Heinrich Selb

Geschichte der Franz Heinrich Porzellanfabrik

aus der Erzählungen von Kurt und Marianne Piepenstock

Der schweigsame, hagere Vater verlangte von seinem Ältesten, dass er überall mit Zugriff, zu Hause in Stall und Scheune, beim Brauen des Bieres in der Kommune, und draussen auf dem Feld. Vier Stunden Arbeit hatte er meistens hinter sich, wenn er zur Schule ging oder später, in der Lehrzeit, in die Fabrik. In der Karwoche 1856 hatte ein zehrendes Feuer den grössten Teil der Stadt vernichtet. Häuser und Webstühle waren zu Asche verfallen, die meisten Selber ihrer Wohnstatt und Arbeit beraubt. Jedoch wenige Wochen vor dem Brand hatte Lorenz Hutschenreuther um die Konzession zur Errichtung einer Porzellanfabrik nachgesucht. Und schon nach wenigen Jahren begann sich bescheidener Wohlstand in Selb zu entfalten. Das Elternhaus des jungen Franz Heinrich war 1856 eingeäschert worden. In der einfach schlichten und sparsamen Bauart wurde es wieder errichtet, die den kargen Mitteln des herben Landes entsprach. Franz Heinrich wusste, wie schwer sein Vater sich plagen musste und dass er ihn gebraucht hätte. Künftig musste er jedoch seinen eigenen Weg zu gehen suchen. Einen Weg, der wohl nicht leichter sein würde, der ihn auch ins Joch beugen mochte, aber in das der freiwillig übernommenen Pflicht. Nach dem Abendessen war es dann soweit. Der Vater stopfte sich seine Pfeife und fragte nebenher: "Was willst Du jetzt machen"? Selbstständig möcht ich arbeiten!" Betreten schweigen die Geschwister. Spott zuckt um den schmalen Mund des Vaters. Aber im schmächtigblassen Gesicht der kränkelnden Mutter ruht ein gutes Lächeln, das den Jungen fortfahren lässt: "Ich brauch kein Geld. Nur eine Stube gib mir! Eine Muffel möcht ich bauen, Weißgeschirr kaufen, bemalen und selbst vertreiben!" Vom Vater, der noch vier jüngere Kinder zu versorgen hatte, konnte er nichts erwarten. Der ihn still beobachtete Vater mochte ahnen, wie es ihn trieb. Er erlaubte, dass Franz eines der Zimmer bekam. Mochte er denn sehen, wie er fertig wurde! Während er schweigsam an seiner Pfeife zog, sann Vater Heinrich zurück. Seit 1703 war die Familie in Selb. Als Lehensleute des Marktgrafen Christian Ernst waren sie vordem auf dem Pfaffenhof in Vielitz ansässig. In Selb wurden die Heinrich's Besitzer eines Zwölfkammergüter. Zu den verschiedenen Rechten gehörte auch das des Brauens für die Kommune. Sobald das frische Bier angezapft war, wurde seit Generationen der glänzende Bierkegel strassenwärts gezogen. Jahrhundertelang hatten die Heinrich's das Feld bestellt und in der Gemeinde mit beraten - und nun wollte ein Heinrich den neuen Weg gehen, den eines Unternehmers. Ja, der Vater verstand seinen Sohn. Aber er empfand, dass er es nicht leicht haben würde.

  

In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts war Deutschland mächtig aufgeblüht. Man konnte es auch im Selb erleben. Es gab grosse Fabriken, in deren Schatten viele kleinere Betriebe ihr Auskommen fanden. Nur eines war den sinnenden Alten nicht ganz verständlich, dass nämlich soviele Firmen, deren Gründer man persönlich oder mit Namen kannte, sich zu Gesellschaften zusammenschlossen und ihre Bedeutung durch grosse Summen ausdrückten, bei denen ihm, den einfachen Mann schwindelte. Dem jungen Wagemut seines Sohnes Franz mochte es nicht leicht werden inmitten der sich entfaltenden wirtschaftlichen Macht.

Matt und fahl

Anstelle des alten Backofens stand nun eine kleine Muffel zum Brennen des bemalten Porzellans im Zimmer. In einer Ecke war das gekaufte weiße Geschirr gestapelt: Teller und Tassen, Milchkrüge und Kaffeekannen, Zuckerdosen und Aschenbecher. Und eine Arbeiterin war auch schon eingestellt. Eifrig und fröhlich begann Franz Heinrich als sein eigener Herr das Weißporzellan zu bemalen. Matt und fahl wirken die auf der Glasur bemalten Porzellanfarben, bevor sie in der Glut des Feuers zu wundersamen Glanz erstrahlen und innig die Malerei mit der Glasur zu unlösbarer Einheit verschmiltzt. Die erste Schmelzmuffel, die sich Franz Heinrich im elterlichen Haus baute, war eine einfache Standmuffel mit einem Fassungsvermögen von ungefähr 0,75cbm. Bei grossen Teilen, wie Kannen, Terrinen oder Vasen, passten nur einpaar Stück in den Füllraum. Für jede Füllung musste die Muffel mit Holz bis zu 600-850° C erhitzt werden, da erst bei dieser Temperatur die Farbe einschmiltzt. Seine Ersparnisse hatte Franz Heinrich für Weißware, Farben und Arbeitsgeräte verbraucht. Zum Brennen aber gehörte Holz und auch Holz kostet Geld. Da jedoch Vater Heinrich sah, wie entschlossen und tatkräftig sein Ältester arbeitete, liess er gern das nötige Holz zuerst einmal von seinem Stapel nehmen. Die ersten Schmelzbrände glückten. In satten frühlingsfarben leuchteten die geschmackvollen Muster auf dem schimmernden Porzellan. Getrost packte Franz Heinrich seine Meisterstücke in Koffer und reiste in die näher gelegenen Städte, um den besseren Fachgeschäften seine Proben vorzulegen.

Sie gefielen und gute Aufträge durfte er mit nach Hause nehmen. Der erste Schritt war gelungen. Eifrig wurde an der Fertigungstellung der Aufträge gearbeitet und schon bald reichte weder der Raum noch die eine Arbeiterin aus. Schon ein Jahr später konnte er sich eine Doppelstandmuffel bauen, die aber auch nicht mehr als 1,5 cbm Fassungsvermögen hatte. 1904 wurde eine moderne Schmelzanlage gebaut, eine kohlenbeheizte sogenannte Fürbringer-Muffel, durch die sich die Schmelzkörbe hufeisenförmig schoben. Als eine der ersten Geschirrfabriken in der Porzellanstadt Selb war die Firma Heinrich & CO. im Besitz einer ganz modernen Schmelzanlage, mit mehreren Elektromuffeln und eines grossen elektrischen Zweibahn-Ofens.

Wiedereinmal

war Franz Heinrich von seiner Tour zurückgekommen. Nun saß er in der leeren Stube im elterlichen Haus am grossen Tisch und reihte seine Zahlen untereinander. Gut waren die Aufträge, die er in Nürnberg, Würzburg und Bamberg erhalten hatte. Mit einer Arbeiterin waren sie aber nicht mehr zu bewältigen. In zwei Monaten musste alles geliefert sein. Zum Bedienen des Ofens hatte er ohnehin schon einen Schmelzer angenommen. Nun würde er aber noch gut zwei Maler brauchen. Und eine Packerin. Wo sollte auch die Weiß- und Fertigungware hin, nachdem er jetzt grössere Posten einkaufen konnte? Aus der Westentasche holte er ein kleines zerknittertes Büchlein, in das er jede Woche das Ersparte eingetragen hatte. Für sich brauchte er keinen Pfennig, nicht für eine Zigarre, kaum für ein Glas Bier. Am andern Tag sprach er mit Herrn Adolf Gräf, der ihm schon zu verstehen gegeben hatte, dass er ganz gern ein wenig Geld bei ihm anlegen und mitarbeiten wollte. Rasch wurden sie einig, als Männer, die nicht zaudern. Über die Strasse stand eine Scheune, geräumig, wetterfest. Sie wird von der jungen Firma Heinrich & Gräf gemietet und diente als Lagerraum.

Bald erweist es sich aber als störend, bei jedem Wetter, Regen und Schnee die Weißware oder die fertigen Geschirre über die Strasse zutragen. Franz Heinrich geht in die Küche zur Mutter, die Strümpfe strickt. Wieder rechnet er und sinnt. "Mutter wenn ich selbst bauen könnte"? Erschrocken sieht die Mutter von ihren Nadeln auf und lässt die müden Hände in den Schoß sinken. "Wenn Dir der Vater die Wiese gäbe, drüben, in der Vielitzerstrasse"? Der Vater gab die Wiese. Bald wirken hilfreiche Nachbarhände und einige Arbeiter mit Franz Heinrich zusammen, das Haus an der Vielitzerstrasse zu bauen, den Kern und Grundstock der weitgedehnten Fabrikanlagen. Der Bau bereitet Franz Heinrich manche schlaflose Nacht. Unheimlich türmen sich viele Sorgen auf, aber energisch geht er jeden Problem auf den Grund und wird damit fertig. Manche in Selb schelten ihn einen Narren, manche finden ihn geizig, da er jeden Pfennig dreimal umdreht, um pünktlich und gewissenhaft die Zahlungsfristen einzuhalten. Und die Arbeitzeit dehnt sich immer länger in die Nacht hinein, da ja der kleine Betrieb weiterläuft. Ehe noch die Sterne verglimmen, ist er am Bau und erst in der Nacht geht er schwer und müde zu kurzem Schlafen nach Hause. Die Aufträge holte nun Adolf Gräf herein. Franz ist in Selb nicht zu entbehren. Adolf Gräf scheidet als Teilhaber aus, verbleibt aber als Mitarbeiter. Wolfgang Hertel wird der neue Teilhaber. Die Firma nennt sich anno 1898 Heinrich & Hertel.

Franz Heinrich heiratete Jette Krippner. Vom Vater bekamen Sie das neben dem Heinrichschen Grundstück gelegene Wiese und Ziegel aus dem eigenen Betrieb. Im Herbst 1898 wurde das Haus eingeweiht und Hochzeit gefeiert! Leicht hatte es die junge Frau wahrhaftig nicht. Sechs Hände müsste sie haben, denn überall wird sie gebraucht. An einem Tag holt sie Weißware aus einer der Fabriken, und stapelt sie mit einer Arbeiterin ins Lager. Am anderen Tag ist sie von früh an in der Binderei und hilft beim Verpacken des fertigen Geschirrs, daneben führt sied Lohnlisten und Bücher, versorgt den Haushalt, ist immer der vergnügte gute Kamerad ihres Mannes. Nach zwei Jahren einträchtiger Zusammenarbeit stirbt Wolfgang Hertel. Das bringt neue Sorgen. Denn Franz Heinrich verliert nicht nur einen vortrefflichen Mitarbeiter, sondern er soll auch das Kapital seines Teilhabers zurückbezahlen. Freilich, das Kapital ist klein, aber schwer fällt die Rückgabe doch. Durch unermüdlichen Fleiß und sparsamstes Wirtschaften schafft er es. Schon 1901 beschäftigt er 50 Arbeiter. Mit Achtung spricht man am Ort und in Fachkreisen von der Heinrichschen Porzellanmalerei und mancher neidet dem Jungen die rasche Entwicklung. Franz Heinrich ist aber noch nicht zufrieden. Ihn drängt es, selbst Porzellan herzustellen, weil er nur dann zu den Qualitäten kommt, die er braucht.

Prinzessin Porzellan

ist ein zerbrechliches und auch garnicht leicht zu behandelndes Geschöpfchen, das seine letzten Geheimnisse nicht preisgibt. Prinzessin Porzellan ist anspruchsvoll: nur von behutsamen Händen lässt es sich aus feinsten Material zu den Köstlichkeiten bilden, die uns stets entzücken. Er Porzellan formen und gestalten will, muss alle Geheimnisse dieses edelsten keramischen Materials kennen. Die Modellstube ist daher recht eigentlich das Herz der Fabrik. Weil nicht nur von der Reinheit und Feinheit des Scherbens und der Geschmackssicherheit der verwandten Dekore Rang und Wert einer Porzellanmarke abhängen, sondern vor allem von den Formen, die Prinzessin Porzellan gegeben werden. Der neue Formen entwerfende Künstler muss aber nicht nur mit dem Material und Verarbeitungsgang vertraut sein, sondern auch den Markt kennen, für den die Modelle bestimmt sind. Er muss wissen, für welche mutmasslichen Abnehmer er zu gestalten hat und welche Bedürfnisse seine Arbeit erfüllen soll. Die Kosten für ein neues Modell sind sehr aufwendig: Entwurf, Gipsmodell, Herstellung der Haupt- und Mutterform, Probefertigung, Anfertigung von tausenden von Arbeitsformen aus Gips und von Stanzwerkzeugen aus Metall erfordern beträchtlichen Aufwand. Darum bedarf es gründlicher Überlegung und Planung, ob ein neues Modell herausgebracht werden soll, oder ob bewährte alte Formen durch hübsche Dekore zu verjüngen sind.

Ich komme gerade zu einer Entwurfsbesprechung: der erste Modelleur, ein erfahrener Keramiker, hat für den Export nach Amerika ein vornehmes, nicht allzusehr der Mode unterworfenes Modell ausgearbeitet. Die Teller haben die grosse Eßfläche und schmale Fahne, die die Amerikaner schätzen. Er zeigt uns die Entwurfszeichnung, bei der er schon das mutmassliche Schwinden der Masse beim Brand berechnet hat. Um ungefähr 15-20% nehmen die Stücke nach dem Brand ab. Dies ist jedoch bei jeder Fabrik verschieden, weil jeder Hersteller die Masse anders zusammensetzt. Wenn die Eigenheiten der Porzellanmasse, zu schwinden und sich beim Brand zu setzen, nicht genau betrachtet werden, entstehen mißgestaltete Formen. Darum ist so manche theoretisch schöne Zeichnung eines schwungvollen Künstlers nicht auszuführen. Von der Fabrikationsart hängt auch der Gipsverbrauch ab. Die Firma Heinrich hat monatlich einen Bedarf von einigen Güterwagen voll, weil auch die Arbeitsformen immer wieder erneuert werden müssen. Für die zu drehenden Teile sind ausser der die Hohlform bildenden Arbeitsform noch die Aussenfläche prägende Schablonen erforderlich. Diese werden vom Oberdreher im Betrieb angefertigt. Auch bei den Schablonen muss genau die Schwindung der Masse beim Brand beachtet werden.

Eines Tages

kommt der hochangesehene Färbereibesitzer Ernst Adler aus den benachbarten Asch in den Betrieb und besieht sich alles genau. Im kleinen Kantor entwickelt ihm dann Franz Heinrich seine Pläne: Wenn ich mein eigenen Porzellan herstellen könnte, dann brauchte ich nicht mit dem zufrieden sein, was die Fabriken an Weißware abgegeben. Dann könnte ich mit der Zeit zu einem so feinen, kostbaren Scherben kommen, dass man Heinrich-Porzellan in der ganzen Welt begehrt. Zuerst müsste ich wohl die Masse und Glasur kaufen, bis sich der Betrieb soweit entwickelt hat, dass man auch die Maschinen und Anlagen zur Aufbereitung der Masse anschaffen kann. Wenn ich mir das Geld zum Bau des Brennofens, für die Dreherei, Gießerei und die vielen Nebenbetriebe zusammensparen muss, dauert es viele Jahre. Finanzieren Sie mir den Bau, dann steht er in einem Jahr, und darauf, dass ich für Sie eine gute Rendite herauswirtschaften, können Sie sich verlassen. Nach einpaar Jahren werden wir unsere eigene Masse machen können! Mit kühnen Gebärden unterstreicht Franz Heinrich seine Worte, denen Herr Adler ruhig zuhört. Wie kaum je in seinem Leben ist Franz Heinrich aus sich herausgegangen und lässt einen anderen hineinschauen in das Reich seiner Zukunftspläne. Lange schweigen die Männer. Dann fährt Franz Heinrich fort: " Sie wissen, Herr Adler, wie ich arbeite von früh bis in die Nacht, wie ich durchführe, was ich beginne. Meine Frau und ich brauchen fast nichts. Wenn Sie das Geld geben, dann sind Sie gesichert durch den Bau. Bestimmen im Betrieb möcht ich weiter allein als mein eigner Herr. Ohne lange Worte gibt Herr Adler dem viel jüngeren Mann die Hand; er wird stiller Teilhaber in die Firma Heinrich & CO. eintreten und Franz Heinrich die Verantwortung lassen. Er spürt, dass er vertrauen darf.

Im Jahre 1902

begann Franz Heinrich mit der finanziellen Unterstützung seines neuen Teilhabers Ernst Adler den Bau der Gebäude und Einrichtungen zur Herstellung von Porzellan. Die fertige Masse wurde jedoch ebenso wie die Glasur in den ersten Jahren von einer befreundeten Firma bezogen. "In Selb wird seit 1858 Porzellan erzeugt. Die generationenlate Erfahrung der Selber Porzellan Facharbeiter ist wesentliche Voraussetzung zu der Güte des nordbayerischen Porzellans". Das wusste Franz Heinrich genau. Das Heinrich-Porzellan sollte gut sein und schön in der Form. Dazu brauchte er vortreffliche Arbeiter. Er liess sich Zeit um sie zu finden, so wie der echte Könner sich zu zügeln weiß, bis er seiner besten Kraft gewiß ist. Am Stammtisch und bei seinen Einkäufen sah er sich aufmerksam nach guten Leuten um, von denen so mancher kam und frug, ob er nicht bei ihm mitarbeiten könnte. Die Arbeiter mochten spüren, dass Franz Heinrich einer der Ihren war, mit dem sie sich gern an eine gewaltige Aufgabe spannen wollten, einer, der mit ihnen durch dick und dünn ginge. Schon immer war für Franz Heinrich der längste Tag um Stunden zu kurz gewesen. In den Monaten, da die neuen Bauten entstanden und die Vorarbeiten zum Heinrich-Porzellan begannen, reichten die Tage gar nicht mehr. Er gehörte zu den glücklichen Menschen, die auch bei der stärksten lange währenden Anstrengung keinerlei Müdigkeit kannten. Er hätte nur zehn Hände haben mögen, um überall mitanzupacken.

Der alte Vater Blendinger sitzt vor mir, rüstig, klar, bedächtigt und erfreut, in seinen Erinnerungen kramen zu können. Er erzählt, wie er 1902 als Kapseldrehrer in die Firma Heinrich & CO. kam. Überall drängte die Arbeit, um zum ersten Brand zukommen. Viele Kapseln waren nötig. Franz Heinrich halb auch ihm bei der Arbeit, holte Material herbei, trug die fertigen Kapseln weg, bis abends zehn, elf Uhr. Auch am Sonntag wurde gearbeitet. Wer dachte an die Essenszeit? Die heitere Frau Jette musste schon mit Schweinebraten und Kartoffelknödeln zu den Arbeitenden kommen, die dann am Werktisch ihr Sonntagsmahl gemeinsam verzehrten. Und gemeinsam ihr Bier aus dem Maßkrug tranken. Die Arbeiter werkten im Akkord, und Franz Heinrich schaffte für zweie mit. Er hatte ja noch viel vor. Als dann später Franz Heinrich auch die Herstellung von Masse und Glasur in den eigenen Anlagen möglich war, trug er sorgfältig alle errechneten und erprobten Masse- und Glasur- Versätze in ein kleines Büchlein ein, das er bei seinen wichtigsten Dokumenten verwahrte. Franz Heinrich war seiner Aufgabe verfallen. Was Wunder, dass durch diese hingebende Arbeit Heinrich-Porzellan zu einem Begriff dies- und jenseits des Ozeans wurde. Sobald alle Stockwerke eines Brennofens gefüllt sind, werden die Türen vermauert. Jede Feuerstelle eines Ofens wird gleichmässig mit Braun- und Steinkohle bestückt. Die Kohlen werden auf der Rostfläche so verteilt, dass keine unverbrauchte Luft, also kein Sauerstoff, in das innere des Ofens dringt. Das Porzellan wird bei reduzierendem Feuer gebrannt, durch das es seinen schimmernd weissen Glanz erhält. Das reduzierende Feuer beginnt bei 1.050 - 1.100° C. Die dabei frei werdenen Kohlegase bewirken im Innern des Ofens die Reduktion des Porzellans. Elfenbeinporzellan erhält man durch Zusatz von Farbkörpern oder von Braunstein, das eine Oxydation des Porzellans bewirkt. Bei Heinrich-Elfenbeinporzellan ist Masse und Glasur gefärbt.

Als 1902

der erste Ofen angesteckt wurde, sah Ernst Adler, der verständnisvolle Teilhaber, lächelnd auf die fiebernde Ungeduld Franz Heinrichs, der am liebsten den Ofen selbst geschürt hätte. Graue Regenwolken hingen über Selb, und der schwelende Geruch der in den anderen Fabriken brennenden Öfen drang bis in die Heinrichsche Fabrik. Tiefe Erregung hielt Franz Heinrich gefangen. Ahnte einer der Umstehenden, was dieser erste Scharfbrand für ihn bedeutete, der vor 6 Jahren arm und arbeitslos aus der Kaserne heimgewandert war? Viel hatte er selbst geleistet, aber was wäre er gewesen ohne die helfenden Hände seiner Mitarbeiter, ohne das Vertrauen Herrn Adlers, ohne Gottes Segen, ohne den nie versagenden gütigen Humor seiner Jette, die auf mehr zu verzichten hatte als manche Arbeiterfrau, um ihm den Aufbau zu ermöglichen? Umsichtig leitete der Ansteller das Beschicken der Brennstellen, die unablässig gewaltige Mengen Kohle in sich fraßen. Bis 1838 hatte man gewaltige Buchenklötze zum Brennen verwandt. Dann versuchte man es mit Braunkohle und Torf, aber erst die Steinkohle gab die beste, Mißlingen verringernde Glut. Und dennoch blieb und bleibt jeder Brand spannungsreich. Denn das wilde Element des Feuer lässt sich wohl zähmen, aber nicht bezwingen.

Nach vier Tagen war der Ofen soweit abgekühlt, dass man ihn öffnen kann. Bald ist der letzte Ziegelstein von der vermauerten Türe entfernt und fix beginnnen die Arbeiter die vollen Kapseln aus dem Ofen zu tragen. Ist der Brand gelungen? Die ungeduldige Spannung mit der 1902 Franz Heinrich und seine getreuen auf die ersten Stücke aus den Ofen warteten, herrst heute beim Herausnehmen nicht mehr. Durch jahrzehntelange Erfahrungen weiß man ungefähr, wieviel brauchbare Stücke ein Brand erbringen kann. Mit einem bestimmten Prozentsatz Ausschuss rechnet der Porzelliner ohnehin. Erwartungsvoll sehen wir zu, wie die Brenner die Kapseln öffnen. Schimmernd schön und rein leuchtet es schneeweiß auf der rauhen Arbeitshand des Brenners. Und erscheint beinah jedes Stück gelungen und fehlerfrei. Die Arbeiter lachten, als ich auch eine Kanne ganz in Ordnung finde, die an der Schnaube etwas gerissen ist. Das hatten sie fast ohne Zusehen gemerkt. Lächelnd verraten sie mir, dass ich wohl noch staunen würde, wenn ich hernach in der Sortiererei die kritischen Augen der Sortierer erlebe, zu denen das aus dem Ofen kommende Geschirr verbracht wird. In der Sortierei werden auch die Brandlisten geführt, aus denen das Ergebnis eines Brandes zusehen ist. Nach dem Grobsortieren folgt die genaue Prüfung jedes einzelnen Teiles nach den unscheinbarsten Fehlern. Die kleinen Unebenheiten in der Glasur, die nur genaues Zusehen erkennbar macht, werden unter hurtig sich drehenden Achatspindeln verschliffen und dann poliert - der Teller hier weist eine winzige matte Stelle auf, die vielleicht durch einen Gaswirbel während des Brandes entstand, und nun auszumerzen ist, und auf jener Tasse haftet gar ein winziges Körnlein, das während des Brandes von der Schamottekapsel auf die Tasse fiel. Vorsichtig wird es heraus geschliffen. Vier Jahre waren nun seit dem ersten eigenen Porzellanbrand vergangen. Es war nicht leicht gewesen. Franz Heinrich wollte gleich am Anfang einen schönen, festen und klaren Scherben erreichen, um vom ersten Auftreten an seinem Erzeugnis Achtung und Anerkennung zu verschaffen. Dank der unverdrossenen und tatkräftig klugen Mitarbeit von Oberdreher Neupert und Oberbrenner Christian Gräf wurden die unvermeidlichen Kinderkrankheiten bald überstanden. Schon das erste Porzellan fand guten Anklang in den besten Fachgeschäften.

Erweiterung der Produktionsanlagen

Als Franz Heinrich Herrn Adler erstemals seine Pläne dargelegt hatte, meinte er, in einigen Jahren könnten dann auch die Gebäude und Anlagen für die Masseherstellung erstellt werden. Solange hatte es aber garnicht gedauert. Schon zwei Jahre später, 1904 konnten die Fabrikationsanlagen erheblich erweitert werden. Zwei weitere Brennöfen gesellten sich zu den ersten beiden, eine Massemühle wurde errichtet, eine eigene Kraftanlage geschaffen und die Gebäude für eine Malerei, Expedition und Packerei, ein Lagerhaus sowie eine geräumige Pferdestallung geschaffen. Das Bauen hörte in dem weiten Gelände, das allmählich zu der Heinrichschen Fabrik gehörte, überhaupt nicht mehr auf. Im Jahre 1906 beschäftigte das Werk schon über 200 Menschen. Die brauchten Raum und schafften viel Ware. Zwei weitere Brennöfen waren im Bau sowie ein eigener Kobaltofen. Und drüben auf der linken Seite der Vielitzerstrasse entstand ein grosses mehrstöckiges Gebäude, das die Malereiabteilung aufnehmen sollte, für die es in den anderen Häusern allmählich zu eng geworden war. Der Gedankengang Franz Heinrichs wurde von Frau Jette unterbrochen. Ihre Gedanken eilten nicht zurück, sondern dem Ziele der Fahrt entgegen: "Sag mal Franz, hast du schon gesehen, wo unsere Vase steht"? Sie wollte wissen, wie das erste Ausstellungsstück der jungen Fabrik auf der Großen Nürnberger Gewerbeausstellung 1906 wirke, welchen Platz es einnehme, vor allem aber, ob man schon sehen könne, dass sie dafür eine Medaille bekommen hatten. Man hatte auf der im Jahre 1906 durchgeführten Gewerbeschau in Nürnberg eine bronzene Medaille errungen. Manche Anregung hatte er dabei gewonnen. Aber man durfte zufrieden sein. Der Heinrichsche Scherben galt für edel und kostbar. Im Maler Frey hatte Heinrich zudem einen Mitarbeiter, der nicht nur unerschöpfliche Ideen für die Aufglasurmalerei entwickelte, sondern der auch der Unterglasurmalerei ganz besondere Effekte abgewinnen konnte. Mit der in Nürnberg ausgestellten Vase hatte Maler Frey ein meisterliches Werk vollbracht, dass ja nun auch die bronzene Medaille errungen hatte. Man brauchte ja auch jetzt ordentliche Aufträge. Ein Brennofen fasst ungefähr 15.000 Stück Porzellan. Sechs Öfen waren schon 1906 bereit, immer neue Porzellanstapel aufzunehmen. Da genügte es nicht mehr, nur die nahegelegenen europäischen Märkte zu beliefern. Mit Herrn Adler, zu dem Franz Heinrich jeden Samstagnachmittag im Wagen hinüber nach Asch fuhr, war es schon abgesprochen, dass sie künftig viel nach Amerika liefern wollten. Die Voraussetzungen dafür waren günstig, weil die junge Heinrichsche Fabrik die Initative und Beweglichkeit hatte, sich den besonderen Wünschen des amerikanischen Marktes anzupassen und dafür besonders geeignete Formen und Dekore zu schaffen.

Klar und sicher lag die Leitung des Betriebes in den Händen von Franz Heinrich, den nun in den kaufmännischen und technischen Abteilungen tüchtige Männer, wie beisp. Prokurist Karl Lang, unterstützten. Auch das Vertreternetz war planmässig erweitert und ausgebaut worden. Schöne Aufträge brachten die Vertreter ja, aber auch Wünsche, Wünsche, dass sich einem die Haare sträuben konnten. Beinah jedes grössere Geschäft wollte, wenn nicht schon eine Extraform, so doch besondere Dekore. Das wirkte sich verteuernd aus. Der Leiter der Malereiabteilung zeigt mir seine dicken Entwurfsbücher, in denen in überraschender Mannigfaltigkeit die Dekore vieler Formen und Jahre gesammelt sind. Nicht nur er als verantwortlicher Obermaler ist ständig mit dem Pinsel zur Hand, um neue hübsche Muster zu entwerfen, sondern auch viele Künstler sind damit vertraut, für bestimmte Aufgaben besondere Dekore auszuarbeiten. In der Musterbesprechung, die mit Geschäftsleitung, Modelleur, Obermaler und meist noch auswärtigen Künstlern und oft auch den Vertretern stattfindet, wird dann noch tüchtig gearbeitet, bis ein Dekor jedem der vielen Teile eines Service wie angegossen sitzt. Ja, es ist nicht leicht, aber schön, immer wieder neue bezaubernde Heinrich-Geschöpfe in alle Welt zu schicken, damit sie gefallen und beglücken.

Das Brokatservice in Silber und Koblat ruhte auf dunklem Samt in einer Vitrine auf der Ausstellung in Mailand. Bewundernde und kühl abschätzende, vergleichende und nach Punkten wertende Augen glitten darüber hin. Gelassen und stolz stand silbern und kobaltblau das Service aus Heinrich-Porzellan im Wettbewerb, bis eines Tages eine kleine Plakette kündete, dass es die Goldene Medaille erhielt! Von der ersten Anerkennung 1906 bis zur letzten Goldenen Medaille fanden sich viele Auszeichnungen zueinander. Seit mehr als 25 Jahren unterhielt die Firma eine Niederlassung in New York. Die Entwicklung des Amerikageschäftes zu schildern, wäre eine lockende Aufgabe, aber hier muss ich mich auf einige Sätze beschränken. In der Firma Heinrich wurde die Herstellung von elektrotechnischen Porzellan erst 1915 aufgenommen. Zuerst waren es vor allem Hoch- und Niederspannungs Isolatoren, für deren Erprobung auch umfangreiche Prüfanlagen geschaffen wurden. Elektrische Spannungen von kaum vorstellbarem Ausmaß werden durch Hochspannungs-Isolatoren in Zügel gehalten. In den letzten Jahrzehnten widmete sich die Firma Heinrich & CO. vorallem dem hochwertigen Tafelporzellan, Hotelgeschirr und Geschenkartikeln. Künftig wird durch Zusammenarbeit mit der Firma Schwarzfärber & CO., die als Spezialistin für elektrotechnische Artikel bekannt ist, die Herstellung von elektrotechnischen Porzellan bedeutend erweitert. Vorallem werden elektrische Sicherungs-Patronen in allen Ausführungen im Werk B der Firma Heinrich & CO. gebrauchsfertig hergestellt. Dies ist insofern eine Neuerung, weil bei den anderen Porzellanfabriken meist nur der Porzellananteil als Halbfabrikat hergestellt und den Spezialfirmen verkauft wird. Im Werk B werden jedoch auch die Metallteile gefertigt und die Montage der Patronen vorgenommen.

Der Weg der Porzellanherstellung erstreckt sich in der Praxis über viele Wochen und je nach der Kostbarkeit des Gegenstandes über 50 bis 150 Arbeitsgänge. Nur in seltenen Fällen kommt das fertige Porzellan sofort zum Versand. Denn bei einem Unternehmen von der Bedeutung und Ausdehnung der Porzellanfabrik Heinrich & CO., die in normalen Zeiten, den Wünschen und Gewohnheiten vieler Völker dienstbar zu sein hat, kommt es darauf an, für kleinere und grössere Abrufe von nah und fern startbereit zusein. Das Lager der Firma Heinrich umfasst daher normalerweise grosse Mehrstöckige Gebäude mit vielen Hunderttausenden von Geschirrteilen. Aus der Art der Herstellung wird aber auch verständlich, dass keine Porzellanfabrik ständig alle Dekore auf Lager halten kann. Es ist auch in normalen Zeiten nur möglich, die wichtigsten Dekore der gängigen Formen vorrätig zu halten. Ausgefallenere oder seltene und kostbare Dekore müssen bei der oft nach Jahren erfolgenden Nachbestellungen neu angefertigt werden. Und dass dies oftmals, mitunter durch die Art der Herstellung, nicht schnell geschehen kann. Porzellan kann man nicht gleich Schrauben zu Hunderten zusammen packen. Sorgfältig muss jedes einzelne Stück umhüllt und so verpackt werden, dass unterwegs möglichst nichts zu Bruch geht. Für den Übersee Transport kamen früher die Fernlastzüge der Spediteure gleich in die Fabrik, um die versandbereite Ware zu übernehmen und direkt zum Schiff zu bringen. Dadurch wurde der Transport sehr beschleunigt. Zur Erleichterung der Einfuhr schickten früher die Abnehmer aus Amerika besonders erprobte und bereits verzollte Packungen herüber, in denen den amerikanischen Käufern dann im Kaufhaus oder Spezialgeschäft das nach Besichtigung von Musterstücken gekaufte Porzellan auch ausgehändigt wurde.

Die Firma Heinrich hat vom Wesen ihrers Gründers einen so mitreissenden frischen Schwung mitbekommen, dass er heute noch spürbar ist und man im schönsten Sinne sagen kann: „die Firma ist jung und spannkräftig und vorallem menschlich geblieben. Bei ihr gehört es zur guten Tradition, dass auch die heranwachsende zweite Generation den Betrieb von der Pike auf kennen lernen muss. Das kamaradschaftliche Du verbindet noch heute den Chef und den Meister, der einst dem jungen Gehilfen die ersten Anleitungen zu geben hatte, bis er heranreifte zum Leiter des Betriebes. Jedoch, ich habe vorgegriffen, und muss nun noch einmal kurz zurückschauen auf die Jahre zwischen 1906 und 1920, ehe ich von der Fixigkeit und dem Wagemut der Jungen berichten kann.

Jahre 1906 bis 1911

In den Jahren 1906 bis 1911 wurden umfangreiche Ländereien sowie ein landschaftliches Anwesen erworben, der Bau eines Sägewerkes und verschiedene Nebenbetriebe bewerkstelligt sowie für die sich immer mehr steigernde Produktion die Verkaufs- und Absatzorganisation in immer neue Länder ausgedehnt. Vor allem aber wurde der Export nach Amerika ständig erweitert. Im Jahre 1912 wurde dann mit der Schaffung einer grosszügigen modernen Fabrikanlage in einem sechsstöckigen Eisenbetonbau begonnen, der ausser einer geradezu idealen Dreherei und Kapseldreherei, einer Formgieserei, Modellierräumen, weitläufigen Formen- und Modell-Lagern und einem mustergültigen Tongewölbe vier weitere Brennöfen erhielt. Gleichzeitig wurden Massemühle und Masselager vergrössert. Zur Schaffung der sehr wichtigen Industriegleisanlage von fast 1700 m Länge wurden ebenfalls Gelände gekauft und die dafür notwendigen Maschinen erworben. Bei Ausbruch des I. Weltkrieges 1914 war also ein Werk vollendet, das zu den grössten der Branche zählt. Durch die vielen Einberufungen trat bald ein Rückgang in der Erzeugung ein. Ebenso lies der Absatz rapide nach. Auch der Kohlemangel bereitete Schwierigkeiten. Aber Franz Heinrich ließ sich nicht entmutigen, baute die Abteilungen für elektrotechnisches Porzellan und entwickelte verschiedene Neuerungen. 1918 wurde in Meierhöfen bei Karlsbad eine Kaolinschlämmerei mit Wohn- und Wirtschaftsgebäuden erworben, zu der ausgedehnte Kaolingründe gehörten. Das in Zettlitz bei Karlsbad gefundene Kaolin zählt zu den kostbarsten Porzellanerden der Welt. Schon 1912 war eine eigene Betriebskrankenkasse gegründet worden, die bei den Mitarbeitern rasch Anklang fand. Besondere Aufmerksamkeit widmete Franz Heinrich aber immer der Heranbindung junger Kräfte. Er förderte später die Staatliche Porzellanfachschule in Selb tatkräftig und war stets darauf bedacht, den jungen Leuten auch im Werk eine vielseitige und gründliche Ausbildung zu geben. Als im Herbst 1896 Franz Heinrich seinem Vater nach Feierabend den Wunsch nach Selbstständigkeit vorgetragen hatte, saßen seine Geschwister mit um den Tisch. Anna, die 18jährige, der 15jährige Wolf, der 10jährige Ernst mit grossen fragenden Augen und der kleine verspielte erst vier Jahre zählende MIchael. Nach Beendigung des Weltkrieges nahm Franz Heinrich seine Brüder, Ernst und Michael, die aus dem Felde heimkehrten, in die Firma auf. Vorallem Ernst sollte für das Schicksal der Firma bedeutungsvoll werden. Ernst Heinrich war das Gegenteil seines Bruders. War Franz rasch, entschlossen, intuitiv erfassend und aufbrausend in wild schäumender Kraft, so war Ernst, still und bedächtig, verschlossen und lange bedenkend. Dann freilich war seine Meinung und Tat kaum geringer als die seines Bruders, denn bestimmt und weitschauend waren dann sein Urteil und Handeln. Ernst Heinrich hatte die als Buchdrucker gelernt und an verschiedenen Orten als Gehilfe gearbeitet, ehe er sich 1911 im elterlichen Haus mit einer Buch- und Steindruckerei selbstständig machte. Als Ernst Heinrich in die Firma seines Bruders eintrat, brachte er seine Druckereianlage ein. Franz Heinrich betraute ihn mit der kaufmännischen Leitung des Betriebes. Es war am Anfang nicht leicht für die Leute. Denn lange Zeit sah er sich schweigend und beobachtend nur alles an, im Betrieb und in den kaufmännischen Abteilungen. Fast zwei Jahre lang. Bis er jeden Schachzug, auf den es ankam, erfasst hatte. Dann aber begann er nicht nur sicher und weitschauend für den Absatz und die Ausdehnung der Firmeninteressen zu wirken, sondern auch die Leute in der Firma auf den Platz zu stellen, an dem sie am meisten zu leisten vermochten. und sich wohlfühlten, so dass ihm die Mitarbeiter bald nicht weniger anhingen als Franz.

Und er, der unermüdliche Planende und von vielen Vorhaben Geplagte fand nun endlich Entlastung. Es war ja nicht einfach nach dem Krieg. Schwierige Zeiten waren durchzustehen. 1921 konnte jedoch ein schon lang vorgesehener Lieblingsgedanke verwirklicht werden, nämlich die Errichtung einer eigenen Niederlassung in Amerika, wo man bisher nur durch Vertreter verkaufte. Die Firma wurde unter dem Namen Heinrich and Winterling New York gegründet und gewann bald grosse Bedeutung. Sie beschäftigte viele Reisende. Franz und Ernst Heinrich fuhren auch selbst nach Amerika, vorallem Ernst baute das Amerikageschäft so aus, dass beispielsweise in den Jahren bis 1928 oft mehr als zwei Drittel der Produktion nach Amerika gingen. Die Mitarbeit seines Bruders Ernst ermöglichte Franz Heinrich, der schon vor Jahren den Titel Kommerzienrat erhalten, aber der einfache, unermüdliche strebende und immer tätige Mensch geblieben war, sich im erwünschten Maße den Aufgaben des Selber Gemeindewesens und den vielen Sorgen der Stadtväter um das Wohl und Wehe der ihrer Hut anvertrauten Bürger zu kümmern. Unter ihnen war Franz Heinrich nicht der geringste. Um der Wohnungsnot zu steuern, erbaute er schon bald nach dem Kriege eine Anzahl für Selb vorbildlicher Wohnhäuser in der später nach ihm Franz-Heinrich-Strasse ernannten Ansiedlung am Fuße des Goldberges. Auch der Gemeinnützigen Bauverein unterstützte er mit umfangreichen Stiftungen. Auf dem Fabrikgelände entstanden wieder neue grosse Bauten.

25jähriges Betriebsjubiläum

Anlässlich des 25jährigen Bestehens der Firma errichtete Kommerzienrat Heinrich die Franz-Heinrich-Stiftung, die dann durch die Firma noch erweitert wurde und der Förderung der Selber Handwerker sowie der Verschönerung der Stadt Selb zu dienen hatte. Aber auch allen anderen Bestrebungen war er zugänglich. Gleichviel, ob es der Tuberkulosenfürsorge galt, ob die Sanitäskolonne einen Krankentransportwagen brauchte und von ihm erhielt, ob er zur Erweiterung des Krankenhauses Gelände gab oder die Fachschule unterstützte und förderte, immer half er mit gutem Rat und schneller Tat. Freilich, nicht immer stimmten seine Pläne mit den Absichten der Stadtväter oder Kuratorien überein. Als er anlässlich der Erweiterung des Krankenhauses auch die Anlage der neuen Strasse skizzierte, verschloss man sich seinen Anregungen. Kurz entschlossen pflanzte er eine doppelte Baumreihe quer durch das Gelände, um darzutun, wie die künftige Strasse verlaufen müsse. Als dann 10 Jahre später eine eine neue Erweiterung nicht zu umgehen war, erkannte man, dass die Strasse nicht besser als von ihm skizziert geführt werden könnte, und verwirklichte seinen Plan. Als der Betrieb auf vollen Touren lief und neue Pläne der Ausführung entgegenreiften, verschied Franz Heinrich plötzlich im Frühjahr 1928, kurz nach Vollendung seines 52. Lebensjahres. Ein reiches, unerhört schöpferisches und wohltuendes Menschendasein fand allzufrühes Ende. Ernst Heinrich, der zur Zeit des Todes des Bruders wieder in Amerika weilte, übernahm nun die Leitung des Betriebes. So unendlich viel Franz Heinrich als Gründer und Entwickler der Firma zu danken ist, Ernst Heinrich fiel nun die Aufgabe zu, dass Werk seines Bruders zu bewahren und durch die bald beginnenden schweren wirtschaftlichen Krisen, die die Welt erschütterten, zu leiten. Seit 1927 arbeitete auch Adolf Heinrich, der Sohn des Gründers, in der Fabrik. Ja, genauer ausgedrückt: seit 1927 war er als Arbeitender im Werk. Denn wenn man die Mutter frägt nach besonderen Neigungen des Knaben, so hört man nur immer wieder, dass sich Adolfs Leben seit frühen Kindertagen am liebsten in der Fabrik abspielte. Oder er spielte zu Hause „Betrieb“. Es wurde auch ihm nichts erleichert. Wie nur irgend ein Lehrling hatte er mit der Arbeit in der Massemühle zu beginnen. Auch die geringsten und kleinste Tätigkeit musste er selbst verrichten.

Ernst Heinrich übernahm ruhig und sicher, völlig vertraut mit dem ganzen Betrieb, die Leitung. Er holte zur Entwicklung neuer Formen und zur Erweiterung des Absatzes neue Künstler und Mitarbeiter heran und konnte dadurch den Ruf der Firma erhalten. Im Juli 1929 wurde die Porzellanfabrik Gräf & Krippner erworben, jedoch bereits im Jahre 1932 wegen der steigenden Wirtschaftskrise stillgelegt und ihre Fertigung ins Hauptwerk verlegt. Durch die Zusammenfassung der Aufträge und die verringerten Unkosten kam die Firma verhältnismässig gut über die kritische Zeit. Sowohl Kommerzienrat Franz Heinrich als auch Ernst Heinrich waren im Aufsichtsrat des Verbandes Deutscher Geschirrporzellanfabriken. In dieser wichtigen Stellung haben sie nicht nur in den guten Jahren gewirkt. Vorallem Ernst Heinrich hat in der schlimmsten Zeit, als das Verbandsgebäude wankte und auch die Preisvereinbarungen zerbröckeln wollten, unermüdlich für den Zusammenhalt der Gruppe gearbeitet. Immer neue Vorschläge brachte er, um die Geschirrporzellanindustrie wieder auf gesunde Füße zustellen und sorgte für das gute Zusammenhalten der Fabrikanten. In den Exportausschüssen, Fach- und Preis-Ausschüssen schätzte man seinen auf hoher Sachkenntnis beruhenden Rat und seinen lauteren selbstlosen Charakter.

Mit dem Jahre 1933 war aber auch die Heinrichsche Fabrik und der Verband nur scheinbar über die ärgste Krise hinweggekommen. Vorallem die Firma Heinrich, die als der grösste Exporteur nach Amerika galt, wurde von dem allmählich einsetzenden Rückgang der Ausfuhr nach Amerika, das sich mehr und mehr den deutschen Erzeugnissen verschloß, sehr getroffen. Bitter wurde die sich anbahnende neue Entwicklung empfunden, die der ganzen Einstellung der Leitung zuwiderlief. Es ist ja bezeichnend für diesen so sehr auf persönliche Achtung und persönliche Leitung aufgebauten Betrieb, dass nach Kräften die als richtig seit Jahrzehnten erkannte Linie gehalten wurde. Durch den Ausbau des Exports nach Italien und die nördlichen Länder, vorallem auch in die nahegelegene Schweiz, sowie durch die Aufnahme von Neuheiten gelang es aber immerhin, den Betrieb bald wieder voll zu beschäftigen. Rührig und fix passte sich das Heinrichsche Unternehmen den Wünschen jedes Marktes so verzüglich an, dass ihm der Absatz gewiß war. Einmal weilte Ernst Heinrich zu einer Instruktionsreise in Italien. Im Gespräch mit einem bedeutenden Abnehmer ergab sich, dass eine besondere Service-Form gewünscht wurde, die noch nicht auf dem Markt war. Ernst Heinrich erinnerte sich an ein Modell, das als Muster dienen konnte und an dem man sofort die gewünschte Art vorzeigen konnte. Ein dringender Anruf in Selb beorderte den rührigen Gebhard mit den noch nachts herausgesuchten Mustern, den nachts fertigzustellenden neuen Zeichnungen und weiteren Unterlagen nach Italien. Mitten in der Nacht musste der junge Mann sich bei den amtlichen Stellen seine Ausweispapiere zusammenholen, um bereits den Frühzug in den Süden benutzen zu können. Natürlich klappte es dann, und neue schöne und lohnende Beschäftigung war den Arbeitenden im Werk gesichert. Auch die 1936 begonnene Herstellung von Sparbüchsen aus Porzellan mit hübschen bunten Bildern, die durch eine besondere Verkaufsmethode vertrieben wurden, erwies sich als Schlager. So lief das Werk bald wieder aus eigener Kraft auf vollen Touren.

Zeppelin Bordgeschirr Ernst Heinrich laß in der Zeitung. Las nicht besonders aufmerksam. Aber auf einmal weckte eine Nachricht sein Interesse. Er sah genauer zu und las aufmerksam noch einmal die eben flüchtig aufgenommenen Notiz: „ der Luftschiffbau in Friedrichshafen sah für das im Bau befindliche Luftschiff „Zeppelin“ eine Bordküche vor!“ Wo gekocht wird - wird serviert - wo serviert wird, braucht man Porzellan! Konnte es nicht Heinrich Porzellan sein? ... Wann ging der nächste Zug nach Friedrichshafen? Schon mittages war Ernst Heinrich in der betriebsamen Stadt am schönen Bodensee. Und bald wusste er Bescheid. Ja, man sich auch schon nach Porzellan umgesehen. Nach starkem, dicken Hotel Porzellan! Ernst Heinrich war frappiert: schweres Porzellan für ein Luftschiff, das nach geringsten Gewicht in der gesamten Ausstattung strebte? Hier wäre doch das Heinrichsche dünnwandige Elfenbein Porzellan richtig, das nach Amerika geliefert wurde und bei aller Zartheit enorme Festigkeit des Scherbens aufwies? Ein Malheur passiert überall einmal, aber die Menschen, die das Luftschiff benützen würden, wüssten wohl edles Porzellan zu schätzen. Ein Blitzgespräch verband mit Selb. Und sofort begann mit dort in fieberhafter Eile Formen zu entwerfen und Dekore zu zeichnen. Eine Nacht verging und ein neuer Tag. Und als die zweite Nacht verdämmerte, da packte einer der Mitarbeiter Zeichnungen und Musterstücke des nach Amerika gelieferten Elfenbein-Porzellan in die Tasche und machte sich auf dem Weg nach Friedrichshafen.

Nicht nur für das Luftschiff Zeppelin erhielt die Firma Heinrich die Lieferung des gesamten Porzellans übertragen. Sie wurde und blieb der alleinige Porzellanlieferant für die Zeppeline aus Friedrichshafen. Und bei allen Deutschlandfahrten kamen die Luftschiffe über Selb und grüssten das Werk, das wiederholf auf den Fabrikdächern in vielen Metern hohen aus Tellern belegte Buchstaben dem Schiff seinen Gruß entbot. Als freundlicher Zufall fügte es sich auch, dass am Tage der Siberhochzeit Ernst und Christine Heinrichs das Luftschiff Hindenburg unvermutet über Selb auftauchte und einen Auftrag abwarf. Auch die umseitige Zeichnung der Fabrik entstand nach einer Aufnahme des Zeppelins. Mit Frau Jette Heinrich, den jungen Heinrichs und einigen Herren des Betriebes sitze ich oben in der Buchaltung des Werks. Über die letzten schlimmen Kriegsjahre und die Widrigkeiten des neuen Beginnens, jetzt, im Herbst 1945, haben wir uns die Köpfe heiß geredet. Gütig lächelnd sitzt die immer Anteil nehmende Frau Jette zwischen Adolf Heinrich und ihren Neffen Franz, Ernst Heinrichs Ältesten Sohn. Auch Dieter Jäger ist dabei, der Enkel von Ernst Adler. Im Sommer 1942 war der Leiter des Betriebes, Ernst Heinrich, von seiner Lungenentzündung nicht wieder genesen. Zuerst übernahm der langjährige Prokurist Ottmar Poller die Leitung. Doch schon bald zwang ihn schwere Krankheit von seinem Posten. Adolf Heinrich wurde vom Militärdienst freigestellt und konnte den Betrieb übernehmen. Man braucht ihn nicht lange Zeit zu beobachten, um zu erkennen, dass bei ihm das Geschick der Firma in guten Händen liegt. Energischer Wille vereint sich mit Weitblick und Tatkraft. Und sein Vetter Franz Heinrich ist als vorzüglicher Techniker dabei, den Betrieb immer noch zu verbessern, während der junge Diplomkaufmann Dieter Jäger in den kaufmännischen Abteilungen nicht minder umsichtig arbeitet.

Während einer kleinen Gesprächspause nehme ich das Trommeln der Massemühle bewußter auf und den Lärm der Ventilatoren. Das klopfende Geräusch der Kollergänge schiebt sich dazwischen und nun tönt laut und energisch die Stimme des Hofrats durch das offene Fenster, der das Entladen der eben eingetroffenen Waggons mit Kohle dirigiert. Es ist ja witzig, dass der hochgewachsene Herr Hofrat, der wendige umsichtige Hofverwalter, den netten Namen Wiesel trägt! Ich trete zum Fenster und schaue hinunter. Gutsverwalter Popp und Prokurist Gebhard kommen über den Hof und eillig strebt ihnen Fräulein Emmi mit einer unförmigen Statistik entgegen, für die sie von ihrem Chef Gebhard noch eine Angabe braucht. Da ruft mich Herr Dorn an und frägt, ob ich die Geschichte mit den 400 Waggons kenne. Erstaunt verneine ich und eifrig berichten mir die Herren ein bezeichnendes Vorkommnis aus dem November 1944. Adolf Heinrich war gerade von einer Verkaufsreise aus der Schweiz zurück gekommen, als ihm telefonisch von einem auswärtigen Rüstungskommando erklärt wurde, dass von Berlin bestimmt worden sei, dass die Firma Heinrich einen westdeutschen Rüstungsbetrieb aufzunehmen habe. 400 Waggons mit schweren und schwersten Maschinen und Gerätschaften rollten bereits an und wären sofort nach dem Eintreffen zu entladen, damit schnellstens die Erzeugung aufgenommen werden konnte. Vergeblich wies Adolf Heinrich daraufhin, dass er aus der Schweiz mit wichtigen Aufträgen gekommen sei und sich seine Fabrik für eine solche Rüstungsfertigung nicht eigne. Er musste also auf eigene Faust handeln, ehe durch eine sofortige Reise nach Berlin die Aufhebung dieser Anordnung zu erzielen war. Denn die Gefahr war beträchtlich. Wenn die Waggons einmal in Selb oder gar auf dem Gleis der Firma standen, war es schwierig, sie loszuwerden. Vorallem aber konnten die wohl einsetzenden Luftangriffe nicht nur dem Werk, sondern der ganzen Stadt Selb verhängnisvoll werden. Deshalb erklärte Adolf Heinrich dem Bahnhofsvorsteher, dass die anrollenden 400 Waggons aus besonderen Gründen noch nicht in die Stadt ragiert werden könnten, sondern draußen vor Plössberg auf freiem Gelände stehen bleiben mussten, bis er von seiner Reise zurück sei. Es gab eine wahre Hetzjagd zu vielen Behörden in einigen Städten. Aber schliesslich war auch dies geschafft: Die Anordnung wurde aufgehoben und die Waggons wo anders hinbeordert.

Kaum endete die Erzählung Adolf Heinrichs, als Prokurist Gebhard mit Franz Heinrich schon wieder neue Gedanken bespricht, um der vielen Schwierigkeiten Herr zu werden, die aus Material- und Kohlemangel und so manchen Zeitnöten entstehen. Aber unüberwindlich sind sie in diesem Hause nicht! Auf der heute anmutig mit Bäumen bestandenen Höhe des Goldberges erbaute vor Jahrzehnten Franz Heinrich sein Wohnhaus. Sinnend schreite ich mit Frau Jette hinauf. Wieder ist es Herbst und leuchtend flammen die Blätter der Buchen. Friedlich liegen die Höhen im Abenddunst. Nichts erinnert hier an die Schauder, die uns erschütterten. Wir tragen sie in uns, wir spüren sie beim Atmen und bei jedem Schritt. Wenn wir heute auch noch kaum von dem zu sprechen vermögen, was uns bewegt, so wissen wir dennoch was zu tun ist. Fleißig und Geduldig haben wir den aufgewühlten Boden der Ruinen neu zu bestellen, zufrieden mit kargerem Mahl, zufrieden mit geringerem Behagen. Aber ringend mit uns. Um in den gültigen Dingen unserer Ziel zu finden. Nicht darum, weil die Welt auf uns schaut. Nicht darum, weil wir so aufgewühlt sind und bestehen wollen. Vielleicht aber deshalb, weil wir im toben der Schlachten, in den rasenden Feuerstürmen der Städte und im Leid um geliebte Tote den Segen des sanften Gesetzes der Menschlichkeit erahnten, das die Welt bewegt und erneuert.