100 Jahre SPD Selb

Einhundert Jahre SPD in Selb! Das ist die Geschichte von Menschen in einer Gemeinde. Das ist eine deutlich län- gere Zeitspanne als ein Menschenleben dauert. Und so, wie es im Leben eines Menschen nicht immer nur aufwärts gehen kann, nur Erfolgsereignisse vermeldet werden können, so gibt es diese Wellenbe- wegung, diese Zyklen auch in der sozialdemokratischen Partei in Selb. Nachdem Lorenz Hutschenreuther 1857 die erste Porzellanfabrik in Selb gegründet hatte und weitere Porzellanmalereien und deren Umbau zu Fabriken folgten, bestand in der Stadt ein großer Bedarf an Facharbeitern, die dann vorwiegend aus Böhmen, Thüringen und Schlesien zuzogen. Mit ihnen gelangte auch sozialistisches Gedankengut nach Selb. Katastrophale Wohnver- hältnisse, niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten, und allgemein schlechte Arbeitsbedingungen führten zu Zusammenschlüssen von Arbeitern und kleinen Handwerkern. Insbesondere die Porzellanfacharbeiter, wie Maler, Dreher, Formengießer und Modelleure, formierten sich im so genannten „Berliner Verband“, dem späteren Porzellanarbeiterverband, einer Gewerkschaft im Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB). Nach der Reichsgründung 1871 lässt sich in Selb auch ein sozialdemokratischer Wahlverein nachweisen. Großes Aufsehen gab es in Selb, als bei der Reichtagswahl von 1890 – noch waren die Sozialistengesetze gültig – erstmals acht Stimmen für den Sozialdemokraten Löwenstein abgegeben wurden. Anfangs der 90iger Jahre wurde ein Leseverein ins Leben gerufen, eigentlich schon der Vorläufer eines Ortsvereins. Bei der Reichstagswahl von 1893 konnte in Selb bereits eine erhebliche Stimmenmehrung für die Sozialdemokraten erreicht werden. 1895 fand im „Horners Garten“, der lag hinter dem heutigen Gasthaus „Goldener Löwe“, eine gut besuchte Versammlung mit Wilhelm Liebknecht als Hauptredner statt. Aber erst 1903 erfolgte die eigentliche Gründung der Sozialdemokratischen Partei in Selb, deren erster Vorsitzender Adolf Häublein wurde. Häublein folgten dann Johann Netzsch (Porzellandreher), Christoph Schobert (Schuhmacher, später Brenner) und Heinrich Summa (Porzellanmaler, später Gastwirt).

Bei der Reichstagswahl von 1903 erreichten die Sozialdemokraten in Selb bereits 679 Stimmen gegenüber 431 Stimmen für die bürgerlichen Parteien. 1912 eroberte Josef Simon aus Nürnberg den Wahlkreis Hof. Bei dieser Wahl erreichte man in Selb das Doppelte der bürgerlichen Stimmen. Zu bedenken ist dabei noch, dass viele Ge- nossen gar nicht wählen durften, weil sie entweder das Bürgerrecht nicht besaßen oder weil sie „Zugereiste“ waren und die bayerische Staatsangehörigkeit nicht besaßen. Ein schöner Erfolg war 1914 die Einweihung eines Jugendheimes für die Arbeiterjugend in der Gartenstraße, heute Friedrich-Ebert-Straße. Arbeitervereine, Gewerkschaften und die Konsumgenossenschaft hatten den Bau durch Zeichnung von Anteilscheinen ermöglicht. Dieses Heim wurde übrigens am 2. Mai 1933 von den Nazis okkupiert und in „Braunes Haus“ umbenannt. Das von Sozialdemokraten geprägte Vereinsleben in den Arbeitervereinen der Sänger, Turner, Radfahrer und Naturfreunden wurde durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges empfindlich gestört, weil auch viele Sozialdemokraten zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Nach dem Ende des Krieges und mit der Revolution vom November 1918 hielt auch in Selb die Rätebewegung Einzug: Am 10. November wurde in Selb ein Arbeiterrat gebildet, dem dann alle staatlichen und städtischen Behörden zur Kontrolle unterstanden. In den Fabriken wurde die Arbeit ohne Unterbrechung fortgesetzt.

Standrecht über Selb verhängt

Die politischen Wirren der Folgezeit, wie die Ermordung des sozialdemokratischen bayerischen Ministerpräsidenten am 21. 2. 1919, die Ausrufung der Räterepublik in München und der Kapp-Putsch am 13. 3. 1920, ließen auch Selb nicht unberührt. So führte der Kapp-Putsch zur Bildung eines Vollzugsauschusses mit folgender Zusammensetzung: MSPD: Dr. Franz Bogner, Karl Werner, Max Schwotzer; USPD: Oskar Schramm, Erhard Netzsch, Josef Vogler; KPD: Josef Fröhlich, Hugo Weiß, Christoph Feind. Gleichzeitig wurde der Generalstreik aus-gerufen und es wurden 14 Arbeiterkompa- nien gebildet, die Waffen bei den Gegnern der Republik konfiszierten. Nachdem der Kapp-Putsch gescheitert war und der Generalstreik bereits aufgehoben war, wurde am 17. März 1920 überraschend das Standrecht über Selb verhängt. Am 23. März rückte das „Freikorps Chiemgau“ in Selb ein. Dieses Freikorps ging rücksichtslos gegen Arbeiter vor, und zwar in der Annahme, es werde noch gestreikt. Der Beharrlichkeit des Vollzugsrates war es zu verdanken, dass das Freikorps wieder ab- zog. Die Wortführer des Vollzugsrates, Dr. Franz Bogner und Erhard Netzsch, hatten gedroht, man werde wieder streiken, falls das Freikorps nicht abzöge. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Geschicke der Stadt Selb weitgehend von den „Linken“ bestimmt. Die erste Wahl zum Stadtrat am 15. 6. 1919 ergab 16 Sit- ze für die USPD, fünf für die MSPD und vier für die bürgerlichen Parteien. An die- ser Stelle ist anzumerken, dass bei der Spaltung der SPD 1917 der Selber Ortsverein mit dem Kreisverband Hof ge- schlossen zur USPD überging. Die MSPD war in Selb also das Resultat einer Neu- gründung. Die Pflasterung der Ludwigstraße und der Wittelsbacherstraße sowie der Ausbau der städtischen Wasserversorgung waren die ersten Maßnamen der „roten Mehrheit“ im Stadtrat, die allerdings von den Bürgerlichen vehement abgelehnt wurden, was de- ren Slogan zeigt: „Die Sozis können leicht unser Geld verbauen, denen gehört ja nur das Hemd auf dem Leib.“ Mit der Einführung der Simultan- oder Gemeinschaftsschule, die der Stadtrat 1920 beschloss und an der federführend der Genosse Vogler beteiligt war, waren die Selber ihrer Zeit weit voraus.

KPD und NSDAP gemeinsam gegen die SPD

Am 2. April 1920 wurde in Selb der Feuerbestattungsverein gegründet, dem Sozialkdemokraten vorstanden und dessen Funktionäre in verhältnismäßig kurzer Zeit viele tausend Mitglieder in Selb und Umgebung warben. 1924 begann man mit dem Bau des fünften Krematoriums in Bayern, das dann am 7. Februar 1925 in Betrieb genommen wurde. Weitere Schwerpunkte der Stadtratsarbeit waren die Eingliederung rückkehrender Soldaten in das Arbeitsleben, der Kampf um ausrei- chende Kohlemengen und die Bekämp- fung der Wohnungsnot. Letztlich wurden die Leistungen der Sozialdemokraten auch von den bürgerlichen Parteien anerkannt. Mit der Verschlechterung der wirtschaftli- chen Lage am Ende der 20iger Jahre wurde auch die Position der Sozialdemokraten in der Stadt schwieriger. Die Kommunisten beschimpften sie als „Sozialfaschisten“. Noch entschlossener gingen die Nationalsozialisten gegen die SPD vor. In dieser Zeit war es keine Seltenheit, wenn NSDAP und KPD im Stadtrat zusammen gegen die SPD stimmten. Bei den Wahlen vom 16. 10. 1932 erreichten die Sozialde- mokraten nur noch vier Mandate. Nach der Machtergreifung wurde der Stadtrat aufgelöst, Neuwahlen fanden nicht mehr statt. Zwar konnte noch eine Vorschlagsliste in Selb eingereicht werden und aufgrund des Gleichschaltungsgesetzes wurden sechs Genossen in den Stadtrat „bestimmt“. Drei von ihnen befanden sich zu dieser Zeit aber in „Schutzhaft“. Alle sozialdemokratischen Stadträte erhielten am 21. 6. 1933 ein Schreiben mit der Wei- sung des Staatsministers Wagner, den Sitzungen des Stadtrates bis auf weiteres fernzubleiben, um die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung und ihren persönlichen Schutz zu garantieren. Ende Juni 1933 wurden 19 Sozialde- mokraten verhaftet und in das Landgerichtsgefängnis Hof verbracht. Laut Selber Tagblatt vom 30. 6. 1933 waren dies Adolf Meier, Erich Endler, Max Sprödt, Joseph Hein, Hans Rüger, Joseph Vogler, Christoph Netzsch, Adam Prell, Wilhelm Wöl- fel, Fritz Kuhn, Dr. Franz Bogner, Max Solbrig, Nikol Hellus, Erich Schwanengel, August Kießling, Friedrich Zeidler, Hugo Weiß und Georg Fuchs. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten wurden die Mitglieder der verbotenen SPD beobachtet, bespitzelt und häu- fig auch zu unbedachten Äußerungen gereizt, was zur Folge hatte, dass immer wieder Sozialdemokraten verhaftet oder ins KZ gebracht wurden.

Viele Parteieintritte

Am 20. April 1945 erreichten amerikanische Truppen die Stadt Selb. Schon nach wenigen Tagen wurde von den Amerika- nern ein Bürgerausschuss eingesetzt, dem 20 Bürger angehörten. Sie waren an die Weisungen der Besatzungsmacht gebun- den und konnten lediglich Anliegen vorbringen. In dem Ausschuss waren fünf Sozialdemokraten vertreten, nämlich Dr. Franz Bogner, Oskar Kolb, Max Solbrig, Karl Gebhardt und Hans Lucke. Fünf Sitze waren für die Kommunisten reserviert, zehn weitere für die bürgerlichen Parteien. An die Gründung eines Ortsvereins und an politische Versammlungen war zunächst nicht zu denken. Da die Amerikaner ja zunächst von der Kollektivschuld der Deutschen ausgingen, erlaubten sie Ver- sammlungen oder gar die Neugründung von Parteien zunächst nicht. Versuche, bei der auch für Selb zuständigen Militärverwaltung in Rehau die Grün- dung eines Ortsvereins oder Versammlun- gen genehmigt zu bekommen, blieben des- halb erfolglos. So traf man sich dann „zufällig“ auf der Straße. Zusammenkünfte in größerem Rahmen mussten gut getarnt werden. Sie fanden in der Regel in der Baracke des Schrebergartenvereins an der Hohenberger Straße und später im Gasthaus „Hopfenblüte“ statt. Der Genosse Hans Schöffel hatte die Aufgabe, diese Versammlungen abzuschirmen. Erst im Dezember 1945 wurden öffentliche Versammlungen für Parteien erlaubt. Der Vorschlag der Kommunisten, die erste Kundgebung gemeinschaftlich mit den Sozialdemokraten zu veranstalten, wurde von diesen abgelehnt, denn inzwischen hatte man aus der SBZ erfahren, dass die Kommunisten eine Einheitspartei anstrebten. Auf der ersten Kundgebung der SPD sprach Arno Behrisch vor einem großen Publikum. Dass die Versammlung ein großer Erfolg war, war auch an den vielen Parteieintritten abzulesen. In relativ kurzer Zeit wuchs die Zahl der Mitglieder auf mehr als 500 an, was natürlich seinen Grund auch darin hatte, dass unter den vie- len Vertriebenen auch „alte“ Sozialdemokraten waren.

Wohnungsproblem

Schon bei der ersten freien Stadtratswahl ging die SPD als stärkste politische Kraft hervor (SPD neun , KPD drei, bürgerliche Parteien acht Sitze). Mit Ausnahme der Wahlen von 1948 und 1978 errang die SPD bis 1996 immer die höchsten Stim- menanteile und bildete damit jeweils die stärkste Stadtratsfraktion. Das Patt von 1978 zwischen SPD und CSU/Freien Wählern im Stadtrat hatte seinen Grund darin, dass mit den Eingemeindungen die vorwiegend konservative ländliche Bevöl- kerung ein stärkeres Gewicht bekam. Die Stimme des Oberbürgermeisters Christian Höfer bewahrte damals letztlich eine knappe Mehrheit. Mit Dr. Franz Bogner, Christian Höfer und Werner Schürer stellte die SPD in ununterbrochener Folge von 1948 bis 2001 die Oberbürgermeister der Stadt Selb. In den ersten Nachkriegsjahren galt die Haupt- sorge neben der Ernährung, die Wohnungsbeschaffung. Der Zustrom tausender Vertriebener verschärfte das schon in der Vorkriegszeit bestehende Wohnungsproblem. Durch Beschaffung und Erschließung von Baugelände, Bemühungen um staatliche Wohnungsbauförderungen und Bereitstellung umfangreicher städtischer Mittel wurden der öffentliche und der private Wohnungsbau angekurbelt. Al- leine zwischen 1948 und 1976 entstanden Ein weiterer Schwerpunkt in den 50er Jahren war die Beseitigung der großen Schulraumnot. Die stark angestiegenen Schüler- zahlen hatten zu Schichtunterricht und Wanderklassen geführt. Mit der Dr. Franz-Bogner-Schule erhielt die Stadt eine neue Volksschule; gleichzeitig wurde damit der erste Schritt zum heutigen Schulzentrum mit Gymnasium, Realschule, Sonderschule und Handwerkerhof getan. Trotz der ungünstigen Randlage der Stadt am Eiser- nen Vorhang begann das Gemeinwesen zu blühen. Die Porzellanstadt erwarb sich nun auch den Ruf einer Kulturstadt. Ein wichtiges Fundament dazu war zunächst das städtische Grenzlandtheater, entstanden aus dem ehemaligen Lichtspiel-Kino, das auch dank der Rosenthal-Feierabende einen Spielplan mit großer Dichte und Qualität aufwies.

Christian Höfers Warnungen

Da Christian Höfers Ziel immer die Steigerung des Wohn- und Freizeitwertes der Stadt war, wurden auch die Bereiche Sport, Gesundheitsfürsorge und Stadt- bzw. Verkehrsentwicklung mit erheblichen Mitteln gefördert. Christian Höfer sah aber trotz aller großen Erfolge bereits dunkle Schatten auf die Stadt heranziehen. Er schreibt 1976: „Der Abzug solcher Dienststellen (er meint die Verluste an Behörden und Einrichtungen im Zuge der Gebietsreform) vermindert nicht nur die Zahl der Arbeits- und Ausbildungsplätze, sondern bedeutet ebenso einen Verlust an Anziehungskraft für Menschen und Be- triebe. Der Rückgang der Arbeitsstellen auch im industriellen Bereich durch notwendige Rationalisierungsmaßnahmen und der bestehende Mangel an qualifizierten Arbeitsplätzen ist eine unserer Haupt- sorgen. Sie kann von der Stadt allein nicht behoben werden.“ Im letzten Viertel dieser 100 Jahre ging es aber zunächst gut weiter. Durch die Gemeindegebietsreform der Bayerischen Staatsregierung wurden der Stadt Selb zum 1. Januar 1978 elf Umlandgemeinden eingegliedert. Einerseits bedeutete das eine Zunahme an Einwohnern und an Fläche, andererseits eine Ausweitung der Aufgaben, für die das Rathaus zuständig wurde. Der Posten des 2. Bürgermeisters wurde nach dieser Wahl an die CSU abgetreten, was diese in der Folgezeit aller- dings durch nichts honorierte und damit Höfer, dessen Vorschlag das war, sehr ent- täuschte. Hans-Joachim Goller von der SPD wurde zum 3. Bürgermeister gewählt und mit der Leitung des Dezernats für Kultur, Schulen, Sport betraut. Unter der Mitfinanzierung durch ein Konjunkturprogramm der Bundesregierung sowie des Freistaats Bayern konnte der Um- und Erweiterungsbau des wegen erheblicher baulicher Mängel von der Schließung bedrohten Grenzlandtheaters zum „Rosenthal- Theater Selb“ 1978 beginnen.

Selber Stadtentwicklungsplanung führend

Nach vierjähriger Bauzeit konnte die Stadt ein Schmuckstück für das kulturelle Leben ihrer Bürgerinnen und Bürger vorzeigen. In den insgesamt 15 Jahren seiner Tätig- keit als Kulturdezernent hat Goller durch das Theater- und Konzertprogramm, durch Kunstausstellungen und andere Aktivitä- ten wie die „Begegnungen mit den Nieder- landen“, die „Begegnungen mit der CSSR“, der „Deutsch-Tschechisch-Slowakischen Kulturbörse“, der Redereihe „Grenzüberschreitungen“ usw. den Ruf Selbs als Kulturstadt ausgebaut und gefestigt. Im Rahmen der schrittweisen Umsetzung des Stadtentwicklungsplanes der Architektengruppe Frank/Jakob/Bluth aus Stuttgart wurde im selben Jahr im Tiefbau mit dem Ausbau der Nordtangente (Schiller- Straße) begonnen, der sich in mehreren Phasen über Jahre erstreckte. Bayernweit war Selb dank der Weitsicht und Dynamik von Christian Höfer mit seiner Stadtent- wicklungsplanung, die auf den Gropius- Plan der 60er Jahre zurückging, im Rahmen des Städtebauförderungsgesetzes führend. In der ersten Hälfte der 80er Jahre wurde als weiterer Schritt die Ludwigstraße östlich des Marktplatzes in einen verkehrsbe- ruhigten Bereich umgestaltet. Durch das Vorbild der Stadt, Selb moderner und schöner zu gestalten, wurden viele private Hauseigentümer in der Innenstadt ange- regt, ihren eigenen Beitrag durch optische aber auch qualitative Verbesserungen an ihren Gebäuden zu leisten. Selb bekam Farbe und dadurch ein freundliches Ge- sicht. Die Zeit der grauen Farbe von den Rauch- und Rußfahnen der Rundöfen der Porzellanfabriken war endgültig überwun- den. 1984 waren wieder Stadtratswahlen. Die SPD errang die Mehrheit im Stadtrat und stellte mit Werner Schürer den 2. Bürgermeister, 3. Bürgermeisterin wurde Maria Segerer. Schon in den 80er Jahren wurden die Themen „Erneuerbare Energie“ und „Energieeinsparung“ dank weit vorausschauender Sicht von Christian Höfer und der Selber SPD nicht nur diskutiert, sondern auch praktisch umgesetzt durch staatlich geförderte Versuche mit Biogasanlagen und durch Blockheizkraftwerke in der Kläranlage und im Paul-Gerhard-Haus. Das Thema Abwasser gewann wieder an Aktualität, denn neuere Erkenntnisse und Techniken für einen besseren Reinigungs- grad ließen die aus den 70er Jahren stammende Kläranlage verbesserungsbedürftig erscheinen. Außerdem mussten Kanäle teils erneuert, teils vergrößert werden, Regenrückhaltebecken wurden gefordert und auch in den Ortsteilen waren Abwassersy- steme zu installieren. Bis Anfang der 90er Jahre wurden dafür rund 50 Mio. DM ausgegeben. Der Weit- sicht Höfers ist es immer noch zu verdan- ken, dass die Stadtwerke, schon Jahrzehnte bevor die Privatisierung modern wurde, in eine GmbH übergeführt wurden. Er hol- te die LUK AG aus München mit einem 30%igen Anteil ins Boot und gründete die ESM. Die Frischwasser-, Strom- und Gas- versorgung der Bevölkerung betrieb sie seitdem sehr erfolgreich. Der städtische Haushalt wurde durch ihre Gewinnab- führungen immer wieder zum Vorteil der Bürger/innen gefüttert. In den 90er Jahren übernahm die ESM durch die Gründung der Abwasserbetriebe Selb auch noch das Kanalnetz und die Kläranlage.

Krise der Porzellanindustrie

Für die Porzellanindustrie, den größten Arbeitgeber in Selb, begann sich in der zweiten Hälfte der 80er Jahre allmählich eine Krise abzuzeichnen, die dann im Laufe von ca. zehn Jahren ihren traurigen Höhepunkt erreichte. Durch gleichzeitig strukturell und konjunkturell auftretende Veränderungen und Schwierigkeiten gin- gen Tausende von Arbeitsplätzen verloren, das waren mehr als die Hälfte. Die Verkaufsumsätze der Firmen gingen unaufhaltsam zurück, ganze Betriebe wurden geschlossen. Dass diese Tatsache auch ihre Auswirkungen auf das Steueraufkommen der Stadt hatte und hat, ist selbstverständlich. Die Menge an Aufgaben und die Erwartungen der Bürger/innen sanken aber nicht, im Gegenteil. Das Volumen an ver- fügbarem städtischen Geld ging dagegen stark zurück. Einen ausgeglichenen Haushaltsplan zu erstellen, wurde und wird für den Stadtrat zunehmend schwieriger. Christian Höfer erkrankte im Herbst 1987 schwer. Zunehmend musste der 2. Bürgermeister, Werner Schürer, die Amtsgeschäfte führen. Ein Jahr später erlag der Oberbürgermeister seiner Krankheit. Über 30 Jahre lang hatte er mit viel Erfolg die Geschicke der Stadt Selb gelenkt und sich bei der gesamten Bevölkerung großer Beliebtheit erfreut. Er war deutschlandweit einer der dienstältesten Oberbürgermeister. Die Neuwahl Anfang 1989 gewann Werner Schürer für die SPD überzeugend. In das frei gewordene Amt des 2. Bürgermeisters wurde Hans-Joachim Goller gewählt. Aus den ein Jahr später abgehaltenen Stadtratswahlen ging die SPD wieder als Siegerin hervor. Heidrun Fichter wurde 3. Bürgermeisterin, zuständig für den Be- reich Soziales. Viele Hoffnungen setzten mit der Gesamtbevölkerung auch die Sozi- aldemokraten 1989/90 in den Fall des Ei- sernen Vorhangs. Das Verschwinden der kommunistisch-diktatorischen Systeme speziell in der DDR im Norden von uns und der CSSR im Osten sowie der Einzug der freiheitlichen Demokratie mit der Marktwirtschaft dort, weckten hier großen Optimismus. Das Ersetzen der „Todwinkellage“ durch die Freizügigkeit weckte deutlich spürbare Hoffnungen auf einen kräftigen wirtschaftlichen Aufschwung. So begrüßenswert unsere neuen erweiterten Reise- und Begegnungsmöglichkeiten mit den Nachbarn auch sind, so enttäuschend ist das leider vergebliche Warten auf Prosperität.