Arzberger Bilderbuch

Die örtliche Geschichtsschreibung wäre vor allem durch firmengeschichtliche Forschung und biographische Untersuchungen über Unternehmerper- sönlichkeiten zu vervollständigen. Da steht obenan das „Haus Schumann". In einem Bericht von 1886 ist zu lesen: „Im Jahre 1872 kaufte der Porzellan- dreher Heinrich Schumann das Haus Nr. 189 auf dem obern Anger und richtete eine Tonwarenfabrik ein. Im Jahre 1875 wurde diese Fabrik von der Eisenbahn-Sektion um 28 000 Mark abgelöst. Schumann kaufte hierauf das Prinzing'sche Anwesen, um das Tonwarengeschäft fortzusetzen. Vor einigen Jahren richtete Schumann dort eine Porzellanfabrik ein und sind jetzt unter der Firma Schumann und Rieß zwei neue Öfen gebaut worden." Der Verfasser einer einmal erscheinenden Geschichte unserer Porzellanindustrie wird die Feststellung treffen, daß die Entwicklung dieser Industrie stark von überregionalen Bedingungen und Möglichkeiten beeinflußt, aber von den menschlichen Kräften der Heimat gestaltet wurde. Robert Lindenbaum, der Autor eines Schlüssel- romans der oberfränkischen Porzellanindustrie („Sinfonie in Weiß", 1962) läßt eine Unternehmersfrau die Sätze sprechen: „Manchmal dünkt es mich, ich hätte das Städtchen schon immer gesehen, ich wäre von Anfang an in ihm daheim gewesen. Und ich hätte mit den Menschen hier gelebt. Sie wären für mich keine Fremden. Wahrscheinlich war es von früh an schon meine Heimat." Aus diesem Gefühl heraus entwickelte sich in manchen Betrieben der Geist und der Zusammenhalt einer großen Familie, wie er sich auch in einem großen Personalbild der Firma Carl Schumann ausdrückt, von dem hier ein Ausschnitt gezeigt wird. Wo so enge menschliche Beziehungen zueinander bestanden, tat es der Firmenchef nicht anders, als daß auch die Kin- der seiner Arbeiter mit auf das BiM kamen, das über 300 Köpfe in gestochener Schärfe enthält.

Ein Photo um 1900 von Christian Bauer mit Industriekapitänen, die sich vor einem improvisierten Wegweiser „Nach Berlin" die Hand reichen, markiert symbolisch den Weg der kleinen Stadt mit großer Zukunft. Man orientierte sich nach auswärtigen Vorbildern und holte sich sogar Anregungen in Amerika. Carl Schumann (1871 - 1926, Bildmitte rechts), Arzbergs Industrieller par excellence, vollbrachte Pionierleistungen mit einem Fortschrittsoptimismus ohnegleichen. Daß Arzberg Porzel- langeschichte machte und daß die Porzellanindustrie weitgehend Arzbergs Schicksal geworden ist, geht auf ihn zu- rück. Er unternahm Entscheidendes für die Existenzsicherung der einheimischen Bevölkerung. „Die Ehrungen, die Carl Schumann zuteil wurden (1917 Kommerzienrat, 1921 Ehrenbürger, 1925 Geheimer Kommerzienrat) erwarb er sich nicht nur durch seine her- vorragende geschäftliche Tüchtigkeit, sondern ebenso durch seine einzigartige Haltung als sozialer Unternehmer" (M. Simon). Die Aufnahme zeigt die Verabschiedung des Fabrikanten Kleinstäuber (rechts mit Stock und Reisesack) von Arzberger Freunden.

Qualifizierte Fachkräfte waren in der Porzel-lanindustrie von jeher sehr gefragt. Über ein zur Meisterschaft entwickeltes Wissen und Können verfügten schon immer die Maler. Dafür mangelte es ihnen auch nicht an Selbstbewußtsein. Sie durchbrachen die gesellschaftlichen Schranken des Arbeiters und gingen mit weißem Kragen und Krawatte zur Fabrik,früher auch mit steifem Hut. Das Photo zeigt: 1 E. Schürer, 2 W. Seit- mann, 3 unbekannt, 4 J. Turner, 5 A. Sacher, 6 F. Seuß, 7K.Hubl, 8 F.Reiß, 9 G.Bauer, 10 M. Hahn, 11 K. Dorschner, 12 J. Keilberth, 13 F. Ruckdäschel, 14 A. Häring, 15 F. Buchka, 16 K. Haumann, 17 unbekannt, 18 G. Gruner.

Arzberger Fleiß schlägt sich seit über hundert Jahren in den Bilanzen der Porzellanindustrie zu Buche, kommt aber auch in den Lohntüten der in diesem Produktionszweig Beschäftigten zum Ausdruck. Die Porzellanindustrie ist aus Arzberg nicht mehr wegzudenken. Man ist mit Recht stolz darauf, daß die Mehrheit der Bürger dieser Stadt Porzellanarbeiter sind. Die Heerschar der Menschen, die zur frühen Morgenstunde durch die Tore der „Fabriksbuden" einziehen und am Feierabend ihren Arbeitsplatz wieder verlassen, trägt entscheidend zu dem Ruf bei, der Arzberg wert und teuer ist: zweitgrößte Porzellanstadt zu sein. Dieser „Rekord" wird der kleinen Stadt auch von objektiven Beobachtern zugestanden. „Obwohl bezüglich der mengenmäßigen Erzeugung und der Vielseitigkeit der Produktion weder Arzberg noch Marktredwitz Selb den Rang als .Stadt des Porzellans' streitig machen können, so hat doch Arzberg ein Recht darauf, als zweit- größte Porzellanstadt Westdeutschlands zu gelten" (Dr. H. Braun, 1966). Die Photo-Reproduktion (nach E. Zeh) zeigt die Veredelung des Materials durch Handarbeit, wie sie noch um 1920 in den Fabriken üblich war.

Längst verschwunden war der Argwohn und der Widerstand, den die Bürgerschaft einst der neuen Industrieentwicklung entgegenstellte, als der Liebhabermaler K. Hermann im November 1899 vom „Zuckerhut" aus eine kolorierte Zeichnung des Städtchens mit den Porzellanfabriken im linken Vordergrund zu Papier brachte. Weit- schauende unternehmerische Tatkraft hatte drei namhafte Porzellanfabriken entstehen lassen; eine vierte befand sich (seit 1897) im benachbarten Schlottenhof. Hier sind noch einmal die Kurz daten der Entwicklung: 1839 Porzellanfabrik des Lorenz Christoph Aecker, seit 1850 des Gottlob Strebel, seit 1884 des Carl Auvera, seit 1919 C. M. Hutschenreuther. 1876 Porzellanfabrik des Heinrich Schumann, später Carl Schumann AG. 1887 Porzellanfabrik des Christoph Schumann, seit 1892 des Theodor Lehmann, seit 1902 Aktiengesellschaft Schönwald, seit 1927 Porzellanfabrik Kahla (Porzellanfabrik Arzberg, Zweigniederlassung der Porzellanfabrik Kahla AG), seit 1972 Lorenz Hutschenreuther Gruppe. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg war es üblich, die Rohware in großen Rundöfen zu brennen, von denen die Porzellanfabrik Arzberg 1945 zwölf in Betrieb hatte. Die 1948/49 aufkommenden Tunnelöfen brachten eine wesentliche Verbesserung im Produktionsablauf und hätten Arzberg beinahe zur rauchlosen Fabrikstadt gemacht.

Als Sprungbrett benützte seinen neugegründeten Arzberger Betrieb der aus Asch stammende Lorenz Reichel. Er war ein findiger Kopf und guter Geschäftsmann, der 1890 im Hause Bahnhofstraße 1 eine Porzellanmalerei eröffnete, die er bereits 1893 zu einem dreistöckigen Gebäude erweitern konnte. Hier wurden vor allem Bierkrüge und modische Figuren durch Bemalung veredelt. Zehn Jahre später verkaufte Reichel seine „Manufactur" an den aus dem Bayerischen Wald gekommenen Franz Pietsch. Er selbst gründete 1903 eine Porzellanfabrik in Schirnding, die zunächst mit drei Rundöfen arbeitete, 1906 bereits auf fünf, 1913 auf acht Rundöfen erweitert wurde. Am Beispiel Reichels zeigt sich, daß man um diese Zeit bei eigener Tüchtigkeit beinahe risikolos den Sprung zur Industrialisierung wagen und erfolgreich gestalten konnte. In den Arzberger Räumen baute Marie Pietsch nach dem Tode ihres Mannes (1919) zwei Ladengeschäfte ein. 1939 wurde das Anwesen von der Kraftfahrzeug-Werkstätte Elbel & Dannhorn übernommen.

Wie nachhaltig die Porzellanindustrie unserer Stadt den Stempel aufdrückte und noch heute ihr Gesicht prägt, beweist dieses Bild. Die Fabrikanten Carl Auvera (t 1914) und Kleinstäuber (t 1933) gründeten eine „Fabrik zur Herstellung patentierter Pfeifenköpfe mit Asbesteinlagen zwecks Nikotinausscheidung als Spezialartikel" Das Unternehmen erwies sich als Fehlplanung und wurde wieder aufgelassen. Im Jahre 1905 erwarb der Konsumverein „Spargenossenschaft" das an der Bahnhofstraße gelegene bisherige Fabriksgebäude zur Verwendung als erste Verkaufsstelle und zu Wohnzwecken. (Arzberger Zeitung v. 19. 9. 1933).

Als genossenschaftliches Unternehmen der weit- blickenden Männer Carl Auvera, Carl, Christoph und Eduard Schumann, Kaspar Peuschel und Ingenieur Anton Gutenäcker wurde 1904 ein Elektrizitätswerk gebaut und als Gemeindebetrieb der Stadt Arzberg weitergeführt. Zur Stromerzeu- gung standen zwei Gleichstromgeneratoren zur V erfügung, die von zwei Dampfmaschinen angetrieben wurden. Mit 275 PS und vier Dynamos mit 192 Kilowatt versorgten sie im Jahre 1908 schon 2500 Glühlampen und Nernstlampen, 45 Bogenlampen und 48 Elektromotoren. Den Lokalpatrioten Dr. K. Herold ließ dies bereits 1906 zu dem Ausspruch hinreißen: „Unsere lichte Stadt ist seit zwei Jahren elektrisch beleuchtet, was die Stadt Wunsiedel noch nicht ist; dort streiten sich noch die Geister um Gas oder Elektrisches!" Es war Arzbergs zukunftsfroheste Zeit. Eine Krankheit, die einst viele zum Tode führte, war die Tuberkulose. Bei den früheren Arbeitsbedingungen und der häufig mangelhaften Ernährung wurden Weber- und Porzellanarbeiterfamilien besonders gern von der „Schwindsucht" befallen. Ein „Zweckverband zur Bekämpfung der Tuberkulose in Oberfranken" sollte für Aufklärung sorgen. 1929 kam die „Hauptamtliche Tuberkulose-Fürsorgestelle" in Selb hinzu. In selbstloser Weise wirkten die Ärzte. Dr. Friedrich Müller in Arzberg hielt am Sonntagvormittag unentgeltlich Tuberkulose-Sprechstunden. Der 1859 geborene Arzt übersiedelte im April 1933 nach 35jähriger Tätigkeit nach Nürnberg. Sein Beispiel mag für die Reihe der seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Gegend praktizierenden Ärzte stehen, deren Namen in „Sechsämterland", Seite 677- 679, festgehalten sind. Der Turnverein Arzberg erbaute auf einem von Kommerzienrat Lehmann geschenkten Platz an der Zimmermannstraße eine stattliche Turn- halle, die im Oktober 1904 eingeweiht wurde. Sie kostete 35 000 Goldmark. 1941 wurde sie an die Porzellanfabrik Schumann als Gefolgschaftsheim verkauft. Zum Gefange- nenlager und Flüchtlingsunterschlupf umfunktioniert, litt das Gebäude Schaden. 1950 wurde daraus eine Strickerei gemacht, die 1972 einging. — Der als „Protektor des Vereins" mit abgebildete kgl. Kommerzienrat Theodor Lehmann (1864 bis 1908), ein Thüringer aus Kahla, gab zahlreiche Beispiele für den Gemeinsinn des Unternehmertums. Im Januar 1892 hatte er die von Christoph Schumann Ende der achtziger Jahre gegründete Porzellanfabrik unter der Firmenbezeichnung „Lehmann & Roßberg" mit 94 Arbeitern übernommen. Das sich stetig vergrößernde Unternehmen wurde später in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und dem Kahla-Konzern angegliedert. Lehmann wurde Direktor der Betriebe Arzberg und Schönwald. 1899 zum Arzberger Bürgermeister gewählt, leitete er auch den Bau der Hochdruckwasserleitung in die Wege.

Der Streik der Dreher der Porzellanfabrik Altwasser in Schlesien im September 1869 schlug Wellen bis nach Arzberg. Am Sonntag, dem 19. September dieses Jahres, vormittags 10 Uhr, versammelten sich im Saale des Gastwirts Christian Weiß die Dreher von Selb, Hohenberg, Tirschenreuth und Arzberg, um darüber zu beraten, „auf welche Weise die ,Porzellaindreher' in Altwasser unterstützt werden können, um ihre Arbeitseinstellung durchzuführen". Das kgl. Bezirksamt erließ strenge Überwachungsanordnungen. Bürgermeister Buchka und ein Magistratsmitglied hatten der Versammlung beizuwohnen. Gendar- men standen bereit und der Gastwirt haftete persönlich für eine Verletzung der öffentlichen Ordnung. Jeder Dreher sollte sich bereit erklären, wöchentlich fünf Silbergroschen zur Unterstützung der Streikenden in Schlesien beizutragen. Dies war die erste derartige Aktion in Arzberg. Anfang 1912 streikten die Arzberger Porzelliner während einiger Wochen. Eine christliche Gewerkschaft war 1907 in Arzberg gegründet worden.

Das hübsche Gruppenbild auf der Freitreppe entstand 1904 anläßlich einer Feier bei dem aus einer Würzburg- Hohenberger Familie stammenden Kommerzienrat Carl Auvera (1856—1914), einem Enkel des C. M. Hutschenreuther. Er hatte 1884 jene erste Arzberger Porzellanfabrik übernommen, die dann 1919 an die Hutschenreuther AG überging. 1901 erbaute er sich im verschwiegenen Park an der Weinberggasse eine repräsentative Großvilla im reinen Jugendstil, die 1936 von der evangelischen Landeskirche erworben wurde und die den Arzbergern hoffentlich erhalten bleibt.

Im August 1930 wurden in Arzberg infolge der Wirtschaftskrise 400 Erwerbslose registriert. Ihre Zahl war noch ständig im Steigen begriffen. Im August 1932 standen 57 Be- triebe der Porzellanindustrie in Deutschland mit 11 090 Arbeitern still. Noch im Januar 1933 mußten die Arzberger Porzel- lanfabriken neue Kündigungen aussprechen. Allgemeine Krisenfurcht beherrschte die Öf- fentlichkeit. So half die schlecht funktionierende Wirtschaft, den politischen Umsturz von 1933 herbeizuführen. Das Programm zur Arbeitsplatzbeschaffung, vor allem durch Aufrüstung, durch die Machthaber des Nationalsozialismus konnte beginnen. Im August 1933 gab es in Arzberg bereits um 50 Prozent weniger Wohlfahrtserwerbslose. Anfang 1934 waren die Arbeitslosenziffern von 1932 im ganzen Reich um die Hälfte zurückgegangen und 1936 näherte sich der Stand der Beschäftigung wieder dem des Jahres 1928 mit seinem Wirtschaftsaufschwung. Für die in der Zwischenzeit stellenlos gewesenen Arbeiter bedeutete es noch ein Glück, daß 1927 die Arbeitslosenversicherung zur gesetzlichen Einrichtung gemacht worden war.