Porzellanfabrik Zeh & Scherzer Rehau
Zusammenfassung
Porzellanfabrik Zeh & Scherzer Rehau Die Porzellanfabrik Zeh Scherzer wurde 1880 in Rehau mit angeschlossener Porzellanmalerei durch ein Konsortium Rehauer Bürger gegründet. Um 1908 Einrichtung einer Kunstabteilung; 1910 wird die Firma in eine AG umgewandelt; 1927 einer der grössten Bayerischen Export-Porzellanfabriken; In zwei Werken werden ca. 1000 Mitarbeiter beschäftigt. Das Unternehmen nimmt 1881 im November seine Produktion auf; 1982 bestehen bereits Geschäftsverbindungen zu England und den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Schweiz, Russland und Frankreich folgen. 1884 übersteigt das Exportgeschäft mit 60% merklich den Absatz im Inland. Schliesslich können 1886 auch Handelskontakte Nach Schweden und ein Jahr später nach Holland geknüpft werden.

Der Export nach Amerika erfährt ab 1886 eine deutliche Belebung und erlebt in den Jahren 1905-1907 seinen Höhepunkt. 1896 unternimmt Hans Zeh mit dem ersten deutschen Schnelldampfer, der Elbe, die für den Norddeutschen Lloyd fährt, eine Reise nach Amerikaa. Ihm ist die Kontaktpflege zu diesen wichtigen Geschäftspartnern offenbar von so grosser Bedeutung, dass er die Strapazen der Reise selbst auf sich nimmt und die amerikanischen Geschäftspartnern persönlich aufsucht.
Zu den bedeutendsten Geschäftspartnern entwickelt sich die Firma Borgfeldt CO. in New York, der die Firma Zeh Scherzer mit einem Vertrag vom 14. August 1892 das Exlusivrecht für den amerikanischen Markt einräumt. Glaubt man den Nachrichten in der 1955 erschienenen Beilage zum 75-Jährigen Firmenjubiläum der Porzellanfabrik, so geht der Einfluss der Firma Borgfeldt CO. über die eines Hauptabnehmers, der zweitweillig 70% der gesamten Produktion abnimmt, weit hinaus. Denn deren Mitarbeiter Mr. Kolb kommt jährlich ein- oder zweimal nach Rehau um namhafte Aufträge zu erteilen und in wochenlanger Arbeit mit seinen Mitarbeitern Fred Groh und Oskar W. Fax neue Musterkollektionen für die folgende Verkaufssaison zu schaffen. Die Fa. Borgfeldt CO. lässt Zeh Scherzer auch solche Waren produzieren, die ausschliesslich für den amerikanischen Markt bestimmt sind und verpflichtet sich in dem oben genannten Abkommen, alle im Rahmen dieses Auftrages produzierten Waren, also auch die überzähligen Stücke und den Ausschuss, vollständig zu übernehmen. Diese Abnahmeverpflichtung ist deshalb von Bedeutung, da sich die Porzellanfabrik, und sie sind mit Iherer Ehre dafür Verantwortlich, verpflichtet, keine derartigen Waren auf dem Kontinent oder dem amerikanischen Markt anzubieten oder zu verkaufen.

Diese Vereinbarung sehen die Geschäftspartner nicht als Contract, sondern sie vereinbaren eine innehaltung der Verpflichtung, die wir gegenseitig und ohne Zwang eingegangen sind, auf der Basis gegenseitiger Achtung des Entgegenkommens. Beide Partner schliessen in dieser Verpflichtung die gegenseitige Opferbereitschaft ein, wenn damit das Interesse der Gruppe gefördert wird. Das mündliche Abkommen, mit dem sich Zeh Scherzer durch Unterschrift in allen Punkten einverstanden erklärt, soll bis zum Mai des darauffolgenden Jahres gültig sein und sich, bei ausbleibender Kündigung um ein weiteres Jahr verlängern.
Kunstabteilung Zeh Scherzer Rehau
Die Kunstabteilung Zeh Scherzer wurde 1908/1910 in Rehau/Oberfranken gegründet und wurde vermutlich im Jahre 1914, vor Ausbruch des I. Weltkrieges geschlossen. Hauptaugenmerk der Kunstabteilung waren Zier- und höherwertiges Gebrauchsporzellan. Neben persen Vasen zählten auch Bonbonnieren und Zierteller zum ersten Sortiment der Kunstabteilung. Die Kunstobjekte wurden mit dem Schriftzug Zehscherzer Kunstabteilung neben der Bodenmarke gekennzeichnet. Nach Ende des I. Weltkrieges wurde die Kunstabteilung wieder zum Leben erweckt und in eine Luxus-Abteilung umbenannt. In der Hauptsache wurde figürliches Porzellan hergestellt und auch weiterhin auf die Dekore und Formen der Vorkriegsära zurück gegriffen. Das Sortiment bestehend aus Vasen, Bonbonnieren, Mokkatassen, Obstteller und Schalen entsprach weitgehend der vormaligen Kunstabteilung.
Organe und Kapital der Gesellschaft
Vorstand: Dipl.-Kaufmann Hugo Winterling, Rehau; Dr. Ernst Wölfel, Rehau. Aufsichtsrat: Oberstlt. z. V. Hans Modschiedler, Rehau, Vorsitzer; Dipl.-Ing. Architekt Karl Hertel, Rehau, stellv. Vorsitzer; Fabrikbesitzer Christian Linhardt, Rehau; Bauamtmann Hermann Stöhr, Hof (Saale); Dr. phil. habil. Ernst Zeh, Heppenheim (Bergstraße). Grundkapital: nom. RM 975.000,00 Stammaktien in 3250 Stücken zu je RM 300,00. Großaktionäre: Familien-Aktiengesellschaft.
Zweck und Gegenstand des Unternehmens (Organe und Kapital der Gesellschaft)
Zweck: Erwerb und Fortbetrieb der der Firma Zeh, Scherzer & Co. gehörigen Porzellanfabrik, Herstellung und Vertrieb von Porzellan. Spezialität: Tafel- und Kaffeegeschirre in modernen Formen und gut gangbaren Dekoren sowie Geschenkartikeln. Sehr leistungsfähig in Feston- und Hotelgeschirren. Export nach allen Ländern. (Vorstand: Dipl.-Kaufmann Hugo Winterling, Rehau; Dr. Ernst Wölfel, Rehau. Aufsichtsrat: Oberstlt. z. V. Hans Modschiedler, Rehau, Vorsitzer; Dipl.-Ing. Architekt Karl Hertel, Rehau, stellv. Vorsitzer; Fabrikbesitzer Christian Linhardt, Rehau; Bauamtmann Hermann Stöhr, Hof (Saale); Dr. phil. habil. Ernst Zeh, Heppenheim (Bergstraße). Grundkapital: nom. RM 975.000,00 Stammaktien in 3250 Stücken zu je RM 300,00. Großaktionäre: Familien-Aktiengesellschaft.).
Porzellanfabrik Zeh & Scherzer
Am 2. November 1880 schließen sich sechs wohlhabende und vom Unternehmergeist erfüllte Bürger der oberfränkischen Stadt Rehau zusammen, um die Porzellanfabrik Zeh, Scherzer & Cie. als offene Handelsgesellschaft zu gründen. Es ist wohl besonders Hans Zeh, auf dessen Initi- ative hin das Unternehmen zustande kommt. Der Rehauer Hefefabrikant und Mühlenbesitzer hält sich oft im nahe gelegenen Karlsbad auf, wo er häufig mit böhmischen Porzellanfabrikanten zusammentrifft. Diese Begegnungen und die sichtbaren Erfolge bereits gegründeter Unterneh- men in der näheren Umgebung lassen in ihm den Plan reifen, selbst eine Porzellanfabrik zu errichten.
Er und die fünf anderen Gründungsmitglieder werden als persönlich haftende Gesellschafter eingetragen und legen jeweils 30.000 Mark in die Unternehmung ein. Die Dauer der Gesellschaft wird zunächst auf 33 Jahre festgelegt. Auf einem neu erschlossenen Gelände neben der Hefefabrik des Direktors Hans Zeh entsteht die Porzellanfabrik, die am 15. Oktober 1881 fertig gestellt wird. Da alle Gründer fachfremde Personen sind, wird bereits am 15. November 1880 der Kaufmann und Techniker Theodor Kötschau unter Vertrag genommen, den sie mit der Errichtung der Fabrik und der technischen Betriebsleitung betrauen.
Da die Planungen den finanziellen Rahmen der maßvoll operierenden Gesellschaft ausschöpfen, werden weitere Geldgeber gesucht. Das Konsortium kann 1881 nochmals fünf investitionsfreudige Unternehmer gewinnen, die sich ebenfalls mit einer Einlage von jeweils 30.000 Mark betei- ligen. Ihr Beitritt wird in einem Nachtrag zu dem bestehen- den Gesellschaftsvertrag notariell niedergelegt. Mit dem Vertrag ist die finanzielle Grundlage für die stetige Weiter- entwicklung der Firma geschaffen.
Noch ist die Frage offen, welches Markenzeichen man für die Porzellanware verwenden soll. Es wird augenscheinlich ein Signet gesucht, das alle Beteiligten und den Herstellungsort des Porzellans miteinander verbindet. Man entscheidet sich schließlich für das Wappen Rehaus, ein zwischen zwei Bäumen springendes Reh. Die Porzellanfabrik setzt das Wappenmotiv in ein mehrfach geschweiftes Rechteck und lässt es zum 3. August 1882 in das Reichswarenzeichenregister eintragen. Teilweise wird die- ses Motiv mit dem Schriftzug „Z.S.&Cie.“ (doppelt unterstrichenes „ie“) kombiniert. Später wird das Porzellan mit einer kleinen Krone gekennzeichnet, die meist mit „Zeh Scherzer“ unterschrieben ist.
Erste Erweiterungen
Die wirtschaftliche Entwicklung der Porzellanfabrik ist so gut, dass man sich gezwungen sieht, erste Erweiterungen in Angriff zu nehmen. Zwischen 1882 und 1903 wird in mehreren Bauabschnitten die Fabrik ausgebaut. Zur gleichen Zeit richtet die Porzellanfabrik Zeh, Scherzer & Cie. ein eigenes elektronisches Netz ein. Die Anbindung der Stadt Rehau an die Trasse der Eisenbahn macht sich auch die Porzellanfabrik zunutze. Sie verfügt über einen eigenen Gleisanschluss. Die Rangierlok bewältigt in dieser Zeit einen jährlichen Güterumschlag von 1.200 Waggons mit Kohlen, Rohstoffen, Porzellan und den anfallenden Abfällen. Das Unternehmen nimmt im November 1881 seine Produktion auf, 1882 bestehen bereits Geschäftsverbindungen nach England und in die Vereinigten Staaten von Amerika. Die Schweiz, Russland und Frankreich folgen. 1884 übersteigt das Exportgeschäft mit 60% merklich den Absatz im Inland. Schließlich können 1886 auch Handelskontakte nach Schweden, ein Jahr darauf in die Niederlande geknüpft werden.
Der Export nach Amerika erfährt ab 1886 eine deutliche Belebung und erlebt in den Jahren 1905 bis 1907 seinen Höhepunkt. 1886 unternimmt Hans Zeh mit dem ersten deutschen Schnelldampfer, der „Elbe“, eine Reise nach Amerika. Für Ihn ist die Kontaktpflege zu diesen wichtigen Geschäftspartnern offenbar von so großer Bedeutung, dass er die Strapazen der weiten Reise selbst auf sich nimmt.
Zum bedeutendsten amerikanischen Geschäftspartner entwickelt sich die Firma Borgfeldt & Co. in New York, der mit einem Vertrag vom 14. August 1892 das Exklusivrecht für den amerikanischen Markt eingeräumt wird. Die New Yorker Firma nimmt zeitweilig 70% der gesamten Produk- tion ab. Vertreter der Firma kommen alljährlich ein- bis zweimal nach Rehau, um namhafte Aufträge zu erteilen und in wochenlanger Arbeit neue Musterkollektionen für die folgende Verkaufssaison zu schaffen. Sie lässt auch solche Waren produzieren, die ausschließlich für den amerikanischen Markt bestimmt sind und verpflichtet sich in einem Abkommen, alle im Rahmen dieses Auftrages produzierten Waren, also auch die überzähligen Stücke und den Ausschuss, vollständig abzunehmen.
Der Betrieb erfüllt 1913 alle Anforderungen an eine moderne großindustrielle Anlage mit 14 Rundöfen, in der 650 Arbeiter beschäftigt sind. Vergleichszahlen aus dem Jahr 1912 veranschaulichen die Bedeutung dieses Betriebes für das Bezirksamt Rehau. Hier sind es insgesamt 114 Rund- öfen mit 6.091 Arbeitern. Dabei arbeitet mehr als die Hälfte aller oberfränkischen Porzelliner in diesem Bezirksamt, zu dem auch die Porzellanstadt Selb gehört.
Umwandlung in eine Aktiengesellschaft
Der Motor der Gründungs- und Aufbauphase ist Hans Zeh, dessen Tatkraft es zu verdanken ist, dass die Fabrik einer steten Aufwärtsentwicklung folgt. Als Mitbegründer des „Verbandes deutscher Porzellangeschirrfabriken“ und erfolgreicher Unternehmer verschiedener Betriebe ist er auch außerhalb Rehaus bekannt. 1909 wird er zusammen mit Philipp Rosenthal in den Aufsichtsrat der Porzellanfabrik Moschendorf AG berufen. Zu gleicher Zeit laufen Bestrebungen, die Rehauer Fabrik in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln.
Die Gesellschaftsvereinbarungen werden mit den Urkunden vom 25. Juni und 13. Juli 1910 notariell niedergeschrie- ben, der Eintrag in das Handelsregister Hof, GR Rehau I, erfolgt am 7. Oktober des Jahres. Der inzwischen zum Kommerzienrat ernannte Hans Zeh und der Kaufmann und bisherige Prokurist Ludwig Woelfel werden zu Vorstandsmitgliedern ernannt, die den Titel „Direktor“ führen und die Firma leiten. Zum 21. Mai 1912 scheidet Hans Zeh, inzwischen 67-jährig, aus dem Vorstand aus und wechselt in den Aufsichtsrat, dem er als Vorsitzender und Mitglied bis zum 16. April 1915 angehört.
Eine Zeit lang führt Ludwig Woelfel das Unternehmen nun allein. Erst im Mai 1913 wird ihm vorübergehend, bis 1915, der Kaufmann Karl Greiner als Direktor an die Seite gestellt. Der Posten Greiners bleibt dann bis 1926 unbesetzt. Erst jetzt benennt man wieder ein zweites Vorstandsmitglied, Hans Schmidt, zuletzt Fabrikdirektor in Schönwald. 1928 scheidet auch Ludwig Woelfel als Kom- merzienrat aus, bleibt der Firma aber noch bis zu seinem Tod im Jahre 1930 als Aufsichtsratsmitglied verbunden.
Noch unter seiner Führung erwirbt die Zeh, Scherzer & Co. AG im Jahr 1924 die Elster-Porzellanwerke AG Mühlhausen. Diese Investition erweist sich allerdings als Fehlkalkulation, denn die Verluste der kommenden Jahre müssen vom Hauptwerk aufgefangen werden. Trotzdem bleiben die beiden Betriebe mehrere Jahre miteinander verbunden, bis das Zweigwerk im Januar 1933 wieder abgestoßen wird. Damit ist die Verbindung der beiden Werke allerdings noch nicht beendet. Im Geschäftsbericht 1937 berichtet der Vorstand der Zeh, Scherzer & Co. AG, dass der Zweigbetrieb im Wege der Zwangsversteigerung „wieder in unseren Besitz gekommen“ ist. Doch auch diesmal trennt man sich wieder von dem Werk, das gegen Ende des Jahres 1938 veräußert wird.
Hans Schmidt bekleidet nun den Posten des Vorstandes. Am 17. Mai 1929 werden der Diplom-Kaufmann Hugo Winterling und der Chemiker Dr. Ernst Wölfel als seine Stellvertreter ins Gesellschaftsregister eingetragen. Am 10. Juli 1929 scheidet Hans Schmidt mit Eintragung ins Handelsregister als Vorstand aus. Er wechselt als Geschäftsführer zur Porzellanfabrik Eschenbach.
Die Ära Hugo Winterling
Hugo Winterling und Dr. Ernst Wölfel werden nun zu ordentlichen Vorstandsmitgliedern ernannt. Das Recht zur alleinigen Vertretung der Gesellschaft spricht der Aufsichtsrat nur Hugo Winterling zu. Der Ausbau der Porzellanfabrik, hinsichtlich der baulichen Ausdehnung, ist vor dem Ersten Weltkrieg vorerst abgeschlossen. Die Firmenleitung konzentriert ihre Kräfte angesichts der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung auf Instandsetzungen und vorsichtige Erneuerung des Bauzustandes. Auch die technischen Einrichtungen können nur in geringem Maße modernisiert werden.
Die Exporte, die das Inlandsgeschäft bei Weitem überstei- gen, finden mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges ein jähes Ende. Die Überschwemmung des amerikanischen Marktes mit konkurrenzlos billigem japanischem Porzellan, die zunehmend stärker werdende Konkurrenz aus England und die ebenfalls qualitativ hochwertigen tschechischen Produkte, setzen auch diesem Unternehmen zu. An den Vorkriegszustand kann man im Laufe der Firmengeschichte nie mehr anknüpfen, wenn auch das Unternehmen 1927 zu den größten bayerischen Exportfabriken gehört. Der nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 einsetzende Boykott bringt das Geschäft mit Amerika gänzlich zum Erliegen. Die Einbußen sucht die Firma durch die Konzentration auf das Inland und den europäischen Markt aufzufangen, bis auch diesmal wieder der Ausbruch eines Krieges, des Zweiten Weltkrieges, das Geschäft nahezu zum Erliegen bringt.
Die Nachkriegszeit
Ludwig Woelfel baute die Fabrik zu einem Werk auf, dessen Ausdehnung hinsichtlich der Fabrikgebäude noch 1930 – im Jahr des 50-jährigen Jubiläums – Bestand hatte, und infolge der wirtschaftlichen und politischen Ereignisse noch bis Anfang der fünfziger Jahre unverändert bleibt. Den Zustand der Porzellanindustrie beschreibt Hugo Winterling in einer Denkschrift vom 28. Februar 1950 wie folgt: „Bereits vor dem Krieg und besonders während des Krieges war es der Porzellanindustrie nicht möglich, technische Verbesserungen durchzuführen, so dass sie heute gegenüber der ausländischen Konkurrenz um ca. 15 bis 20 Jahre zurückliegt.“ In den kommenden Jahren gelingt es der Firmenleitung, die nach dem Ausscheiden Dr. Ernst Wölfels im Jahr 1954, allein dem Vorstand Hugo Winterling obliegt, das Werk hinsichtlich der Gebäude auszubauen und zahlreiche innerbetriebliche Verbesserungen durchzuführen. Im Jahr 1950 produziert die Zeh, Scherzer & Co. AG zu 80% Haushaltsgeschirr, 20% der Produktion entfallen auf Zierporzellane und Geschenkartikel, wie z.B. Vasen und Dosen.
Die in- und ausländischen Kundenkontakte können erst nach Kriegsende durch persönliche Besuche wieder müh- sam aufgebaut werden. Zudem ist der inländische Absatz durch die Einfuhr „ostzonaler“ Produkte erschwert, was auf die niederpreislichen Lieferbedingungen zurückzuführen ist. Seitens der Porzellanfabrik konstatiert man: „Während sich das Inlandsgeschäft zu Beginn des Jahres 1950 schwieriger gestaltete, kann augenblicklich eine Belebung des Exportes festgestellt werden.“ Bis 1955 kann das Unter- nehmen den Export auf nahezu die Hälfte der hauseigenen Porzellanproduktion steigern.
1955 feiert die Zeh, Scherzer & Co. AG ihr 75-jähriges Bestehen. Zu diesem Zeitpunkt hat das Unternehmen 850 Mitarbeiter. In den Städten Hamburg, Köln und München unterhält man eigene Musterzimmer. Engagierte Mitarbeiter vertreten die Porzellanfabrik Zeh, Scherzer & Co. AG in 13 europäischen Ländern, im nahen Orient, in Nord- und Südamerika, Australien und Neuseeland. Im November 1960 wird die Herstellung von Geschenkartikeln aus Rationalisierungsgründen eingestellt und fortan werden nur noch Tafel- und Kaffeegeschirre produziert. Im Verlauf der nächsten 25 Jahre lassen tiefgreifende Rationalisierungsmaßnahmen den Personalstand auf 470 Mitarbeiter im Jahr 1980 schrumpfen. Trotz des Rückgangs der von den Mitarbeitern geleisteten Arbeitsstunden von 1.600.000 auf 670.000, also um 58%, kann die Produktion von 2.550 Tonnen jährlich gegenüber 2.700 Tonnen im Jahr 1955 nahezu beibehalten werden.
Die Porzellanfabrik Zeh, Scherzer & Co. AG und Alfred Winterling
Direktor Hugo Winterling leitet die Geschicke der Porzellanfabrik mehr als 30 Jahre. Er bleibt bis zu seinem Tod am 14. April 1962 in der Firma tätig. Seine Nachfolge tritt sein Sohn Alfred Winterling an. Mit den Handelsregistereinträgen vom 15. November 1955 erteilt man dem Diplom-Kaufmann Alfred Winterling – die Firma besteht 75 Jahre – Gesamtprokura und bestellt ihn am 12. Juni 1962 zum alleinigen Vorstand. Der baulichen Ausweitung des Unternehmens setzt das vorhandene Grundstück Grenzen. Man beschließt deshalb, sich von einzelnen Gebäudeteilen zu trennen. Zwischen 1959 und 1968 reißt man drei Gebäude ab und ersetzt sie durch Neubauten. Auch in den siebziger Jahren werden neue technische Anlagen installiert. 1973 verlegt das Unternehmen die Schmelze und errichtet einen InglasurOfen, um, wie auch die Konkurrenz, die gesteigerte Inlandsnachfrage nach spülmaschinenfestem Geschirr befriedigen zu können.
Noch anlässlich seiner Festrede zum 100. Firmenjahrestag 1980 zählt Alfred Winterling zahlreiche Investitionen auf, die den Fortbestand des Unternehmens gewährleisten sollen. So sollen beispielsweise für eine effizientere Produktion und die Einsparung von Handarbeit „neuzeitliche Fertigungsstraßen und Großgeschirranlagen“ angeschafft werden. Auch beteiligt man sich an der Weiterentwicklung von Herstellungsverfahren für Flachporzellane. Im Jubiläumsjahr beträgt die Zahl der Mitarbeiter 460 Personen. Personell ergeben sich in den achtziger Jahren Veränderungen hinsichtlich des Vorstands: 1984 wird der Diplom- Kaufmann Ludwig Hauenstein als weiteres Vorstands- mitglied bestellt, 1989 der Diplom-Ingenieur Gotthard Meusel. Ludwig Hauensteins Tätigkeit endet im April 1990, Gotthard Meusels Tätigkeit im Januar 1991. Trotz flächendeckender Investitionen und Entwicklungsarbeit kann der schleichende Verfall des Unternehmens nicht aufgehalten werden. Die Porzellanindustrie klagt seit Jahren über sinkende Umsätze. Anfang der neunziger Jahre brechen die Preise für Porzellan um mehr als 30 % ein. Gemessen an der Produktion und der Beschäftigung hat sich die Porzellanbranche halbiert.
Am 5. Mai 1992 beschließt die Hauptversammlung der Aktiengesellschaft eine maßgebende Ergänzung in der Gesellschaftssatzung. Nicht mehr die Herstellung und der Vertrieb von Porzellan allein sind nun Gegenstand des Unternehmens, sondern auch die „Vermögensverwaltung“. Bereits im März 1992 ist das bestehende Personal von ca. 100 Mitarbeitern mit Abwicklungs- und Aufräumarbeiten beschäftigt. Einen Teil der Produktmodelle veräußert man an die Ilmenauer Porzellanfabrik „Graf Henneberg“. Die Firma Rehau AG & Co. erwirbt die Gebäude und das Firmenareal. Im Juni 1993 lässt man die nicht mehr sanierungsfähigen Gebäudeteile abreißen. Mit der Übergabe der verkauften Grundstücke und Gebäude im Jahr 1992 wird die Verwaltung in die Sofienstraße 15 in Rehau verlegt, wo bis zum 30. September 2002 ein Büro aufrechterhalten wird. Heute befindet sich der Firmensitz in der Friesenstraße 50 in Köln.
Die Umwandlung in eine Beteiligungsgesellschaft
Im November 2000, noch vor dem Tod von Alfred Winterling am 22. Januar 2001, beginnt man mit Überlegungen über die Auflösung der Aktiengesellschaft Zeh, Scherzer & Co. AG. Nach Alfred Winterling wird Wolfgang Finkel als Vorstand berufen. Anfang Mai 2001 führt die Allerthal-Werke AG mit den größten Aktionären der Zeh, Scherzer & Co. AG Vereinbarungen herbei, durch die die Allerthal-Werke AG über die qualifizierte Mehrheit an dieser Gesellschaft verfügt. Die Allerthal-Werke AG betreibt ab 2001 aktiv die Neu- ausrichtung der Gesellschaft. Dazu gehört im ersten Schritt die Bündelung des Kapitals mit der Durchführung eines freiwilligen öffentlichen Kaufangebotes noch in 2001. Hierdurch konnte die Allerthal-Werke AG ihren Anteilsbesitz vorübergehend auf 89,85% erhöhen. Am 19. Juni 2001 wird Dirk Meyer-Heyne zum Vorstands- mitglied bestellt. Wolfgang Finkel scheidet am 26. Juni 2001 aus dem Vorstand aus. Mit Handelsregistereintragung vom 28. September 2001 scheidet auch Dirk Meyer-Heyne als Vorstand aus. Sein Nachfolger als Vorstand wird Dr. Georg Issels mit der Handelsregistereintragung vom 28. September 2001.
Im nächsten Schritt wird die Gesellschaft an die Anforderungen einer modernen Publikumsgesellschaft angepasst. Hierzu gehört die Beschlussfassung über die Umstellung des Grundkapitals auf Euro, die Neustückelung und die Umwandlung der Nennbetragsaktien in Stückaktien, die Herabsetzung des Grundkapitals und die endgültige Neustückelung der Stückaktien. Zusätzlich wird in der Hauptversammlung vom 27. Mai 2002 die vollständige Neufassung der Satzung beschlossen. Mit den beschlossenen Maßnahmen einher geht die Herstellung der Girosammelverwahrfähigkeit der Aktien der Gesellschaft. Schließlich werden Anteile an der Gesellschaft bei institutionellen Anlegern platziert, so dass sich der Anteil der Allerthal- Werke AG auf 74,84% reduziert. Durch die geplante Aufnahme der Notiz der Gesellschaft in die Preisfeststellung im Freiverkehr wird die Gesellschaft in die Lage versetzt, ihre unternehmerische Tätigkeit mit Hilfe des Kapitalmarktes auszubauen. Mit Beschluss der Hauptversammlung vom 24. August 2005 wird der Firmenname geändert. Damit heißt die Zeh, Scherzer & Co. AG fortan Scherzer & Co. AG. Im Jahr 2005 kann die Neuausrichtung der Gesellschaft erfolgreich abgeschlossen werden. Durch zwei Kapitalerhöhungen, die im Juni und Dezember 2005 ins Handelsregister eingetragen werden, kann das zum Jahresanfang bestehende gezeichnete Kapital von 883.750 EUR auf 13.609.750 EUR erhöht werden. Die Gesellschaft wird durch die Kapitalmaßnahmen in die Lage versetzt, ihren Geschäftsbetrieb deutlich auszuweiten. Mit zwei weiteren Kapitalerhöhungen in den Jahren 2006 und 2007 kann das gezeichnete Kapital auf insgesamt 27.219.499 EUR gesteigert werden.
Am 26. Mai 2008 beschließt die Hauptversammlung die Änderung des Unternehmensgegenstandes: Gegenstand des Unternehmens ist fortan ausschließlich „der Erwerb und die Veräußerung sowie Verwaltung von Beteiligungen an anderen Gesellschaften und Unternehmen sowie die Kapitalanlage in sonstige Vermögensgegenstände jeder Art zum Zwecke der Renditeerzielung“. Mit der Handelsregistereintragung zum 26. Juni 2008 ist die Herstellung und der Vertrieb von Porzellan nicht mehr Gegenstand der Unternehmung und das Kapitel „Porzellanmanufaktur“ ist somit abgeschlossen.
Recherche, Text und Bildredaktion: Felix Lankes Quelle: Münzer-Glas, Beatrix & Metzel, Herwarth (2002): GründerFamilien – Familien Gründungen, Hrsg. Zentrales Archiv für die Deutsche Porzellanindustrie Mit freundlicher Unterstützung des Deutschen Porzellanmuseums, Hohenberg.








