Selb 1950

Selb nach den II. Weltkrieg

1950 kommt Philip Rosenthal, der Sohn, aus der Emigration aus England zurück. Er ist vom gleichen Geist beseelt wie sein Vater. Hat sich die Modernisierung des Erscheinungsbildes des deutschen Porzellans zur Aufgabe gemacht. Bald schon steht er dem Unternehmen seines Vaters vor. Es kommt zu einer neuen Blüte in Selb-Plößberg. Die ersten avantgardistischen Porzellanformen, sie werden in dieser Fabrik modelliert und hergestellt. Der Finne Tapio Wirkkala, später der Däne Björn Wiinblad werden hier tätig, hier ist der Geburtsort der Rosenthal Studio Linie. Dennoch muss Philip Rosenthal alsbald erkennen, dass in dieser Fabrik nicht mehr wirtschaftlich gefertigt werden kann.

Zusammen mit Walther Gropius, den Philip Rosenthal gut kennt, entsteht die Porzellanfabrik Rosenthal am Rothbühl. Bis zum Ende der 60er Jahre wird der Umzug der Fertigung abgeschlossen. Die Fabrik in Selb-Plößberg stellt zum Jahreswechsel den Betrieb ein. Es folgt Verkauf, Konkurs, Verkauf, Konkurs, wieder Verkauf und Konkurs. Die Bausubstanz verfällt immer mehr, 1984 brennt ein Gebäudeteil ab. Alteisenverwerter kommen und entsorgen was immer aus Eisen ist. Im Jahre 1954 konnte ein Erweiterungsbau der Höheren Staatlichen Fachschule für Porzellan seiner Bestimmungen übergeben werden, indem die Ingenieur-technische Abteilung untergebracht war. 1963 modernisierte und rationalisierte die Industrie ihre Betriebe. Aus diesem Grunde bauten die Porzellanfabriken Lorenz Hutschenreuther A.G., Krautheim & Adelberg sowie Heinrich & CO. Tunnelofenanlagen sowie verschiedene neue Betriebsgebäude. Die Rosenthal Porzellan A.G. errichtete ein Studio und schon früher ein Inhalatorium. Von einer Industrie GmbH wurde das Parkhotel erbaut. Erweiterungsbauten nahmen die Matrazenfabrik Christian Baumgärtel, die elektronische Spezialfabrik Rausch & Pausch, die Maschinenfabrik Gebr. Netzsch und Heinrich Zeidler KG. sowie die RIG vor. An der Ascher Strasse entstand ein neuer Betrieb Hans Zollfrank, Betriebseinrichtungen, und an der Vielitzerstrasse erbaute die Prüfgeräte KG Linseis ein Betriebsgebäude. Das Design des ersten ganz und gar weißen, als undekorierten, nach der Frau des Firmengründers benannten Porzellanservice Maria von Rosenthal trat 1915 seinen Siegeszug an und wurde zu einem der meistverkauften aller Zeiten. Gegenüber Fachhändlern hatte Philipp Rosenthal erklärt: Wenn Sie Maria nicht kaufen, brauchen Sie garnichts mehr von mir zu kaufen. Die Jahre zwischen 1914 und 1949 waren dann aber gekennzeichnet von zwei Weltkriegen, zwei Inflationen und der Weltwirtschaftskrise. Während der Kriege wurde die Porzellanproduktion umgestellt auf einfache Gebrauchsartikel, Kantinengeschirre, Haushaltsgeräte, aber auch auf Figurinen und Wandteller patriotischen Ausdrucks. Firmenmitarbeiter wurden zum Wehrdienst einberufen und wegen des allierten Einfuhrverbots von in Deutschland produzierten Waren und durch die Seeblockaden sank der Verkauf ins Ausland enorm. Belastet war die Situation überdies zunehmend durch Rohstoffknappheit, aber es gab einen grossen Bedarf an elektrotechnischem Porzellan durch den Ausbau des militärischen Nachrichtenwesens.

Verkehrsverhältnisse nach dem Ende des II. Weltkrieges

Strassenverkehr - Selb ist war das Industriezentrum Nordostbayerns ohne Hauptbahn, sondern auch ohne Durchgangsstrasse. Es klingt unglaublich, dass die Porzellanstadt bis 1950 bei allen Maßnahmen, die den Durchgangsstrassenvekehr betrafen, völlig unberücksichtigt geblieben ist. Wir erinnern uns vorallem an die Planungen der Fernverkehrsstrassen und der Ostmarkstrasse, von den Autobahnen ganz zu schweigen. Der gesamte Kraftfahrzeugverkehr, der auf Grund der industriellen Struktur des Selber Gebiets ein ausserordentlich hohes Verkehrsaufkommen hatte, wurde bis dato nur über Landstrassen abgewickelt, die sich nach dem II. Weltkrieg in einem ausserordentlich schlechten (trostlosen) Zustand befanden. Mit wenigen Ausnahmen konnte man die Strassen als bessere Feldwege bezeichnen, denn das im 19. Jahrhundert geschaffene Strassennetz wurde fast unverändert bis nach dem II. Weltkrieg beibehalten. Die Strassen von Selb hatten schmale Fahrbahnen mit durchschnittlich 4,5 bis 5,5 m Fahrbahnbreite, keine neuzeitlichen Deckenbelag, meist auch keinen Grundbau, unübersichtliche Kurven, gefährliche Ortsdurchfahrten und viele Steigungen. Im Jahre 1950 wurden erhebliche Anstrengungen unternommen um eine beschleunigte und gründliche Instandsetzung der bestehenden Strassen und vorallem den Anschluss an ein den derzeitigen Bedürfnissen entsprechenden Strassennetz zu erreichen.

Die Oberste Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern hatte die dringende Notwendigkeit durchgreifender Massnahmen in vollem Umfange erkannt und beabsichtigte im Rahmen eines Sonderbauprogramms einen Zubringer aus dem Selber Gebiet zur Autobahn durch den Ausbau des Strassenzugs Selb-Marktleuthen-Weissenstadt-Gefress zu schaffen. Darüber hinaus wurde die Eingliederung einer neuzeitlichen Bundesstrasse Hof-Selb-Marktredwitz gefordert. Ausserdem wurde die Berücksichtigung des nordostfränkischen Industriegebiet und Grenzgebiet bei den künftigen Verkehrsplanungen vorgesehen. In den folgenden Jahren wurde die Stadt Selb in das Bundesstrassennetz aufgenommen (B15 von Hof-Rehau-Selb-Marktredwitz). Die Staatsstrasse Selb-Marktleuthen-Weissenstadt-Gefress zur Autobahn wurde durchgeführt. Am 30. März 1968 nahm die Stadt das Angebot der Rosenthal A.G. an, gemeinsam ein Hallenbad zu errichten.47 Mitte September 1970 konnte der Grundstein gelegt werden, aber erst im Frühjahr 1971 wurde mit dem Bau gegonnen, die Einweihung erfolgte im August 1972.

Eisenbahnverkehr Stadt Selb

Selb war 1950 lediglich auf zwei Nebenbahnen angewiesen. Eine Verbindung zu den Eisenbahnknoten-punkten Hof und Marktredwitz war nur durch Umsteigen in Selb-Plössberg bzw. Holenbrunn unter Benutzung weiterer Strecken zu Erreichen gewesen. Bereits nach dem I. Weltkrieg waren Bestrebungen vorangetrieben worden, um eine zeitgemässe Gestaltung der Eisenbahn Verhältnisse zu erzielen. Ihr Träger wurde der Verkehrsverband Nordostbayern (Sitz Selb), der vorallem die Durchführung mehrerer Züge von Selb-Stadt bis Marktredwitz erreichte. In den Verbindungen zwischen Selb und Hof ist dagegen erst seit 1946 eine wesentliche Verbesserung eingetreten. Durch die Grenzschliessung 1945 wurde die Teilstrecke Selb-Plössberg-Eger der bisherigen Hauptbahnlinie Hof-Eger stillgelegt, so dass die Züge nunmehr von Hof bis Selb-Stadt gefahren werden. Mit Genugtuung konnte festgestellt werden, dass die Deutsche Bundesbahn den besonderen gelagerten Verhältnissen im Selber Gebiet weitgehendes Verständnis entgegen brachte und durch erhebliche Fahrplanerweiterungen und anderen Maßnahmen einen wertvollen Beitrag zur Förderung des Grenzlandes beigetragen hatte. Die weiteren Forderungen der Stadt Selb waren die Eingliederung des Durchgangsverkehrs im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten zu erfüllen. Die weiteren Forderungen der Stadt Selb erstreckten sich vorallem an die Anbindung an das Hauptbahnnetz.

Errichtung einer Gasstrasse in den ostbayerischen Grenzgebieten

Unter der vielgestalteten Industrie des ostbayerischen Grenzlandes waren zwei Industriezweige lange Zeit führend: Die Porzellan- und Glasindustrie. Der jährliche Brennstoffbedarf für die Porzellanbrände betrug bei einer 70% Ausnutzung der Produktionskapazitäten ca. 300.000 t/Jahr, derjenige der Glasindustrie ca. 150.000 t/Jahr. An den Brennstoff wurden bestimmte Anforderungen gestellt, über die Hälfte der gesamten Kohlenkontingente musste z.B. in Form der sehr schwefelarmen tschechischen Braunkohle bereitgestellt werden. Die Porzellanindustrie in Nordbayern hatte 1950 überwiegend Rundöfen im Einsatz, dessen Konstruktion sich seit Jahrhunderten im wesentlichen nicht verändert hatte. Bei einem Rundofenbetrieb wurde das Porzellan in Kapseln gebrannt, deren Gewicht ca. das Sechsfache des Porzellangewichtes betrug, so dass das 7- bis 8fache Gewicht der Fertigware aufgeheizt werden musste. Angesichts der Kapselverluste und der durch Abstrahlung und Abgase bedingten Wärmeverluste wurden im Brenngut kaum 4% der aufgewendeten Brennstoffwärme wirksam. Der Rundofen hatte also einen ausgesprochenen schlechten Wärmewirkungsgrad. Dazu kamen seine Abhängigkeit von der Brennstoffbeschaffenheit, die hohen Instandhaltungskosten, der grosse Kapselbedarf und Lagerraum für Kapseln und Kohle. Das waren alles Nachteile, die der Rundofen durch seine unbestrittenen Vorteile, wie z.B. seine gute Anpassungsfähigkeit an die Marktlage, nicht ausgleichen konnte. Wollten daher die Porzellanfabriken den Wettbewerb mit der starken ausländischen Konkurrenz durchhalten, so sind sie aus technisch-wirtschaftlichen Gesichtspunkten gezwungen gewesen, die althergebrachten „Porzellanherstellung mit Rundöfen“ zu verlassen und vom Rundofenbrand zum kontinuierlichen Brand im Tunnelofen übergehen. Dabei muss besonders hervorgehoben werden, dass der Tunnelofen die Betriebshygiene förderte und die Berufskrankheiten (Staublunge) wesentlich verringerte.

Die Porzellanfabriken Lorenz Hutschenreuther, Krautheim & Adalbert, Franz Heinrich & CO. rüsteten 1950 ganz oder teilweise ihre Rundöfen in die neue Technik der Tunnelöfen um. Die Porzellanfabrik C.M. Hutschenreuther hatte dies bereits in den zwanziger Jahren durchgeführt. In der Porzellanstadt Selb bestand bei völliger Umstellung aller Porzellanwerke von Rundöfen auf Tunnelofenbetrieb ein Gasbedarf von ca. 1 Million cbm/Jahr, das entsprach mehr als der Hälfte des Gasverbrauches der Stadt München (Stand: 1950). Die Aktiengesellschaft für Licht- und Kraftversorgung, München, hatte sich bereits intensiv damit befasst, eine Gruppengasversorgung im nordostbayerischen Raum zu planen. Bereits 1930 wurde in Selb die Gasversorgung Selb und Umgebung G.m.b.H gegründet. Diese war eine gemeinschaftliche Gründung der Stadt Selb und der Aktiengesellschaft für Licht- und Kraftversorgung München. Die ersten Gespräche über eine Gruppenversorgung wurden bereits in den dreissiger Jahren durchgeführt. Eine Weiterverfolgung dieser Gedanken wurde vorallem durch den II. Weltkrieg unterbrochen. Die damaligen Pläne wurden bereits 1948 auf einer neuen Grundlage wieder aufgegriffen. Ein Jahr später wurde die Energieaufsichtliche Genehmigung beantragt und erteilt. Das Gruppengasprojekt umfasste 28 Orte, davon 27 mit keramischer Industrie, und erstreckte sich über das ganze Gebiet zwischen Sulzbach – Schwandorf im Süden und Selb – Schwarzenbach im Norden. Im genannten Gebiet lagen 5 Städte mit eigenen Ortsgaswerken, die zwar Haushalte und Gewerbe mit Gas versorgten, aber eine Gasversorgung der Industrie nicht übernehmen konnten. Im Jahre 1950 wurde mit einem Gasabsatz für die Porzellan- und Glasproduktion von 150 Millionen cbm/Jahr gerechnet. Über die Führung der Gasleitung bestand bereits Klarheit. Es war beabsichtigt, vom südlichen Punkt bis Mitterteich eine Einfachleitung zu legen und dann eine Ringleitung anzuschliessen, die alle wesentlichen Porzellanorte berührte. Die Leitungsverlegung wurde damals auf etwa 12 Millionen DM geschätzt.

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