Porzellanindustrie Fichtelgebirge

Das nordöstliche Oberfranken und die nördliche Oberpfalz waren die eigentliche Heimat der bayerischen Porzellanindustrie.[1] Die Ostbayerischen Gebirge vom nördlichen Franken bis zum südlichen Böhmerwald bestehen aus Granit-Urgestein und lieferten die Werkstoffe für Bayerns bekanntesten Exportartikel. Die wertvollsten Kaolinlager Europas lagen allerdings im nördlichen Randgebiete Böhmens. Als sich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Bayerns grosse Porzellanfabriken in seiner nordöstlichen Landesecke entwickelten, war es noch ein leichtes Porzellanerde zusätzlich aus dem befreundeten Kaiserreich Österreich, wozu Böhmen bis 1918 gehörte, zu beziehen.

Der wenig ergiebige Boden des Fichtelgebirges und der angrenzenden Landschaften wies die Bewohner des nordöstlichen Teiles Bayerns schon frühzeitig auf gewerbliche und Industrieelle Tätigkeiten hin. Aufgrund der wertvollen Erze entstanden in Oberfranken vor Jahrhunderten der Bergbau. Um Eger (Cheb) und in anderen Tälern wurden Hammerwerke errichtet. Als dann die Ausbeute geringer wurde, mussten die Menschen sich nach anderen Gewerbe umschauen. So gewährte die Handweberei im 19. Jahrhundert vielen Bewohner einen allerdings recht mageren Verdienst. Doch von allen diesen Erwerbszweigen konnte sich keiner bis in die Gegenwart behaupten. An ihrer Stelle traten andere Erwerbszweige, von denen die Porzellanindustrie im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts zur Vorherrschaft gelangte. Die Porzellanindustrie war in Oberfranken schon seit zwei Jahrhunderten zuhause. Die Porzellanindustrie wurde aus den nahen Thüringen, dessen Bewohner schon in sehr frühen Zeiten in mühseliger Heimarbeit Gebrauchsgegenstände aus Porzellan herstellten, nach Oberfranken gebracht.

Mit ihren Erzeugnissen hausierten sie in der nahen und weiteren Umgebung, wobei sie auch auf das bayerische Gebiet kamen. Unter diesen Thüringer Kaufleute befand sich auch Carolous Magnus Hutschenreuther, der bei dieser Beschäftigung eine Entdeckung von sehr weitreichender Bedeutung machte. Auf dem Weg zwischen Hohenberg a. d. Eger und Wunsiedel fand er eine weiße Erde. Er nahm eine Probe nach Thüringen und untersuchte sie genauer. Zu seiner Verwunderung konnte er feststellen, dass es sich um eine hochwertige Porzellanerde handelte. Der Umstand, dass auch andere zur Porzellanherstellung notwendigen Rohstoffe, Feldspat und Quarz zu finden waren, war der Anfang der Porzellanindustrie im nördlichen Bayern, in Oberfranken.[2] Auf Kohle brauchte man noch keine Rücksicht zu nehmen, da das Porzellan ausschliesslich mit Holz gebrannt wurde. Die reichen Waldbestände des Fichtelgebirges lieferten dazu einen vorzüglichen und billigen Brennstoff.

Und so begann C. M. Hutschenreuther auf bayerischen Boden Porzellan herzustellen. Das war im Jahre 1814, als C. M. Hutschenreuther in Hohenberg a. d. Eger seine Porzellanfabrik gründete. Lorenz Hutschenreuther, der jüngere seiner beiden Söhne gründete im Jahre 1856 im benachbarten Selb eine Porzellanfabrik (1856-2000). Die Stadt Selb war einige Monate vorher durch einen Brand stark in Mitleidenschaft gezogen. Trotzdem ließ sich Lorenz Hutschenreuther in Selb nieder und errichtete in der Ludwigsmühle "Ludwigsmühle, 1,5 km südöstlich von Selb am Selbbach gelegen. Im Jahre 1708 (1. November) erteilte Marktgraf Christian Ernst von Brandenburg dem Magistratsrat Nikol Ludwig in Selb die Erlaubnis, hier eine Mühle mit Gerberei zu errichten, weshalb sie in der Folge auch mitunter Gerbermühle genannt wurde. Nach dem grossen Brand von Selb im Jahre 1856 kaufte Fabrikbesitzer Lorenz Hutschenreuther von Hohenberg diese Mühle und errichtete mit Erlaubnis des Magistrats hier eine Porzellanfabirk mit Massenmühle, ein Establisement, dass sich seit seiner Gründung zu höchster Blüte entfaltet hat; steht doch hier heutzutage die grösste Porzellanfabrik Bayerns. Gegenwärtig zählt die Ortschaft 6 Wohnhäuser mit 116 Einwohner. (Riess Chronik)] eine Porzellanfabrik. Die Stadt Selb war damals noch eine völlig unbedeutende Stadt und hatte weder Industrie noch einen Eisenbahnanschluss."

Die nächste Eisenbahnstation war einige Stunden entfernt in Schwarzenbach a. d. Saale. Die Rohstoffe bezog Lorenz Hutschenreuther nicht aus der Hohenberger Gegend sondern aus dem benachbartem Böhmen, dass wegen seiner erstklassigen Rohstoffe alle namhaften Porzellanmanufakturen und Porzellanfabriken zur damaligen Zeit belieferte. Lorenz Hutschenreuther musste seine Rohstoffe mittels Fuhrwerk von der nächsten Bahnstation in Schwarzenbach a. d. Saale abholen. Auf gleicher Weise musste er auch die fertigen Erzeugnisse dort bringen, was natürlich unnötige Zeit und Mühe und viel Geld kostete. Am Aufschwung der Stadt Selb zur Hochburg der Porzellanindustrie hatte Lorenz Hutschenreuther grossen Anteil. Bald beschränkten sich die beiden Porzellanfabriken in Selb und Hohenberg nicht mehr auf die Herstellung von Pfeifenköpfen, sondern stellten 1860 ihre Fabrikation auf Gebrauchs- und Tafelgeschirr um. Um diese Zeit folgten in der Selber Gegend neue Gründungen von Porzellanfabriken. Im Jahre 1866 errichtete Jakob Zeidler in Selb-Bahnhof eine Porzellanfabrik, die 1917 in den Rosenthal‘schen Besitz überging.

Auch in Arzberg, Schönwald, Rehau, Schirnding, Waldsassen, Tirschenreuth und Marktredwitz wurden Porzellanfabriken gegründet, die zum Teil heute noch produzieren. Zu ungeahnter Höhe entwickelte sich neben den Hutschenreuther Fabriken in Selb und Hohenberg das von einem Kaufmann Philipp Rosenthal ins Leben gerufene Werk. Im Jahre 1879 gründete P. Rosenthal in dem historischen Schloss Erkersreuth bei Selb eine Porzellanmalerei, die anfänglich nur vier Maler beschäftigte. Das Weißporzellan kaufte Rosenthal von den Firmen Hutschenreuther und Jakob Zeidler. Das Unternehmen wuchs rasch empor. Von Anfang war das Interesse Philipp Rosenthal darauf gerichtet, neue Ideen und Dekorationen sowie Formgebung Eingang zu verschaffen, sowie neue Methoden der Verzierung von Porzellan anzuwenden. In der kleinen Malerei in Erkersreuth blieb die Verwirklichung dieser Pläne zunächst auf geringe Versuche beschränkt. Aber als Rosenthal nach einem Jahrzehnt eine Porzellanfabrik in Selb errichtete, um das Weißporzellan herzustellen, konnte er sich der Durchführung seiner Ideen in grösseren Stille widmen. Sein Grundgedanke war, die Qualitätsstufe der damals vorherrschenden Fabriken zu übertreffen. Von den Manufakturen der Fürsten befruchtet, fertigten die deutschen Porzellanfabriken damals überwiegend Gebrauchsware in überlieferten Stillarten und von einer gewissen Gleichförmigkeit der Ausmaße, Gestaltung und Verzierung. Die produzierten Erzeugnisse standen hinter der böhmischen Porzellanindustrie, die besonders in der Karlsbader Gegend zu beachtenswerten Qualitätsleistungen gelangt war, beträchtlich zurück und überließen die Fortbildung der Porzellankultur in der Hauptsache der königlichen Manufakturen.

Da ging Philipp Rosenthal dazu über, zunächst die französischen Vorbilder für die deutsche Privatindustrie nutzbar zu machen. Damit gab er den Anstoss zu neuen Schaffen. Er vervollkommnete das Buntdruckverfahren und förderte dessen fachgemäße, industriegerechte Behandlung. Durch weitgehende Arbeitsteilung gestaltete er den Produktionsprozess planmäßig nach Regeln. So schuf Philipp Rosenthal im Herstellungsprozess produktionsfördernde Erneuerungen, durch welche auch die qualitativen Leistungen gehoben werden konnten. In der Entwicklung der Formen und Dekore stützte sich Philipp Rosenthal auf ein unermüdliches Studium der kunstgewerblichen Zeitströmungen, wobei er aber immer feinfühlig genug war, um nicht jeder Geschmacks- und Stilrichtung zu folgen. Andererseits zeigte aber Philipp Rosenthal immer ein tiefes Verständnis für den unvergänglichen Wert guter alter Porzellankunst. Würdig an die Seite der genannten Industrieellen tritt noch ein Mann, der seit 1896 in der bayerischen Porzellanindustrie an führender Stelle stand. Es ist Franz Heinrich, der schon als zwanzigjähriger in Selb ein Unternehmen gründete, das Weltgeltung erlangte. In Amerika galt sie als eine führende deutsche Porzellanfabrik. Auf der Leipziger Messe waren die Ausstellungsräume der Firma stets Gegenstand regen Interesse gewesen. So war auch der Wachstum der Firma zu ihrer damaligen Grösse und Bedeutung nicht das Werk des Zufalls, sondern die Frucht eines Zielbewussten Strebens auf organisatorischen, technischen und kommerziellen Gebiet. Die Porzellanfabrik Heinrich & CO. wurde von Franz Heinrich in Gemeinschaft mit seinen Brüdern Ernst Heinrich und Michael Heinrich geleitet. Selb, das Zentrum der bayerischen Porzellanindustrie hatte noch mehrere Qualitätsporzellanfabriken aufzuweisen.

So die Firmen Krautheim & Adelberg, Gräf & Krippner und J. Rieber. Das mächtige Aufblühen der Porzellanindustrie in der hiesigen Gegend hatte auch das Entstehen von Spezialfabriken zur Folge, welche den Werken gesamten Bedarf an Maschinen lieferte. Hier ist besonders die Maschinenfabrik Gebr. Netzsch zu nennen, die in zwei umfangreichen Werken in Selb und in der nahen Grenzstadt Asch, vollständig maschinelle Einrichtungen für die Porzellanfabriken belieferte. Auch die Maschinenfabrik Heinrich Zeidler in Selb versorgte die oberfränkischen Porzellanfabriken mit Maschinen. Wer Selb besuchte war erstaunt über die riesenhaften Industriebauten, welche die verschiedenen Weltfirmen in allen Teilen der Stadt errichtet hatten. Die Porzellanstädte Selb und Weiden waren neben Orten in Thüringen und Sachsen die Zentren der Porzellanindustrie in Deutschland.

[1] Ewald Bahnse, Lexikon der Geographie Braunschweig und Hamburg 1909 
[2] 1827 zählte Oberfranken schon 6 Porzellanfabriken mit 429 Arbeiter