Porzellanausstellung 1926

Bei den Vorbereitungen zu dieser Feier kam auch der Gedanke zutage, in der Porzellanstadt Selb eine Ausstellung heimischer Porzellane zu veranstalten, in der die Industrie an der Stätte des Wirkens zeigt, was sie für unser deutsches Vaterland im allgemeinen und für die Stadt Selb im besonderen bedeutet. Es wurde einstimmig beschlossen in dem Gebäude der Fachschule Selb die Ausstellung einzurichten, und aller Beteiligter Wunsch war, eine Schau zu veranstalten, die zeigt, dass Selb trotz seiner Kleinheit als Stadt und seiner Angelegenheit nicht zurückzustehen braucht vor zentraler gelegenen und grösseren Städten. Es soll nun aber nicht nur Porzellan schlechthin gezeigt werden, es sind bei seiner Ausstellung künstlerische Mittel angewandt worden, die sowohl die Industrie als auch Händlerschaft und Laien anregen wollen. So wurde der Ausstellung ein Rahmen, der sich um die in aller Welt bekannten Erzeugnisse der Selber Porzellanindustrie baut und der sie so zur Geltung bringt, wie es die Selber Porzellane in ihrer technischen und künstlerischen Vollendung verdienen. Das neben der Porzellanindustrie auch Industrien und Firmen ausstellen, die der Porzellanfabrikation dienbar sind, ist selbstverständlich. Maschinenfabriken und Handelsfirmen zeigen, was zur Herstellung des Selber Porzellans nötig ist. Um nun diese verschiedenen Austellungsarten zu verbinden, hat das Bayer. Staatsministerium gestattet, dass ausser den Schulsälen der Staatl. Fachschule, in der die Porzellane ausgestellt sind, auch die Maschinen- und Werkräume, wie auch die technische Sammlungen zur Ausstellung verwendet werden dürfen. Besonders aber wurde diese Ausstellung älterer und auswärtiger Porzellane eingerichtet, um den Selber Technikern und Künstlern, die leider in unserer kleinen Stadt fehlenden Künstlerischen Anregungen geben. Die Gelegenheit Porzellan zu kaufen oder zu gewinnen, ist in der Ausstellung dadurch vorhanden, das ein Verkaufsladen, der kleine Andenken führt, und ein Glückshaven eingerichtet sind. So soll die Selber Porzellanausstellung der geistigen Anregung und wirtschaftlichen Förderung der Porzellanindustrie dienen. Sie soll nicht nur dem Fernstehenden zeigen, was unser Selber Industrie leistet, nein die Industrie selbst will sich und ihren Mitarbeitern Rechenschaft geben, über ihre rastlose Tätigkeit und über ihre Entwicklung. Jeder der sein Leben und seine Kräfte zur Herstellung des Porzellans einsetzt, soll sehen, dass er nicht nur des Mammons willens arbeiten muss, sondern dass er auch Werte schafft, die der Menschheit zur Verschönerung und dadurch zum Glück ihrers Daseins beitragen. Selbstverständlich ist, dass neben der Porzellanindustrie eine Reihe Hilfsindustrien in Selb entstanden sind. In erster Linie muss hier die Maschinenindustrie genannt werden, die durch die Firmen Netzsch und Zeidler, die keramische Maschinen in hervorragender Qualität herstellen, vertreten sind. Nicht allein die Selber Porzellanindustrie wird von diesen Maschinenfabriken versorgt, weit darüber hinaus liefern sie ihre Spezialmaschinen an die keramische Industrie des In- und Auslands. Ausser den Maschinenfabriken sind in Selb und Umgegebung die Baufirmen zu erwähnen, die die umfangreichen Fabrikgebauten aufgeführt haben, und hauptsächlich renommierte Ofenbaufirmen, die durch ihre alterprobten Ofenkonstruktionen nicht allein die örtliche Porzellanindustrie gefördert, sondern wiederum weit über die Grenzen Selb hinaus, die für die Porzellanfabriken geeigneten Ofenbauten ausgeführt haben. Eine weitere Hilfsindustrie stellen die Sägewerke und Holzwollfabriken dar, die Holz, Bretter, Planken, Holzwolle und Kisten liefern. Eine grosse Anzahl Agenturen vermitteln den Bezug der von ausserhalb kommenden Rohstoffe und Rohmaterialien, Farben, Gold etc. für die Porzellanindustrie, so dass ausser der eigentlichen Porzellanarbeiter- und -angestelltenschaft noch eine bedeutende Anzahl der Bewohner der Stadt Selb als mit der Porzellanindustrie eng verknüpft bezeichnet werden muss. Weiterhin müssen die Buchdruckereien Erwähnung finden, die Preislisten, Reklameartikel und Bürobedarfsartikel für die Porzellanfabriken herstellen und endlich die Transport- und Speditionsfirmen, welche die Fertigware in alle Welt verschicken.

Die lebhafte Propaganda, die in der gesamten deutschen Tagespresse für diese Ausstellung betrieben wurde, hat keinesfalls zuviel versprochen. Wohl jeder, der Selb in diesen Tagen besucht hat, ist überrascht worden durch die Eigenart dieser Ausstellung, die vollkommen aus dem Rahmen aller bisherigen Ausstellung herausgefallen ist. Das ist bedingt durch die gegebenen Verhältnisse. Aber wie aus diesen zum Teil sehr widrigen Umständen ein Unvergleichbares aufgebaut werden konnte, das muss die höchste Anerkennung aller finden, die Sinn haben für das Schöne und die Interesse daran haben, auf angenehme Weise und tiefgründig unterrichtet zu werden. Der Schauplatz der Ausstellung ist das erst vor wenigen Jahren erstellte Gebäude der Staatlichen Fachschule für Porzellanindustrie in Selb. Es liegt ausserhalb der Stadt, so dass ein Spaziergang von immerhin fünf bis zehn Minuten notwendig ist, die Ausstellung zu erreichen. Aber dieses Bemühen findet Belohnung. Schon der Weg zur Ausstellung zeigt, wie sehr diese Veranstaltung Angelegenheit des ganzen Städtchens ist. Die Ausstellung, die mit der Fünfjahrhundert Feier der Stadt Selb zusammenfällt, ist ein Ereignis, an dem alle Bewohner teilnehmen, denn sie alle hängen ja direkt oder indirekt auf‘s engste mit der Porzellanindustrie zusammen. So ist diese Ausstellung Ausdruck des Seins und Lebens dieser Stadt, ein Zusammenfassen und Herausstellen dessen, was hier in sonst verhältnismässig weiter Abgeschiedenheit vom grossen Verkehr in der Stille wirkt und strebt. Gewiss, das Selber Porzellan setzt sich auch sonst nach aussen ab. Es ist auf der Leipziger Messe stets in ganz hervorragender Weise vertreten; gehören doch gerade die Ausstellungsräume der Selber Fabriken mit zu den grössten und schönsten der Leipziger Messe. Das Selber Porzellan ist in hunderten, ja tausenden von Musterräumen und Schaufenstern der ganzen Welt zu sehen. Aber diese Ausstellung, diese Zusammenhäufung von Selber Porzellan ist doch etwas ganz besonderes.

Ganz abgesehen ist hier vom rein Verkaufsmässigen in der Ausstellung, denn hier will sich in beruhigender Sammlung gleichsam der hohe Wert des Selber Porzellans, seine so überraschend hohe und gleichmässige Qualität und die Vielheit des Selber Porzellans dokumentieren. Mit einer Liebe und einem Verständnis für das ihm Anvertraute ist der Anreger und künstlerische Leiter der Ausstellung, Architekt Prof. Fritz Klee, der Direktor der Staatlichen Fachschule, zuwege gegangen, die des Lobes nicht bedarf, denn selbst aus den hier gezeigten Bildern wird die Einzigartigkeit dieser Leistung überzeugend deutlich. Das Städtchen Selb besitzt, weil es ja erst 1856 fast völlig niedergebrannt ist, keinerlei historisch interessante und architektionisch überragende Bäulichkeiten. Nach dem Brand ist es zwar schnell, aber doch nur ärmlich nüchtern wieder emporgewachsen. Aus Anlass des Festes, das die Ausstellung ihr bedeutet, hat sich diese vorher so graue Stadt nun bunt, froh und heiter in klare, kräftige Farben gekleidet; fast jedes Haus auf dem Weg zur Ausstellung, das nicht in überraschend lebensfroher Weise seine Aussenseite erneuert hat. Das ist der Auftakt gleichsam für den Besucher der Ausstellung. Ist er dann hinter den letzten Häusern des Städtchens dem Ausstellungsgebäude nahe gekommen, so nimmt ihn erst einmal ein Zelt auf, in dem die Selber Maschinenfabriken, die sich ganz oder doch fast ausschlieslich dem Bau von Maschinen für die Porzellanindustrie widmen; Gebr. Netzsch und Heinrich Zeidler, interessante Neuerungen auf fabrikationstechnischem Gebiet zeigen, die hier aber natürlich keine eingehende Wirkung finden können. Erst dann betritt der Besucher das Hauptgebäude und beginnt den Rundgang im Kellergeschoss, wo er neben einer Ausstellung der Rohstoffe, die zur Porzellanherstellung notwendig sind, die Fabrikationslehrräume der Fachschule findet, die ihm eine klare und aufschlussreiche Anschauung des so komplizierten Fabrikationsganges des Porzellans vermitteln. Er sieht neben der Masseaufbereitungsanlage die Dreherei und Formerei der Schule und deren Öfen. Die Schulsammlung, durch die ihn dann der Rundgang führt, zeigt ihm ausserordentlich interessant und instruktiv die zahlreichen Fehlerquellen, mit denen immer wieder von neuem die Porzellanherstellung zu kämpfen hat, seien die Fehler in der Formgebung oder Fehler der Materialzusammensetzung oder der Brandführung oder dergl. mehr.

Auch die anderen Schulsammlungen, die der Ausstellung eingegliedert sind, sind ausserordentlich interessant. So findet sich eine Zusammenstellung der hauptsächlichsten Formmodelle, die in der Schule selbst geschaffen wurden. Sie sind nach den Jahren der Entstehung geordnet und geben so ein gestreutes, sonst selten zu sehendes Beispiel der Stil- und Formentwicklung der letzten eineinhalb Jahrzehnte. Ausserdem findet der Besucher eine Sammlung alter Selber Porzellane vor allem Dingen der Fabriken Lorenz Hutschenreuther und Ph. Rosenthal & CO. A-G. wie auch der Porzellanfabrik Krautheim & Adelberg von den ersten Anfängen dieser Firmen an bis zur jüngsten vergangener Zeit. Der Porzellanliebhaber, wie jeder, der der Ware Porzellan mit Liebe und Interesse gegenüersteht, wird gerade diesem Teil der Ausstellung sein besonderes Augenmerk widmen. Er findet da Service von Lorenz Hutschenreuther aus den 1900 Jahrhundert von bester Qualität, die beweisen, wie geschmacklich hoch dieses Jahrzehnt mancherorts doch noch stand. Die ruhige Gediegenheit dieser nach Entwürfen von Prof. Gmelin hergestellten Geschirre mit einem zwar reichen aber doch in sich beruhigten und heute fast modern anmutenden breiten Bordürendekor ist trefflicher Beweis der damals hier noch lebendigen handwerklichen Vertiefung, die in den zwischenliegenden Jahrzehnten teilweise verloren ging und um die wir heute wieder ringen mit, wie die Ausstellung beweist, doch sehr beachtlichen Erfolg. Die Anfänge von Rosenthal und Krautheim fallen da schon in eine weit schlechtere Zeit. Hier sind es vor allen Dingen französische Vorbilder eines verfallenen Rokoko, die zu allererst nachgeahmt wurden. Aber die Selber Fabriken haben sich immer dem Neuen erschlossen. So hat denn vor allem Rosenthal auch dem Jugendstil schon von Anfang an eine Stätte gewahrt. Auch die überbleibsel einer nun schon wieder fast vergessenen hinter uns liegende Epoche, ohne die aber unsere heutige Formenwelt nicht denkbar wäre, interessieren den, der tiefer sieht. Da steht z.B. eine Vase, die uns in ihrer absolut unkeramischen wuchernden Form heute nur ein Lächeln abzugewinnen vermag, die aber von einem der heute bedeutendsten Künstler und Kunstpädagogen stammt, der wohl selbst auch lächeln oder erschrecken würde, wenn er sich diesem Werk, auf das er und die Herstellerfirma seinerzeit ungeheuer stolz waren, wieder einmal gegenüber sähe.

Die eigentliche Porzellanherstellung beginnt dann im hochgelegenen Erdgeschoss mit einer Ausstellung technischen Porzellans, mit den so selbstverständlich klaren, vollendet schön durchgebildeten Formen der Laboratoriumsporzellane und der elektrotechnischen Porzellane deren Hersteller in Selb die Porzellanfabrik Ph. Rosenthal & CO. A.-G. ist. Diesen Räumen schliessen sich die Ausstellung der jüngsten Selber Porzellanfabrik, der Porzellanfabrik Selb C. Zollfrank Selb-Erkersreuth. Auch hier ist das in Selb ganz allgemein vorhandene hohe Qualitätsbestreben sichtbar, so dass auch von dieser Firma Hervorragendes zu erwarten ist. Ihr schliesst sich an die Nische der Porzellanmalerei M. Achtziger & CO., deren Vorgängerin, Christian Achtziger, auf den Leipziger Messen ja bereits stets mit sehr ansprechenden Dekoren vertreten war. Vor allem sind es moderne sehr gut ausgeführte Dekore in Rot und Gold, Schwarz und Gold und ähnlich angenehmen Farbzusammenstellungen.

Leider können wir die Ausstellungsnischen dieser beiden Firmen hier nicht im Bilde zeigen. Wir werden das in unserem Meßsonderheft in einem Sonderartikel über diese beiden Firmen wie auch über die Ausstellung der Porzellanfabrik und Malerei Gräf & Krippner Selb nachholen. Von dieser letzteren fällt ein in Form und Dekor ganz ausgezeichnetes Service auf, das wir hier abbilden. Das Dekor stellt einen Entwurf des begabten Fachlehrers Keitel dar, dessen Leistungen - auch in einem der folgenden Hefte - ausführliche Würdigung erfahren werden. Den grössten Raum dieses Geschosses nimmt aber die Porzellanfabrik Krautheim & Adelberg ein, deren Erzeugnisse durch die verantwortungsvolle Liebe, die der Gestaltung von ihnen allen in so gleichheitlichem Maße geschenkt ist, ganz besonders symphatisch berühren. Der Grund dieser Erscheinung ist leicht und klar erkennbar. Hier ist eine Familie am Werk, deren Gründer und seine Kinder, die die Liebe zum Porzellan vom Vater ererbt haben. Viele der Formen sind von Georg Krautheim und die meisten Dekore von Dora Krautheim entworfen, deren moderne Dekore, z. B. eine Deckelvase in Grün mit Gold oder eine Bechervase, über die vortrefflich ornamentierte Sterne verstreut sind, zu dem Besten gehören, was die Ausstellung in sich birgt. Aber auch die Geschirre und die wenigen figürlichen Arbeiten, die Krautheim & Adelberg zur Schau bringen, verdienen höchste Anerkennung.

Hat schon in den soeben besprochenen Vorräumen der eigentlichen Porzellanausstellung die Art der Schaubietung des Ausstellungsgutes überrascht, so steigert sich in diesem Raum die Bewunderung des Besuchers zu hellem Entzücken. Dieser sowohl wie die anderen Räume in den oberen Stockwerken sind Kabinettstücke der Schauräumen, wie sie bis dahin für Porzellan wohl nirgends zu sehen waren. Das Porzellan ist hier durchwegs vor einem Hintergrund aus beigen Rips gestellt, vor einer Farbe also, die nur wenig gegen die Porzellanfarbe kontrastiert, die aber dennoch das Porzellan zu einer ganz unvergleichlichen Wirkung kommen lässt. Eine ganz ähnliche Farbe ist übrigens an einer ganz anderen Stelle mit gleichem Erfolg zur Verwendung gelangt. Die Besucher der Leipziger Messe werden sich vielleicht an die beiden Ausstellungsschränke erinnern im Messraum der Staatlichen Porzellan Manufaktur Berlin am Augustusplatz in Leipzig, die in einem matt knochenfarbenen Ton gehalten sind, von dem sich das Porzellan in ganz ähnlichem Effekt wie hier in Selb abhebt. Wir führen diese Beobachtung unsererseits hier nur an, um gerade den Händlerbesuchern der Selber Ausstellung zu beweisen, wie günstig ein derartig leichter Farbton als Hintergrund für Porzellan wirkt und wie empfehlenswert seine Verwendung auch an Regalen und Vitrinen von Läden ist. Dieser beigefarbene Rips ist aber in Selb nur zur Auskleidung der überaus geschickt angelegten Nischen verwendet, während die Wände und Decken der Räume mit gerafftem ungebleichtem Nessel bespannt sind, so dass sich die Wände mit leichtem Spiel von Licht und Schatten in einem glücklich gewählten Gegensatz zu den glatt ausgeschlagenen Nischen setzten. Wie die hier gezeigten Bilder beweisen, bietet die Ausstellung eine unendliche Fülle von Anregungen für die Schaufensterdekoration wie überhaupt für jegliche Schauausstellung von Porzellan.

Es muss hier noch bemerkt werden, dass die Ausstellungsräume nur ganz wenig oder gar kein Tageslicht von aussen empfangen, dass sie also am Tage durch künstliche Beleuchtung erhellt sind, teils durch Suffitenlampen, die in den Schaunischen oben und an den Seiten verdeckt angebracht sind und dem Porzellan reizvolle Glanzlichter geben, teils durch geschmackvoll angeordnete Deckenbeleuchtungskörper. Überall, wo Holz zur Verwendung kam, wie bei den Fensterrahmen der Vitrinen, ist diesem die helle Naturfarbe belassen. Allein nur der Bodenbelag gibt eine kräftigere Farbnuance durch sein starkes Naturbraun. Alle andere Farbigkeit der Räume entstammt den Dekoren des Porzellans, den Wandbildern Otto Keitels, den Glasbildern von Prof. Goller, Dresden. In manchen Räumen ist auch eine starkfarbige Nische eingebaut, die belebt und die Architektur des Raumes betont. In jedem der Räume sind ausserdem gedeckte Tische in Anwendung gebracht mit edlen Gläsern, die sämtlich der Kristallglasfabrik Frauenau J. Gistel Frauenau N.-Bay. entstammen, während die Tafeltücher und Stickereien von Franz Hascher Hof a. S. zur Ausstellung gebracht sind. Im ersten Stock der Fachschule füllt die Porzellanfabrik Paul Müller Selb, im Besitz der Porzellanfabrik Lorenz Hutschenreuther A.-G. befindlich, einen gleichfalls hervorragend schönen Raum. Dem Freund besonders geschmackvoller Ware fallen hier vor allen Dingen in der Form ganz hervorragend schöne glatte weisse Vasen auf. Des ferneren jenes Speise-, Kaffee- und Teegeschirr, das von Else Wenz-Vietor für die Firma entworfen ist und das sich nun schon seit einer Reihe von Jahren im Handel bestens behauptet hat. Die Künstlerin hat diesem Service verschiedene ganz schlichte Dekore gegeben, eines nur in Rot, eines in Russischgrün, eines in Grün mit Gold. Ganz besondere Hervorhebung verdient hier aber vor allen Dingen noch das Tafelservice Siegfried, das so ganz den neuen Stilwillen in Schlichtheit und Vornehmheit zur Erfüllung bringt. Derartigen Formen kann ohne Übertreibung günstigste Aufnahme beim kaufenden Publikum prophezeit werden.

Denn eben geschilderten Raum schliessen sich an die Räume der Porzellanfabrik Heinrich & CO. Hier fallen als technische Bravourstücke riesige Vasen auf, die eigens für die Ausstellung geschaffen sind und die, soweit sie mit einem netzartigen Golddekor überlegt sind, das trotzdem viel vom weisen Scherben freilässt, zum repräsentiven Schmuck grosser Hotelhallen und dergl. Anklang finden werden. Unter den Neuheiten der Firma fällt vor allem das Tafel- und Kaffeegeschirr Parsifal auf, das als geschmacklich sehr gut bezeichnet werden muss, und das in verschiedenartigen Dekoren vertreten ist. Der Mittel- und Hauptpunkt dieses Raumes ist aber die goldene Hochzeitstafel, die von einem Riesenwandbild Alt Selb von Fachlehrer Keitel beherrscht wird. Das prunkhafte Festgeschirr ist ein Empireservice mit breiter Ätzgoldkante, die die Fahne des Tellers vollkommen überdeckt. Leider finden sich im Inland wohl nur allzuwenige, die als Käufer für eine derart prunkhafte Sache in Frage kommen können. Gott sei Dank gibt es ja hierfür den Export. Bei Heinrich & CO. ist noch mehr besonders reiches kostbares Geschirr zu sehen, aber auch die einfachen und schlichten Dinge sind von grösster Gediegenheit. Diesen Räumen schliesst sich an der Rundraum der Rosenthal Porzellanfabrik vorm. Jakob Zeidler & CO. Bahnhof Selb, dem eine kleine Vorhalle vorgelagert ist. Der Raum selbst wird beherrscht von einem Deckenbeleuchtungskörper mit breitem Stoffschirm. Die Wandnischen wechseln hier mit fast gleich breiten Vitrinen. Neben hervorragenden Geschirren fallen hier vor allem die Plastiken auf, die eine ganz besondere Spezialität dieser Firma sind. Vor allem die Tiere und anderen Figuren des Münchner Bildhauers Kärner sind hier hervorzuheben, sein Windspiel, sein Damhirsch, sein Postillon und dergl. mehr. Neben ihm behaupten sich die Plastiken von Dorothea Charol und von Förster auf beste, während die Figuren von Holzer-Defanty stark abfallen.

Im zweiten Stock findet sich der grosse Ausstellungsraum der Porzellanfabrik Lorenz Hutschenreuther A.-G., den eine farbige Wandnische mit einem Glasgemälde von Prof. Jos. Goller, Dresden, im Hintergrund aufs glücklichste belebt. Hier ist Gelegenheit, die so hervorragende Formkultur zu bewundern, mit der die Firma Lorenz Hutschenreuther seit Jahrzehnten das Tafelgeschirr pflegt. Dazwischen finden sich entzückende Kleinigkeiten, kleine Väschen von Niemeyer und solche von Else Wenz-Vietor mit ganz geringfügigem Dekor in Korallenrot oder Russischgrün. Dazwischen faellt die modernste Plastik auf von Ott und weitere von einem modernen hollaendischen Bildhauer (Guldbrandsen), des ferneren eine Uhr in Porzellan und ein sehr guter figuerlicher Lampenfuss. Als letzter der Raeume bietet sich dann die Ausstellung der Porzellanfabrik Ph. Rosenthal & CO. A.-G. dar. Auch hier nimmt den Besucher erst ein kleiner Vorraum auf, dessen schmale Vitrinen mit Feuerkunstporzellan gefuellt sind. Das sind Porzellanschaelchen und Vasen mit sog. Kristallglasuren, die erst im Brand auskristalisieren und oft maerchenhaft schoene Effekte an Farbigkeit und Reiz der Zeichnung erzielen. Besonders die eine Vitrine enthaelt ein halbes Dutzend oder mehr Stuecke, die wohl zum Schoensten gehoeren, was in dieser Art jemals geschaffen wurde. Kobaltblaue Sterne in Gruen, dunkles sattes Chinarot, spinnwebartiges Craquele, das Olivgruen der Rutilkristalle, das alles tritt hier zum Teil in mannigfaltigen Vermischungen feenhaft schoen auf.

Niemals aber ist diese Wirkung, die in diesen Techniken erzielt werden wird, vorauszusehen. Das unterliegt alles der Zufaelligkeit anorganischen Geschehens, das aber dennoch erfuellt ist von den Gesetzen harmonischen Geordnetseins. Mit diesen Dingen ist natuerlich vom Hersteller nicht im allgemein ueblichen Sinn ein Geschaeft zu machen. Es muss deshalb als Verdienst gewuerdigt werden, wenn eine so grosse Firma Rosenthal in die Wachhaltung und Weiterentwicklung dieser zum Teil ja uralten Techniken Geld steckt, das doch mehr oder weniger als verloren im wirtschaftlichen Sinne betrachtet werden muss. Im Vorraum steht zwischen zwei modernen Plastiken von Schliepstein, die modern von andachterfuellter Schoenheit sind, eine verhaeltnismaessig sehr grosse Feuerkunstvase in Rutilkristallen, die in dieser Groesse ein ganz einzigartiges Stueck darstellt. Die Schaunischen des Rosenthalraumes geben einen Querschnitt durch die so mannigfaltige Produktion dieses Werks. Hervorragend schoene, zum Teil auch ueberaus kostbare Geschirre, Vasen, Dosen und Plastiken. Aber auch hier: keines der Erzeugnisse stoert das andere, alles ist Zeugniss beachtenswerter Hoehe. In einer Nische steht als vielleicht einziges nicht Selber Erzeugnis auf der Ausstellung eine der so hervorragend schoenen Unterglasurscharffeuerplatten von Prof. Schmuz-Baudiss, dem ehemaligen kuenstlerischen Leiter der Staatlichen Porzellanmanufaktur Berlin. Es ist dringend zu wuenschen, dass dieser Kuenstler der Porzellankunst noch nicht voellig verloren geht, sondern noch recht viele seiner so einzigartigen Kunstwerke schafft.

Besonders Interesse aber verdienen bei Rosenthal die juengsten Erzeugnisse der Kunstabteilung, die in der Schaulade ja schon ausfuehrlich gewuerdigt wurden. Sie gehen in der Fuelle dieser Schau keineswegs unter, sondern beweisen deutlich, dass auch das Porzellan von dem neuen Formwillen durchdrungen werden muss und dass das Porzellan nichts einbuesst, wenn nur die moderne Gestaltung dem Materiale gerecht wird. Den Beschluss der Ausstellung bildet eine gesonderte Schau der Arbeiten der Fachlehrer und eine gesonderte Ausstellung der Schuelerarbeiten der Fachschule. Diese beiden Raeume fordern mit ihrer Fuelle des Beachtenswerden unbedingt eine besondere Betrachtung.