Entwicklung Selb
Die Entwicklung der Porzellanindustrie in Selb[1]
Wenn wir von einer Entwicklung der Industrie in Selb handeln, dann können wir nur von der Entwicklung der Porzellanindustrie reden; denn alle Industrie, die sich im Laufe der letzten 70 Jahre in Selb niedergelassen hat, hängt im gewissen Sinn mit der Porzellanindustrie zusammen. Es ist nicht gelungen, irgendeine andere Industrie nach Selb zu bekommen. Das ist gewiss zu bedauern. Es mag die Zeit einmal kommen, da man diese Einseitigkeit als grossen Fehler und Schaden erkennen wird. Der Geschichtsschreiber wird aber die Schwierigkeiten nicht verkennen dürfen, die der Anfälligmachung anderer Industrien in Selb in Wege standen, die vornehmlich im Fehlen der Rohprodukte, in der weiten Entfernung der Stadt von den grösseren Eisenbahnlinien bestanden. Auch ist die Arbeiterschaft nur auf Porzellan eingestellt. Die Metallgruben, die im 17. und 18. Jahrhundert in unseren Gegenden Bedeutung hatten, sind ausgebaut und lohnen heute nicht mehr den Betrieb. Der Granit in Selb ist zwar ein wertvoller Stein, aber sein Auftreten ermöglicht und rechtfertigt doch nicht eine ausgedehnte Steinindustrie, wie etwa in Weissenstadt und Wunsiedel. Die Steinhauerwerke, deren Selb wohl besitzt, spielen infolgedessen gegenüber der Porzellanindustrie keine Rolle.
Ehe wir nun die Entwicklungsgeschichte der Selber Porzellanindustrie betrachten, müssen wir freilich erwähnen, dass viele Industrien, schon ehe die Brennöfen der grossen Fabriken rauchten, in Selb ihren Vorläufer besaß, in einem achtungswerten Töpferhandwerk, das in nicht geringer Blüte stand. In Marktleuthen und Selb machte man wohl schon im Mittelalter Pfeifen in der Form eines Kuckucks, die als Kinderspielzeug auf den Jahrmärkten verkauft wurden und von denen heute in Marktleuthen und Selb noch Formen vorhanden sind. In Selb wird um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts ein Töpfermeister Merz berühmt, der grosse Kunst besass. Die Familie Merz scheint aber in Selb keine ansässige Familie gewesen zu sein, sondern ist zugezogen. Wir verdanken Herrn Bürgermeister Kießling eine vergessene vergilbte Urkunde, den Lehnsbrief des Töpfermeisters Joh. Michael Merz zu Selb über das Töpferfeuerrecht nebst Zugehörung alla vom 27. August 1801. Der Wortlaut desselben soll hier wieder gegeben werden:
Wir Friedrich Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preussen, Kurfürst zu Brandenburg Burggraf zu Nürnberg unter- und oberhalb des Gebirges usw., urkunden und bekennen hiermit öffentlich, dass Wir unseren lieben getreuen Johann Nikol Merz, Töpfermeister zu Selb nachdem der mit schriftlicher Vollmacht versehene Thomas Wunderlich allda die Lehenspflicht in dessen Seele abgeleitet, von neuem zu KANZLER-Zins-Lehen recht und redlich verliehen haben: Das Töpferrecht nebst Brennofen und ein an dieses gebautes Stüblein GING der Brennofen nebst dem Stüblein jährlich 5 Tl. 30 Fr. zum Kammeramt Wunsiedel; gibt in Kauftausch, dann sonstigen Veränderungsfällen den Zehenden Gulden Lehengeld, den Todesfällen auf Seiten des Lehensherrn aber bloß die gewöhnlichen Lehensgebühren, und hat die treue Ein- und Ausfahrt durch den Hof des vormalig Geilerischen halben, Burg-Buths, ist auch von Einquartierung, dann Roß- und Landfrohn, auch Jagd- und Botengehen .... So derselbige von voriger Landesherrschaft aus dem zerschlagenen Geilerischen Burg-Burth erläuft, dann am 1. Kart. 1765, 17. Februar 1771 und 12. August 1798 recognofziert hat. Und Wir verleihen ihm Töpfermeister Johann Nikol Merz zu Selb beschriebenes Töpfer-Feuer-Recht nebst Zugehörung allda, was Wir demselben von Billigkeit und Rechtswegen daran verleihen sollen und mögen, mit und in Kraft dieses Briefes, also, dass er und alle seine Erben mann- und weiblichen Geschlechts solches alles nun hierfür von Uns, Unseren Erben und Fürstenthum des B. R. zu Kanzlen-Zins-Lehen haben nehmen und empfangen sollen, nach dergleichen Lehen-Recht und Gewohnheit, so das Recht geschieht, durch Uns, Unser Erben und Fürstenthum des B. R. an unsern und sonstigen einen jeden an seinen Rechten unschädlich und unentgolten. Ohne Gefährde. Urkundlich mit Unserem hier vorgedruckten Kanlen-Innsiegel besiegelt und gegeben in Unserer Stadt Bayreuth, den 27. August 1801. Sigel. Köngl. Preuß. Krieges- und Domainen-Kammer, als Bayreuth Lehenhof.
Johann Nikol Merz war, als er mit der Töpfer-Feuerstelle in Selb belehnt wurde, schon ein betagter Mann von 64 Jahren und hat sein Handwerk hier nur 4 Jahre bis zu seinem Tode am 25. Februar 1803 betrieben. Von ihm lesen wir, dass er Ofenkacheln, Tiere und Figuren vom Zivil- und Militärstand, erstere in Landestracht, letztere in Uniformen modellierte. Aus seiner Werkstatt ist wahrscheinlich noch erhalten ein Kachelofen in Oberweißenbach. Derselbe zeigt starken Renaissance-Charakter. Seine Dekoration ist keine Volkstümliche Kunst, sondern ist Imitation. Auch im Schloss zu Erkersreuth im Jagdzimmer dortselbst steht ein glasierter Töpferofen in Rokokostil, der ein Produkt heimischer Töpferkunst sein wird. Diese Öfen beweisen die Fertigkeit der Töpfer damaliger Zeit in unserer Stadt. Merz war ja nicht der einzige Töpfer; eine alteingesessene Töpferfamilie ist die Familie Schoberth. In Händen derselben befindet sich ein vom 31. August 1752 datierter Lehrbrief ihres Ahnen, des Wolf Adam Schoberth. Derselbe hat die Lehrzeit am 5. Oktober 1748 vollendet und zwar bei dem Töpfermeister Johann Kartholing. Er ging dann 1752 in die Fremde und machte sich darauf am 2.4.1755 in Selb ansässig. Seit dieser Zeit betreibt die Familie Schoberth das Töpferhandwerk. Auch von Wolf Adam Schoberth sind noch Kunstwerke vorhanden, vor allem Formen von Ofenkacheln. Die Töpferei des oben erwähnten Merz ging in Besitz des Töpfermeisters Fischer über am 23. November 1826. Die Familie Fischer ist heute noch in Besitz der Töpferwerkstatt und betreibt dieses ehrsame Handwerk.
Die Porzellanindustrie ging nun nicht etwa aus diesen Werkstätten hervor, obwohl diese Töpfermeister die Herstellungsweise von Porzellan kannten und auch versuchten, sondern sie wurde von Thüringen aus in unser Gebiet importiert. In Wallendorf (Schwarzburg-Rudolstadt) hatte im Jahre 1764 der fürstliche Hütteninspektor Wolfgang Hamann aus Weidenberg bei Bayreuth die heute noch bestehende Porzellanfabrik Wallendorf gegründet. Eine Tochter dieses Hamann heiratete im Jahre 1774 den Joh. Heinrich Hutschenreuther, der einen bürgerlichen Familie entstammte, die in Wallendorf schon seit 1700 ansässig war. Durch seine Verehelichung tritt Johann Heinrich Hutschenreuther in die Porzellanfabrik Wallendorf ein. Nachdem dann sein Schwiegervater 1786 starb, scheint er die Fabrik, als "Zunfterfahrener Buntmaler, vornehmer Handelsherr, Richter bei den Gerichten in Wallendorf, Besitzer der Porzellanfabrik in Schleiz", besessen und geleitet zu haben bis zu seinem Ableben im Jahre 1812. Er war 2 mal verheiratet und hatte 16 Kinder. Der jüngste Sohn aus dieser grossen Kinderschar war Karl Magnus Hutschenreuther. Bei dem Tode seines Vaters war er erst 18jährig. Er fing einen Porzellanhandel mit den Erzeugnissen der Wallendorfer Fabrik an, der ihn auch in die Nachbarländer führte und so kam er mit seinen Pfeiffenköpfen, Badepuppen ins Sechsämterland, um hier zu hausieren. Er fand dabei am Steinberg, zwischen Wunsiedel und Hohenberg gelegen, weisse Erde. Davon nahm er ein Stück mit in seine Heimat, wo er feststellte, dass es sich um sehr brauchbare Porzellanerde handelte. Mit klarem Blick erkannte er, dass diese Erde Deutschlands, in der er die Porzellanerde gefunden hatte, sich in hervorragender Weiße zur Ansiedelung der Porzellanindustrie eignete, da die nötigen Rohmaterialien vorhanden zu sein schienen: Grosse Waldbestände im Fichtelgebirge, Braunkohlen im nahen Böhmen, Porzellanerde am Steinberg, Feldspat und Quarz im nahen Hammersreuth, dazu ein billiges überaus genügsames Menschenmaterial als Arbeiter. Hier musste die Gründung einer Porzellanfabrik gelingen. Infolgedessen errichtete K. M. Hutschenreuther in Hohenberg 1814 die erste Porzellanfabrik in unserem Gebiet. Es war dies eine Zeit, wo das Klafter Holz noch zehn Groschen kostete und der Wochenlohn eines Porzellanarbeiters 2 Taler betrug. Immerhin zeugt, dass Hutschenreuther die Gründung einer Fabrik in schweren Kriegszeiten vornahm, von seiner Unternehmenslust, von einem seltenen Wagemut des erst 20jährigen Mannes.
Verheiratet war er seit 1816 mit Johanna Reuß, der Tochter des königlichen Oberförsters Reuß in Hohenberg, die ihm in glücklicher Ehe 9 Kinder gebar, als 1. Kind am 8. Mai 1817 Friedrich Lorenz Hutschenreuther. Die Erzeugnisse seiner Fabrikation, gemaltes und weißes Porzellan verkaufte Karl Magnus Hutschenreuther seiner alten Kundschaft. Nach einem überaus arbeitsamen lebens segnete er im Jahre 1845 in Hohenberg a. d. Eger das Zeitliche. Nach seinem Tode übernahm seine Witwe mit ihren beiden Söhnen, Christian und Lorenz, die kleine Fabrik. Lorenz Hutschenreuther, der den Tatendrang seines Urgrossvaters Hammann und seines Vaters Karl Magnus geerbt hatte, schied 1856 aus der Fabrik in Hohenberg aus, um eigene Wege zu gehen und dem in seiner Familie traditionellen Beruf neue aussichtsreiche Gebiete zu erschliessen. Ohne Zweifel hat Lorenz Hutschenreuther den entscheidenen Schritt der Gründung einer neuen Fabrik von langer Hand vorbereitet, denn als er bald nach der Brandkatastrophe im Jahre 1856 in Selb an die Öffentlichkeit trat, um dort auf der Ludwigsmühle die Porzellanfabrik zu errichten, waren bereits nach vielen Richtungen hin die Vorarbeiten dazu abgeschlossen oder zum mindesten weit fortgeschritten.
Es ist nicht richtig, dass sie in Selb infolge des Brandes momentan günstigen, d.h. billige Arbeitskräfte in dazu bewogen haben, in Selb seine Neugründung zu plazieren - die Verhandlungen über seine Niederlassungen in Selb führen ja über den Brand zurück - sondern es waren wohl wieder die günstigen Rohstoffverhältnisse, die ihn auf diesen Platz zunächst hingewiesen haben. Er hat im ganzen Selber Bezirk umfangreiche Schürfungen nach Feldspat, Kalkstein und Porzellanerde gemacht und sich hierauf Mutungen erteilen lassen. Da ihm die Selber Staatsforsten Brennholz zu günstigen Bedingungen in jeder Menge gewährleisteten, war somit die Rohstoffversorgung einigermaßen sichergestellt. Dass dann der Selber Brand mit seiner radikalen Zerstörung der Weberei noch viele günstige und billige Arbeitskräfte bereit stellte, war für ihn ein erfreuliches, zufälliges Erlebnis. Mit dem Kauf der Ludwigsmühle[2] bei Selb (Verkäufer Fabrikant Gebhardt Selb, Kaufpreis 15.000 Gulden) schloss L. Hutschenreuther seine Vorbereitungen ab und begann alsbald mit allen Kräften den Bau der Fabrik unter Mitbenutzung der erworbenen Wasserkraft. In Selb war damals noch keine Industrie ansässig und da der Brand vielen Selbern durch die Zerstörung der Webstühle ihr Brot genommen hatte, so war die Bevölkerung der Stadt dankbar für die neue, durch die Errichtung der Fabrik gegebene Arbeitsmöglichkeit. Lorenz Hutschenreuther ist also der Begründer der Porzellanindustrie in Selb.
Die Schwierigkeiten, die sich ihm am Anfang entgegenstellten, waren erhebliche. Fehlerhafte Einrichtungen der Maschinerien durch die Lieferfirmen verzögerten den Beginn der Fabrikation. Aber Hutschenreuther hatte alle Schwierigkeiten durch seine Energie überwunden und schon im Frühjahr 1859 konnte er die Arbeit aufnehmen und auf der Leipziger Frühjahrsmesse des nächsten Jahres mit seinen Erzeugnissen hervortreten. Seine Seine Facharbeiter hatte er sich hierbei aus bereits bestehenden Betrieben in Böhmen, Thüringen und Schlesien vermutlich auch aus den nahen Hohenberg verschrieben. In seinem Annahmeschreiben für einen Arbeiter unterließ er, hierbei ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass er nur auf solide und anständige Kräfte reflektiere. Unverheiratete Arbeiter lies er ausserdem nach Möglichkeit in der Fabrik Quartier beziehen. Bezeichnend für die Strenge seiner sittlichen Anschauungen ist ein im Familienbesitz der Familie Hutschenreuther enthaltener Entwurf eines Briefes vom 17. August 1859 an Senior Clöter in Selb, in dem er seinem Bedauern darüber Ausdruck gibt, dass die Aufführung seiner Arbeiter während des Pfingstfestes anstößig gewesen war.
Er teilt gleichzeitig mit, dass er den Ruhestörern kurzerhand die Arbeit gekündigt hat. Andererseits sind wieder eine Reihe Briefe an seiner Kinder überliefert, die einen Begriff von seiner grossen Güte und Fürsorglichkeit geben. Lorenz Hutschenreuther vermählte sich am 15. Oktober 1843 mit Berta BESSNER, einer Kaufmannstochter aus Altenburg in Thüringen. Von den 6 Kindern dieser Ehe erreichten nur 3 ein höheres Alter, nämlich seine Söhne Viktor, geb. 16.12.1854, der im Jahre 1907 in München als Kommerzienrat starb und Eugen, geb. 28.06.1860, der 1899 als Gutsbesitzer in Blumenthal heimging und seine älteste Tochter Lina, geb. 1846, die sich mit dem Ingenieur Hans Pabst, dem Bauführer beim Selber Pfarrkirchenbau, vermählte. Den Letzteren, nahm Lorenz Hutschenreuther im Jahre 1864 als Teilhaber mit in die Fabrik, wodurch dieses Unternehmen noch finanziell gekräftigt wurde, sodass nunmehr durch den Bau weiterer Öfen den steigenden Ansprüchen der Abnehmer Rechnung getragen werden konnte. Auch die beiden Söhne, Viktor und Eugen, traten in die Fabrik ein, während Lorenz Hutschenreuther, dessen Lebensabend leider durch ein unerträgliches ABTMALEIDEN verkürzet wurde, sich Ende der Siebziger Jahre nach Würzburg zurück zog, wo sein Leben am 8.10.1886 ein tragisches Ende fand. Er ruht in dem Erbbegräbnis seiner Familie auf dem Selber Gottesacker neben seiner ihm im Jahre 1867 vorangegangenen Gattin.
Grössere Auszeichnungen war der schlichte Sinn dieses ohne Zweifel bedeutenden Mannes durchaus abhold. Dass solche ihm bei seinen mannigfaltigen Verdiensten und Erfolgen, zumal er auch im öffentlichen Leben als Stadtrat in Selb Bedeutendes geleistet hatte, in verschiedener Weiße erreichbar gewesen wären, liegt auf der Hand. Er hat aber nie von solchen Ehrungen Gebrauch gemacht. Seine Fabrik aber nahm einen ungeahnten Aufschwung. In den achtziger Jahren ging man in ihr dazu über, dekoriertes Tafelgeschirr und Hotelporzellan anzufertigen, dessen Ausführung den guten Ruf der Firma als Qualitätsfabrik begründete und ihr grosse Ausstellungserfolge brachte. Man muss sich vergegenwärtigen, mit welchen Schwierigkeiten die junge Fabrik am Anfang ihres Bestandes zu kämpfen hatte.
Wenn auch die hauptsächlichen Rohstoffe Kaolin, Rohton nebst Kohle und Holz in Bayern und im nahen Böhmen in grossen Mengen vorhanden waren, so war es doch überaus umständlich, diese Materialien nach Selb zu bringen. Mittels Fuhrwerk mussten sie teils aus Böhmen, teils von der 5 Stunden entfernten Bahnstation hergeholt und das fertige Porzellan wieder nach dort gebracht werden. Aber trotz der Erschwernisse nahm die Fabrik immer mehr und mehr an Bedeutung zu, eine Folge des Prinzipes von Lorenz Hutschenreuther, nur beste Fabrikate zu fertigen. Auch wurde die Produktion immer mehr vervollkommnet, sodass man bald in der Lage war, auch Tafelservice in Handmalerei anzufertigen. Natürlich war Hutschenreuther auch bestrebt, sich wertvolle Materialquellen zu sichern. Er erwarb bei Karlsbad die Zedwitzer Kaolingruben und errichtete im Zusammenhang damit in Fischern bei Karlsbad eine Kaolinschlemmerei. Nach dem tragischen Ende des Lorenz Hutschenreuther ging die Fabrik auf seine beiden Söhne Viktor und Eugen über. Um aber die Fabrikation weiter ausgestalten zukönnen, wurde 1902 die Fabrik in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die Gründung derselben geschah durch die Bank von Thüringen unter Herrn Geheimrat Dr. Strupp in Meiningen. 1896 erfolgte der Ankauf der neuerbauten Porzellanfabrik Jäger & Werner in Selb, die unter der Bezeichnung Abtl. B (die Ludwigsmühle wurde Abtl. A), dem Unternehmen als Filialfabrik angegliedert und entsprechend ausgebaut wurde. Diese Erweiterung folgte im Jahre 1917 der Ankauf der 1890 gegründeten Porzellanfabrik Paul Müller in Selb. Diese war von Herrn Paul Müller aus Wiesbaden 1890 gegründet worden und wurde zunächst nur im kleinen Umfang mit 2 Brennöfen betrieben, aber sehr rasch hat sich dieselbe vergrössert und beschäftigte 1913 schon 350 Arbeiter. In 6 grossen Rundöfen wurde hier Gebrauchsgeschirr als Spezialität hergestellt, das regen Absatz im Aus- und Inland fand. Das von Hutschenreuther aufgebaute Werk wurde als selbständige Abteilung unter Leitung des Gründers der Fabrik weitergeführt.
Das Hutschenreuther Werk erfuhr auch ausserhalb von Selb eine immer grössere Ausdehnung dadurch, dass ihm im Jahre 1927 die Tirschenreuther Porzellanfabrik und die Porzellanfabrik Bauscher in Weiden angegliedert wurde. Durch den Erwerb dieser grossen Werke gingen auch die wertvollsten und bedeutenden Pergmatitvorkommen Bayerns, sowie ein Teil der Schönhaider Kaolin- und Kapfelergruben in den Besitz der Hutschenreuther A.-G. über. So verfügte der Konzern heute sicher über 60 Brennöfen, einen Arbeiterstamm von über 5.000 Menschen, eigene Kaolinfelder, Quarzvorkommen sowie Kapfehlerdegruben.
Mittlerweile hatte aber auch andere Unternehmen in Selb Porzellanfabriken ins Leben gerufen. Im Sommer 1866 vereinigten sich die hiesigen Bürger Jakob Zeidler, Rothgerbermeister, Martin Zeidler, Bäckermeister, Karl Guz, Stiftsverwalter, Christoph Schmidt, Kaufmann, Andreas Meuchner, Bäckermeister, J. Jena, Porzellanbrenner und Modelleur Götze zum Bau einer neuen Porzellanfabrik auf dem Bahnhof,[3] welche 1867 im Frühjahr in Betrieb gesetzt wurde. Ausserdem waren 2 Malereien Philipp Rosenthal 1879 auf 1880 in Erkersreuth und Krautheim & Adelberg 1884 in Selb entstanden. Beide Malereien wurden zunächst von der Firma L. Hutschenreuther mit Weißgeschirr beliefert, sodass diese Firma in gewissen Sinn auch hier den Grundstock zu diesen bedeutenden Unternehmungen gelegt hat.
Es ist nicht möglich, in dieser Abhandlung die Geschichte der sämtlichen Porzellanfabriken in Selb zu verfolgen. Dass wir aber unser Augenmerk auch der Entwicklungsgeschichte des heute grössten Werkes am Ort zuwenden, ist selbstverständlich. Es ist dies die Porzellanfabrik Philipp Rosenthal & CO. Im Jahre 1879/80 gründete der jetzige Generalvertreter der Firma Geh. Kommerzienrat Dr. Ing. h.c. Philipp Rosenthal in Erkersreuth dieses Unternehmen in bescheidenen Anfängen als eine kleine Porzellanmalerei mit einer Belegschaft von 4 Malern. Philipp Rosenthal ist geb. am 6. März 1855 zu Wer in Westfalen. Über seine Jugend schreibt Dr. Zöllner in dem Buch: Philipp Rosenthal, sein Leben und sein Porzellan. Die Eltern betrieben bereits in der 3. Generation das Porzellangewerbe. Aus einer Fabrik, die heute zum Rosenthal Konzern gehört, Krister Waldenburg in Waldenburg, bezog der Grossvater auf Planwagen seine Waren. Die Porzellan Tradition der Familie war ein guter Stern für den Lebensweg Philipps.
Der Vater wurde 85 Jahre alt. Eine unversiegbare Lebensenergie, ein gesunder Körper, den ihm die Eltern gaben! Eine glückliche Jugend! Bald zog es ihn hinaus in die weite Welt. Entgegen dem Willen seines Vaters, ging er, 17 Jahre alt, nach Amerika ins Land der Sehnsucht junger Abenteurer. Alles, was in romantischen Büchern zu lesen ist an seltsamen Schicksalen, hat er dort am eigenen Leibe, erlebt. Klein und bescheiden zu Anfang, harte händearbeit als Laufjunge, Fahrstuhlführer, Abenteuererleben draußen im Westen als Cowboy, als Reiter, der von vorderster Linie die Nachrichten zu Pferde zur nächsten Station trug. Nach einigen Jahren hatte man seine Fähigkeiten erkannt. Er trat als Clerk in ein grosses Importhandelshaus im Westen ein und bekam dort bald die Leitung der Glas- Porzellan- und Spielwarenabteilung. Schon kurz darauf wurde er Einkäufer für diese Abteilung und als solcher nach Europa gesandt, entschloss er sich, 24jährig, trotz lockender Angebote, nach Deutschland zurück zukehren und hier sein Glück von neuem zu versuchen. Als sein Vater zu ihm sagte: "Du kannst deinen Weg ebenso gut in Deutschland machen, versuch es"!, da hat er diesen väterlichen Rat befolgt.
Er begann im Jahre 1879 sein eigenes Geschäft, hier lenkte sein Blick sich schon frühzeitig, ausgehend von dem Porzellaninteresse seines Elternhauses, auf Selb, das er als besonders günstig für seine Betätigung in der Porzellanfabrikation erachtete, da es nahe an der böhmischen Grenze, also nahe den grossen Rohstoff- und Kohlegebieten lag und bereits über eine eingesessene Porzellanindustrie verfügte. Er pachtete im Jahre 1880 das Schloss Erkersreuth, um dort eine eigene Malerei zu errichten. Einfach im kleinsten Ausmaße-wie bei allem, was den Kern des Wirklich-Grossen in sich birgt - begann er dort mit einem einzigen Maler aus Böhmen. Die Miete betrug 600 Mark jährlich. Fasst schien es mehr Liebhaberei als Erwerb. Er kaufte die Weißware bei Hutschenreuther und Zeidler. Infolge seiner Umsicht und Tatkraft wuchs der kleine Betrieb in Erkersreuth zusehends, so dass Rosenthal bereits im 3. oder 4. Jahr nach Beginn seines Unternehmens 6ß Arbeiter beschäftigte. Die Bauern von Erkersreuth haben finanziell das junge Unternehmen unterstützt, das öfter unter Geldnöten zu leiden hatte. Der erste Gewinner der Malerei war eine Untertasse, bemalt mit einer Zigarre, als Aschenschale: "Ruheplätzchen für Zigarren". Mit der Zeit wurde es zu enge in der Fabrik.
Vielerlei äussere und technische Gründe machten die Übersiedlung des Betriebes von Erkersreuth nach Selb im Jahre 1886 notwendig, das damals ja schon einen Ruf als Porzellanstadt hatte. Die stete Ausdehnung des Malereibetriebes, verbunden mit den immer grösser werdenden Schwierigkeiten, der Beschaffung der vielen weißen Ware, lies die Notwendigkeit dringender werden, selbst die Fabrikation des Porzellans aufzunehmen, sodass schliesslich im Jahre 1891 mit der Umwandlung des Malereibetriebes in eine Porzellanfabrik begonnen wurde. Rosenthal hatte bereits vorher mit einem gewissen Bauer in Kronach eine Porzellanfabrik ins Leben gerufen, die 1895 in das Selber Unternehmen miteinbezogen wurde. 1897 erfolgte die Umwandlung der bisherigen Privatfabrik in eine Aktiengesellschaft. 1908 wurde die Fabrik F. Thomas in Marktredwitz in die A.-G. aufgenommen. Im Jahre 1917 erwarb Geh. Rosenthal die Fabrik Jakob Zeidler & CO. IN Selb-Plössberg als Privatbesitz. 1920 erfolgte dann aus betriebstechnischen Gründen die Verlegung des Sitzes der A.-G. von Selb nach Berlin, Bellevuestrasse 10. Dieses Jahr brachte noch eine wesentliche Vergrösserung des Unternehmens, indem die Kristerporzellanindustrie in Waldenburg in Schlesien angekauft und gleichzeitig mit der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft in Hennigsdorf bei Berlin eine Interessengemeinschaft abgeschlossen wurde. 1920 kaufte dann Philipp Rosenthal die Porzellanfabrik Zollfrank in Erkersreuth.
Das ist in grossen Schritten der äußere Werdegang der jetzigen Weltfirma Philipp Rosenthal, wie er sich geschichtlich erfassen lässt. Hinter solch gewaltigen Werden steht immer eine Persönlichkeit. Wie wir Lorenz Hutschenreuther als den Schöpfer der Hutschenreuther Werke als grossen Menschen kennen gelernt haben, so müssen wir auch Philipp Rosenthal als einzigartige Persönlichkeit aufzeichnen, die mit weitschauendem Blick, grossem Willensdurst und rastloser Tatkraft aus kleinsten Anfängen heraus zur Weltbedeutung sein Unternehmen führte. Ja mehr noch als das, Philipp Rosenthal hat sich durch seine Energie ein so umfassendes kommerzielles Wissenverschaft und seine Bedeutung in der Keramik Deutschlands wurde so gross, dass man ihn zum Vorsitzenden des Verbandes keramischer Werke, zum Präsidenten des Messamtes in Leipzig, zum Präsidialmitglied des Reichsverbandes deutscher Industrie und zum Vorsitzenden des Exportfördernden Ausschuss der Reichsregierung gemacht hat. Schon in Friedenszeiten hat ihm der bayr. Staat den Kommerzienratstitel und später den Geheimratstitel verliehen. 1919 gab ihm die Technische Hochschule Berlin den Dr. ing. h. c. 1918 verlieh ihm die Stadt Selb das Ehrenbürgerrecht, 1926 ehrte ihn die Stadt Leipzig dadurch, dass sie eine Strasse nach seinem Namen nannte. Eine Denkschrift zur Förderung des Exportes bezeichnete Rosenthal, der auf eine 50jährige Wirksamkeit zurückblickt, als sein Testament für die deutsche Wirtschaft. Rosenthal hat am Anfang seines Unternehmens seinen Sitz in Selb gehabt. Seine Weltbedeutung verlangte es aber von ihm, dass er ausserhalb Selbs in der Reichshauptstadt sich niederließ und nur hin und wieder an den Ort zurückkehrt, wo seine Hauptfabrik arbeitet.
Beiden Männern Hutschenreuther und Rosenthal, an die Seite tritt ein weiterer Porzellanmagnat, Franz Heinrich, der Gründer der Porzellanfabrik Heinrich & CO. Hutschenreuther und Rosenthal sind nach Selb zugezogen. Heinrich dagegen war Selber von Geburt. Seine Familie saß in Selb seit dem Jahre 1630. Sein Vater war Kommunbrauer und Besitzer eines der sogenannten Zwölfkammergüter. Er besaß eine kleine Bierwirtschaft nebst bescheidenen landwirtschaftlichen Betrieb. Vater und Mutter waren ernste strenge Leute, die alle Charaktereigenschaften der Selber besaßen. Die Jugend der drei Brüder Franz, Ernst und Michael, die später ihre Kräfte in der Porzellanfabrik vereinigten, war keine leichte. Die Eltern lehrten ihren Kindern harte Arbeit und machten sie zu Menschen mit energischen zielbewussten Willen. Franz Heinrich erlernte die Porzellanmalerei. Aber er hatte seine Lust zu diesem Beruf, er will nicht als Geselle arbeiten, sondern trachtet nach Selbstständigkeit und zieht deshalb in die Ferne. 20 Jahre alt geworden, kehrt er nach Selb zurück und erbittet sich im väterlichen Betrieb Räume für die Errichtung einer Schmelzmalerei. Der Vater erfüllt diese Bitte und überlässt dem Sohne einen kleinen Raum. Franz Heinrich stellt eine Arbeiterin ein und ist nun Arbeitsherr. Gleich im Jahre darauf geht er Geschäftsverbindungen ein mit Adolf Gräf, ebenfalls einem Selber Kind, zur Bildung der Doppelfirma Heinrich & Gräf. Franz Heinrich arbeitet schwerer und und lebt überaus sparsam, um sein Geschäft weiter voranzubringen und schliesslich kann ein Grundstück an der Vielitzerstrasse gekauft werden und ein Haus darauf gebaut werden. Der bescheidene Anfang der heute ausgedehnten Fabrikanlage. Es wird ein neuer Teilnehmer in die Firma aufgenommen, Herr Wolfang Hertel, der ein für die heutigen Verhältnisse nennenswertes Kapital mit ins Geschäft bringt. Gleichwohl rechnet Heinrich mit dem Pfennig, für sich selbst braucht er fast nichts. 1900 stirbt Hertel zum grossen Schmerz von Franz Heinrich. Die Zurück Zahlung des Kapitals macht Heinrich viel Sorge. Doch führt er die Firma unter grösseren Schwierigkeiten allein fort.
1901 ist der Betrieb schon auf 50 Mitarbeiter angewachsen, doch wird es auch hier Heinrich klar, dass sein Unternehmen sich nur dann weiter entwickeln kann, wenn er selbst weißes Porzellan herzustellen in der Lage ist. So errichtet er 1902 den ersten Brennofen und die damit unerlässlich zusammenhängenden Betriebe. Der Fabrikbesitzer Ernst Adler in Asch erklärt sich als stiller Teilhaber im Geschäft und bringt das notwendige Kapital mit. Er, selbst ein Industrieller, der in seiner Vaterstadt hoch angesehen ist, versteht Franz Heinrich und lässt ihn schaffen. Beiden Männern reicht die Verbindung zur Ehre. Die Kinderkrankheiten des Betriebes werden erfolgreich überwunden, seit Eintritt des Herrn Adlers führt die Fabrik den Namen Heinrich & CO.. Langsam aber wächst die Fabrik. 1904 wird es wesentlich vergrössert. 2 Öfen, 1 Massemühle, 1 Kraftanlage, 1 Malerei- & Expeditionsgebäude mit Packerei, 1 Lagerhaus und 1 Stallgebäude werden gebaut. 1906 sind die Werksangehörigen bereits auf 200 angewachsen. 2 weitere Brennöfen und Kobaltöfen werden gebaut, auf der linken Seite der Vielitzerstrasse ein Malereigebäude, der Grundstock der heutigen Gräf & Krippner Fabrik. Im selben Jahr brannte das Gebäude, in dem der erste Brennofen befand, nieder. Im Jahre 1910 auf 1911 werden Käufe vom Gelände an landwirtschatliche Anwesen und der Bau eines Schneidesägewerkes unternommen. In den Jahren 1912 auf 1914 wurde eine grosszügige hochmoderne Anlage eines 6stöckigen Eisenbetonhaus geschaffen, der ausser der Dreherei und der Kapseldreherei, eine Formgiesserei, Modellierräume, Formen- und Modelllager, ein mustergültiges Tongewölbe und 4 Brennöfen einschliesst. In die Zeit fällt auch die Schaffung eines Industriegleises von 1700m. 1918 wurde in Meierhöfen bei Karlsbad die Kaolinschlemmerei der Firma Brendel & Heim erworben und ausgedehnte Kaolingruben in LACHWITZ, bei Karlsbad Kohlenfelder gekauft. Es werden Beziehungen zum Ausland aufgenommen. W.G. Müller in Chicago wird Generalvertreter der Firma in Nordamerika. 1921 zählt die Firma, in der auch die beiden Brüder des Franz Heinrich tatkräftig mitarbeiten, ein Personal von über 700 Personen.
Leider hielt die die Geistes- und Nervenkraft des Franz Heinrich den Riesenanstrengungen nicht stand, die der Betrieb und die ausgedehnten Besitzungen an ihn stellten. Ganz jäh brach er zusammen und fand am 4. März 1928 in geistiger Umnachtung ein jähes Ende. Er war ganz Wille gewesen. Eine Herrennatur von größtem Format. Bei einer hohen Bedeutung, die er in der industriellen Welt besaß, blieb er doch der einfache Selber, der überaus Schlicht lebte und die grössten Anforderungen an sich selbst stellte. Ein Selfmademan im wahrsten Sinne des Wortes. Seit seinem Tode führen seine 2 Brüder die Fabrik weiter.
Neben all diesen praktischen Erzeugnissen unserer Industrie muss nun aber auch das Kunstporzellan genannt werden, welches vornehmlich die Firmen Rosenthal und Hutschenreuther herstellen und zwar war die Firma Rosenthal die erste Firma, die Kunstfiguren hergestellt hat. Ferdinand Liebermann, der Künstler, nach seinen Entwurf die ersten dieser Figuren gefertigt sind. Deutschland grössten neueren Meister Liebermann, Prof. Walter Schott, Caasmann, Aigner, Diller, Zügel, Heinrich Vogler, Worpwede, Prof. Paul Riebt, Julius Diez, Zumbusch, Jul. V. Gudbrandsen, Wenck, Prof. Paul Schliepstein haben seither für die Grossfirmen gearbeitet. Gleichwohl arbeiteten die Firmen einen eigenen Stil heraus und der Kenner kann heute wohl leicht eine Hutschenreuther Figur von der Rosenthal Plastik unterscheiden.
In neuerer Zeit hat unsere Industrie sich vorallem auf die Herstellung elektrotechnischer Porzellane eingestellt. Wer die stetig zunehmende Entwicklung auf dem Gebiete der gesamten Elektrotechnik in all ihren Spezialzweigen, wie Telefonie, Telegraphie, Licht-, Kraft- und Radioübertragung bis zu den grossen Strommaschinen von 120.000 Volt und noch höher verfolgt, weiss zu ermessen, welch ungeheure Anforderung in erster Linie an ein gutes zuverlässiges Isoliermaterial gestellt wird. Als solches ist bis heute Porzellan von keinen anderen auch nur annähernd erreicht, weil es allen nur denkbaren Anforderungen in elektrischer, mechanischer und thermischer Hinsicht vollkommen entspricht. Infolgedessen fertigen die Selber Fabriken durch ein gut geschultes Arbeiterpersonal unter technischer und wirtschaftlicher Leitung das Kleinmaterial für Hausinstallationen, Sicherungselemente, Sicherungsstöpsel, Schalter, Rollen, Klemmen, für Telegraphie, Telephonie und Radio, Niederspannungsisolatoren, ebenso wie Hochspannungsisolatoren für Hochspannungsleitungen und Grosskraftwerke bis 150.000 Volt. In grossen Prüffeldern, mit verfügbaren Spannungen bis zu 500.000 Volt Wechselstrom, in Anlagen für Gleichstromprüfungen, in chemischen Laboratorien werden diese elektrischen Artikel und das dazu verwendete Material einer steten Kontrolle unterzogen.
Die grossen Fabriken haben, natürlich auch ihre Wohlfahrtseinrichtungen getroffen. Es muss leider gesagt werden, dass in dieser Beziehung in Selb nicht das geleistet wurde, was an anderen Orten die Industrie nach dieser Seite geschaffen hat. Es mag wohl dies damit zusammenhängen, dass unsere grössten Firmen Aktienunternehmungen sind und den Direktoren von Seiten der Aktionäre die Hände gebunden sind. So wird wohl überraschen, wenn man hört, dass es in einer Industriestadt wie Selb noch kein öffentliches Bad gibt, dass es noch nicht gelungen ist, eine grosse Säuglingskrippe zu errichten, dass für die Arbeitsinvaliden noch kein Altersheim vorhanden ist. Die Firma Hutschenreuther hat sich verdient gemacht dadurch, dass sie eine Wohnkolonie von einer Reihe angenehmer Wohnhäuser erbaute, die nichts mit Kasernenbauten gemein haben. Auch die Porzellanfabrik Rosenthal hat eine Reihe Arbeiter- und Beamtenhäuser errichtet, desgleichen Heinrich. Bei den Porzellanfabriken Hutschenreuther und Rosenthal sorgt je eine Arbeiter- und Angestelltenwohlfahrtskasse für Unterstützung invalider und bedürftiger Werksangehöriger, Franz Heinrich hat eine Wohlfahrtsstiftung für seine Arbeiter errichtet.
Der Stadt Selb geben die Porzellanfabriken ein eigenartiges Gepräge. Über der Stadt liegen meist die dicken Rauchschwaben. Des Nachts stehen über ihr die lodernen Kaminfeuer der Porzellanfabriken. Angerußt ist alles in der Stadt, von den grössten Häusern bis zu den kleinsten Blättern im Garten. Von der gesamten Bevölkerung dienen wohl 80 Prozent dem Porzellan. Wenn anfangs des Abschnittes von Industrien gesprochen wurde, die den Porzellanfabrken zu Hilfe kommen, so verstehen wir darunter die 2 Maschinenfabriken Gustav Netzsch und Heinrich Zeidler, die vornehmlich Porzellanmaschinen herstellen oder die Holzwollfabriken und Kistenfabriken, das Isolatorenwerk Zollfrank in Erkersreuth, die Pappkartonagenfabrikation, Buchbinderei und Druckerei Franz Dietrich und die Kartonagenfabrik Pauler, lauter Betriebe, die in engster Zusammenhang mit der Porzellanindustrie stehen und ihre Entstehung dieser Industrie verdanken.
Hans Vogel hatte Amerika bereist und nach seiner Rückkehr das erste Selber Kino, das Lichtspielhaus, im Jahre 1910 gegründet. Das nach dem Brand wiederaufgebaute neue Lichtspielhaus wurde am 2.6.1928 wiedereröffnet. Es besass nun eine geräumigen Kino- und Theatersaal mit versenktem Orchestergraben, so dass es auch für Theateraufführungen und Konzerte geeignet war. 1929 wurde eine Orgel eingebaut. Heute heisst es Rosenthal Theater und ist der kulturelle Mittelpunkt von Selb.
Bis zu jenem Schreckensjahr hatte die Bevölkerung des Städtchens von den bescheidenen Erträgen einer mühreichen Landwirtschaft und Hausweberei gelebt. Nun waren die häuslichen Webstühle dem verheerenden Feuer zum Opfer gefallen, aber in Hutschenreuthers neuer Porzellanfabrik fanden viele Arbeitslose lohnende Beschäftigung. Im Jahre 1860 gelangte das erste Selber Porzellan auf der Leipziger Messe zur Ausstellung; der Wohlstand der Stadt blieb seit Hutschenreuthers Fabrikgründung an der Stätte der alten Ludwigsmühle für alle weiteren Jahrzehnte mit der Entwicklung der bayerischen Porzellanindustrie auf innigste verknüpft. Selb überflügelte den Ort Tirschenreuth, wo im Jahre 1838 die erste Porzellanprodukion der Oberpfalz begonnen hatte.
Hutschenreuther-Wappen am Welzel-Haus Eines der größten aus Porzellan geschaffenen Kunstwerke in Selb ist die am Welzel-Haus angebrachte Stadtgeschichte auf Porzellan. Die 1988 zum 125-jährigen Betriebsjubiläum von der Hutschenreuther AG gestiftete Porzellanwand zeigt dem Besucher die bedeutenden Stationen der Selber Stadtgeschichte, angefangen mit der ersten urkundlichen Erwähnung der Stadt im Jahre 1281. Nach dem Selber Brand 1856 begann der Wiederaufbau bis hin zum Bau der ersten Porzellanfabrik 1857 durch Lorenz Hutschenreuther. Auch die Wappen der Adelshäuser, unter deren Herrschaft sich Selb im Laufe seiner Entwicklung befand, sind auf der Porzellanwand zu sehen, ebenso das Selber Stadtwappen, dessen Farben und Symbolik ebenfalls Selber Stadtgeschichte aufzeigen: Während der linke Teil des Wappens in blau-weiß gehalten ist und so die Zugehörigkeit Selbs zu Bayern seit 1810 dokumentiert, zeigt die rechte, blau-rote Hälfte die Selber Stadtfarben und zwei Zehnendergeweihe, die auf die Forster als erste Herren der Stadt Selb zurückgehen.
Stadtkirche St. Andreas Die Selber Stadtkirche St. Andreas wurde nach dem verheerenden Selber Brand 1856 an dem Standort der alten Stadtkirche, nicht jedoch auf deren Fundament errichtet. Bemerkenswert an der Kirche, die im neugotischen Stil erbaut wurde, sind unter anderem die Orgel mit ihren insgesamt 2711 Pfeifen, von denen 554 noch Originalpfeifen aus der Werkstatt von Heinrich Keller sind oder die barocken Vortragekreuze aus dem 18. Jahrhundert.
Begünstigt durch den Bau der Bahnlinie Hof-Eger, die Selb 1865 einen ersten Bahnanschluss ausserhalb der Stadt bei Selb-Plössberg und ab 1894 in der Stadt brachte, folgte in kurzen Abständen die Gründung vieler Porzellanfabriken: Lorenz Hutschenreuther (1857), Jakob Zeidler (1866 in Selb-Plössberg), J. Rieber (1868-1921), Ph. Rosenthal (1879 gegründet im Erkersreuther Schloss, seit 1887 in Selb), Chr. Krautheim (1884), Paul Müller (1889) Franz Heinrich (1898), Jäger und Werner (1906, später Hutschenreuther Werk B), Gräf & Krippner (1912), Krautheim & Adalberg (1912/13), Zeidler & Purucker (1919, Gebr. Hoffmann (1920 in Erkersreuth) und die Oberfränkische Porzellanfabrik (1923 an der Ascher Strasse). Die Hochvolthaus genannte Prüfanlage für Isolatoren der damaligen Rosenthal Isolatoren AG (RIG) wurde 1904 gegründet und bis 1924 auf Spannungen von zwei Millionen Volt ausgebaut. 1920 waren insgesamt 21 Firmen mit der Porzellanverarbeitung beschäftigt, von denen allerdings nur zwölf wirklich Porzellan herstellten, während die übrigen Weißporzellan aufkauften und es in Form von Manufakturen lediglich dekorierten. Um die Jahrhundertwende brannten in Selb mehr als 100 mit Kohle befeuerte Rundöfen, aus deren Schornsteinen bei Tag mächtige Rauchsäulen und bei Nacht die Feuerfüchse zum Himmel stiegen. Die rasche Industriealisierung ließ die Bevölkerungszahl von 3500 vor dem Brand auf ca. 14000 in den 1930 Jahren anwachsen, von denen 5500 in der Porzellanherstellung beschäftigt waren.
Als die Eisenbahnstrecke Hof-Eger gebaut und der Selber Bahnhof weit ausserhalb der Stadt angelegt worden war, begann die Entwicklung eines zweiten Ortskernes. 1866 gründete dort Jakob Zeidler seine Porzellanfabrik, die später von der Rosenthal AG übernommen wurde. Seit im Jahre 1894 von hier aus ein Lokalanschluss nach Selb hineingeführt wurde, heisst dieser Ortsteil nicht mehr Selb-Bahnhof, sondern Selb-Plössberg.
Das Fabrikviertel an der Oberen Wittelsbacher Strasse um 1920 (links der Strasse Firma Rosenthal, rechts Lorenz Hutschenreuther). Damals rauchten über den Brennhäusern der Selber Porzellanfabriken noch über 100 Schornsteine kohlebefeuerter Rundöfen. Smog und Luftverschmutzung waren damals noch kein Thema. Nachts konnte man die aus den Schloten hervorschiessenden roten Feuerzangen, sog. Füchse beobachten, die dem Kundigen und der Konkurrenz verrieten, wieviele Brände in der jeweiligen Fabrik gefertigt wurden.
Quellen:
[1] Chronik Hermann Bohrer, Selb 1930
[2] Ludwigsmühle, 1,5 km südöstlich von Selb am Selbbach gelegen. Im Jahre 1708 (1. November) erteilte Marktgraf Christian Ernst von Brandenburg dem Magistratsrat Nikol Ludwig in Selb die Erlaubnis, hier eine Mühle mit Gerberei zu errichten, weshalb sie in der Folge auch mitunter Gerbermühle genannt wurde. Nach dem grossen Brand von Selb im Jahre 1856 kaufte Fabrikbesitzer Lorenz Hutschenreuther von Hohenberg diese Mühle und errichtete mit Erlaubnis des Magistrats hier eine Porzellanfabirk mit Massenmühle, ein Establisement, dass sich seit seiner Gründung zu höchster Blüte entfaltet hat; steht doch hier heutzutage die grösste Porzellanfabrik Bayerns. Gegenwärtig zählt die Ortschaft 6 Wohnhäuser mit 116 Einwohner. (Riess Chronik)
[3] Bahnhof Selb, auch Selb-Bahnhof und in neuester Zeit Selb-Ploessberg. Die Station wurde 1865 bei dem Bau der Hof-Eger Bahn errichtet. 1866 folgte die Firma Jakob Zeidler & Cie. mit Erbauung einer Porzellanfabrik, die bis heute der besten Blüte erfreut. (Riess Chronik)






