehen, zudem die Porzellanindustrie mit ca. 50 % der Gestehungskosten zur lohnintensivsten Branche zählte. An eine Verwirklichung des Tunnelofenbaues zu gehen, scheiterte aber an der Zahl der vorhandenen Arbeitskräfte. Zur Beschickung des neuen Ofens wären mindestens 130 bis 150 Fachkräfte notwendig gewesen. Die fehlenden ca. 50 Personen konnten aber in-folge des herrschenden Arbeitskräftemangels unmöglich gewonnen werden. Da außerdem die Gestehungskosten dieses Bauprojektes mit rund 11/4 Million Mark veranschlagt wurden, konnte man sich unter den gegebenen Umständen keine Rentabilität mehr erhoffen und nahm von diesem Bau Abstand.

Nachdem sich auch keine Käufer für die alte Produktionsstätte fanden, wurde deren Stilllegung beschlossen und 1961 vollzogen. Von 1961 bis April 1962 pachtete die Winterling Porzellanfabrik Kirchenlamitz die Gebäude und beschäftigte hier nur die Maler Im April kündigte die Pächterin den Vertrag wieder. Damit wurde bewiesen, dass es dieser Firma nur um eine verschleierte Abwerbung der Belegschaftsmitglieder ging, die dann in Kirchenlamitz und Röslau eingestellt wurden. Sofort an¬schließend aber übernahm die Möbelfirma Horst Grünthal aus Bamberg den gesamten Gebäudekomplex in Pacht und errichtete in ihm ein Möbelauslieferungslager.

Damit gehörte ein Betrieb unserer Stadt nach rund vierzigjährigem Bestehen der Vergangenheit an. Wohl die ganze Bevölkerung und auch die ehemaligen Großabnehmer bedauerten diese plötzliche Auflösung des Betriebes, denn die Qualität und Formschönheit seiner Erzeugnisse wurden stets allseits anerkannt.