Selb 1990 Porzellankrise

Krise der Porzellanindustrie Selb

Für die Porzellanindustrie, den größten Arbeitgeber in Selb, begann sich in der zweiten Hälfte der 80er Jahre allmählich eine Krise abzuzeichnen, die dann im Laufe von ca. zehn Jahren ihren traurigen Höhepunkt erreichte. Durch gleichzeitig strukturell und konjunkturell auftretende Veränderungen und Schwierigkeiten gingen Tausende von Arbeitsplätzen verloren, das waren mehr als die Hälfte. Die Verkaufsumsätze der Firmen gingen unaufhaltsam zurück, ganze Betriebe wurden geschlossen.

Dass diese Tatsache auch ihre Auswirkungen auf das Steueraufkommen der Stadt hatte und hat, ist selbstverständlich. Die Menge an Aufgaben und die Erwartungen der Bürger/innen sanken aber nicht, im Gegenteil. Das Volumen an verfügbarem städtischen Geld ging dagegen stark zurück. Einen ausgeglichenen Haushaltsplan zu erstellen, wurde und wird für den Stadtrat zunehmend schwieriger. Die Krise der Porzellanindustrie in den Bereichen Tafel- und Luxusgeschirr kann in den 1990er Jahren nicht geleugnet werden. Die Zahl der Arbeitsplätze in den Porzellanfirmen geht von 5.000 im Jahr 1965 auf heute unter 1.000 Beschäftigte zurück. Technisierung, Rationalisierung und die kostengünstigere Produktionsverlagerung ins Ausland stürzen Stadt und Region in einen einschneidenden Strukturwandel. Und Selb versinkt in den Dornröschenschlaf, sowie das von Gropius erbaute Werk, die von Friedensreich Hundertwasser gestalteten Fassaden mit ihren Baummietern, die vor sich hin träumen. Und dem Porzellanikon, in dem momentan die größte Ausstellung europäischen Porzellans zu sehen ist, die es jemals gab. Ein Ausflug nach Selb ist ein Ausflug in die sechziger und siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, der sich lohnt. Die rasche Entwicklung in der deutschen und wohl auch in der Weltporzellanindustrie hat das von C.M. Hutschenreuther, Hohenberg ausgehende Porzellanzentrum in Bayern genommen. Hier wiederum haben sich viele Unternehmungen in einem ganz besonderen Kristallistationspunkt zusammengedrängt, in Selb, der Stadt des Porzellans. In ungefähr 70jaehriger Entwicklung ist Selb wohl zur bedeutendsten Porzellanstadt der Welt geworden, sowohl was Menge und Verschiedenartigkeit, wie auch Wert und Guete der erzeugten Waren anbelangt. An keinen anderen Platz der Welt wird in so nahem Umkreis eine solche Menge qualitativ hochstehender Porzellangegenstaende geschaffen wie in Selb. Der grosse Selber Brand 1856, der fast die ganze Stadt einaescherte und ein ungeheueres Unglück fuer die ganze Bevölkerung bedeutete, war der eigentliche Anlass zur Begründung der Selber Porzellanindustrie, denn in diesem Jahre errichtete Lorenz Hutschenreuther, um die vielen Beschäftigungslosen unterzubringen, seine Fabrik.

Herausforderungen und Strategien

Seit 150 Jahren ist die Entwicklung der Stadt Selb eng mit der Porzellanindustrie verbunden. Als 1857 Lorenz Hutschenreuther die erste Porzellanfabrik in der Stadt gründete, ahnte niemand, in welch enger Abhängigkeit sich Stadtentwicklung und Porzellanfabrikation am Ende des 20. Jahrhunderts befinden würden. Porzellan wirkt heute noch stadtbildprägend im 17.300 Einwohner (Stand: Anfang 2000) zählenden Selb. Die Verwaltungs- und Produktionsstätten, so bekannter Unternehmen wie Hutschenreuther, Rosenthal und Heinrich, auf die in ihrer Blütezeit die Hälfte der deutschen Porzellanproduktion entfiel, sind nicht nur großflächig, sondern teilweise auch ungewöhnlich gestaltet. Kunst im öffentlichen Raum weist häufig auf Porzellandesign hin, das Theater trägt den Namen “Rosenthal-Theater” und viele Hinweistafeln führen zu den Fabrikverkäufen der Porzellanindustrie. Selbst die Urheberschaft des Stadtentwicklungskonzeptes von 1967 – immerhin von Walter Gropius erarbeitet – ist ohne die enge Verbindung des Industriellen Philipp Rosenthal in die Künstler-Avantgarde nicht zu denken.

Die Absatzkrise der keramischen Industrie Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts verursachte in Selb eine beispiellose Zäsur in der Stadtentwicklung: Innerhalb von sechs Jahren verringerte sich die Beschäftigtenzahl um 19%, in der Folge verlor die Stadt 9% ihrer Einwohner. Zurückblickend auf die letzten drei Jahrzehnte reduzierte sich die Einwohnerzahl sogar um ca. 7.000. Die Arbeitslosigkeit liegt bei ca. 12% und die Bevölkerung altert: 42% der Einwohner sind über 50 Jahre alt. Die Aufgabe großer Produktionsstätten hat – verteilt über die Stadt – große Industriebrachen hinterlassen. Der Einwohnerverlust wiederum führt zu hohen Leerständen im großen Mietwohnungsbestand der Stadt. So weisen der städtische Bauverein und die städtische Wohnungsbaugesellschaft ca. 10% bzw. 14% Leerstand auf. Ehemaliges Werk der Hutschenreuther AGDie Stadt Selb erarbeitet nun Bewältigungsstrategien für den durch wirtschaftlichen Strukturwandel verursachten Schrumpfungsprozess. Dabei stellen die geographische Randlage, das Einkommensgefälle zum 20 Kilometer nahen Tschechien und das Fördergefälle zum räumlich angrenzenden Thüringen zusätzliche Hindernisse dar. Entwicklungspotenziale für die Industriebrachen zu finden und einen stadtverträglichen Rückbau des Wohnungsbestandes zu erreichen, dürften die größten Herausforderungen für Selb sein.

Um die Idee des Porzellanschachspieles umzusetzen, wurde ein Spendenaufruf gestartet. Die Spendenbereitschaft war groß. Nach kürzester Zeit fanden die 64 Schachfelder ihre Paten. Ein lang gehegter Wunsch wurde im Bürgerpark umgesetzt: der Fichtelgebirgsverein stellt hier seit 2005 seinen Maibaum auf. Im Bürgerpark wurde auch die „Phönix Statue“ errichtet, entstanden beim Porzellinerfest 2003. Am 13.11.2004 wurde der Bürgerpark unter großer Beteiligung der Bevölkerung feierlich eingeweiht. Abschließend ist festzustellen, dass durch die Errichtung des Bürgerparks die Akzeptanz für den notwendigen Stadtumbauprozess in der Bevölkerung insgesamt deutlich verbessert werden konnte. Die Erwartungen und Hoffnungen der Bürger an das Programm „Stadtumbau West“ wurden erhöht. Der Gemeinschaftssinn insgesamt wurde gestärkt. Die am Anfang umstrittene Vorgehensweise mit dem eng begrenzten finanziellen Rahmen hat sich im Nachhinein als richtig erwiesen.

Porzellankrise im nördlichen Teil Bayerns

Die Porzellanindustrie im Grenzgebiet des östlichen Oberfranken und der nördlichen Oberpfalz Die Porzellanindustrie war als Zweig der feinkeramischen Industriegruppe mit wenigen Ausnahmen im Grenzgebiet Oberfrankens und der Oberpfalz ansässig und bestimmte dort die regionale Wirtschaftsstruktur. Hutschenreuther hatte als Pionier der bayerischen Porzellanindustrie 1814 eine Werkstatt in Hohenberg gegründet. Im Jahr 1964 bestanden in dem Gebiet 89 Porzellanbetriebe mit etwa 27.500 Beschäftigten. Die Jahresumsätze des Industriezweiges lagen bei rund 385 Mio. DM, von denen ein knappes Drittel durch Export erwirtschaftet wurde. Allerdings war die Produktion sehr lohnintensiv. Der Anteil von Löhnen und Gehältern am Umsatz betrug 42,5% und lag damit doppelt so hoch wie der entsprechende Anteil im Durchschnitt der deutschen Industrie mit 20,5%. Darüber hinaus gerieten die Porzellanbetriebe unter den Konkurrenzdruck der japanischen Porzellanindustrie, die über eine etwa dreimal so große Produktionskapazität verfügte. Ende Juli 1961 wandte sich das Bundeswirtschaftsministerium an das Bayerische Wirtschafts- und Verkehrsministerium, weil es die Zukunft der Porzellanindustrie und damit einhergehend die wirtschaftliche Lage im nordostbayerischen Grenzgebiet als gefährdet einschätzte. Die Aussicht langsameren Wirtschaftswachstums, mögliche Veränderungen der Kontingente des deutsch-japanischen Handelsvertrages und auch zunehmende Konkurrenz im EWG-Raum durch Frankreich bereiteten Anlass zur Sorge um die künftige Beschäftigungslage in der Porzellanindustrie.

In diesem Industriezweig bestanden neben einer Reihe gut durchrationalisierter Betriebe, wie der der Firma Seltmann, auch viele sehr leistungsschwache Firmen, von denen man erwartete, dass sie dem zunehmenden Konkurrenzdruck bei weiterer Marktliberalisierung nicht standhalten könnten. Die Konzentration der bedrängten Porzellanindustrie in dem nordöstlichen Grenzgebiet Bayerns gab Anlass, das sich abzeichnende Problem des Industriezweiges als Strukturproblem der Region zu bewerten. Aus diesem Grund regte das Bundeswirtschaftsministerium eine Prüfung und Beratung der Porzellanbetriebe durch das Rationalisierungskuratorium der deutschen Wirtschaft an. Die von dem Kuratorium empfohlenen Rationalisierungsmaßnahmen in den Betrieben wollte das Bundeswirtschaftsministerium finanziell unterstützen, um die Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit der Porzellanindustrie zu verbessern. Einen Monat später suchte ein Vertreter des Bundeswirtschaftsministeriums das Bayerische Wirtschafts- und Verkehrsministerium auf um diese Rationalisierungsvorschläge zu besprechen. Im Bayerischen Wirtschaftsministerium teilte man die Sorgen um die wirtschaftliche Zukunft der Porzellanindustrie in den Grenzgebieten und vereinbarte, die technischen und wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten in den einzelnen Betrieben zu prüfen.

Die vom Rationalisierungskuratorium gewonnenen Erkenntnisse sollten in Berichte gefasst werden, die es den einzelnen Unternehmern dann ermöglichten, die empfohlenen Maßnahmen in ihren Betrieben umzusetzen. Das Bundeswirtschaftsministerium plante, diese Sonderaktion zur Rationalisierung der Porzellanindustrie auf einen längerfristigen Zeitraum anzulegen und den Betrieben entsprechende Anreize in Form von Krediten und Zinszuschüssen zu schaffen. Um die Qualität der Porzellanprodukte zu verbessern, wollte man eine industrielle Gemeinschaftsforschungsanstalt schaffen, die, mit Bundesmitteln gefördert, von der Porzellanindustrie getragen werden sollte Anfang 1963 sah auch Wirtschaftsminister Otto Schedl die Porzellanindustrie vor Problemen stehen und wandte sich an das Bundeswirtschaftsministerium. Der Industriezweig stehe deshalb vor Strukturproblemen, weil er in den vergangenen Jahren einer kräftigen Aufwärtsentwicklung von Löhnen und Sozialleistungen ausgesetzt gewesen sei. Diese Lohnbewegung gehe von anderen Industriezweigen, insbesondere der Metallindustrie, aus und zwinge die Porzellanindustrie dazu, ihre Löhne anzupassen, wenn sie nicht Gefahr laufen wolle, ihre Arbeitskräfte zu verlieren. Der Aufbau von Betrieben anderer Industriezweige im Grenzland wurde von Otto Schedl nicht als ‘Auflockerung’ der einseitigen Industriestruktur in der Gegend bewertet, wie es 1962 in der Denkschrift der Landesplanung gefordert wurde, sondern einzig unter dem Aspekt der Konkurrenz um die Arbeitskräfte – eine Argumentation, wie sie üblicherweise von Unternehmern oder Vertretern von Industriegruppen geführt wurde. Die Defizite in der Produktivität vieler Porzellanfabriken als eigentliche Ursache der Branchenprobleme blieben in Schedls Schreiben an das Bundeswirtschaftsministerium ebenso unberücksichtigt wie die Tatsache, dass seit eineinhalb Jahren die von dem Ministerium initiierte, mit dem Bayerischen Wirtschaftsministerium abgestimmte und vom Rationalisierungskuratorium der deutschen Wirtschaft betriebene Sonderaktion zur Rationalisierung der Porzellanindustrie im Gange war.

Die Ergebnisse der Branchenuntersuchung des Rationalisierungskuratoriums lagen der Porzellanindustrie im März 1963 vor. Unter dem Vorsitz des Porzellanindustriellen und IHK-Präsidenten von Regensburg, Seltmann, wurden die Ergebnisse und Empfehlungen des Gutachtens auf einer Arbeitstagung in Marktredwitz analysiert. Das Kuratorium sah den Kernpunkt der zu ergreifenden Maßnahmen in der Entwicklung und Beschaffung neuer Produktionsmaschinen. Damit sollte die Automatisierung vorangetrieben werde, dies sollte dann die gesamte Herstellung rationeller gestalten. Auf diese Weise sollte der in der Porzellanindustrie immer noch sehr hohen Anteil der Handarbeit und die damit verbundenen Lohnkosten gesenkt werden. Da es sich aber bei der Porzellanindustrie nur um einen kleinen Industriezweig handelte, blieb der Kreis potentieller Abnehmer für neuentwickelte Produktionsmaschinen sehr begrenzt. Aus diesem Grund waren Maschinenbaufirmen kaum bereit größere Aufwendungen für die Entwicklung neuer Porzellanfertigungsanlagen vorzufinanzieren. Um die notwendige technische Rationalisierung dennoch zu ermöglichen und voranzutreiben, schlug das Rationalisierungskuratorium vor, die Maschinenentwicklung als gemeinschaftliche Aufgabe der Porzellanindustrie zu begreifen und zu betreiben und die technischen Neuentwicklungen mit staatlichen Hilfen finanziell abzustützen.600 In Selb entstand daraufhin ein auf die Entwicklung und Herstellung von Porzellanproduktionsanlagen spezialisierter Maschinenbau, der die technischen Voraussetzungen für die Rationalisierung der Porzellanindustrie lieferte.

Dass die Rationalisierungsmaßnahmen wirkten, zeigte sich in den folgenden Jahren vor allem an der Entwicklung der Beschäftigtenzahlen des Industriezweiges. Von den 27.500 Personen, die 1964 noch in der Porzellanindustrie gearbeitet hatten, waren 1977 nur 19.000 übrig geblieben. Die Beschäftigtenzahl sank noch etwas weiter, stabilisierte sich aber in den achtziger Jahren bei etwa 17.500 bis 18.000 Erwerbstätigen. Von den 89 selbständigen Betrieben des Jahres 1964 blieben Ende der siebziger Jahre nur etwas über 50 übrig. Die Rationalisierungsmaßnahmen hatten also eine Konzentration der Porzellanbetriebe zur Folge. Das rettete diese Traditionsindustrie in den nordostbayerischen Grenzgebieten jedoch nur vorübergehend. Die Landesanstalt für Aufbaufinanzierung unterstützte die Investitionen für Betriebsausbau, -modernisierung oder Diversifikation der Produktpalette durch Darlehen und Risikoübernahmen. Doch auch dadurch ließ sich nicht verhindern, dass die gesamte Porzellanindustrie bundesweit zu Anfang der siebziger Jahre in eine tiefe Strukturkrise geriet. In der bayerischen Porzellanindustrie waren davon im Lauf der Zeit die meisten Unternehmen betroffen.

Das Förderengagement erfolgte bis 1989 primär aus Gründen regionaler Strukturpolitik. Die oberpfälzische und oberfränkische Porzellanindustrie sollte nicht von der Konkurrenz aus der DDR und den Ostblockländern verdrängt werden. Als in der Konjunkturkrise 1992/93 und in den Folgejahren der private Verbrauch in Deutschland nahezu zum Erliegen kam, begann ein Ausleseprozess in der bayerischen Porzellanindustrie: Die mittelständischen Porzellanhersteller Schirnding, Kronester und Seltmann-Vohenstrauß fusionierten zur SKV Porzellan- Union GmbH (Schirnding) und die Branchenführer Rosenthal und Hutschenreuther wurden grundlegend umstrukturiert. Ende 1997 wurde die Rosenthal AG von dem irischen Porzellankonzern Waterford Wedgewood übernommen, und die Umsätze und Gewinne begannen wieder zu steigen. Die Firma Hutschenreuther fusionierte 1992 mit verschiedenen Einzelunternehmen zur Winterling Porzellan AG Kirchenlamitz/Oberfranken, die die Haushaltsporzellansparte von Hutschenreuther übernahm. Hutschenreuther selber konzentrierte sich auf die Marktnische Hotelporzellan und konnte als umbenannte BHS tabletop AG saniert und weitergeführt werden. Die Winterling Porzellan AG musste 1999 ihre Betriebe aufgeben. Nur durch weiteres Engagement der bayerischen Wirtschaftspolitik gelang es, die Wedgewood-Tochter Rosenthal AG zur Übernahme des ehemaligen Hutschenreuther- Programms und den Porzellanhersteller Triptis zur Übernahme der Reste der Winterling AG zu bewegen – so schreibt die Landesanstalt für Aufbaufinanzierung in ihrer Festschrift. Von 1963 bis 1983 sanken die Beschäftigtenzahlen in der Porzelanindustrie um rund 10.000 und in der ganzen Region verminderte sich die Zahl der Industriebeschäftigten in diesem Zeitraum um etwa 27 500. Den größten Abbau verzeichnete die Textilindustrie. 

[1] Stephan Hofmann, Industriepolitik und Landesplanung in Bayern 1958 – 1970