Begriff Porzellan

Unter mehreren Versionen, die sich um die Deutung des Begriffes Porzellan bemühten, dürfte die Annahme, das Wort leitete sich vom Italienischen her und sei auf das lateinische PORCELLUS = Schweinchen zurück zuführen, die grösste Wahrscheinlichkeit besitzen. Als PORCELLUS bezeichnete man im alten Rom eine zur tropischen Familie der Vorderkiemer gehörende Schnecke. Ihr porzellanartig aussehendes Gehäuse stand vermutlich Pate bei der Namensgebung für das neue abendländische Produkt, das - beraten von dem bereits mit der Glasbereitung vertrauten königlichkursächsischen Physiker Tschirnhaus - der Goldmacher Johann Friedrich Böttger im Jahre 1709 auf der Jungfernbastei in Dresden erfand. Sowohl hinsichtlich der Erfindung des europäischen als auch des asiatischen Porzellans mag es interessant sein, auf einige gleichzeitige Zeichen geistiger Substanz in anderen Kutlurbereichen kurz hinzuweisen. Was wir kulturelle Leistung nennen, ist ja keinesfalls nur eine Summierung der Tatbestände künstlerischer Äußerungen, sondern eine im Ursprünglichen und Ursächlichen wurzelnde Auswirkung jener universalen, allgeistigen Ordnung, die auch dort, wo die Systematik des Verstandes klassifizierend trennt, mit hintergründigen Beziehungen bindet und in unerschöpflichen Möglichkeiten alle Lebensformen umspannt.

So soll hier bei den einzelnen, die Entwicklungsstufen skizzierenden Abschnitten - soweit es der zur Verfügung stehende Raum überhaupt zulässt - versucht werden, die Betrachtung jener Errungenschaft, die aus unserem Dasein nicht mehr fortzudenken ist, wenigstens in etwa dem Gesamtbild menschlichen Schaffens einzufügen. Sie wird, den Hintergrund dieses grösseren Raumes belebend, sich selbst um so klarer abzeichnen. Während Böttger an seinen Schmelztiegeln experimentiert, reist ein unbekannter Organist, Johann Sebastian Bach, nach Lübeck, um Buxtehude zu besuchen. Händel erlebt in Hamburg die Uraufführung seiner ersten Oper Almira und besiegt in Rom bei einem Klavier- und Orgel Wettstreit seinen Rivalen Scarlatti. Im Jahre 1706 erblickt, gewissermaßen im Nochungewußten sich schon mit Künftigem überschneidend, ein Mann das Licht der Welt, der einer der bedeutendsten Gestalter des sich erst ankündigenden Materials werden sollte, Johann Joachim Kändler, nachmalig erster Bildhauer der von August des Starken gegründeten Meissner Porzellanmanufaktur.

Mit dem Erfolg Bötgers war auch in Europa die Lösung eines technischen Problems geglückt, um das es sich bei der Porzellanfertigung bis heute und bei jedem Brand von neuem handelt: den selbst unter der Einwirkung sehr hoher Temperaturen nicht schmelzenden Kaolin durch Zusatz von Flußmitteln zum Sintern zu bringen und transparent werden zu lassen, zugleich aber die Plastizität der Porzellanmasse, deren Eigenschaften er wesentlich bestimmt, in ungebrannten Zustand so weit zu erhalten, dass, je nach Bedarf, ihre Verarbeitung sowohl auf der Drehscheibe als auch im Gießverfahren möglich wird. Die heute gebräuchlichen Massemischungen bestehen hauptsächlich aus vierzig bis fünfundfünfzig Prozent Kaolin, fünfzehn bis dreißig Prozent Quarz und fünfzehn bis fünfunddreißig Prozent Feldspat, wobei unterschiedliche Zwecke entsprechende Abweichungen bedingen, als Grundstoff bei allen Mischungsverhältnissen aber stets der weißbrennende Kaolin dominiert. Durch ihn erhält das Brenngut unter mannigfachen, auch chemischen Umsetzungen seine charakteristischen Merkmale. Es sintert, die bereits beim Trocknen und Verglühen einsetzende Schwindung des Scherbens erreicht mit linear zehn bis siebzehn Prozent ihren Höhepunkt, das Porzellan wird - Porzellan. Nun hatte man mit der Ermöglichung des hier angedeuteten Vorgangs, als dessen Resultat unser entwicklungsgeschichtlich jüngstes keramisches Produkt sich mit dem nur ihm eigenen Reiz des durchscheinenden Scherbens präsentiert, zwar auch in Europa die keramische Variante eines aussergewöhnlich eleganten Werkstoffes entdeckt; den frühesten Anfängen des Porzellans begegnen wir aber nicht dort, wo es Böttger gelang, den Kaolin, ein weißgraues, bis dahin nur als Haarpuder benutztes Zersetzungsprodukt feldspathaltiger Urgesteine, zu verarbeiten, sondern bei den Anfängen der Keramik überhaupt. Auch in China vollzog sich die Kunst der Porzellanfertigung über die Vorstufen des gebrannten Tons und des Steinzeugs, wobei allerdings infolge der von Natur aus gefügigeren Rohstoffe diese Entwicklung systematischer verlaufen dürfte als bei uns. Während man in Europa nur gewöhnt war, fette Tone zu verarbeiten, und hier mit der Verwendung des Kaolins das Porzellan als völlig neue Errungenschaft auf den Plan tritt, finden wir bereits in der Bronzezeit Chinas um etwa 1350 vor Christus, weiße, dickwandige, noch unglasierte, aber doch schon porzellanähnliche Gefäße mit tief gefurchten Streifenmustern. Es sei hier vermerkt, dass in Ägypten, das schon beschriftete Papyrusrollen und Schmelzöfen zum Guß grösserer Gegenstände aus Metall kannte, zur gleichen Zeit die berühmte bemalte Kalksteinplastik des Kopfes der Königin Nofretete entstand. Da das für Porzellan in China noch heute gebräuchliche Wort T'se ursprünglich in viel umfassenderem Sinn angewandt wurde, müssen wir uns hinsichtlich der genaueren Einordnung frühester keramischer Daten mit Mutmaßungen begnügen. Alten Berichte zufolge wurde unter der Regentschaft des mythischen Kaisers Huang-Ti um die Mitte des dritten Jahrtausends vor Christus die Töpferscheibe erfunden. Um die gleiche Zeit ist sie auch bereits in Mesopotamien nachweisbar. Wenig später soll ein ob seiner Kunstfertigkeit berühmter Töpfer - welche Anerkennung einer kulturellen Leistung! - als Kaiser Schun den Thron bestiegen haben. Authentisch ist, dass im zwölften Jahrhundert vor Christus ein Kaiser Wu-Wang, der Begründer der Dynastie Tschou, seine Tocheter mit dem Sohn eines Kaisers Schun vermählte und während der Regentschaft seines Hauses die Töpferei so gefördert wurde, dass den damaligen Handwerkern bereits das Pressen in Formen geläufig war.

Ein uns überlieferter Henkeltopf aus der Zeit um etwa 500 vor Christus ist bereits hartgebrannt und glasiert. Rund ein Jahrtausend später (zur Zeit der Sui-Dynastie von 581 bis 617 nach Christus) soll es einem um die von Indien eingeführte, aber wieder in Vergessenheit geratene Kunst der Glasbereitung erneut bemühten Ho-Tsch'ou gelungen sein, undurchsichtiges, aber noch durchscheinendes Glas herzustellen, ein Produkt, das mit ziemlicher Sicherheit als frühestes Porzellan angesprochen werden darf. Anschliessend gefertigte Erzeugnisse werden als Gefäße aus künstlichem Jade bezeichnet, andere als weiß und glänzend gerühmt. (Einzige Hinweise zur gleichzeitigen Situation in Europas: Allmählicher Stillstand der Völkerwanderung - blühende Goldschmiedekunst der merowingisch-fränkischen Epoche - Anfänge der Kathedrale von Arles - der fränkische Historiker Gregor von Tours erwähnt zum erstenmal Kirchenfenster aus Glas). Aber erst um 1350 nach Christus entstehen jene sorgfältig durchgebildeten, dünnwandigen, glasierten, hartgebrannten, unter der Glasur mit Kobaltblau bemalten Keramiken, die mit der Zeit - in ganzen Schiffsladungen nach dem Orient und Europa gelangend und die dort geübten Künste sowie das bodenständige Kunsthandwerk beeinflussend - eine Art Porzellanfieber auslösen, als dessen Folge Sammler märchenhaft anmutende Preise für das Weiße Gold bezahlen und sich zahlreiche Werkstätten (Delft, Staffordshire, Wedgewood) immer mehr, wenn auch vorerst vergeblich bemühen, ein dem asiatischen ebenbürtiges Produkt auf den Markt zu bringen. (In China selbst schreibt Li Hsing Tao sein Drama - Der Kreidekreis. Mit der Alhambra in Granada wird eines der bedeutendsten Werke islamischer Architektur vollendet. In Deutschland beginnt man mit dem Bau der Westfassade des Kölner Doms, dessen gotische Glasbilder eine der grossartigsten Leistungen der Glasmalerei überhaupt darstellen.) Die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts nach Christus in Asien und die Zeit um 1709 in Europa brachten jedoch nicht nur einen neuen Werkstoff hervor. Die aus ihm geschaffenen Dinge trugen auch das Gesicht ihrer Zeit. Eine bis dahin unbekannte technische Errungenschaft - und als solche nur einen kleinen Personenkreis zugänglich - wurde wahrnehmbar. Aber sie wurde bereits verwandelt wahrnehmbar, übersetzt in den Bereich hand-werklich-künstlerischer Gestaltung. Mit besonderer Noblesse und sensibelstem Empfinden für die neuen Möglichkeiten steigerte sich in den Schöpfungen der damaligen Manufakturen das Material an der Form und die Form an der Bildsamkeit und schimmernden Eleganz des Materials. Der Eindruck, den die neuen Gefäße und Plastiken vermittelten, war so nachaltig, dass die Anschauung späterer Generationen den Werkstoff an sich, von den Dingen, die seine spezielle Eigenart zur Geltung brachten, nicht mehr zu trennen vermochte. Die Folge: Man ahmte nach, ohne zu erkennen, dass auch die unsichtbare Zeit in ihrern Symptomen sichtbar wird. Man machte in Stil ohne zu bedenken, dass auch Stil Geisteshaltung und nicht Formalismus, aber immer nur Variante ist und niemals Stubstanz. Das Resultat war - als durchaus logisches Ergebnis dieser Einstellung - dementsprechend, und in der Konsequenz seiner Logik fragwürdig genug.

Um so bedeutsamer ist es, dass die erstaunliche Gleichgültigkeit, mit der manche Fabrikanten bis in unserer Tage ihre Produktion nur noch als Handelsware betrachteten, in vielen Fällen wieder der Verantwortung wich, die den Rohstoff zum Mittel jenes höheren Zweckes erhebt, von Menschenhand geschaffenen Dingen bleibenden Wert zu geben. Und wenn unsere Industriebetriebe auch keine Manufakturen mehr sind, wie sie unmittelbar nach der Erfindung des Porzellans an mehreren Fürstenhöfen ins Leben gerufen wurden, so braucht deshalb ein heute gefertigtes Service in der Manifestation eine Besinnung auf das über alle Zeiten hinweg für alle Zeiten Gütige und in der klaren Repräsentation seiner reinen Form nicht weniger vollkommen zu sein als jene früheren, wirklich stilechten Schöpfungen, die sich - nur anders postiert - ebenso in den Kanon einer auch heute noch fließenden Entwicklung einfügen wie die besten Arbeiten der Gegenwart. Die Mängel, die es der Industrieform lange Zeit verwehrten, sich der Manufakturform ebenbürtig zu erweisen, kamen weniger von der fortschreitenden Technisierung der Fabrikation als vom Menschlichen her. Denn im Grunde besteht hinsichtlich der Fertigung einer Kanne oder Tasse gegenüber jenem Vorgang, als dessen Frucht über die Stufe der geistigen Durchdringung und mechanischen Bewältigung des Stoffes zum erstenmal von schaffenden Händen die Idee einer Porzellankanne zur sicht- und greifbaren Körperhaftigkeit verwirklicht wurde, und dem heute üblichen Verfahren kein Unterschied. Die viereinhalb Jahrtausende alte Töpferscheibe blieb im Prinzip das gleiche Werkzeug, das sie von Anbeginn war. Auch die heutigen Porzellane können - jenseits aller Massenware - im Chor ihrer gewissermassen vervielfältigten Aussage wesentliche menschliche Zeugnisse der unter allen Geschöpfen nur dem Menschen eigenen Schöpferkraft sein, wenn das ihrer inneren Raumhaftigkeit entsprechende Maß zum symbolischen Ebenmaß wird und ihre Urform als eine gestaltete, rhythmisch geordnete Einheit gelang.