Schlottenhof Arzberg

Porzellanfabrik Schlottenhof

Noch vor der Jahrhundertwende kam der Umschwung auf den viele gehoft hatten. Als vierte Porzellanfabrik im Arzberger Raum entstand 1897 der von Karl Seltmann in Schlottenhof errichtete Betrieb. Diese Fabrik hat das bis dahin so unscheinbare Dorf, wo sich ein paar Gütchen um ein Rittergut gruppierten, zum stattlichen Ort anwachsen lassen.

Schon die Vorgeschichte ist interessant. Für die Verbesserung seiner stellenweise naßgalligen Wiesen und Äcker, die vor Jahrhunderten dem Waldboden abgerungen worden waren, hatte sich der Gutsbesitzer Gru- ber einen Fachmann in der Person des »Kunstwiesenbauers Christian Friedrich Seltmann kommen lassen. Es war die Zeit, wo der landwirtschaft- liche Kulturbaudienst im Regierungsbezirk Oberfranken (seit dem Jahre 1862) behördlich organisiert wurde, indem ein »Kulturingenieur« ernannt wurde, dem tech- nisches Hilfspersonal (Wiesenbaumeister) zugeteilt war. Die Gemeinde selbst half dem aus dem sächsischen Erz- gebirge gebürtigen Mann 1863, einen zweiten Heimatschein zu bekommen, den er brauchte, um in Schlottenhof ansässig zu werden. Seitmann ging daran, die zur Bodenentwässerung notwendigen Tonröhren selbst her- zustellen. So kam es auf dem Gelände der späteren Schutthalde der Porzellanfabrik zur Einrichtung einer Feldziegelei, wo italienische Gastarbeiter, die der Eisenbahnbau in die Gegend gelockt hatte, Ziegel und Rohre brannten. Eine alte Einwohnerin erinnert sich noch, wie die Kinder dorthin liefen und den Italienern für fünf Pfennig Schweizerkäse abkauften.

Der Sohn Karl Seitmann (t 1927), der drittälteste von sechs Brüdern, wagte dann den Sprung von der Grob- keramik zur Feinkeramik. Sein erster Versuch (1889) mißlang, aber der zweite 8 Jahre später glückte. Trotz des verhältnismäßig ungünstigen, der Eisenbahn fernen Standorts entwickelte sich der Betrieb rasch zur Blüte. In unmittelbarer Nachbarschaft des Porzellanzentrums Arzberg gelegen profitierte er vom Ruf der dortigen Fabriken. Auswärtige Fachkräfte und einheimische ungelernte Arbeiter wurden in dem neuen Be- trieb tätig. Kurz nach 1900 treten in den gemeindlichen Gewerbesteuerlisten bereits viele Porzelliner auf. Es erscheinen die Berufsbezeichnungen der Porzellandreher (Frank, Kielmann, Zuber u. a.), der Kapseldreher, Formgießer, Massemüller, Masseschläger und Glühfüller (Brunner, Fürbringer, Herl, Münchmeier u. a.), der Brenner und Schmelzer (Gack, Gehre, Göcking, Krippner, Riedel, Troppmann u. a.). Erste Oberdreher, Oberbrenner und Obermaler waren Christoph Schlegel, Heinrich Reichel, Wilhelm Seitmann (ein Bruder des Unternehmers), du Bellier (genannt »Düwellier«) und Ludwig Döbereiner. Diesen Männern oblag es, Personal anzulernen und für betrieblichen Nachwuchs zu sorgen.

Die Gießerei war mit weiblichen Kräften (Marie Angermann, Trina Elbel, Luise Fickert, Anna Frank) besetzt. Als Druckerin und Glasurerin erscheinen die beiden Frauen Anna Hofmann und Katharina Kielmann. Der 1907 verstorbene Anton Andersch kam als erster Modelleur nach Schlottenhof. Bald wurden auch Sortierer, Packer, Lageristen, Buchhalter und Expedienten ge- braucht. Nicht zu vergessen die Kutscher, die mittels Pferdegespann böhmische Braunkohle und böhmisches Kaolin vom Arzberger Bahnhof holten und die in Kisten verpackte Ware zur Bahn brachten. Der Besitzer und seine Familie werkten eifrig mit. In dieser Pionierzeit kannte man, was das Zupacken anbetraf, keine großen Unterschiede zwischen Unternehmer und Arbeiter.

Um 1904 zählte die Belegschaft bereits über 100 Mann. Nach einer Statistik von 1909 waren in der Fabrik beschäftigt: 70 erwachsene männliche Arbeiter und Angestellte, 61 Arbeiterinnen, 8 Knaben und 11 Mädchen im Alter von 14 - 16 Jahren, 4 Kinder unter 14 Jahren. Von 1906 - 1913 unterhielt die Firma eine eigene Betriebskrankenkasse. Die Dynamik der Entwicklung spiegelt sich wider im Gewerbesteuer-aufkommen der Fabrik. Danach stieg die Produktion von 1900 bis 1903 um das Fünffache, bis 1906 um das Dreißigfache. Der Stundenlohn eines Brenners um 1905 betrug 25 Pfennig. Die ortsüblichen Taglöhne wurden 1908 von der Gemeinde auf 2,50 Mark für erwachsene männliche Arbeiter, auf 1,80 Mark für erwachsene Arbeiterinnen festgesetzt. Im Jahre 1912 waren von den über 700 Einwohnern der Gemeinde ungefähr 150 in der örtlichen und benach- barten Porzellanindustrie beschäftigt. Schlottenhof wuchs: Von 1905 bis 1910 hatte sich die Einwohnerzahl um fast ein Drittel vermehrt. 

Dann kam die Stagnation durch den ersten Weltkrieg und die nachfolgende Inflation. Eine Photographie um 1925 zeigt die Fabrik mit 6 Rundofenschlöten 4 Rundöfen waren in Betrieb und einem hohen Dampf- kesselkamin. Um diese Zeit wurde, wie schon früher, in der Hauptsache Haushaltsporzellan hergestellt. 1930 setzte eine Weltwirtschaftskrise ein. Die

Ausfuhr an Porzellan sank 1931 um fast ein Drittel. Im Sommer 1932 waren insgesamt 57 Betriebe der Porzellanindustrie mit 12 000 Arbeitern stillgelegt. Das traf auch die Schlottenhofer Fabrik. Am 1. 6. 1932 wurde sie durch die Sparkasse Thiersheim zwangsweise verkauft. Unter den neuen Besitzern Alois Greger und Fritz Hilburger nahm sie die Firmenbezeichnung »Porzellanfabrik Schlottenhof G.m.b.H.« an. Nach dem Tod dieser beiden Männer wurde sie von deren Familien weitergeführt. Die Zahl der Belegschaftsmitglieder stieg auf über 200 im Jahre 1954 an. Es wurden nun außer Tafel-, Kaffee- und Teegeschirr auch Geschenkartikel, wie Zierteller und Vasen, Bobonnieren, Keksdosen und Konfektsätze fabriziert. Gut die Hälfte der Produktion ging in den Export nach Holland, Italien, Jugoslawien und Schweden. Mit dem anderen Teil wurden inländi- sche Warenhäuser und Spezialgeschäfte in Bayern, Sachsen, Thüringen, Württemberg, Bremen, Hamburg und Lübeck beliefert. Die Firma beteiligte sich auch am Wohnungsbau innerhalb der Gemeinde auf Gemeindegrund.

Ausgelöst durch innerbetriebliche Differenzen kam die Fabrik in finanzielle Schwierigkeiten. Da für die Anlage von modernen Tunnelöfen das Kapital fehlte, blieb der Betrieb in der Rationalisierung zurück und erlag schließlich der Konkurrenz der Großbetriebe. Im September 1964 mußte die Arbeit eingestellt werden. Im Mai 1966 kam es zur Zwangsversteigerung. Die Fabriksanlagen gingen für DM 100000.- an einen Arzberger Sägewerksbesitzer. Das Werk stand still: die Belegschaft mußte sich nach auswärtigen Arbeitsplätzen umsehen. Schlottenhof war um eine Hoffnung ärmer geworden. In der Existenz der Porzellanfabrik hatte der Grund zu Schlottenhofs Ausdehnung und wachsendem Wohl- stand gelegen. Nachdem die Fabriksräume einige Jahre ungenutzt gestanden hatten, wurde 1970 ein Teil zu Wohnungen für Angehörige der Firma Hutschenreuther umgebaut.

Erwähnt sei in diesem Zusammenhang auch, daß seit 1935 Hans Worms eine Malerei zuerst für Steingut- fliesen. dann für Geschenkartikel aus Porzellan betrieb. Dabei wurde unbemaltes Porzellan von den Fabriken bezogen, dekoriert und weiterverkauft. Seit 1946 befand sich der kleine Betrieb in einem Neubau bei der »Ziegelhütte«.