Bayerische Ostmark

Zerfall der Ostmark Wirtschaft

Wer sich von der Oberpfalz her der Nordostecke der bayerischen Ostmark näherte, sah schon von weitem riesige Fahnen pechschwarzen Rauches über dem Wald stehen: hier im oberfränkischen und im nördlichen oberpfälzischen Grenzgebiet wurde Porzellan gebrannt. Während der Weltwirtschaftskrise war es, als ob eine Vulkanlandschaft erloschen wäre. Nur wenige Rauchfahnen zeigten an, dass in der Porzellanindustrie da und dort noch gearbeitet wurde. Eine weltbekannte Industrie war hier dem Aussterben nahe. In Selb waren von 18 Porzellanwerken 11 stillgelegt. Die übrigen 7 arbeiteten nur noch mit geringer Belegschaft und eingeschränkter Arbeitszeit. Ein grosser Teil der Produktion konnte nicht mehr auf dem Markt untergebracht werden. In den umliegenden Orten war die Lage nicht viel besser, etwas günstiger nur in den an der Hauptbahn München - Berlin gelegenen Betrieben.

Die Gründe für den Rückgang sind ähnlich wie in der Glasindustrie. Die gleichartigen Industrien jenseits der Grenze konnten wesentlich billiger produzieren und verdrängten das Ostmarkerzeugnis in zunehmendem Maße vom Weltmarkt. Besonders gefährlich wurde für die Porzellanindustrie auch die japanische Ausfuhr, die gerade den deutlichen Absatzmarkt verdarb. Es gehört zu den bedauerlichen Eigentümlichkeiten unseres Volkes, dem ausländischen Erzeugnis mehr hochachtung zu schenken als dem einheimischen. „Echt japanisches Porzellan“ zu besitzen, selbst wenn es die minderwertige Massenware ohne jeden künstlerischen Wert ist, erscheint vielen Deutschen immer noch als erstrebenswert; selbst wenn ein armer Porzellanmaler in Schirnding oder Arzberg zum gleichen Preis wirklich gediegene Arbeit liefert. Die Gründe dafür sind vor allen Dingen in den Anstrengungen der Japaner zu suchen, die unter günstigeren Produktionsbedingungen als die europäischen Fabriken arbeiteten. Die Vorteile, die die Europäer hinsichtlich der Kosten gegenüber den Amerikanern haben, wurde durch die Hochschutzzölle der Vereinigten Staaten ausgeglichen. Die Japanische Industrie hat ein niedrigeres Lohnniveau, ferner ist die Industrie durch Staatssubventionen während des Krieges und nach dem Krieg in die Lage gesetzt worden, in den Vereinigten Staaten an die Stelle der Europäer zu treten und einen Vorsprung vor dem Europäischen Industrien zu gewinnen.

„Das Reich hatte auch hier in den schwersten Stunden versagt, als es bitter notwendig gewesen wäre, dem zusammenbrechenden Porzellangebiet zu helfen. Anstatt der Grenzindustrie Frachtermässigungen zuzubilligen, wie das in der Tschecholowakei aus Gründen des Grenzkampfes, selbst ohne vordringliche Not, immer wieder geschieht, wurden die Reichsbahntarife heraufgesetzt. Für eine Zehntonnenladung von Selb nach Berlin betrug die Frachtsteigerung 130 Prozent gegenüber der Vorkriegszeit; für die gleiche Ladung nach Hamburg 109 Prozent. Dass eine solche Tarifpolitik nicht gerade aneifernd wirkte, Werte in einem gefährdeten Grenzgebiet zu erhalten, geschweige denn im Grenzgebiet neue zu errichten, liegt auf der Hand.“ Überall würden wir den gleichen Tatbestand des Wirtschaftssterbens finden, den wir bei den Schlüsselindustrien der Ostmark feststellen mussten. Über die gleichen Ursachen der Not: Das Zusammenwirken von Mechanisierung, Kriegslasten, Grenznot und Vernachlässigung. Die unerträgliche Schwere der Wirtschaftskrise im Grenzgebiet, die jahrelang andauernde Arbeitslosigkeit vieler Tausender hatte zu einer empfindlichen Schwächung der inneren Widerstandskraft des Grenzgebietes geführt. Landflucht und Verelendung, Überschuldung und Handlungsunfähigkeit der verarmten, überall durch vollkommene Mittellosigkeit beengten Gemeinden hatten nicht nur die Erfüllung vordringlichster Grenzaufgaben verhindert, sondern darüber hinaus trotz allen guten Willens zu langsamer Zersetzung im Grenzgebiet geführt. Erst der Durchbruch der neuen Staatsidee in Deutschland hat die Bevölkerung der bayerischen Ostmark aus jener abgestumpften Hoffnungslosigkeit wieder emporgerissen, die die Ostmark immer mehr dem völligen Zusammenbruch entgegentreiben ließ.

Im Jahre 1926 wurde für die Keramische Industrie eine Arbeitslosenquote von 19% errechnet. Die Zahl der Arbeitsstunden betrug gleichzeitig etwa 70% der 1913 geleisteten Arbeitszeit.12 „Anfang der 30er Jahre entschlossen sich einige Selber Porzellanarbeiter zu einer Verzweiflungstat: Sie zogen mit einer auf Rädern gelagerten, 14 Zentner schweren und über vier Meter hohen Kaffeekanne quer durch Deutschland. Die Riesenkanne trug die Aufschrift: „Kauft Porzellan“. Doch erst am Ende des Jahrzehnts kam die Porzellanindustrie wieder auf die Beine. Nach Ende des II. Weltkrieges erlebte die Porzellanindustrie einen noch nie dagewesenen Boom.“