Industrie und Handel Selb

Die Versorgung der Stadt Selb mit Wasser, Elektrizität und Gas

Bis zum Jahre 1896 war Selb in der Wasserversorgung auf seine Brunnen angewiesen, von denen die bekanntesten der Brunnen am damaligen Kirchplatz (jetzt im Hofe des Gutes Hutschenreuther in Blumental), der sogenannte Lippertsbrunnen bei Bäckermeister Lippert (gegenüber dem Amtsgericht), der sogenannte Hechtfischerbrunnen (bei Bäckermeister Hechtfischer) und der tiefe Brunnen auf dem Pflasterberge waren."

Industrie, Handel und Gewerbe Selb

Bis zum Jahre 1856 bestimmten Landwirtschaft und Hausweberei die wirtschaftliche Lage der Einwohner der Stadt Selb. Erst mit der Gründung der ersten Porzellanfabrik durch Lorenz Hutschenreuther zog auch die Industrie in Selb ein: aus der Stadt der Ackerbürger und Weber wurde eine Stadt des Porzellans.

Im Jahre 1840, wo Selb 3400 Einwohner mit 311 Häusern zählte, waren in Selb nicht weniger als 115 Hausweber tätig. Die kleinen und dürftigen Weberhäuser, von denen wir noch einige am Verbindungswege zwischen der Vielitzer und der Weißenbacher Strasse sehen, zeugen noch heute davon. Die Not der Selber Weber erinnert uns an diejenige, die Gerhardt Hauptmann in seinem Schauspiel "Die Weber" schildert, das die Lage der schlesischen Weber um 1845 behandelt. Diese waren nicht nur völlig von den Fabrikanten abhängig, die die Bewertung und Löhnung der Arbeit des einzelnen allein in der Hand hatten, sondern auch fortgesetzt von der Konkurrenz des Auslandes bedroht. Alte Selber erinnern sich noch, wie die damaligen Weber, bevor die Bahnstrecke Hof - Eger gebaut worden war, ihre Erzeugnisse auf dem Schubkarren nach Hof brachten, um dort ihre Waren abzuliefern und neue Zettel (Werkstoffe) abzuholen. Erst nach der Errichtung der genannten Strecke wurde eine Faktorei in Selb gegründet (im Hause Ludwigstrasse 36), die die Waren der Weber zum Transport nach Asch übernahm. Mit der Gründung der ersten Porzellanfabrik in Selb trat die Hausweberei gegenüber der Arbeit in der Porzellanfabrik zurück. Man darf aber nicht annehmen, dass sich die soziale Lage der Arbeitnehmer dadurch sofort wesentlich verbessert habe. Denn wer, wie der Verfasser dieses Buches, Gelegenheit hatte, die Porzelliner von früh 6:00 Uhr bis mittags 12:00 Uhr und von 13:00 Uhr bis 18:00 Uhr abends, also mit nur einer einstündigen Mittagspause (bei einem Heim- und Rückweg von 40 Minuten) 10 bis 12 Stunden in den gesundheitsschädigenden Räumen der Fabrik bei der Arbeit zu sehen, kann ihr damaliges Los beurteilen. Erst mit der Einführung des Achtstundentages und der Schaffung günstigerer Arbeitsbedingungen sowie mit der Durchführung sozial-hygienischer Maßnahmen in späteren Jahrzehnten, wozu wir auch den Kampf gegen die im Laufe der Zeit in Erscheinung tretende Porzelliner Krankheit, die Staublunge (Silikose), zählen, trat ein gewisser Wandel ein. Besser als den Webern erging es in Selb bis zum grossen Brande und auch nach diesem den freien Berufen. Cloeter berichtet von dieser Zeit, dass die Hälfte der Familien wohlhabend war oder doch mindestens ihr Auskommen hatte. Zur Hebung der finanziellen Lage der Gesamteinwohnerschaft trug die Gründung der ersten Porzellanfabrik natürlich ohne Zweifel bei, was sich namentlich im Laufe der folgenden Jahrzehnte, wo eine Porzellanfabrik nach der anderen entstand zeigte.

Lorenz Hutschenreuther, der zweite Sohn des Thüringers Carolous Magnus Hutschenreuther, der schon im Jahre 1814 die Porzellanfabrik Hohenberg erbaut hatte, hat mit der Gründung der Selber Fabrik im Jahre 1856 jedenfalls die Bedeutung Selbs als Stadt des Porzellans angebahnt. Zu der Errichtung einer Porzellanfabrik in Selb bestimmten ihn die wichtigen Rohmaterialien im naheliegenden Böhmen, die grossen Waldbestände in der Umgebung von Selb sowie die Tatsache, dass in Selb noch keine Industrie ansässig war. Die Beschäftigungslosigkeit vieler Einwohner der Stadt Selb nach dem grossen Brande von Selb sicherte dem Unternehmer bald die erforderliche Genehmigung. Man darf indes nicht glauben, dass die Errichtung der ersten Porzellanfabrik leicht von statten ging. Wir wissen, dass die ersten Brände in der neuerbauten Fabrik, die zunächst ganz auf Holzfeuerung angewiesen war, da Steinkohlen bei dem damaligen Mangel an Verkehrswegen nicht zu beschaffen waren, misslangen, und dass Lorenz Hutschenreuther schon nahe dran war, sein ganzes Vorhaben aufzugeben. Erst als es ihm gelungen war, durch Verträge mit dem bayerischen Staat sich grössere Mengen trockenes Holz zu sichern, gingen die Brände von statten, so dass diese Fabrik der Ausgangspunkt für die gewaltige Porzellanindustrie von Selb werden konnte.

Die Firma L. Hutschenreuther in Selb hat sich rasch entwickelt. Sie besitzt jetzt allein in ihren Selber Fabriken 37 Brennöfen und beschäftigte vor dem II. Weltkrieg über 2.000 Arbeiter. Im Jahre 1906 erwarb sie die Porzellanfabrik der Firma Jäger & Werner in Selb, die sie ihrem Betrieb als Abteilung B angliederte. Im Jahre 1917 kaufte sie die 1890 gegründete Porzellanfabrik Paul Müller im Kirchleingrunde. Im Zuge der durch den 2. Weltkrieg bedingten Verlagerung verpachtete sie alsdann die genannte Müllersche Fabrik an die Staatliche Porzellanmanufaktur Berlin. Im Jahre 1927 hat die L- Hutschenreuther A.-G. im Fusionswege die bereits seit über 100 Jahren bestehende Porzellanfabrik Tirschenreuth (Oberpfalz) sowie die Spezialfabrik für Hotelporzellan Gebr. Bauscher Weiden (Oberpfalz) erworben. Die Gesamtbelegschaft der Porzellanfabrik Hutschenreuther betrug vor dem 2. Weltkrieg etwa 3.500 Arbeiter und Angestellte.

In Anerkennung der grossen Bedeutung und der sozialen Auswirkung der ersten Porzellanfabrik für Selb haben bereits im Jahre 1885 der Magistrat und das Gemeindekollegium der Stadt Selb den Gründer mit der Ehrenbürgerurkunde ausgezeichnet. Um das Jahr 1900 hat L. Hutschenreuther seiner Fabrik auch eine Kunstabteilung angegliedert, die Modelle und Entwürfe erster Künstler zur Ausführung bringt. Dem ersten Begründer der Porzellanindustrie in Selb folgten im Jahre 1864 mehrere Selber Bürger, an ihrer Spitze der Rotgerbermeister Jakob Zeidler in Selb, mit dem Bau einer Porzellanfabrik in Selb-Plössberg. Die neuerbaute Fabrik, für deren Errichtung ähnliche Voraussetzungen galten wie für die Gründung der Hutschenreutherschen Fabrik, arbeitete nach den gleichen Fabrikationsplänen wie diese. Wesentlich zustatten kam ihr der Neubau der Bahnlinie Hof - Eger, wodurch sich die Transportverhältnisse für die dicht am Bahnhofe Selb-Plössberg liegende neue Fabrik wesentlich günstiger gestaltete, als sie bei der Hutschenreuther Fabrik im Selbbachtale waren.

Bald darauf, schon im Jahre 1868 erstand in Selb die Porzellanmalerei Joseph Rieber, die bis zum Jahre 1921 in Selb geführt wurde. Dem tatkräftigen Gründer sowie dessen unternehmendem und weitblickendem Sohne Franz Rieber gelang es, das rasch aufblühenden Werk in zwei ansehnlichen, leistungsfähigen Porzellanfabriken in Mitterteich und in Thiersheim[3] auszubauen. Die Erzeugnisse dieser Fabriken, die von Geschmack und Können zeugen, finden im Inlande wie im Auslande starke Nachfrage.

Auf der Grundlage einer im Jahre 1880 gegründeten Porzellanmalerei in Erkersreuth, die wie die Riebersche in den Anfangszeiten ihr Weißporzellan aus den Fabriken Lorenz Hutschenreuther und Zeidler & CO. bezog, errichtete Philipp Rosenthal in Selb eine eigene Porzellanfabrik, die sich bald zu dem heutigen gewaltigen Unternehmen entwickelte. Die Firma gehören an: die Porzellanfabrik Philipp Rosenthal & CO. A.-G., Kronach, die Ph. Rosenthal im Jahre 1897 von ihrem Begründer Carl Maria Bauer erwarb, ferner die Porzellanfabrik F. Thomas sowie die unterdes käuflich erworbene Porzellanfabrik Jakob Zeidler & CO. Bahnhof Selb-Plössberg, so dass die Firma mit einem dazugehörigen schlesischen Werke vor dem Weltkrieg insgesamt 56 Öfen mit 4000 Arbeitern hatte. Die Fabrikation der Firma Rosenthal A.-G. erstreckt sich auf alle Formen von Gegenständen des täglichen Gebrauches bis zum teuersten Luxus- und Kunstporzellan. Die Firma besitzt in Selb eine grosse elektrotechnische Abteilung für Hoch- und Niederspannungsisolatoren, mehrere Kunstabteilungen sowie eine Abteilung für chemisch-technische und Laboratoriumsporzellane, Gebiete, auf denen die Firma durchwegs Weltruf geniesst. Es ist ohne Zweifel das Verdienst des Geh. Kommerzienrats Dr. ing. h. c. Philipp Rosenthal, durch den von ihm veranlassten Zusammenschluss der bayerischen und der gesamten deutschen Porzellanindustrie diese zur Höhe der Weltproduktion emporgeführt zu haben.

Das Jahr 1884 brachte die Gründung der Porzellanmalerei Christoph Krautheim in Selb. Die Malerei nahm dank dem hervorragenden Können und dem unermüdlichen Fleisse des Gründers bald einen sehr erfreulichen Aufschwung. Bereits im Jahre 1899 wurden die beiden Inhaber Christoph Krautheim und Richard Adelberg dank der hervorragenden Qualität ihrer Porzellane zu kgl. bayerischen Hoflieferanten ernannt. Unter den Söhnen Christoph Krautheims, die in der vornehmen Wahrung der Tradition der ehemaligen Malerei ihre Aufgabe in der Qualitätsarbeit und nicht in der Quantitätsleistung erblicken und von der geschmackvollen Dekoration zur Schöpfung künstlerischen Formen schritten, entwickelte sich die Porzellanfabrik mit 500 Arbeitern zu einem Unternehmen, dessen Erzeugnisse im In- und Ausland den Ruf gediegender Leistung auf dem Gebiete der Porzellanindustrie geniessen.

Durch eine Porzellanmalerei legte auch Franz Heinrich im Selb im Jahre 1896 den Grundstein zu der grossen und ansehnlichen Porzellanfabrik Heinrich & CO., die sich dank ihres Gründers bereits vor dem 1. Weltkrieg zu einem achtungsgebietenden Unternehmen von Weltruf entwickelt hatte. Durch die Übernahme der früheren Porzellanfabrik Gräf & Krippner sowie durch Verbindung mit der technischen Fabrik Schwarzfärber & CO. Nürnberg (1945), wurde das Produktionsprogramm der Fa. Heinrich & CO. noch erheblich erweitert. Durch diese letztgenannte Verbindung ist innerhalb der Firma Heinrich ein Spezialwerk für elektrische Sicherungen entstanden, das mit seinen zahlreichen technischen Neuerungen, Spezialmaschinen und Laboratorien bereits einen neuen Faktor der Porzellanqualitätsherstellung in Selb darstellt, dessen Bedeutung bereits ein Sondervertrag der Reichsbahn mit der Fa. Heinrich als Alleinlieferantin kennzeichnet. Die Firma Heinrich Porzellan zählt heutzutage mit ihren 13 Öfen und etwa 900 Arbeitern zu den leistungsfähigsten Selbs; auch auf dem Gebiete sozialer Bestrebungen hat sich die Firma von ihrem Gründer Franz Heinrich her stets ausgezeichnet (Wohnungsbau, Unterstützungen, Stiftungen und dergleichen).

In späteren Zeit entstanden in Selber Gebiete noch zwei Porzellanfabriken, die durch ihre günstige Verkehrslage Vorteile versprachen; es waren dies die Porzellanfabrik von Julius und Wilhelm Hofmann aus Asch, die unmittelbar vor der Haltestelle Erkersreuth der Bahnlinie Selb - Erkersreuth - Selb-Plössberg erbaut wurde und etwa 100 Arbeiter beschäftigte. Die Fabrik wurde während des Krieges von der Firma Rosenthal-Isolatoren GmbH übernommen. Ähnlich errichtete ein Konsortium dicht an der Haltestelle Erkersreuth eine kleinere Fabrik genannt "Oberfränkische Porzellanfabrik Erkersreuth-Selb, die nach einigen Jahren in den Besitz der Maschinenfabrik Zollfrank, Erkersreuth, und schliesslich in den der Firma Rosenthal überging.

Im Jahre 1944 verlegte, wie bereits erwähnt, die KPM Berlin ihre Werkstätten nach Selb, nachdem ihre ausgedehnten Berliner Werksanlagen durch den Luftangriff auf Berlin in der Nacht vom 22. auf den 23. November 1943 weitgehend zerstört worden waren. Die Tätigkeit der Staatlichen Porzellanmanufaktur Berlin in Selb erstreckte sich zunächst auf die Fertigung von Porzellanen für den Gebrauch in Laboratorien sowie auf diejenige von Porzellanen für den Gebrauch in der Industrie. Im Hinblick auf die steigenden Anforderungen und in Erfüllung der überlieferten Aufgaben wurde im Werk Selb bald auch die Herstellung von Geschirr- und Kunstporzellan insbesondere auf den Auslandsmärkten wieder Fuß zu fassen, um einen ihrer Bedeutung entsprechenden Exportanteil zu ereichen. Grosse Bemühungen aller führenden Stellen gelang es, trotz der durch unzureichende Ernährung zwangsläufig niedrigeren Leistungen der Arbeitskräfte wieder eine, wenn auch langsame so doch stetige Entwicklung anzubahnen.

Während 1936 der Anteil der Selber Porzellangeschirrfabriken an der bayerischen Porzellangeschirr-Erzeugung 12,3 Prozent mengenmässig betrug - die bayerische Erzeugung umfasst etwa zwei Drittel der gesamtdeutschen Erzeugung auf der Basis der Altreichsgrenzen von 1937, stieg dieser Prozentsatz 1947 auf 14,8 %. Die entsprechenden Werte bei der technischen Keramik liegen 1936 bei 18,4 % und 1947 bei 16,2 %.

Der Absatzanteil der Selber Porzellangeschirrfabriken liegt im Vergleich zum bayerischen Absatz 1936 bei 19,5 % wertmässig, 1947 bei 23,4 % wertmässig bzw. bei den technischen Porzellanbetrieben 1936 bei 14 % und 1947 bei 16,9 % wertmässig. Wie erfolgreich der Wiederaufbau des Exportgeschäftes sich vollziehen konnte, ergibt sich daraus, dass der Export im 1. Halbjahr 1948 beim Porzellangeschirr fast um das Doppelte des Exports im Gesamtjahr 1947 gesteigert werden konnte. Es kann daher angenommen werden, dass die Versorgung der Welt mit Selber Porzellan auf dem besten Wege ist, der Stadt Selb ihren alten Ruf als Stadt des Porzellans in vollen Maße wiederzugewinnen.

Hand in Hand mit der Porzellanindustrie entwickelte sich in Selb eine Reihe von anderen Industriezweigen, die zum grossen Teil für die genannten Firmen tätig sind. So sind auf dem Gebiete der Maschinenindustrie die Firmen Gebr. Netzsch sowie Heinrich Zeidler zu erwähnen, ferner die Schlossereien Fraas, Neupert & CO. sowie Fraas & Stahl. Auf dem Gebiete der Holzindustrie die Sägewerke G. & W. Krautheim (1907), Baumgärtel & CO., Gg Buchka, Volkmann (Sommermühle) sowie Jäger & Kästner. Die letztere ist jetzt zur Holzbildhauerei, Drechslerei und Kunsttischlerei von Dr. Niedoba ausgebaut und hat sich bereits zu einem ansehnlichen Werke mit 70 durchwegs künstlerisch geschulten Arbeitskräften entwickelt. Auch die Bauindustrie verspürte die immer mehr aufblühende Porzellanindustrie, wie die erfreuliche Entwicklung der Firmen Wilh. Netzsch, Georg Buchka, Georg Grethlein, Anton Hippmann, Adler & Drechsel u.a. bewies. Das eine derartige Industrie wie die Selber Porzellanindustrie alle Gebiete des Geschäftslebens günstig beeinflusst, ist selbstverständlich.

Einen der wesentlichen Industriezweige unserer Stadt neben der Porzellanindustrie bildet von jeher die Granitindustrie. Die Granitgesellschaft im ehemaligen Richteramtsbezirk Selb, der die Mutung auf Granit im Ausmaße von 2316 ha zusteht, gehört zu den alten Gewerkschaften, die ihre Entstehung auf die Markgräflich Brandenburgerische Bergordnung vom 1. Dezember 1619 zurück zuführen, während erstmalige Beleihungen auf Granit im Jahre 1715 erfolgten. Im Jahre 1762 wird zum 1. Mal im Kirchenbuche von Selb ein Vorfahre des jetzigen Inhabers der Granitwerke Netzsch in Selb, namens Balthasar Netzsch, anlässlich seiner Trauung als Bürger-, Mauerer- und Steinhauermeister genannt. Er war der Sohn des Nikol Netzsch, getauft am 7. April 1681 in Selb. Seit dieser Zeit hat sich das Mauerer- und Steinmetzgewerbe in dieser Familie in ununterbrochener Reihe bis zum heutigen Inhaber vom Vater auf den Sohne vererbt. Mitglieder der Familie Netzsch begegnen uns vom Jahre 1799 ab immer wieder in der Geschichte Selbs als befähigte Bürgermeister der Stadt, so besonders beim Selber Brand 1856, bei der Neugestaltung der städt. Verwaltung im Jahre 1880 wie zur Zeit der Einnahme Selbs durch die amerikanischen Truppen 1945, wo der stellv. Bürgermeister Karl Netzsch die Verantwortung für die völlig aussichtslose Verteidigung der Stadt ablehnte und sein Amt niederlegte, als seine Warnung keinen Erfolg hatte.

Ihren eigentlichen Aufschwung nahm die Granitindustrie in Selb nach Eröffnung der Bahnlinie Hof - Eger im Jahre 1865. Der feinkörnige blaue Selber Granit wurde in der Folgezeit mit Vorliebe zu grossen öffentlichen Bauten, Ratshäusern u. dgl. gleichzeitig aber auch zu grossen öffentlichen Denkmälern, Brunnen usw. verwendet, und zwar zunächst in gestockter Bearbeitung. In den 80er Jahren gliederten die Firmen Wilhelm Netzsch und Wilhelm Wölfel ihren Steinmetzgeschäften Steinschleiferein mit Dampfbetrieb an, in denen dann auch die schwedischen und norgwegischen Granite und Syenite verarbeitet wurden. Bald entwickelte sich daraus auch ein umfangreicher Export nach fast allen Ländern Europas und nach Übersee, Nord- und Südamerika. Leider brachte der I. Weltkrieg eine starke Hemmung. Im Jahre 1912 wurde der Betrieb der Firma Wilhelm Wölfel in Selb infolge Verschmelzung mit der Grasyma, Wunsiedel, eingestellt und nach Wunsiedel verlegt. Erst einige Jahre nach der Beendigung des ersten Weltkrieges hob sich die Ausfuhr nach dem Auslande wieder und nahm infolge der allgemeinen Vorliebe für Granit zu öffentlichen Bauten einen grossen Aufschwung. An diesen Monumentalbauten, Denkmälern war insbesondere das Granitwerk Wilhelm Netzsch beteiligt, daneben die Firma Gebr. Pauker. Diese besitzt einen ertragreichen Steinbruch in der Nähe der Häusellohe, während die Fa. Netzsch das erforderliche Material ihren Steinbrüchen Am Gericht bei Selb (seit 1850), einem Steinbruch bei Schwarzenhammer bei Selb sowie einem Syenitbruch bei Marktredwitz entnimmt. Die Denkmäler der Firma Wilhelm Netzsch preisen in vielen Ländern die geschickte Hand ihrer Meister. Auch viele bemerkenswerte Gebäude der Stadt wurden durch die Firma Netzsch ausgeführt, insbesondere die schöne katholische Kirche im romanischen Stile, während die Firma Wölfel das Finanzamtsgebäude und andere grössere Bauten ausführte. Ein leistungsfähiges Grabsteingeschäft in Granit, Syenit und ausländischen Gesteinsarten betreibt auch die Firma Karl Opel in Selb nächst dem Friedhofs.

Auch auf dem Gebiete der Papierfabrikation ist Selb durch die alt- und weltbekannte Firma Jäger (Inh. Geipel) vertreten. Bereits im Jahre 1700 erhielt Johann Georg Jäger[4] vom Markgrafen Christian Ernst von Brandenburg das Privilegium, auf pfründnerlehenbarem Grund der ehemaligen Allerheiligenmeßstiftung im Selbbachtal, unterhalb der Stadt Selb gelegen, eine Papiermühle zu erbauen. Die Fabrik ist heute noch im Besitz der Familie Jäger-Geipel. Sie liefert Papierwaren von vorzüglicher Qualität, die schon von höchsten Stellen Anerkennung gefunden haben.

Seit dem Jahre 1874 besteht auch eine Buchdruckerei in Selb, die von Karl Kirsch gegründet, jetzt im Besitz der bewährten und angesehenen Firma F. & A. Münch ist und jahrzehntelang eine Tageszeitung, das Selber Tagblatt, mit einer wertvollen und gern gelesenen Beilage "Der Erzähler aus dem Egertale" herausgab. Die Zeitung hat sich durch ihre klare, vaterländisch und konfessionell sachlich-korrekte Einstellung ein halbes Jahrhundert hindurch grosse Verdienste und Beliebtheit erworben.

Die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse in Selb im 19. und 20. Jahrhundert[5]

Selb lag lange Zeit ganz ausserhalb des Verkehrs. Es wurde von keiner grossen Heerstrasse berührt. Erst spät wurde die wenig bedeutende Strasse Kemnath-Wunsiedel, Selb-Asch-Bad Elster gebaut. So dauerte es verhältnismässig lange, bis Selb eine Postverbindung erhielt. Wir dürfen annehmen, dass zum ersten Male im Oktober 1749 ein Postreiter Selb mit der Postlinie Eger-Asch-Hof-Lobenstein-Erfurt verband. Erst als das Sechsämterland und damit Selb zu Bayern kam, wurden die Verkehrsverhältnisse besser. Freilich hatte Selb noch am 6. Juli 1843 keine Postlinie, sondern ein Privatpostbote, Schaller mit Namen, trug die Postsachen nach Thiersheim auf die dort 1843 errichtete Posterpedition. Man fühlte aber in Selb diesen Mißklang als solchen und beschwerte sich in einer Reihe von Eingaben bei der Verwaltung der Verkehrsanstalten in München. Zunächst ohne Erfolg. Erst nach der Eröffnung der Eisenbahnlinie Nürnberg-Hof, am 1. April 1849 wurde die Postdirektion Selb errichtet und Selb mit Schwarzenbach an der Saale mittels einer Omnibuslinie verbunden. 1860 wurde dann diese Linie verkürzt, indem sie nur bis Kirchenlamitz geführt wurde, dort wurde die Selber Post auf die Linie Wunsiedel-Schwarzenbach umgeladen. 1862 aber wurde die direkte Linie Selb-Schwarzenbach wieder aufgenommen. Sie lief über Rehau.

Diese Linie wurde mit Errichtung der Eisenbahnlinie Hof-Eger am 1. November 1865 aufgegeben. Gleichzeitig wurde aber in Selb ein Poststall errichtet, der zu sorgen hatte für die täglichen Verbindungsfahrten Selb Stadt-Selb Plössberg, sowie für die neue Omnibusverbindung nach Arzberg. Auch auf der Bahnstation Selb-Plössberg wurde am 1. November 1865 eine Postagentur errichtet. Nach der Aufhebung der Linie Schwarzenbach-Rehau-Selb wurde eine solche Wunsiedel-Thiersheim-Höchstädt-Selb errichtet, die vom Poststall Wunsiedel gefahren wurde. Als dann die Eisenbahnstrecke Marktredwitz-Schirnding gebaut worden war, wurde die Omnibuslinie Selb-Arzberg auf die Strecke Selb-Schirnding beschränkt. Es war dies am 20. November 1879. Nach langen schwierigen Verhandlungen, vornehmlich unter dem Drängen der Porzellanindustrie, kam dann am 25. Oktober 1894 die Bahnlinie Selb-Plössberg-Selb Stadt zur Eröffnung. Die Hauptschwierigkeiten bei den Verhandlungen war die Platzfrage des Bahnhofs. Und man muss eingestehen, dass diese Frage keinesfalls in glücklicher Weise gelöst worden war. Nach Errichtung der Bahn Selb Stadt-Selb Plössberg hat hier obwohl in Zukunft die Omnibuslinie Selb-Schirndung vom Poststall Hohenberg gefahren wurde, der Poststall weiter bestanden. Er führte die Ortspaketzustellung mit Pferden aus und die Verbindungsfahrten zwischen dem Postamt und dem Stadtbahnhof. Im April oder Mai 1907 wurde auch eine Verbindungsfahrt vom Postamt Selb zur Bahnstation Selb-Plössberg eingerichtet, welche die Frühpost aus der Richtung Hof und Eger beschleunigt zum Postamt Selb verbringen musste. Auch diese Fahrt wurde vom Poststall Selb ausgeführt. Desgleichen hatte die am 1. Juni 1900 eingerichtete Postlinie Selb-Marktleuthen-Ort Marktleuthen-Bahnhof zu fahren.

Diese Linie wurde, als am 1. Mai 1914 die neue Eisenbahnstrecke Selb-Holenbrunn[6] dem Betrieb übergeben worden ist, abgekürzt als Karriolpostverbindung Marktleuthen-Spielberg. Beim Kriegsbeginn wurde als erste Sparmaßnahme die Postverbindung Selb-Schirndung aufgegeben, d.h. lediglich auf die Strecke Schirnding-Hohenberg beschränkt. Im Jahre 1927 am 14. April wurde dann aber eine Autopostverbindung Selb-Hohenberg-Schirnding und am 1. September 1927 Selb-Asch, zunächst Asch-Landesgrenze, seit 1. August 1929 bis Asch Stadtbahnhof eingeführt, ebenso wurde die Eisenbahnlinie Selb-Holenbrunn mit einigen Zügen bis Marktredwitz weitergeführt. Am 15. Juli 1909 wurde die Postagentur in Erkersreuth errichtet und am 1. Juli 1925 kamen in Selb für Verbindungsfahrten zwischen Postamt und Bahnhof und für die Paketzustellung zwei Benzindreiradkraftwagen, sogenannte Phänomobile zur Verwendung.

In gleicher Weiße wie Post und Bahn hat sich auch Telegraph und Telephon in unseren Gebiet entwickelt. Am 1. November 1865 bekam Selb Bahnhof eine mit dem Bahnhof verbundene Morseanlage. Selb Stadt erhielt eine solche am 1. Dezember 1874 (Telegraphenleitungsnummer 121). Der Telephon hielt in Selb am 1. Oktober 1898 seinen Einzug, an welchen Tage die Fernsprechvermittlungsstelle eröffnet worden ist. Das Telephonnetz wurde immer mehr ausgebaut, teilweise wurden zu diesen Zweck auch Kabel gelegt. Zur Zeit ist die Automatisierung der Telephonanlage im Erstehen begriffen. Um 1. Juli 1910 wurde in Selb ein modernes Postgebäude bezogen.

Überblickt man diese ganze Entwicklung, so wird der gewaltige Unterschied der Verkehrsverhältnisse von heute und von vor 100 Jahren klar. Vom Postreiter mit dem Felleisen, der vor 100 Jahren noch die Selber Post an das Postamt an der grossen Heerstrasse bringen musste, führt die Geschichte über den Omnibus zur Eisenbahn, die dann diesen verdrängte. Die Landstrasse aber gewinnt schliesslich durch die Autopostverbindungen in neuerer Zeit, wo moderne asphaltierte Strassen, an denen es bei uns noch fehlt, Selb mit den grossen Städten des umliegenden Bayerns, Böhmens und Sachsen verbindet. Die verbesserten Verkehrsverhältnisse trugen selbstverständlich wesentlich zur Hebung der Industrie bei.

[1] Selber Heimatbuch Weller
[2] Selber Heimatbuch Weller
[3] Grösster Betrieb in Thiersheim, 1920 erbaute Franz Rieber in Thiersheim eine Porzellanfabrik. Nach Jahrelangen Stillstand hat sie 1938 die Arbeit wieder mit 50 Männer und Frauen aufgenommen. Sie hat 3 Rundöfen und macht hauptsächlich feuerfestes Geschirr in Weiß (Thiersheim Chronik)
[4] Johann, Georg Jäger verheiratet mit Eva Geyer 10.10.1697 in Asch (Niederreuth); es handelt sich hierbei vermutlich um Hans (Johannes) Jäger, geboren 15.09.1652, gest. 17.06.1744 in Asch
[5] Chronik Hermann Bohrer, Selb 1930
[6] Seit 1914 läuft die Lokalbahn Selb-Plössberg über Thiersheim nach Holenbrunn. Es ist eine Bahnlinie, die in Holenbrunn von der Strecke Nürnberg-Hof abzweigt und über Selb-Rehau führend in Oberkotzau wieder auf die Fernstrecke Nürnberg-Hof trifft.