Porzellanindustrie Arzberg

Die Porzellanindustrie in Arzberg

Ihre hervorstechende Form, die Porzellanindustrie, ist wieder ein Kind des Bodens, auf dem unsere Gegend liegt. Die Porzellanerde ist ein Zersetzungsprodukt aus dem Granit unseres Fichtelgebirges. Granit besteht aus drei Bestandteilen: Feldspat, Quarz und Glimmer, und wenn verwitternder Granit in seine Teile aufgelöst wird, so bildet der vom Wasser fortgeschwemmte und zersetzte Feldspat an geeigneten Stellen Ablagerungen von Tonerde, deren feinste, reinste Form eben die Porzellanerde, das Kaolin, ist. Sie erlangte diese Feinheit unter dem Einfluss der gleichzeitig mit den Basalten aufsteigende Gase. Heute benützen unsere Porzellanfabriken schon lange nicht mehr bayrisches Kaolin, da dieses an Feinheit das erst später in Böhmen abgelagerte doch nicht erreicht. Aber doch gehen auf die Ton- und Porzellanerdefunde im östlichen Fichtelgebirge (am Steinberg) nicht nur nun vergangene Töpfereien in Arzberg, sondern auch die heutige Porzellanindustrie zurück, wie später im einzelnen gezeigt werden soll. Entscheidend hat seiner Zeit zum Aufkommen der Porzellanfabrikation in Hohenberg auch das Feldspat- und Quarzvorkommen zwischen Grafenreuth und Korbersdorf mitgewirkt.

Das Porzellan kam aber so nach Arzberg:

Um 1810 vertrieb der junge Karl Magnus Hutschenreuther aus Wallendorf in Thüringen in unserer Gegend allerlei Porzellanerzeugnisse, vor allen Dingen Pfeifenköpfe. Sie stammten aus der Porzellanmalerei seines Vaters und aus einer dortigen Porzellanfabrik. Auf seinen Hausiergängen lernte er am Steinberg und am Ostrand von Bergnersreuth die gleiche Porzellanerde kennen wie in Thüringen. Bei Grafenreuth fand er den nämlichen Feldspat und Quarz, wie man ihn zu Hause benötigte. Damit war sein Entschluss gefast. 1814 suchte er um die Erlaubnis nach, im Haus der Eltern seiner Braut, einer Försterstochter in Hohenberg, eine Porzellanfabrik zu errichten. Sie ließ lange auf sich warten. So viele Bedenken hatten die Amtsstellen. Erst 1822 wurde sie erteilt. So wurde Hutschenreuther der Urheber der Porzellanindustrie im Fichtelgebirge, die dieses in der ganzen Welt berühmt machte.

Ansicht Porzellanfabrik Arzberg

Lorenz Christoph Äcker von Seußen, der 1828 in Hohenberg eine Porzellanmalerei eingerichtet hatte, brachte die Porzellanfabrikation nach Arzberg. Er gründete hier 1839 die heute ebenfalls der Firma Hutschenreuther gehörige Fabrik. Die Erlaubnis zu ihrer Eröffnung war dabei an die Bedingung geknüpft, daß die Fabrik völlig ohne Holzverwendung nur mit Torf- und Braunkohlenfeuer arbeitete. Die Massemühle dieser Fabrik lag im jetzigen Elisenfels.

Dieses Tal war damals noch eine fast unberührte Wildnis. Vom Gesteinig hieß es noch in einer Beschreibung des Jahres 1817: „Der Fichtenwald zieht sich bis an das Ufer herab und macht das kaum gangbare Tal noch düsterer und schauerlicher." Über die Röslau führte nur ein Steg, der „Schafsteig". 1829 errichtete der Vater jenes L. Ch. Äcker, der Seußener Gutsbesitzer Christian Paulus Äcker — ein Schwiegersohn des Oberförsters von Reitz - beim heutigen Presswerk Zeitler eine Sägemühle. 1837 erweiterte sie Johann Georg Jäger, ein Sohn des alten Papierfabrikantengeschlechtes von Selb, zu einer Papiermühle. Nach ihm hieß die Gegend nun „Jägertal". Beide Betriebe hatte der Holzreichtum der Ge- gend angelockt. Es fehlte aber durchaus an Betriebskapital. Die Papiermühle wurde schon 1838 zur Massemühle; unter diesem Namen kennen wir das idyllische Häuschen an der Brücke noch heute. Auch diese scheint sich nicht rentiert zu haben, und die Porzellanfabrikation hat ja noch 1876 erst ganze 56 Personen beschäftigt. Der industrielle Aufschwung Arzbergs geht aber nicht auf die Textil-, sondern auf die Porzellanindustrie zurück. Das Rohmaterial (Porzellanerde, Feldspat, Quarz usw. wurde nur in der Anfangszeit aus einheimischen Gruben (Kaolin vom Steinberg etwa, Feldspat und Quarz von der Grube bei Garmersreuth z.B.) genommen; seit langem kommt es nun aus dem Egerbecken östlich Eger.

Von dem Einzug des Porzellans in Arzberg im Jahre 1839 war schon die Rede. Die von Äcker gegründete Fabrik hatte 1850 Gottlob Strebel aus Eisenberg übernommen. Seines Sohnes Otto Strebel Teilhaber und Nachfolger wurde dann ein Friedrich Bauer. Von diesem übernahm sie am 1. Januar 1884 ein Enkel C. M. Hutschenreuthers, der nachmalige Kommerzienrat Karl Auvera (gest.1914). 1919 ging sie an die Aktienfabrik C. M. Hutschenreuther über. 1875 hatte die Fabrik 50 Arbeiter; 1925 beschäftigte sie an vier Brennöfen 183 Arbeiter und 15 Angestellte. Die Fabrik stellte anfangs Luxusartikel und Puppenköpfe her. Nur nebenbei verfertigte sie damals Pfeifenköpfe, die schließlich unter Karl Auvera die weltbekannte Spezialität wurden. Diese traten dann aber wieder allmählich zurück. Dafür gewannen Geschirre die Vorherrschaft. Um 1925 standen vorübergehend fast gleichwertig neben ihnen auch technische und elektrotechnische Porzellanartikel. Solange Dampfkraft und Elektrizität in der Porzellanindustrie noch keine Verwendung fanden, war man wenigstens zur Zubereitung der Masse auf die Kraft fließenden Wassers angewiesen. So hatte unsere älteste Porzellanfabrik ihre Massemühle zuerst an der „Schafbrücke" in Elisenfels. Als 1851 Ebenauer die dortigen Anlagen kaufte, wurde die Massemühle, wie schon erwähnt, an das untere Ende des Gesteinigs verlegt. Von da aus wurde dann die fertige Masse in Kähnen die Röslau abwärts bis auf die Höhe der Porzellanfabrik gebracht. Das war wohl die einzige Gelegenheit, bei der die Röslau ernstlich zu Schiffahrtszwecken benützt worden ist.

Als ganz kleiner Betrieb mit nur vier Arbeitern erscheint in dem Gesuch von 1876 um die Wiederverleihung des Stadt- rechtes auch das Unternehmen, das nachher von so großer Bedeutung für die Stadt und das Kirchspiel werden sollte: die eben neuerrichtete .Tonwarenfabrik des aus Thüringen über Selb eingewanderten Heinrich Schumann (gest. 1884). Sie stand unterhalb der Jakobsburg — da, wo jetzt die Eisenbahn verläuft. Als diese bald darauf angelegt wurde, musste sie weichen. Sie wurde an die Ecke Rathausstraße und Marktredwitzer Straße verlegt und 1881 als Porzellanfabrik mit drei Brennöfen neu errichtet.

Heinrich Schumanns jüngster Sohn, der nachmalige Geh. Kommerzienrat Carl Schumann, gründete — um der beengenden Stadtmitte zu entgehen — 1898 am oberen Anger eine Zweigabteilung, zu der 1909 die Stammfabrik übersiedelte Dort außen konnte sich der Betrieb dann zu seiner heutigen stattlichen Ausdehnung ausbreiten. 1925 standen 10 Brennöfen im Betrieb und fanden 737 Arbeiter und 51 Angestellte Beschäftigung.

Ihre Blüte verdankt die Porzellanfabrik Schumann dem von dem Mechaniker Friedrich Küspert (t 1926) erfundenen Stanzverfahren, das Carl Schumann 1910 erwarb und patentieren ließ. Während bisher Durchbruchporzellan gegossen und (für künstlerische Ansprüche) in mühevoller Arbeit mit der Hand nachgearbeitet werden musste, konnten mit diesen Stanzmaschinen gedrehte Geschirre unter einem einzigen Hebeldruck so sauber durchbrochen werden, daß sie mit handgearbeiteter Ware in Wettbewerb treten konnten. Dabei waren die Herstellungskosten ein vielfaches geringer. Die Erwerbung des damals in seiner Bedeutung verkannten Stanzverfahrens war der große Wurf in der Geschichte der Porzellanfabrik Carl Schumann. Daß der Gewinn aus dieser wie vielen anderen glücklichen Unternehmungen auch der Arbeiterschaft, für die ihr Chef stets wie ein Vater besorgt war, zugute kam, ist ein dauerndes Ruhmesblatt des so früh verstorbenen Ehrenbürgers der Stadt Arzberg. Neben diesen Durchbruchporzellanen wurden und werden künstlerische und zum Gebrauch bestimmte Geschirre und Kunstgegenstände hergestellt.

Nach dem ersten Weltkrieg entstand in engem Anschluss an die Porzellanfabrik Schumann die G.m.b.H „Bayerische Kunst-Keramik Keerl & Schumann". Nach einem besonderen Verfahren des Ingenieurs Theodor Keerl (früher Landshut) verfertigte sie künstlerische -Tongefäße mit eigenartigen mineralischen Laufglasuren. 1925 hatte sie 4 Brennöfen mit 14 Arbeitern. Sie stellte 1933 ihre Arbeit ein und löste sich auf.

Ein anderer Sohn Heinrich Schumanns, Christoph Schumann, der später nach dem Schwarzenhammer übersiedelte, gründete 1887 eine Porzellanfabrik bei der „Jakobsburg". Ein einziges Haus, das „Herrenhaus", genügte ihr anfangs zu Fabrik- und Wohnräumen. 1890 ging sie in den Besitz des späteren Kommerzienrats Theodor Lehmann (f 1908) über; 1902 wurde sie der Aktiengesellschaft Schönwald und 1927 der Porzellanfabrik Kahla AG. in Kahla eingegliedert. 1925 beschäftigte sie an 11 Brennöfen 682 Arbeiter und An- gestellte. Die Erzeugnisse bestehen hauptsächlich aus Kaffeeservicen, Tellern, Küchengarnituren und Durchbruchartikeln. Mit der Errichtung dieser beiden Schumannbetriebe konriten nun alle Einheimischen Arbeit an ihrem Wohnort finden. Ende der Achtzigerjahre waren noch über 20 Porzellanarbeiter nach Hohenberg zur Arbeit gegangen. Dorthin hatten ihnen dann täglich ihre Frauen oder Kinder das Mittagessen bringen müssen.

Als vierte Porzellanfabrik entstand 1897 der von Karl Seltmann, einem Sohn des alten Kunstwiesenbauers (t 1927), in Schlottenhof errichtete Betrieb. Diese Fabrik hat eigentlich das bis dahin so unscheinbare Schlottenhof — ein paar Gütchen um ein Rittergut — zu dem stattlichen Dorfe werden lassen, als das es sich heute dem Wanderer zeigt. Es war ein plötzlicher Aufstieg, der nicht so günstig verlaufen wäre wie er es tatsächlich ist, wenn Schlottenhof damals nicht einen Mann besessen hätte, der als Lehrer ein wahrer Vater und Führer seines Dorfes gewesen wäre: Johann Fugmann, der 1869—1900 dort tätig war, half seinem Dorfe zur inneren Anpassung an diesen Aufstieg.

Die Porzellanfabrik Seltmann stellte um 1925 mit drei Öfen und 100 Arbeitern hauptsächlich Haushaltporzellan der verschiedensten Art her. 1932 ging sie in den Besitz von Alois Greger und Fritz Hilburger über. Dabei nahm sie die Firmenbezeichnung „Porzellanfabrik Schlottenhof" an. Nicht unerwähnt darf hier ferner bleiben, daß die Porzellanindustrie in Arzberg auch einer Reihe von Porzellanmaler Entwicklungsmöglichkeit bot, die sich nun selbständig in künstlerischer Arbeit betätigten.

Die alteingesessene Familie Künzel hatte bis 1906 neben anderem handgeschmiedete Nägel hergestellt. Zuletzt hatte sie freilich vorwiegend Nägel vertrieben, die von böhmischen Heimarbeitern gearbeitet worden waren. 1906 begann dann der Bürgermeister und nachmalige Kommerzienrat Erhardt Künzel die maschinenmäßige Herstellung von Nägeln aller Art und dann konnte er die Nagel- und Nagelmaschinenfabrik im Gesteinig (etwas unterhalb der seit etwa 1880 verödeten Porzellanmassemühle) erbauen. Wie wir uns erinnern, hatte an dieser Stelle bis um 1600 ein Hammerwerk gestanden. Dessen Nachfolger also wurde — als letzter Rest der einst so blühenden Arzberger Eisenindustrie! — die Nagelfabrik von Kommerzienrat Erhardt Künzel.

Sozialer Wohnungsbau

Ein Ruhmesblatt der Industrie unseres Gebietes ist ihre mehr oder weniger lebendige Vorsorge dafür, daß ihre An- gestellten und Beamten genügende Wohnungen vorfinden. Die Ebenauer'sche Fabrik ging dabei gleich mit gutem Beispiel voran. Die überwiegende Mehrzahl der dort beschäftigten Männer und Frauen konnte in unmittelbarer Nähe ihrer Arbeitsstelle in Arbeiterwohnhäusern wohnen. Kommerzienrat Auvera richtete das Gebäude einer rasch wieder aufgelassenen Perlmutterfabrik seinen Arbeitern als Wohnhaus ein — das heutige Konsumgebäude —, und Kommerzienrat Lehmann plante eine Siedelung in der Lehmannstraße, die aber nur zu einem großen Wohnhaus kam, das heute der Porzellanfabrik Hutschenreuther gehört. Die Porzellanfabrik Schönwald erbaute die neue „Jakobsburg" und ein Beamtenwohnhaus in der Schlottenhofer Straße. Die Bayer. Elektrizitätsgesellschaft baute beim Großkraftwerk und die Granit-, Syenit- und Marmorwerke erstellten in Seußen Wohnungen für ihre Arbeitnehmer. Die größte Ausdehnung aber erreichte die Wohnungsanlage der Porzellanfabrik Schumann auf dem Trompetenberg, die darum auch den Namen „Carl-Schumann-Straße" führt. Hier und sonst in Arzberg wurden im ganzen 79 Wohnungen für Betriebsangehörige errichtet, davon 48 zur Behebung der nach Kriegsschluß so drückenden Wohnungsnot. 1919 erstand in Arzberg unter Führung von Geh. Kommerzienrat Schumann, Geschäftsführer Bauer und Verwaltungsrat Müller eine gemeinnützige „Baugenossenschaft e.G.m.b.H." Sie erbaute mit Unterstützung von Stadt und Staat von 1920 bis 1931 in der Bauvereins- und Bauernfeindstraße 44 Häuser mit 101 Wohnungen und einen Laden.

Ausdehnung Industrie

Hand in Hand mit der Umwandlung des Bestehenden ging die Anlage neuer Stadtteile. Diese Ausdehnung des bebauten Stadtgebietes erfolgte zunächst in Zusammenhang mit der Industrialisierung. Das Gebiet zwischen dem Oberen und Unteren Anger füllte die Schumann'sche Porzellanfabrik aus; das „Röslautal" erstand 1912. In der Nähe schuf sich die Arbeiterschaft 1905 im Konsumgebäude und 1910 in der Konsumwirtschaft ihren festen Mittelpunkt. Turnhalle und Diakonissenanstalt eröffneten eine Seitenstraße. Das Schlachthaus (1911) und das Postamt (1925) trugen weiter zur Belebung bei.

Am Fuße der Hohen Straße wurde um 1900 an der Stelle der längst eingegangenen Lohmühle die Frankenbrauerei errichtet. Ihr gegenüber dehnte sich unter den verschiedenen Besitzern die Porzellanfabrik „Aktiengesellschaft" — wie sie im Volksmund kurz heißt — bis fast zum Trompetenberg hin aus. An sie schlössen sich weiter oben die Arbeiter- und Beamtenwohnungen der Firma Schumann an. Zu Wohnzwecken hatte schon Kommerzienrat Lehmann die Lehmannstraße mit einem Wohnhaus besiedelt, an das sich dann einige andere Häuser anschlössen. Sie wurden aus ihrer Einsamkeit erlöst, als 1921 und 1922 die Bauernfeind- und Bauvereinstraße mit Kanalisation und Wasserleitung versehen und bebaut wurden. Ebenso fanden seit 1923 auch die abgelegenen Häuser am Bahnhof Gesellschaft durch die Erschließung der Klingelbrunnenstraße. 1926 wurde die Wasserleitung in der Marktredwitzer Straße weitergeführt, so daß nun auch die Lücke bis zu den Wohnungen am alten „Morgenstern"-Schacht ausgefüllt werden konnte.

In Arzberg waren als Arbeiter und Angestellte und im Handwerk 3727 tätig. Davon waren mehr als zwei Drittel (2486 Personen) in der Porzellanindustrie beschäftigt. Wenn man diese Zahl mit den vorhin genannten Verhältniszahlen vergleicht, so ergibt sich, daß wenigstens ein Drittel der Gesamtbevölkerung von Arzberg irgendwie vom Porzellan lebt. Arzberg kann also füglich durchaus als eine Porzellanstadt betrachtet werden. Gerade in der Porzellanindustrie ging nun der Wiederaufbau verhältnismäßig rasch wieder vor sich. Porzellan war eines der ersten Erzeugnisse, die nach dem Kriege wieder ins Ausland wanderten. Dem Arzberger Porzellan kam da£>ei neben seiner Qualität auch besonders der Umstand zustatten, daß die Industrie schon immer gute Beziehungen zu Nordamerika gepflegt hatte. Die Auswanderungen, die vor bald 100 Jahren aus Arzberg dorthin erfolgt waren, machten sich in diesen wie in anderen Fällen reich bemerkbar. Das dankbare Gedenken an die ehemalige Heimat, das die Nachkommen jener Auswanderer ihren Verwandten und überhaupt der alten Vaterstadt bewahrt hatten, soll nie vergessen werden.

Die Carl Schumann Porzellanfabrik AG hatte 1953 9 Rundöfen und 2 elektrische Kobalt-Herdwagenöfen im Betrieb. Sie beschäftigte rund 1000 Angestellte und Arbeiter, davon 55°/o männliche. Moderne Aufzüge, fugenlose Steinholzfußböden und geschlossene Übergänge von einem Bau zum anderen wurden eingerichtet und die Industriegleise erweitert. Nach 1945 wurde auch ein Neu- bzw. Anbau mit Kohlenbunker, Glasurstuben, Gießerei und Weißlager errichtet. Dadurch entstand eine schöne geschlossene Front gegen die Bahn. Auch das Musterlager wurde neu gestaltet. Mehr als 50 % der Produktion werden exportiert und zwar in sämtliche Länder der Erde mit Ausnahme der von Sowjetrussland beherrschten Staaten. Die Firma ist zwar aus wirtschaftlichen und rechtlichen Gründen längst in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, sie trägt aber dennoch weiterhin durchaus den persönlichen Charakter des Geistes, der in ihrem Gründer lebte, ganz besonders im Verhältnis der Leitung zu den Mitarbeitern.

Die Porzellanfabrik Arzberg, Zweigniederlassung der Porzellanfabrik Kahla, hatte bei Kriegsende 12 Rundöfen in Betrieb. Einen Teil des Weißbetriebs zerstörte der Flieger- angriff des 19. April 1945. Er wurde vollständig neu wieder aufgebaut, wobei auch die übrigen Teile mit einbezogen wurden. Die Belegschaft ist auf rund 1000 Personen angewachsen. Die Fabrik hatte sich schon vor dem Krieg auf bessere Qualitätsporzellane glatter, zeitloser Formen um- gestellt und führte jetzt diese Linie in Entwürfen von Dr. Gretsch-Stuttgart weiter.

Das Zweigwerk Arzberg der Porzellanfabrik C.M. Hutschenreuther AG., Hohenberg, hatte vor dem Krieg hauptsächlich als Lieferant des Stammwerkes gedient. Die schweren Verwüstungen, die die Kriegsgefangenen nach dem Zusammenbruch in ihr angerichtet hatten und durch die unter anderem auch alle Formen und Modelle zerstört worden waren, bedingten eine Umstellung. Das Werk wurde auf eigene Füße gestellt und dabei durchwegs modernisiert. So entstand 1948/49 eine neue Tunnelofenanlage mit hellen, gesunden Arbeitsräumen. Das Rohgas für den Betrieb der Tunnelöfen liefert eine eigene Gasgeneratorenanlage. Die Gesamtbelegschaft beträgt z. Z. 340 Beschäftigte. Im Rahmen dieser Fabrik wurde nach dem Krieg die 1945 durch die Sowjetzonenregierung enteignete Zahnfabrik von Radebeul in Sachsen, eine der größten Deutschlands, neu auf- gebaut. Obwohl schlechtweg alles neu geschaffen werden musste, kann sie auf Grund des Ansehens, das ihre Erzeug- nisse genossen, bereits wieder 200 Mann beschäftigen. 

[1] Arzberger Heimatbuch, 2. Auflage von D. Matthias Simon 1954

Video Verschwinden einer Porzellanfabrik