Ursprung der Porzellanindustrie Fichtelgebirge
Geschichte der Porzellanfabrik C.M. Hutschenreuther
In der vom grossem Weltverkehr abgelegenen nordöstlichen Ecke Bayerns zwischen Sachsen und Böhmen, die heute das Zentrum der deutschen Porzellanindustrie genannt werden muss, sind Tausende von geschickten Arbeitern dauernd damit beschäftigt, Porzellanwaren aller Art, insbesondere aber feine Tafelservice herzustellen. Für viele Millionen Mark fertige Erzeugnisse wandern von hier aus jährlich über die ganze Erde. Vor 1814 aber war nun von dieser blühenden Industrie noch keine Spur vorhanden. Porzellan war ein Luxusartikel ausgesprochener Art. Den geringen Bedarf, der durch die napoleonischen Kriege auf ein Minimum herunter gefahren wurde, konnten die wenigen Staatsmanufakturen mit Leichtigkeit decken. Neben ihnen war nur noch die Thüringer Porzellanindustrie von einiger Bedeutung, die selbstständig emporgewachsen, billigere Porzellanwaren herstellte und auch einen bemerkenswerten Export hatte.
Ein Thüringer war es denn auch, der die Porzellanindustrie in Oberfranken verpflanzte. Carl Magnus Hutschenreuther,[1] dessen angesehene Familie noch heute in Thüringen blüht, gehörte zu den unternehmenden Männern, die die Erzeugnisse des gewerbefleissigen Waldgebirges ausführten. Er handelte speziell mit Pfeifenköpfen. Auf seinen Geschäftsreisen kam er auch nach Oberfranken, wo er auf dem Weg von Wunsiedel nach Hohenberg auf dem Steinberg eine weisse Erde fand. Von dieser nahm er einige Stücke mit in seine Heimat, wo er durch Versuche feststellte, dass es Porzellanerde war. Diese Entdeckung und das in den grossen Waldbeständen reichlich vorhandene Brennmaterial liessen in ihm den Entschluss reifen, in Hohenberg eine Porzellanfabrik zu errichten. Im Jahre 1814 übersiedelte er nach Hohenberg und begab sich sofort eifrig an sein Werk. Er wie seine Nachkommen waren Männer der Tat. Sie haben wenig schriftliche Aufzeichnungen hinterlassen, am wenigsten über ihre persönlichen Erlebnisse. Es ist daher auch über die Einzelheiten der ersten Jahre nur sehr wenig bekannt.[2] Als C. M. Hutschenreuther 1814 seine Fabrik gründete, musste er wohl auch noch mit dem Holz des Fichtelgebirges rechnen. Aber schon 1835 ging die bayerische Porzellanindustrie bahnbrechend zur Kohlefeuerung über und begann sich von da an erheblich schneller zu vergrössern.
Die Porzellanerde vom Steinberg erwies sich im geschlemmten Zustand als ganz unverzügliches Material, und da er auch Feldspat und Quarz im nahen Garmersreuth fand, Holz als Feuerungsmaterial in den umliegenden Wäldern reichlich vorhanden war, bestanden für das junge Unternehmen günstige Vorbedingungen. Natürlich begann Carl Magnus Hutschenreuther[3] damit, seinen alten Spezialartikel herzustellen. Er fabrizierte Pfeifenköpfe, die er weiss und bunt bemalt bei seiner alten Kundschaft in der Umgebung von Hohenberg absetzte. Als der Betrieb dank dem Fleiss und der Umsicht seines Begründers immer mehr in Flor kam, wurden auch andere Artikel, wie sie Hutschenreuther aus den Porzellanfabriken seiner thüringischen Heimat kannte, aufgenommen. Neben dem Pfeifenköpfen wurden auch Puppenköpfe, Badekinder usw. hergestellt. Mit dieser Erweiterung des Sortiments ging die Erweiterung des Kundenkreises Hand in Hand. Aber nicht nur in der näheren Umgebung machte sich das Hohenberger Porzellan einen Namen, die Konkurrenz der bayerischen Fabrik wurde wegen der Güte ihrer Erzeugnisse nach und nach für die Thüringer Industrie immer fühlbarer.
Carl Magnus Hutschenreuther starb im Jahre 1845 nach einem an Arbeit und Erfolgen reichen Leben. Die kleine Porzellanfabrik, die er 31 Jahre geleitet hat, ging an seine Frau Johanna Hutschenreuther über, die sie mit Unterstützung ihrer Söhne, Christian und Lorenz Hutschenreuther weiterführte. Drei Jahre nach dem Tod des Firmengründers brach über die Fabrik ein Unglück herein, dem sie fast zum Opfer gefallen wäre. Ein Schadenfeuer legte die ganze Fabrik in Asche und da es damals noch keine Feuerversicherung wie heute gab, waren für die Familie die Verluste derart, dass es nur der grossen Energie und dem rastlosen Fleiss zuzuschreiben ist, dass die Fabrik aus Schutt und Asche, grösser, schöner und praktischer wieder emporstieg. Das Geschäft blühte unter der vortrefflichen Leitung der Söhne des Gründers. Als auch die Töchter herangewachsen waren und ihre Männer mit in die Leitung der Fabrik eingriffen, schied der älteste der Söhne, Lorenz Hutschenreuther, im Jahre 1856 aus, ging nach Selb[4] und gründete dort unter seinen Namen eine neue Porzellanfabrik.
Johanna Hutschenreuther übergab 1960 die Fabrik der zweiten Generation; ihrem Sohn Christian[5] und ihren Schwiegersöhnen Philipp Auvera aus Würzburg und Heinrich Wolf aus Bischofsgrün. Die jungen Kräfte gaben dem Werke eine weitere Ausdehnung und begannen ihm das Feld zu erschliessen, auf dem es seine schönsten Ernten einbringen sollte. Sie nahmen die Herstellung von Vasen und anderen Zierporzellanen, von durchbrochnen Desertservicen, Tafelservicen und endlich auch von Gebrauchsgeschirren aller Art auf. Das Unternehmen wurde auch kaufmännisch immer mehr entwickelt, wobei auch das Wohl der sesshaften Arbeiterschaft nicht aus den Auge gelassen wurde. Es wurde schon 1837 eine Krankenkasse errichtet, die ihren Mitgliedern in Krankheitsfällen freie ärztliche Hilfe, Medikamente und eine Entschädigung für den während der Krankheit entgangenen Lohn gewährte.
Die siebziger Jahre bedeuteten für die Hutschenreuther Fabrik einen sehr bedeutenden Schritt nach vorwärts. Ihre Leiter Christian Hutschenreuther, Philipp Auvera und Heinrich Wolf wussten den allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung für ihr Unternehmen in umsichtiger Weisse auszunutzen. Dazu kamen wichtige technische Verbesserungen, die an den Namen Albert[6] Hutschenreuther geknüpft sind. Er war der Sohn von Christian Hutschenreuther. Zu seinem Nachfolger bestimmt, hatte er sich trefflich in der Welt umgesehen und war tief in die Geheimnisse der Porzellantechnik eingedrungen, die damals noch bei weitem nicht so wie heute auf eine feste wissenschaftliche Grundlage gestellt war.
Er hatte in Limoges, wo damals das feinste Gebrauchsporzellan hergestellt wurde, in verschiedenen Fabriken gearbeitet, und auch in der königlichen Porzellanmanufaktur zu Kopenhagen hatte er durch längere Tätigkeit seine Fachkenntnisse erweitert. Dazu kamen theoretische Studien und weite Reisen, um seine ausgezeichnete Ausbildung zu vollenden. Als Albert Hutschenreuther in die Fabrik eintrat und 1877 nach dem Tod seines Vaters Mitinhaber der Firma wurde, konnte er sehr bald zeigen, dass er seine Studienjahre gut angewandt hatte. Zunächst war ein schwieriges technisches Problem zu lösen. Die Fabrik konnte nicht länger bei der Holzfeuerung bleiben, da die umliegenden Wälder sich immer mehr lichteten und das gewohnte Brennmaterial zu teuer wurde. Sie sah sich gezwungen, zur Kohlenfeuerung überzugehen. Albert Hutschenreuther gelang es, die Öfen für dieses Brennmaterial einzurichten und mit der Kohlenfeuerung ein ebenso schönes Porzellan als mit der Holzfeuerung zu erzielen. Die Kohlen mussten aus Böhmen bezogen werden und wurden anfangs mit der Achse von Schwarzenbach a. d. Saale, der damals nächsten Bahnstation, später aus Selb herbeigeschafft werden. Erst seit 1880, seitdem die Bahnstrecke Marktredwitz-Eger ausgebaut ist, werden die Rohmaterialien von unserer heutigen Bahnstation Schirnding angefahren. Eine weitere nicht minder wichtige technische Neuerung war die Einführung des maschinellen Betriebs.
Diese beiden Reformen, die billigere Kohlenfeuerung und die Anwendung von Hilfsmaschinen, die durch Dampfkraft angetrieben wurden, machten es der Fabrik möglich, an die Herstellung von Gebrauchsgeschirren im grossen heranzugehen. Diese Geschirre, also die Tafel-, Kaffee- und Teeservice sowie das Hotelporzellan sind seitdem die Spezialität der Porzellanfabrik C.M. Hutschenreuther geblieben. Je mehr die Fabrik dazu überging, Gebrauchsporzellan zu erzeugen und in diesen Artikel mit den besten Erzeugnissen der deutschen Staatsmanufakturen, der böhmischen und französischen Porzellanfabriken den Wettbewerb aufzunehmen, um so wichtiger wurde es für sie die wirkungsvollsten Bemalungsarten, die für das Porzellan in Frage kommen, anzuwenden und zu verbessern. Seit jeher ist das schönste Blau, das auf Porzellan in der hohen Temperatur des Glattbrandes durch Kobalt hervorgebracht wird, die Porzellanfarbe gewesen. Schon für das chinesische Porzellan war die Qualität dieses von arabischen Händlern ins Land gebrachten Metalls von der grössten Wichtigkeit für die Schönheit dieses unübertrefflichen Porzellans; der Ruhm der Porzellanmanufaktur von Sevres ist zum grossen Teil an das wundervolle Blau, das mit Recht als "Bleu Royal" (Königsblau) bezeichnet wird, gebunden.
Dieses Blau in hervorragender Ausführung zu liefern, machte sich Hohenberg zur Hauptaufgabe. Lange Jahre dauerten die Versuche, grosse Summen mussten geopfert werden, bis es der zähen Ausdauer Albert Hutschenreuthers gelang, das Kobaltblau herzustellen. Durch fortwährende Vervollkommnung der Fabrikation und die langen Erfahrungen steht das Hohenberger Kobaltblau in seinem gleichmässigen Ton, seiner Wärme, Tiefe und Leuchtkraft heute unerreicht da. Nicht minder eifrig pflegte Philipp Auvera die Kunst der Porzellanmalerei auf anderen Gebieten. So war die Hohenberger Porzellanmanufaktur wohl die erste, die Aetzen des Porzellans mit Fluss-Säure im grossen ausarbeitete. Die künstlerisch vollendet schönen Muster, die dem Fachmann zeigen, mit welch grosser Umsicht man schon damals verstanden hat, durch verschiedene Techniken, wie Aetzverfahren, Stahldruck und Handmalerei besondere Effekte herauszuholen, werden noch heute bewundert. Es ist bezeichnet für die ganze Art der Hohenberger Fabrikation, dass eine so subtile Technik, die höchste Sorgfalt erfordert, hier zuerst geübt und zur grössten Vollendung gebracht werden konnte.
Diese Tradition in Hohenberg stets nur nach dem Höchsten in technischer und künstlerischer Beziehung zu streben, war in den achtziger Jahren schon so stark geworden, dass Änderungen in der Leitung niemals eine Änderung dieser Grundsätze bedeuten konnten. Weder das Ausscheiden von Philipp Auvera, für den am 1. Juli 1886 sein Sohn Hugo eintrat, noch der am 14. Mai 1887 erfolgte Tod des ebenfalls um die Entwicklung der Porzellanfabrik verdienten Kommerzienrats Wolf konnten die gesunde Entwicklung des Unternehmens zum Stillstand bringen. Albert Hutschenreuther, der inzwischen ebenfalls zum Kommerzienrat ernannt war, verstand es, von seinem Vetter Hugo Auvera sen., der es hauptsächlich verstanden hat, die Dekorationsart und die Geschmacksmuster zu verfeinern, kräftig zu unterstützt, der Fabrik immer weitere Absatzmöglichkeiten zu schaffen und endlich sogar die ausländische insbesondere die französische Konkurrenz, aus dem Feld zu schlagen. Hierbei war der stärkste Widerstand nicht in der technischen und künstlerischen Qualität der französischen Erzeugnisse, sondern in dem hartnäckigen Vorurteil der deutschen Käufer für die fremdländischen Erzeugnisse, die ihnen nun einmal von altersher im Blute liegt, zu überwinden.
Als im Jahr 1904 Kommerzienrat Albert Hutschenreuther sich nach einer langen, an Erfolgen so reichen Arbeit entlasten wollte, wandelte man die Firma unter Mitwirkung des Bankhauses Gebr. Arnold in Dresden in eine Aktiengesellschaft um. Albert Hutschenreuther trat in den Aufsichtsrat der neuen Gesellschaft, deren erster Direktor der bisherige Mitinhaber Kommerzienrat Hugo Auvera sen. wurde. Als zweiter Direktor wurde sein Neffe Hugo Auvera jun., heute Generaldirektor des gesamten Konzerns, berufen, der vorher schon einige Jahre im technischen Betrieb der Firma tätig gewesen war.
Auch diese äusserlichen Veränderungen blieben ohne Einfluss auf den fest ausgeprägten Charakter der Porzellanfabrik C.M. Hutschenreuther. Ohne Vernachlässigung der wirtschaftlichen Gesichtspunkte blieb es nach wie vor ihre vornehmste Aufgabe, ihren Platz in der ersten Reihe der Porzellanfabriken in aller Welt durch die Güte und Schönheit ihrer Erzeugnisse zu behaupten. Heute erzeugt die Porzellanfabrik C.M. Hutschenreuther in Hohenberg an der Eger, unter der bewährten Leitung des Direktors Louis Schilling, ausschliesslich Gebrauchsporzellan aller Art in mittlerer bis feinster Ausführung. Ihre Erzeugnisse findet man auf der Tafel des Bürgers, der auf gediegenen Hausrat Wert legt, ebenso wie auf der des amerikanischen Dollarkönigs oder der fürstlichen Prunktafel.
Die vornehmsten Hotels und Restaurants der Welt verwenden Hohenberger Porzellan. Zu dieser weiten Verbreitung haben in erster Linie seine vorzüglichen Eigenschaften beigetragen. Zu der äusseren Schönheit der Muster, der peinlichen Sorgfalt in der Ausführung der Dekoration tritt die Festigkeit des nicht spröden Scherbens und die ausserordentliche Härte der Glasur. Gerade diese Eigenschaften, die eine ausserordentliche lange Lebensdauer des Hohenberger Porzellans auch bei stärkstem Gebrauch verbürgen, dürften zu seiner Verbreitung und Beliebtheit im Hotel und Restaurationsbetrieb nicht wenig beigetragen haben. Aber auch die sorgsame Hausfrau, die ihre Service zu den wohlbehüteten Schätzen des Haushalts rechnet, weiss diese Eigenschaften zu würdigen, wenn sie sich mit dem makellosen und doch nicht kalten Weiss, vornehmen Formen und geschmackvollen Verzierungen vereinigen.
Seit dem Jahre 1909 ist die Porzellanfabrik C.M. Hutschenreuther auch Besitzerin der grossen böhmischen Porzellanfabrik Moritz Zdekauer in Altrohlau bei Karlsbad,[7] die ebenfalls Gebrauchsgeschirr hergestellt. Am 2. Oktober 1918 genehmigte die Generalversammlung den Erwerb der Porzellanfabrik Carl Auvera in Arzberg. Diese Fabrik die dem Vater des Hugo Auvera jun. gehörte, stellte in vier Öfen technisches Porzellan und Pfeifenköpfe her und hatte sich in diesem Geschäftszweig eine führende Stellung errungen.
„Franz Günter Schäfer berichtet in einem Aufsatz über den Kaolin Bergbau um Haingrün bei Marktredwitz im ausgehenden 19. Jahrhundert. Nach heutigem Wissensstand gab es im 19. Jahrhundert zwei Gruben, wo die Porzellanfabrik Hutschenreuther Porzellanerde abbaute. Die Menge des täglich geförderten Gutes wird für 1876 mit drei Fuhren gleich 75 Zehnter angegeben. Die Belegmannschaft schwankte zwischen 6 und 9 Bergleuten. An Lohn bekamen die Arbeiter für einen 10-stündigen Arbeitstag 1,60 Mark, der Steiger erhielt 2,40 Mark. Am 1.5.1895 hat die Firma C.M. Hutschenreuther den Betrieb ihrer Porzellanerdengruben Saturn gänzlich eingestellt und alle Grubenarbeiter entlassen. Für diese schweren Arbeiten wurden keine Jugendlichen und ausschliesslich männliche Arbeiter eingesetzt.“[8]
Nach dem Tode meines Vaters beschlossen die Erben die Fabrik zu veräussern und so erfolgte die Angliederung an das stammverwandte Hohenberger Unternehmen. 1923 wurde Arzberg mit Rücksicht auf die ungünstige Marktlage für Pfeifen und technisches Porzellan auf Gebrauchsgeschirr umgestellt. Gleichfalls 1918 wurden die Aktien der Aktiengesellschaft Steinfels vorm. Heinrich Knab in Steinfels erworben. Diese Gesellschaft war hervorgegangen aus dem vom Kommerzienrat Knab, dem Schwiegervater des Generaldirektors Hugo Auvera, jahrzehntelang bewirtschafteten Schlossguts Steinfels, Post Parksteinhütten (Oberpfalz) und den auf diesem Gelände von ihm geführten Industriebetrieben. Das Eigentum der Aktiengesellschaft Steinfels setzt sich zusammen aus: der Schlosswirtschaft mit etwa 400 ha Grundbesitz, einen Pegmatitwerk, das im Untertagebau Pegmatit einen wichtigen Bestandteil der zur Herstellung des Porzellans benötigten Masse gewinnt. Dieses Pegmatit wird nicht nur an die zur C.M. Hutschenreuther A.-G. gehörigen Porzellanfabriken, sondern auch durch Vermittlung einer später gegründeten eigenen Verkaufsgesellschaft, der Keramischen Rohstoffgesellschaft m.b.H. in Leipzig an zahlreiche fremde Porzellanfabriken verkauft. Ferner gehört ein Lithinwerk dazu.
Soweit das Pegmatit nicht für die obengenannten Zwecke benötigt wird, wird es nach einem eigenen Verfahren zur Herstellung von Edelputz dem sogenannten Lithin verwendet. Dieser Edelputz dient als Fassadenbewurf und wird durch eine in Dresden befindliche Verkaufsabteilung innerhalb Deutschlands und nach dem Ausland vertrieben. Ein Kunststeinwerk stellt Kunststeine aller Art, insbesondere Bedachungssteine her, die in der landwirtschaftlichen Umgebung Absatz ihren finden. Ein Sägewerk schneidet sowohl den Holzanfall des eigenen Waldes wie auch fremdes Holz und bringt es in den Handel. Schliesslich gewinnt das Elektrizitätswerk der Aktiengesellschaft Steinfels den für die vorbezeichneten Anlagen benötigten Kraftantrieb und wird durch eine eigene Wasserkraftanlage (120 PS) gespeist. Soweit der elektrische Strom nicht von den Werken selbst verbraucht wird, wird er an die Naabwerke in Weiden abgegeben.
Aus organisatorischen Gründen hat die Porzellanfabrik C.M. Hutschenreuther A.-G. die vorstehenden Betriebe und zwar den landwirtschaftlichen und die industriellen von der Aktiengesellschaft Steinfels gepachtet und betreibt sie unter eigenen Namen. Die Generalversammlung vom 29. Mrz 1920 genehmigte den Erwerb der Aktienmehrheit der Porzellanfabrik C. Tielsch & CO. in Altwasser in Schlesien. Diese im Jahre 1845 gegründete Porzellanfabrik kann heute als eines der leistungsfähigsten deutschen Werke für Stapelware angesprochen werden. Unter der Leitung des verstorbenen Direktor Georg Faist hat die Firma als erste deutsche Porzellanfabrik die bis dahin überall üblich gewesene Form der Rundöfen verlassen und dafür das zum Brennen von Porzellan bis dahin noch nicht angewandte Tunnelofensystem praktisch und mit Erfolg durchgeführt. Durch den Erwerb der Aktienmehrheit gewann die Porzellanfabrik C.M. Hutschenreuther A.-G. den massgebenden Einfluss auf die Verwaltung der Porzellanfabrik C. Tielsch. Infolgedessen kam, als die Generaldirektion des C.M. Hutschenreuther Konzerns im Jahre 1921 nach Dresden in das neuerbaute Verwaltungsgebäude verlegt wurde, auch die Direktion der Porzellanfabrik C. Tielsch dahin. Inzwischen hat die Porzellanfabrik C. Tielsch & CO. A.-G. infolge der Anlehnung an den kräftigen C.M. Hutschenreuther Konzern Gelegenheit gehabt, ihre Anlagen zu erweitern und zu modernisieren. Ausser einer den neuesten Errungenschaften der Technik entsprechenden Massemühle sind zwei weitere Tunnelöfen gebaut worden, so dass diese Fabrik heute über zehn Porzellanrundöfen, vier Tunnelöfen und vier kontinuierliche Muffeln verfügt und mehr als 1300 Arbeitern und Angestellten Beschäftigung bietet.
Im Jahre 1921 gründete die Porzellanfabrik C.M. Hutschenreuther in Radeberg bei Dresden eine Zahnfabrik zur Erzeugung von künstlichen Zähnen. Die Zähne werden nach einem besonderen Verfahren hergestellt und haben sich in den wenigen Jahren seit der Gründung der Fabrik nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland grosse Beliebtheit verschafft. Die Wissenschaft und die Praxis stimmen darin überein, dass der Saxonia Zahn, der in der Dentalbranche als Zahn der Zeit bekannt geworden ist, allen in- und ausländischen Fabrikaten mindestens ebenbürtig ist. Der Vertrieb der Saxonia Zähne erfolgt durch die Saxonia-Dental Verkaufsgesellschaft A.-G. in Dresden.
Zum Erwähnen bleibt noch die Umwandlung der zum Hutschenreuther Konzern seit 1909 gehörigen Porzellanfabrik Moritz Zdekauer G.m.b.H. in Altrohlau bei Karlsbad in eine Aktiengesellschaft. Diese Umwandlung war nötig, weil die tschechisch-slowakische Republik die Beibehaltung der bisherigen Form der Angliederung der Altrohlauer Fabrik an ein deutsches Unternehmen nicht zuliess. Durch die Gründung der Altrohlauer Porzellanfabrik A.-G. in Altrohlau bei Karlsbad wurde es möglich, die alte Beteiligung der Firma Hutschenreuther zu erhalten. Endlich bleibt hervorzuheben, den Erwerb der Dresdner Porzellanmalereien Richard Klemm Donath & CO. und Richard Wehsener. Diese altbekannten Betriebe wurden zu einem Unternehmen verschmolzen und als Kunstabteilung Dresden dem Konzern angegliedert. Gestützt auf die grosse Tradition der Stammfabrik hat die Kunstabteilung Dresden es sich zur Aufgabe gemacht, ausschliesslich vollendete Handmalereien ausgeführt von den besten Porzellanmalern nach künstlerischen Entwürfen, auf dem Markt zu bringen.[9]
„Die 150jähriges Geschichte[10] der C.M. Hutschenreuther Porzellan AG zeigte eine Reihe von starken Persönlichkeiten, in denen der Wille des Gründers fortwirkte. Es stand dies nicht nur die Frauen und Männer aus der Familie Hutschenreuther und Auvera, sondern auch die vielen ungenannten Mitarbeiter aus dem technischen Betrieb, der Malerei und den kaufmännischen Abteilungen. Mit beispielhaften Idealismus und einem schon in den ersten Gründerjahren sichtbaren Standesbewusstsein schufen sie mit an einem Werk, das sie als das ihre betrachteten. Es erfüllt heute noch mit Bewunderung, wenn man in den alten Unterlagen liesst, dass Carl Magnus und nach seinem Tode seiner Witwe Johanna Hutschenreuther ein Stamm treuer und nicht zu entmutigender Gesellen und Meister auch in schwersten Zeiten wie nach dem Brand im Jahre 1848 zur Seite stand. Sehr begabte Modelleure haben schon vor 100 Jahren Formen gestaltet, die auch heute noch das Entzücken des Sammlers und Kenners hervorrufen. Auch die Entwicklung des Kobalt-Porzellans und der Ätzkantendekore, nicht zuletzt der Prunkstücke der Dresdner Kunstabteilung, beruhten auf der Erfahrung, dem Können und dem Kunstsinn der Mitarbeiter. Die Tat des Gründers Carl Magnus Hutschenreuther und die Summe der Arbeit aus den vergangenen 150 Jahren verpflichten und sind lebendiges Vorbild. C.M. Hutschenreuther Porzellan AG - Der Vorstand (1964)“
[1] Carl Magnus Hutschenreuther - geboren 1794 in Wallendorf Thüringen, gestorben 1845 in Hohenberg/Eger
[2] Die räumlichen Beziehungen der deutschen Luxusporzellanindustrie, 1933
[3] Ehrenbürger der Stadt Selb siehe Seite 22
[4] Auch die Gründung einer Porzellanmalerei durch Carolus Magnus Hutschenreuther 1814 auf der Burg Hohenberg/Eger brachte keine wesentliche Veränderung. In der ganzen Region und auch in der Stadt Selb, die später zur Weltstadt des Porzellans werden sollte, sahen die Bauernfamilien einen letzten Ausweg aus der völligen Verarmung darin, gleichzeitig als Landwirt und Hausweber tätig zu sein.
[5] Christian Hutschenreuther - geboren 1818 in Hohenberg/Eger, gestorben 1877 in Hohenberg/Eger; übernimmt 1860 die Leitung der C.M. Hutschenreuther
[6] Albert Hutschenreuther - geboren 1845, gestorben 1912, Albert übernimmt nach dem Tode seines Vaters Christian Hutschenreuther die Leitung der C.M. Hutschenreuther
[7] Die Bindungen zwischen beiden Porzellanindustrien in Böhmen und Nordbayern war sehr ausprägend. Philipp Rosenthal hatte maßgebliche Beteiligung an der Porzellanfabrik Bohemia in Altrohlau bei Karlsbad, die C. M. Hutschenreuther kontrollierte ebenfalls dort eine zehnöfige Porzellanfabrik, ganz abgesehen von der mehrfachen Einflussnahme grosser deutscher Porzellan Konzerne auf böhmische Rohstoffwerke. Diese, verbunden mit der unmittelbaren Nähe zur Kohle, sind der Grund dafür, dass die Tschechoslowai 1923 64 Porzellanfabriken zählte, die sich fast ausnahmslos im Karlsbader Becken angesiedelt hatten.
[8] Beginn der Industriealisierung in Redwitz und Vororten 1871-1933
[9] Literaturquelle: Die Schaulade Monatsheft 1925, Seiten 611-658
[10] 150 Jahre C.M. Hutschenreuther - „Aus Anlass des 150jährigen Bestehens unserer Firma und des 125jährigen Bestehens unseres Werkes Arzberg erlauben wir uns, Ihnen in freundschaftlicher Verbundenheit diese Jubiläumsschrift zu überreichen“