Porzellanindustrie Oberfranken
Es ist eine überall zu beobachtende Tatsache, dass sich manche Industrien, sei es Heimarbeit oder Fabrikunternehmen, mit einer gewissen Ausschliesslichkeit auf bestimmte Gegenden, Ortschaften konzentrieren und dort zu besonderer Blüte gelangen. Die Gründe hierfür sind vielseitiger Art und in erster Linie durch die Lage der benötigten Rohstoffvorkommen bedingt. So verdankt, z.B. die Westerwälder Steinzeugindustrie ihre Existenz beim dortvorhandenen guten Steinzeugton, die erzgebirgische Holzschnitzerei dem dortigen Holzreichtum u.v.m.. Darüber hinaus gibt es aber Zentren bestimmter Industrien, die unabhängig vom Rohstoffvorkommen sich entwickeln, wie z.B. die Plauener Spitzenindustrie, die Solinger Metallwarenindustrie u.a.. Maßgebend hierfür ist hauptsächlich die Arbeiterfrage, denn wo bereits eine Fabrikation heimisch ist, dort finden sich leichter die gelernten und geübten Arbeitskräfte, die dem neu gegründeten Werk die sonst unvermeidlichen Lehrjahre und Kinderkrankheiten ersparen. Andererseits lockt natürlich ein blühendes Unternehmen auch andere gleichartige an derselben Stelle hervor, denn durch die Häufung einer Industrie an einem bestimmten Ort erhält dieser einen Ruf auf seinen Spezialgebiet, so dass allein der Name des Ortes schon dem jungen Unternehmen wesentliche Vorteile bei seinem Auftreten auf dem Markt leistet.
Alle diese Gründe spielten nun mit bei der Verteilung der Porzellanindustrie in Deutschland. In den ersten Zeiten nach der Erfindung des Porzellans waren es hauptsächlich höfische Interessen, die die örtliche Lage bestimmten, wie bei Meissen, Berlin und Wien. Bei der späteren Ausbreitung der Industrie richtete sich diese nach der Lage des hauptsächlich benötigten Rohmaterials, des Kaolins, der in den Gegenden von Meissen, Halle, Schlesien und Nordböhmen vorkommt. Die sonstigen Materialien für die Porzellanerzeugung, wie Feldspat und Quarz, spielten keine ausschlaggebende Rolle, da sie in der für die damalige Produktion genügend reinen Form vielerorts in Deutschland gefunden werden konnte. Ein Grund[1] lag auch darin, dass von Anfang an ein getrennter Rohstoffbezug bestand: Kaolin aus dem benachbarten Karlsbader Becken, Quarz aus den Bergen im Fichtelgebirge und Feldspat anfangs auch aus Böhmen, später aus dem Fichtelgebirge und der Oberpfalz. Eine Örtliche Konzentration anders als in Sachsen und Thüringen.
Auf ein Material, das heute von eminenter Wichtigkeit ist, nämlich auf die Kohle, brauchte man noch keine Rücksicht zu nehmen, da das Porzellan ausschliesslich mit dem überall vorkommenden Holz gebrannt wurde. Ein glücklicher Umstand dabei war der, dass sie Kaolinlager genetisch in der Regel mit Braunkohlelagern zusammenhängen, so dass in der Nähe der meisten Kaolinfundstätten heute auch Kohle gewonnen werden konnte. Es findet sich daher heute die Porzellanindustrie Deutschland hauptsächlich in den oben erwähnten Gegenden von Sachsen, Thüringen, Schlesien und dem Nordböhmen benachbarten Oberfranken ansässig waren, wo sie sich zu einem mächtigen Faktor im Wirtschaftsleben Deutschland entwickelt hatten. Da die Porzellanindustrie aus einfachen Gesteinsarten also ganz billigen, meist inländischen Rohstoffen hochwertige Fertigerzeugnisse herstellt, erfüllt sie in etwas modifizierter Weiße den alten Traum der Alchimisten, nämlich aus wertlosen Rohmaterialien Goldwerte zu erzeugen. Ein grosser Teil der Produktion wandert ins Ausland, so dass die Porzellanindustrie in ganz wesentlichen Maße zu einer Aktivierung unserer Handelsbeziehungen beiträgt.
Bei der Verteilung der Porzellanindustrie auf bestimmte Gegenden Deutschlands übten nun die führenden Firmen jeweils einen bestimmenden Einfluss aus auf die Art der erzeugten Gegenstände, so dass hierbei eine gewisse Arbeitsteilung besteht. So hat sich beispielsweise in dem uns besonders nahe liegenden Oberfranken die feinere Geschirrindustrie entwickelt, sowie die Herstellung von Kunst- und Luxusporzellan hohe Ranges, die in ihren Spitzenleistungen ebenbürtig sind den Werten der Staatlichen Manufakturen. Von den etwa 54[2] bayerischen Fabriken, die im Porzellangeschirrverband vereinigt sind, liegen alleine 48 in Oberfranken und zwar hier in etwa 35 Ortschaften verteilt, hauptsächlich im nördlichen Teil des Kreises. Als besonderer Hauptort dieser Industrie ist in erster Linie die Stadt Selb und Umgebung hervorzuheben, in der allein 10 grosse Porzellanfabriken sich befinden, darunter solche von Weltruf, wie Rosenthal, Hutschenreuther, Heinrich usw. Selb liegt etwas abseits der Bahnstrecke Hof - Eger in den Ausläufern des Fichtelgebirges, ganz nahe an der tschechischen Grenze, und war vor etwa 100 Jahren noch ein gänzlich unbekanntes armes Weberdorf. Heute ist es durch die machtvolle Entfaltung seiner Fabriken zu einer Industriestadt von internationalen Ruf geworden, in deren Strassen Einkäufer aus allen Herren Länder zu sehen sind. Schon von ferne verraten die eigenartigen langgestreckten Fabrikbauten mit ihren zahlreichen gleichgeformten Schlöten, denen dicker schwarzer Qualm und feurige Glut entströmt, dem kundigen die Art der Fabrikation. Ein weiteres Charakteristik bilden die sogenannten Scherbenberg in der Nähe der Fabriken, das sind riesige Schutthalden, auf denen sich Porzellanscherben, Gipsformen und Schlacken im Laufe der Jahre zu riesiger Ausdehnung anhäuften.
1827[3] zählte Oberfranken schon 6 Fabriken mit 426 Abeitern und zwar konzentrierte sich die Porzellanindustrie einmal immer mehr auf die Stadt Selb und griff dann noch von Norden nach Süden gehend auf die Nordoberpfalz über. Städte wie Tirschenreuth, Waldsassen, Weiden, Vohenstrauss usw. wurden bekannt und zwar nicht nur als Fabrik-, sondern auch als Grubenorte für Kaolin. Als Grubenorte allerdings später, denn bis 1836 bezog man auch in Tirschenreuth die Gesamtrohstoffe noch aus Böhmen. Die Hauptgebiete der Produktion bilden feinere Geschirre für die Tafel wie für Kaffee- und Tee, die in alter Tradition und ständiger Wertarbeit durch Künstler und Techniker heute auch den höchstgestellten Erwartungen an Güte des Materials, sowie an Zweckmässigkeit und Schönheit der Formgebung entsprechen.
Die Eigenart der Produktion brachte es mit sich, dass bei der Herstellung des Porzellans maschinelle Hilfsmittel nur in geringen Maße Verwendung fanden, so dass überall die Handarbeit vorherrschte, die natürlich ein besonders geschultes Personal voraussetzte. Ein ganzes Heer gelernter hochwertiger Arbeitskräfte, denen von Vater und Grossvater bereits die Tradition und Befähigung dazu im Blute lag, gestaltet, brennt und Schmückt die vielfältigen Geräte und Gefässe, bis sie das feste, glänzend transparente Aussehen besitzen, das wir am Porzellan gewöhnt sind. Die "Porzellanstädte"[4] Selb und Weiden sind – neben Orten in Thüringen und Sachsen – die Zentren dieses Wirtschaftszweiges. Hier haben zahlreiche international bekannte Porzellanhersteller, viele schon seit dem 19. Jahrhundert, ihren Sitz. Einige dieser Unternehmen dominieren die Branche weltweit. Zulieferer aller Art, wie Buntdrucker für Dekore, Porzellanmaler und -bedrucker, Maschinenbauer, Analyselabors und Rohstofflieferanten mit Gemengeaufbereitung befinden sich in unmittelbarer Nähe. Stark konzentriert in der Region sind ebenfalls die Massemühlen, die die Rohstoffe zu den Porzellanmassen veredeln. Zudem gibt es den Verband der Keramischen Industrie, die Porzellanfachschule, die Agentur für neue Initiativen im Strukturwandel, mehrere Museen und die Porzellanstrasse.
Im wesentlichen lassen sich die Haupterzeugnisgruppen Geschirrkeramik, Baukeramik, Ofenkacheln und technische Keramik unterscheiden. In der Untersuchung erfolgte eine Konzentration auf den Bereich Geschirrkeramik, der sich wiederum in Haushalts- bzw. Hotel- und Systemporzellan unterscheiden lässt. Dabei sieht sich die Erzeugnisgruppe Hotel- und Systemporzellan offenbar weniger gravierenden Strukturproblemen gegenüber als das Haushaltsporzellan. Viele der hier ansässigen Unternehmen bedienen beide Märkte.[5]
Zahl der Fabriken in organisierten Verbänden[6]
Die Zahl der Porzellanfabriken in Deutschland betrug 1927 insgesamt 292 Fabriken, davon waren 122 Betriebe organisiert im Verband deutscher Porzellan-Geschirrfabriken GmbH in Berlin und 130 Fabriken im Verband Deutscher Fabriken für Gebrauchs- Zier- und Kunstporzellan GmbH in Weimar[7]. Neben den Verbänden spielten die sogenannten Konzerne eine beträchtliche Rolle. Die Porzellanfabrik Rosenthal A.G. mit ihren Werken in Selb, Marktredwitz, Kronach, Waldenburg-Altwasser ist die älteste dieser Konzerne. Anfang 1927 hatte zum Zweck der Vereinheitlichung der Fabrikationsprogramme und der Verbilligung der Verwaltung und des Absatzes die Porzellanfabrik Lorenz Hutschenreuther A.G. die Porzellanfabriken Gebrüder Bauscher, Weiden und Tirschenreuth aufgenommen. Wenige Wochen später folgte Kahla in dem es die Geschirrfabriken E. & A. Müller A.G., Schönwald und die Schönwald A.G. in ihrem Konzernverbund aufnahm. Dadurch war die Kahla A.G. das grösste Unternehmen der Geschirrporzellanindustrie geworden.
Der unmittelbare[8] Verkauf durch eigene Verkaufsfilialen im Auslande war ein Vorrecht einzelner Grossbetriebe gewesen. So hatte z.B. die Kahla A.G. Anfang 1926 in Chicago eine eigene Verkaufsabteilung errichtet, die Kahla China Corporation of the USA, ferner der Schumann Konzern für seine 3 Fabriken im Frühjahr 1928, die Schumann China Corporation in New York und Philipp Rosenthal A.G., sowie die Firma Winterling, Roeslau in New York ihre eigenen Verkaufsniederlassungen. Ebenso die Gebr. Bauscher und Schlegelmilch, Suhl. Alle genannten Firmen sind was die Porzellanproduktion anhing, gemischte Werke und bei allen war wohl der Geschirrzweig für die Gründung der ausländischen Niederlassungen maßgebender gewesen sein, als die kleinen Luxusabteilungen. Ferner hatte die Philipp Rosenthal A.G. 1927 in allen europäischen Hauptstädten eigene Verkaufsfilialen und in allen Weltbädern, wie Davos, Karlsbad insgesamt 23 Niederlassungen. Satzungsgemäss[9] waren die Mitgliedsfabriken des Verbandes für Gebrauchs-, Zier- und Kunstporzellane in Weimar verpflichtet, von jeder ausgehenden Faktura eine Abschrift an das Statistische Archiv der Interessensgemeinschaft zu senden. Der Extrakt dieser Zahlen wurde dann im Keramos den Fabriken zum Zwecke der Marktbeobachtung laufend zugänglich gemacht.
Die Firmen, die zum Teil auf eine über hundertjährige Tradition zurückblicken, sind typischerweise in Familienbesitz. Die Akteure beobachten sich, halten aber meist kritische Distanz zueinander. In nicht wenigen Fällen konkurrieren sie auf den gleichen Märkten, was die Neigung zur Abschottung erklärt und grosse Hürden für die Zusammenarbeit bedeutet. Dies war auch bereits in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts der Fall, als die Branche noch insgesamt expandierte und eine positive Gewinnsituation vorherrschte. Seither hat sich die Lage drastisch verschlechtert. Das letzte Jahrzehnt brachten Preiseinbrüche von über 30 Prozent mit sich, gemessen an der Beschäftigung und der Produktion hat sich der Porzellanbereich in den neunziger Jahren in etwa halbiert. Ob die Talsohle bereits erreicht ist, ist unter den befragten Experten strittig. Als Hoffnungsschimmer hat es im Jahr 2000 nach acht Jahren mit zurückgehenden Umsätzen wieder eine leichte Erholung gegeben, die allerdings rein auf gestiegener Auslandsnachfrage beruht. Diese positive Entwicklung wurde durch die Terroranschläge Ende des Jahres 2001 wieder unterbrochen. Aufgrund der Ereignisse ist nicht nur die Nachfrage nach Porzellan in einem der Hauptexportländer USA gesunken, es wurden auch Aufträge storniert[10].
Auf der Karte Bayerns nimmt das eigentliche Porzellangebiet nur eine bescheidene Fläche ein. Aber 146 Betriebe der feinkeramischen Industrie zählt die Statistik für das Jahr 1948, wobei 54 Werke in der Hauptsache Gebrauchs- und Ziergegenstände herstellten. Im Städte-Dreieck Selb-Marktredwitz-Arzberg fühlen wir den stärksten Pulsschlag der bayerischen Porzellanindustrie. Hier findet der Besucher die dichteste Gruppierung der hochragenden Schlote feinkeramischer Produktionsstätten und der langhingestreckten Gebäudefronten mit den monoton wirkenden endlosen Fensterreihen vor. Grauschwarze Rauchfahnen und nächtlicher Feuerschein über den Kaminen zeigen ihm den Brennprozess an. Selb und Marktredwitz beherbergen zudem das Porzellangehirn: Den Verein der keramischen Industrie Bayerns und die zentrale Exportstelle für keramische Produkte.
Im Städte-Dreieck Selb-Marktredwitz-Arzberg fühlen wir den stärksten Pulsschlag der bayerischen Porzellanindustrie. Hier findet der Besucher die dichteste Gruppierung der hochragenden Schlote feinkeramischer Produktionsstätten und der langhingestreckten Gebäudefronten mit den monoton wirkenden endlosen Fensterreihen vor. Grauschwarze Rauchfahnen und nächtlicher Feuerschein über den Kaminen zeigen ihm den Brennprozess an. Selb und Marktredwitz beherbergen zudem als Porzellangehirn: Den Verein der keramischen Industrie Bayerns und die zentrale Exportstelle für keramische Produkte. Die Stadt Selb ist das Herzstück der bayerischen Porzellanerzeugung; sie fordert mit Recht für sich den Titel - Die Stadt des Porzellans - . Vier Weltfirmen haben dort ihre Niederlassungen, und auf ihren Bezirk treffen von den rund 30 Tausend Arbeitskräften der Feinkeramik Bayerns allein etwa 35 v. H. Von Selb aus erfolgte auch die Einführung der Markenbezeichnung mit dem jeweiligen Werkstempel und dem Namen Bavaria für sämtliche bayerischen Erzeugnisse. In Absatzmenge und Umsatzhöhe gilt es als das grösste Zentrum der Porzellanindustrie nicht nur in Bayern sondern in ganz Europa. Begreiflich, dass die Stadt Selb in ihren Mauern auch eine Porzelliner-Fachschule stehen hat: In der Meisterschule für Porzellan zu Selb werden seit 1908 tüchtige Nachwuchskräfte besonders auf technischem und künstlerischen Gebiete, wie vor allem Modelleure und Maler, Chemiker, Werkmeister und Betriebsleiter herangebildet. Seltsamerweise kann der Reisende der Stadt, deren Bevölkerung überwiegend vom Porzellan lebt, nur auf einer kleinen Nebenlinie der Eisenbahn erreichen, während die Kösseinestadt Marktredwitz von allen Porzellanorten verkehrstechnisch am günstigsten lag.
Um diese schmale Städte-Dreieck lagern in Form eines Halbmondes die vielen Porzellanfabriken der näheren und weiteren Umgebung; ihre weißgetünchten Festungsmauern erheben sich meist am Rande der Dörfer und kleinen Städte. Zahlreich sind auch die Namen der Porzellanfirmen, deren Stempel wir auf der Bodenseite unserer Tassen und Teller, Schüsseln und Schalen, Vasen und Pokale ablesen können. Manche Firma wurde im Laufe der Zeit Besitzerin mehrerer Werke, ohne dass die Einzelbetriebe ihre individuelle Fabrikationszüge aufgeben mussten. So führte privater Unternehmergeist die Namen nordbayerischer Orte in die Weltliteratur der Wirtschaft ein.
In der Geschichte der nordostbayerischen Porzellanindustrie können wir geradezu von Gründerjahrzehnten sprechen; Unternehmertum, Arbeiterschaft und Staatsregierung brachten diesem steigenden Wirtschafts-zweige immer grösseres Interesse entgegen. Unsere Betrachtung über die Produktion wäre jedoch einseitig, wollten wir sie auf die Herstellung von Gebrauchs- und Zierporzellan beschränken. Die Herstellung von technischer und chemischer Artikeln in der feinkeramischen Gesamtproduktion nahm den zweiten Platz ein. Die Karte über die bayerische Exportindustrie verzeichnet den Industriezweig technischen und elektrotechnischen Porzellans vor allem im Gebiete Mittelfrankens und des westlichen Oberfrankens, also ausserhalb der eigentlichen Porzellinerecke.
Wie sich jedoch die produktionellen Arbeitsgebiete ausweiteten und mehrten, so verbesserten sich auch die technischen Einrichtungen der einzelnen Betriebe. Innerhalb weniger Jahrzehnte legten sie z.B. einen weiten Weg von den ersten bescheidenen Rundöfen und Dekormuffeln mit Brennholzfeuerung zu den modernsten Werkeinrichtungen zurück. Sie wuchsen teilweise zu gewaltigen Unternehmen heran. Lassen wir als Zeugen hierfür die Firma Schumann/Arzberg zu Worte kommen. Als unter dem Gründer der Firma der Absatz steigend florierte, verlegte der Werksbesitzer die Fabrikanlagen an ein weithingestrecktes Gelände vor der Stadt, wo der neue Schienenstrang der Eisenbahnlinie Nürnberg-Eger einen brauchbaren Gleisanschluss ermöglichte. Der Grossteil der umfangreichen Gebäulichkeiten wurde in eigener Regie durch die Bauabteilung des Betriebes errichtet, die nötigen Bausteine lieferte eine betriebsbereite Ziegelei, das angekaufte Bauholz lief durch eigene Sägewerke. Neun Brennöfen erstanden; in der Herstellung des Versandmaterials, in den maschinellen Reparaturen, in der Belieferung der Fabrikanlagen mit Dampf-, Licht und Kraftstrom, in der Ausarbeitung der Bunddruckdekore und in der Verarbeitung der angelieferten Rohstoffe wurde die Firma vollkommen autark.
Die bayerische Porzellanindustrie konnte bis zum Jahre 1933 in Produkion und Absatz eine ständig aufwärtssteigende Kurve notieren, die weitaus überwiegende Mehrheit der Werke beschäftigte kurz vor dem II. Weltkrieg zwischen 500 und 1000 Personen. Ausser Coburg, Bayreuth und Weiden zählte jedoch damals kein nordostbayerischer Porzellinerort über 20.000 Seelen, die meisten von ihnen erreichten kaum die Zehntausendgrenze. Wir können uns demnach aus diesem Zahlenverhältnis die wirtschaftliche und soziale Bedeutung des ersten Industriezweiges von Nordostbayern für die kleinen Marktflecken und Landstädte vorstellen. Da sich in jenen Jahrzehnten die Länder Mitteleuropas wirtschaftlich noch gegenseitig im Austausch von Rohstoffen und Erzeugnisse ergänzten, blieb der sinngemässe Blutkreislauf der Wirtschaft ungestört. Viele Porzellanfabriken besassen eigene Kaolingruben und Schlämmwerke in Böhmen, auch Sachsen und Schlesien wurden für Lieferungen herangezogen. Zudem rollten lange Güterzüge mit böhmischer Kohle über Schirnding durch die Egerer Senke ins Herzland der bayerischen Porzellanindustrie. Es ist verständlich, dass sich in dieser langen Zeit der Prosperity ein Facharbeiterstand entwickelte, der mehrere Generationen hindurch Mitglieder derselben Familie in das gleiche Werk schickte.
Beim Zusammenbruch des nationalsozialistischen Reich erloschen auch die Brennöfen der bayerischen Porzellanindustrie, nachdem eine verfehlte Wirtschafts- und Aussenpolitik dem Export bereits Jahre vorher schwere Schäden zugefügt hatte. Ein gütiges Geschick bewahrte jedoch diesen bayerischen Wirtschaftszweig vor allem im Nordosten des Staates fast vollkommen vor Kriegs- und Kriegsfolgeschäden, wie der bayerische Wirtschaftsminister mit Genugtuung feststellen konnte. So nahm die Porzellanindustrie trotz zahlreicher Schwierigkeiten in der Versorgung mit Rohstoffen und Brennmaterial sehr bald nach Kriegsende die Produktion wieder auf. Unternehmergeist, unverwüstlicher Arbeitswille und verständnisvolles Entgegenkommen der amerikanischen Besatzungsmacht brachten eine neue Belebung der Erzeugung und des Exports. Mit der neuerlichen Ankurbelung der keramischen Industrie wurde die Bevölkerung des nordöstlichen Bayerns auch wesentlich weniger als andere Gebiete Deutschland und unserer engeren Heimat von der Arbeitslosigkeit betroffen. Zudem konnte ein beachtlicher Prozentsatz der Flüchtlinge in die Produktion eingeschaltet werden. So zählte zum Beispiel die Firma Heinrich & CO. im Jahre 1949 bei rund 1000 Beschäftigten 37 v. H. Flüchtlinge, von denen 92% erst eingeschult werden mussten. Zerstörungen, wirtschaftliche Strukturveränderungen im deutschen Raum, Flüchtlingsnot und Devisenhunger wiesen der weniger angeschlagenen Porzellanindustrie Bayerns grosse wirtschaftliche und soziale Aufgaben zu.
Wer im Lande der bayerischen Porzelliner die Massen von Männern, Frauen und Jugendlichen tagaus, tagein aus den Toren der Porzellanfabriken strömen, den Bahnhöfen zueilen und in den Zügen nach den umliegenden Ortschaften sitzen sieht, gewinnt ein eindrucksvolles Bild von der Bedeutung dieses Industriezweiges auf bayerischem Staatsboden (Oberfranken). Durchwandert er jedoch die einzelnen Werkabteilungen, so begreift er auch, weshalb das einzelne Fertigfabrikat ein Vielfaches des Rohstoffpreises kostet. In der Regel nehmen die Fabriken alle Arbeitsvorgänge von der ersten Gestaltung des Rohmaterials bis zur Vollendung des Porzellanstückes in einem laufenden Umwandlungsprozess vor. Wieviele Hände und Werkzeuge, Maschinen und Ideen sind notwendig, um aus den drei Ursubstanzen das Edelfabrikat erstehen zu lassen!
Quellen:
[1] Die räumlichen Beziehungen der deutschen Luxusporzellanindustrie, Rudolstadt 1931
[2] 1827 zählte Oberfranken schon 6 Fabriken mit 429 Arbeitern
[3] Die räumlichen Beziehungen der deutschen Luxusporzellanindustrie, Rudolstadt 1931
[4] Josef Aigner, Bayerisches Porzellan, Bayerischer Schulbuchverlag
[5] http://ostbayern.coris.eu/ClusterMen%C3%BC/PorzellanKeramik/tabid/423/Default.aspx
[6] Die Lage der deutschen Porzellanindustrie 1925 bis 1927; Nürnberger Beiträge zu den Wissenschaften Hrsg. Wilhelm Vershofen und Hans Proesler
[7] Dabei sind Betriebe, die überwiegend Geschirr herstellen, als reine Geschirrbetriebe und solche, die überwiegend Zierporzellan herstellen, als reine Zierporzellanbetriebe angenommen.
[8] Keramos 1928
[9] Offizielle Mitteilung des Verbandes keramischer Gewerke, 1925, sowie Keramos 1925
[10] http://ostbayern.coris.eu/ClusterMen%C3%BC/PorzellanKeramik/tabid/423/Default.aspx