Selb 1914
Weltkrieg I. und seine Folgen
Der erste Weltkrieg 1914/18 gebot aller weiteren Entwicklung Einhalt; 3000 Männer mußten die Heimat verlassen und zogen auf die Schlachtfelder Europas. 400 Gefallene und Vermisste kehrten nicht wieder zurück. In der Zeit des sogenannten Dritten Reiches verlor Selb 1935 mit dem Inkrafttreten einer neuen Gemeindeordnung die bis dahin gewährte Kreisunmittelbarkeit und mit ihr ein wichtiges Stück ihres Selbstverwaltungsrechtes. Der Verlust an qualifizierten männlichen Arbeitskräften, Schwierigkeiten in der Beschaffung der Rohstoffe und der Kohle. Vor allem aber das Abschneiden der Exportverbindungen bei einem gleichzeitigen Stillstand der Absätze im Inland bringen die Unternehmerfamilie wie andere Porzellanfabrikanten auch in finanzielle Schwierigkeiten. In der Not erfolgt 1917 der Verkauf an Philipp Rosenthal. Im Zeichen einer Hochkonjunktur für Porzellan schon kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wird erweitert und ergänzt, was nur möglich erscheint. Der Komplex erhält seine heutige Gestalt, erinnernd an das Erscheinungsbild einer Burganlage, gelegen auf einer Anhöhe. Eine neue Kunstabteilung entsteht. Hier werden innovative Künstler tätig und tragen wie die seit 1918 hier produzierte Form „Maria Weiß“ bei zum Weltruf des Unternehmens und seiner Marke. 1926 kommt Steingut zum Sortiment hinzu, schließlich auch Elektroporzellan. Die Belegschaft hat sich trotz der Porzellankrise bis 1928 auf den Stand von 900 Beschäftigten erhöht. Massive Arbeitslosigkeit prägt die Region in den dreißiger Jahren, die Porzellanfabriken müssen ihre Belegschaften drastisch verkleinern.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg geht es wieder aufwärts. Schon kurz nach dem Zusammenbruch 1945 wird hier in Selb-Plößberg wieder produziert, der Ersatzbedarf der Bevölkerung bedeutet für die Porzellanindustrie eine gewaltige Nachfrage. 1926 wirbt eine Broschüre der Rosenthal AG mit dem Slogan: „50 internationale Künstler arbeiten für Rosenthal.“ Überhaupt sind internationale Kontakte im Bereich der Gestaltung, des Kaufmännischen und in besonderer Weise des Technologischen üblich. Denn: man verkehrt mit seinen Kollegen in den Porzellanzentren Europas, vor allem in Grossbritannien, Frankreich und Italien, man tauscht sich aus in der Anwendung neuer Technologien wie – allerdings weniger gerühmt – der Schaffung neuer Form- und Dekorideen. Die Arbeiter, sie fühlen sich zugehörig, sind „wir von Hutschenreuther“ oder „wir von Rosenthal“, „wir von Heinrich“. Der Grad der Identifikation mit der Arbeit selbst wie dem Arbeit gebenden Betrieb ist außergewöhnlich, ebenso das gewerkschaftliche Engagement, das Miteinander nach der Arbeit. Der Tod, er kommt oft früh, der Porzellanstaub, quarzhaltig, er schädigt die Lunge, schlechte Wohnverhältnisse, beengt, hoher Alkoholkonsum kommen hinzu. Das Durchschnittsalter der Männer betrug in dieser Zeit 42 Jahre. Die Fabriken, sie erzählen vom Leben und der Arbeit, an ihren Gebäuden selbst wird so manches, vieles ablesbar: Blühen und Vergehen, gute Konjunkturen und massive Arbeitslosigkeit, Ruin. Geschichte, die Geschichte einer Region und ihrer Menschen, wo wird sie authentischer erfahrbar als in der originalen Umgebung. Eine Fabrik, sie hat ihr eigenes Leben, so auch die Porzellanfabrik Jacob Zeidler & Co. In Selb-Plößberg: Das Leben der Porzellanfabrik Jacob Zeidler liest sic h wie eine typische „Vita“ des 19. und 20. Jahrhunderts. Es beginnt mit der Eröffnung einer Bahnlinie vom bayerischen Hof in das böhmische Asch, von dort weiter nach Eger mit Anschluss nach Prag. Am 1. November 1865 wird der Bahnhof in Selb-Plößberg, einer Ansiedlung vor den Toren der Stadt Selb, eröffnet. Jacob Zeidler entscheidet sich angesichts der blühenden Porzellanfabrik von Lorenz Hutschenreuther, 1856 in Selb ins Leben gerufen, statt der ursprünglich geplanten Gaststätte eine Porzellanfabrik zu gründen. Bereits im Spätherbst 1867 wird die Produktion aufgenommen. Steinkohle kommt über die Bahn aus Mitteldeutschland, Braunkohle sowie das qualitätsvolle Zettlitzer Kaolin aus dem benachbarten Böhmen, der Versand der Ware erfolgt ebenso zügig auf der Schiene.
Die Stadt Selb
feierte ihr 500jaehriges Stadtjubilaeum – Vorbereitung Ausstellung 1926. Bei den Vorbereitungen zu dieser Feier kam auch der Gedanke zutage, in der Porzellanstadt Selb eine Ausstellung heimischer Porzellane zu veranstalten, in der die Industrie an der Stätte ihres Wirkens zeigt, was sie fuer unser deutsches Vaterland im allgemeinen und fuer die Stadt Selb im besonderen bedeutet. Es wurde einstimmig beschlossen, in dem Gebäude der Staatlichen Fachschule fuer Porzellanindustrie die Ausstellung einzurichten, und aller Beteiligter Wunsch war, eine Schau zu veranstalten, die zeigt, dass Selb trotz seiner Kleinheit als Stadt und seiner Abgelegenheit nicht zurückzustehen braucht vor zentraler gelegenen und groesseren Städten. Es soll nun aber nicht nur Porzellan schlechthin gezeigt werden, es sind bei seiner Ausstellung künstlerische Mittel angewandt worden, die sowohl die Industrie als auch die Haendlerschaft und Laien anregen wollen. So wurde die Ausstellung ein Rahmen der sich um die in aller Welt bekannten Erzeugnisse der Selber Porzellanindustrie baut und der sie so zur Geltung bringt, wie es die Selber Porzellane in ihrer technischen und künstlerischen Vollendung verdienen. Das neben der Porzellanindustrie auch Industrien und Firmen ausstellen, die der Porzellan-Fabrikation und Handelsfirmen dienbar sind, ist selbstverständlich. Maschinen Fabriken und Handelsfirmen zeigen, was zur Herstellung des Selber Porzellans nötig ist. Um nun diese verschiedenen Ausstellungssparten zu verbinden, hat das Bayer. Staatsministerium gestattet, dass ausser den Schulsälen der Staatl. Fachschule, in der die Porzellane ausgestellt sind, auch die Maschinen- und Werkraeume, wie auch die technischen Sammlungen zur Ausstellung verwendet werden durften. Es ist somit eine einzigartige Schau ermöglicht, die den Besucher die Entstehung des Porzellans von Anfang bis zur Vollendung zeigt. Er wandert durch die Maschinen- und Fabrikationsraeume, sieht die Brennöfen und lernt die technischen Bedingungen und Schwierigkeiten an den ausgestellten Sammlungen kennen.

Ein Augenmerk wurde bei der Ausstellung auch auf eine Ausstellung älterer Porzellane gerichtet, die einesteils die Entwicklung der Selber Porzellanindustrie an manchen Stücken zeigt, die aber auch an Hand auswärtiger Porzellane dem Besucher einen Einblick in die allgemeine Porzellankunst gewährt. Besonders aber wurde diese Ausstellung älterer und auswärtiger Porzellane eingerichtet, um den Selber Technikern und Künstlern, die leider in unseren kleinen Stadt fehlenden künstlerischen Anregungen zu geben. Die Gelegenheit Porzellan zu gewinnen, ist in der Ausstellung dadurch vorhanden, dass ein Glueckshafen eingerichtet ist. So soll der Selber Porzellan Ausstellung der geistigen Anregung und wirtschaftlichen Forderung des Porzellanindustrie dienen. Sie soll nicht nur den Fernstehenden zeigen, was unsere Selber Industrie leistet, nein die Industrie selbst will sich und ihren Mitarbeitern Rechenschaft geben, über ihre rastlose Tätigkeit und über ihre Entwicklung. Jeder der sein Leben und seine Kräfte zur Herstellung des Porzellans einsetzt, soll sehen, dass er nicht nur des Mammons willens arbeiten muss, sondern dass er auch Werte schafft, die der Menschheit zur Verschönerung und dadurch zum Glück ihres Daseins beitragen.
Der II. Weltkrieg und seine Folgen
Ein guter Stern hat im zweiten Weltkrieg die Stadt vor größeren direkten Schäden bewahrt. Sie blieb trotz der in ihr massierten Industrie von Bombenangriffen verschont. Selbst als sie 1945 unmittelbar in die Schlusskämpfe einbezogen wurde und die amerikanischen Truppen in den letzten Kriegswochen einrückten, ist sie im Vergleich zu anderen Städten recht glimpflich davongekommen. Aber rund 700 Selber Bürger haben in diesem wahnwitzigen Kriege ihr Leben lassen müssen, dazu kommen 625 die als vermisst gemeldet wurden. Daß die kritischen Zeiten nach dem Krieg mit allen ihren Aufgaben gemeistert wurden, ist ein Zeichen der Härte im Ertragen von Schicksalsschlägen und des sozialen Geistes der Selber Bevölkerung.