Selber Brand 1856
Selber Brand 1856 (Auszug Bohrer Chronik 1930)
Das Rathaus von Selb, das ungefähr da stand, wo heute das städtische Mulzhaus steht und das mit einem schmucken Türmchen gekrönt war, war ein schlichtes Haus, ebenfalls nur mit Schindeln gedeckt. Ich habe diese Gebäude, soviel als es möglich und unbedingt notwendig war, geschildert, um dadurch zu zeigen, dass, wenn schon die öffentlichen Gebäude nach unseren heutigen Begriffen verhältnismässig primitiv und vor allem sehr wenig feuersicher gebaut waren, dass dann die Privathäuser alle Feuersicherheit in Folge massiger Bauart erst recht haben vermissen lassen. Im grossen und ganzen müssen wir uns Selb vor dem Brande als eine Holzstadt vorstellen. Und diese Bauart ist auch vollkommen erklärlich. Sie war für die hiesige Bevölkerung die billigste und bequemste. Und auf die Billigkeit ihrer Häuser mussten die Selber bedacht sein. Denn die Selber Bevölkerung vor dem Brande war eine arme Bevölkerung. 3389 Personen wohnten im Jahre 1854/55 in Selb, eine Bevölkerung, die infolge des Brandes dann zunächst etwas abnahm. Sie zählte Ende 1856 3.340 Personen. Pfarrer Nikolaus Wagner und Pfarrer Hartmann haben nicht viel Gutes von dieser Bevölkerung zu berichten. Die Sittlichkeit und Religiosität hat in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts sehr abgenommen. Sinnengenuss und fleischliche Luft, unverkennbare Merkmale von Irreligiosität oder wenigstens Gleichgültigkeit gegen das Heilige charakterisieren die Einwohner unserer Gegend. Im Kirchenjahresbericht von 1854 findet sich das harte Urteil: ” Die Selber Gemeinde gehörte zu den tiefstehendsten der ganzen evang.-Luther Landeskirche Bayerns”. Zum Beweis dafür führt der Berichterstatter an die hohe Zahl ausserehelicher Geburten: 1852 59, 1853 45, 1854 42, 1855 52, 1856 36, das ist ungefähr ein Drittel der Geburten. Ein Beweis dafür ist auch die ausserordentliche Zahl der Holzfrevler, die vor dem Kreisgericht Bayreuth abgeurteilt werden mussten, denen meist das sittliche und rechtliche Bewusstsein so verdunkelt war, dass sie ihren Frevel gar nicht als Verbrechen, sondern als erlaubten Broterwerb ansahen. Als Beweis für den sittlichen Tiefstand führt Pfarrer Hartmann auch die Rohheit und Inpietät gegen Geistliche und weltliche Vorgesetzte an, die vor allem bei der heranwachsenden Jugend sich oft in erschrecklichen Exzessen kund gibt. Überaus zahlreich sind die wilden Ehen.

Pfarrer Wagner zählt 1854 40 solche. Er beklagt das nächtliche Herumträumen der Jugend auf den Strassen und Plätzen der Stadt. Auch Ehebruch ist keine Seltenheit. Die Geistlichen suchen nach Gründen für den sittlichen Tiefstand der Gemeinde und sie finden sie zum Teil in der Armut, die damals eine überaus grosse gewesen ist. Dem Unglücksjahr sind eine ganze Reihe schwerer Jahre für die Selber Bevölkerung vorangegangen. Wir haben davon berichtet, dass die Revolutionsjahre 1848ff. Arbeitslosigkeit des Gewerbes, der Industrie und des Handels zur Folge hatten. Die Selber Bevölkerung war damals im grossen ganzen noch eine Landwirtschaft treibende Bevölkerung und zwar überwog die Viehzucht den Feldbau. Es gab kaum eine Familie, die nicht ihre Ziegen besass und etwas Kartoffeln baute. Industrie mit Fabrikbetrieb war vor dem Brand nicht in Selb. Es wurde nur hausindustrie getrieben und zwar Handweberei. Etliche Gerbereien machten gute Geschäfte. Das Gewerbe der Steinmetzen und das Gewerbe der Bierbrauereien war vertreten. Die Landwirtschaft hatte schwer mit dem armen Boden und dem rauhen Klima zu ringen. Die Handweberei war überaus abhängig, nicht bloss von den Fabrikanten, die die Arbeit gaben, und den Lohn bestimmten, sondern mit diesen zusammen auch von den Weltereignissen, da ihre Fabrikate in alle Länder der Erde versendet wurden. Die politisch unruhigen Zeiten vor dem Brande hatten das Weberhandwerk ziemlich lahmgelegt und so war zumal nach Missernten, grosse Armut in der Stadt. Dass Armut deprimierend wird, erleben wir heute und hat man damals erlebt.

Über diese arme Bevölkerung brach nun am Dienstag vor Karfreitag, den 18. März 1856, das schwere Brandunglück herein. Das Wetter um den 18. März war echtes Selber Wetter. Grau hing seit Tagen der Himmel über der Stadt, 5 Tage lang hatte ein Sturm von Osten her gebaust. Wir haben auch schon berichtet, dass Selb seit seiner Entstehung nie von einem grösseren Brande heimgesucht worden ist; entstandenes Feuer wurde immer wieder schnell gelöscht. Die Sage berichtet, dass dies auf eigenartige Feuerkugeln zurückzuführen sei, die von Zigeunern an den verschiedensten Stellen der Stadt vergraben worden seien. Pfarrer Cloeter erzählt, dass er in einem Gewölbe unter dem 1. Pfarrhaus in einer ausgemauerten Stätte von 2 Quadrat-Schuh Grösse unter Lehm, Kleie, Asche und Kohlenresten und kleinen Knochenresten eine solche rötliche, marmorartige Kugel gefunden habe. Über diese Kugeln scheinen im Laufe der Zeit ihre Wirkung verloren zu haben, denn gerade in diesen stürmischen Tagen sollte mitten in der Stadt Selb ein Brand ausbrechen, der die ganze Stadt verheerte.
Es war mittags 1 Uhr, da ertönte Feuerlärm durch die Gassen der alten Stadt. Die Magd des Apothekers Georg Netzsch hatte, wie sie vor Gericht angab, gegen die ausdrückliche Weisung ihrer Herrschaft, glühende Asche von Torf auf den Düngerhaufen geschüttet, der aus Stroh und Holzspänen bestand und infolge des trocknenden Märzwindes ziemlich trocken war. Der Sturm hatte die Asche zur Flamme entfacht. Der Dunghaufen lag unglücklicherweise hart an einer mit Brettern verschalten Schupfe, auch die andere Umgebung war von Holz. So stand die Flamme Nahrung und im Augenblick kreist sie auch auf den Nachbarhof über. Dort lag ein grösserer Haufen Schindeln, die vom Feuer und vom Winde ergriffen wurden, und hochgehoben sich über die Stadt wie ein feuriger Regen ergossen. Das alles war das Werk eines Augenblicks. Als der Feuerruf erscholl, schlugen die Flammen schon hoch zum Himmel empor und umsichtige Menschen erkannten sofort, dass das die Vernichtung für mindestens die halbe Stadt bedeutete. Ich habe ja schon darauf hingewiesen, dass die meisten Häuser nur mit Schindeln gedeckt waren, dass die Häuser selbst nur selten massiv, häufigst nur Fachwerk-, oft nur Holzbauten gewesen sind. Dazu war nur die Hauptstrasse breit, die anderen Gassen dagegen sehr enge und winklig, das Feuer breitete sich infolge des Ostwindes zunächst über die untere hälfte der Stadt aus, auf die sogenannten Universitätsgüter und auch die kleinen Häuser an der Weißenbacherstrasse wurden gar bald vom Feuer ergriffen. Es ist nichts geklärt, ob die vom Feuer ausgestrahlte Hitze, oder ob es atmosphärische Einflüsse waren, die in der Stadt, während die untere Stadt lichterloh brannte, einen Wirbelwind aufkommen ließen, so dass die Flammen zu Feuersäulen wurden, welche nun auch die obere Stadt gegen den Wind ergriffen und in Blitzschnelle sich über die ganze Stadt hinwälzten. Auch ganz feuerfeste Häuser erlagen diesem furchtbar wütenden Element.
Schon gegen 4 Uhr brannte das Rathaus an der Kirche, das alte Schulhaus, bald auch das Pfarrhaus daneben, das Landgerichtsgebäude, das Forstamt und daneben das alte Schloss. Auch das weiter gegen Osten gelegene 2. Pfarrhaus fing bald nach dem 1. Pfarrhaus zu brennen an, während die Scheune desselben gerettet wurde. In Mitten des Feuermeeres stand hoch erhobenen Hauptes die Kirche. Sie hatte ein massives Ziegeldach, steinerne Gesimse. Aber das Pfarrhaus mit seiner fürchterlichen Glut zündete die Sakristei der Kirche an, die Flammen des Schulhauses wurden über das Dach der Kirche von neuem getrieben und zündeten dort. Gleichzeitig fing der Turm auch Feuer. Die Uhr schlug die 6. Stunde, um damit für immer zu verstummen. Die Schiefer der Turmhaube barsten und die glühenden Balken ragten zum Himmel empor, bis der Turm krachend auf das nächstgelegene Haus des Schlossermeisters Povenz niederstürzte. Die Glut hatte die 4 Glocken bis auf wenige Stücke geschmolzen. Abends 7 Uhr war das Werk, des Feuers Werk, vollendet. 270 Wohnhäuser, 408 Nebengebäude sind der Flamme zum Opfer gefallen, dazu die Stadtkirche, das Rathaus, ein Schulhaus und das alte Schloss. Nur 46 Wohnhäuser und die Gottesackerkirche blieben in der Stadt stehen.
Die Frage mag wohl erhoben werden, hätte denn nicht mehr gerettet werden können? Bei einem so ausgebreiteten, mit solcher Beschleunigung fortschreitenden Brand ist es natürlich ausserordentlich schwer, ein geordnetes Löschverfahren zu organisieren. Jeder hat mit sich selbst zu tun, will seinem eigenen Besitz retten. Die Menschen sind kopflos und furchtsam. Und das gar nicht ohne Grund, denn auch das Menschenleben steht bei solchen Katastrophen in nicht geringerer Gefahr, hat ja doch auch der Selber Brand 4 Menschen das Leben gekostet, nämlich: dem Schneidermeister Wolf Christoph Seidel und seiner Dienstmagd Margarete Reichel, dem Webergesellen Christoph Sümmerer und seiner Mutter Anna Sümmerer, geb. Voit. Die Angabe bei Seybold, dass die ledige Anna Voit mit ihrem Sohne Christoph verbrannt sei, ist irrtümlich. Anna Voit ist zur Zeit des Brandes eine verwitwete Sümmerer und ihr Sohn heisst Christoph Sümmerer. Seidel war 41 Jahre 10 Monate alt; die Witwe Sümmerer 66 Jahre, ihr Sohn 26, die Dienstmagd Reichel 24 Jahre. Sie wurden am Karfreitag, den 21. März 1856, nachmittags 2 Uhr durch Pfarrer Hartmann begraben. Die Witwe Sümmerer und ihr Sohn wollten Betten aus ihrem Hause retten, da der Wind die Flammen durch die Strassen peitschte, so flohen sie vor denselben in das gegenüberliegende Haus, das dem Schneidermeister Seidel gehörte. Dieser wollte mit seiner Magd Getreide vom Boden retten, als die Flammen zur Haustüre hereinschlugen und alle 4 Personen nötigten, in die gewölbte Küche zu fliehen. Hier fanden sie alle ihren Tod. Seidel lag bis zu den Knien verbrannt im Backofen und die 3 anderen in einer Ecke sich umfassend bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Ganz gewiss, sagt Cloeter, hinderte sie die Flamme, in die naheliegende Wohnstube zurückzugehen, von welcher aus sie durch die daranstossende Schmiedewerkstätte leicht sich hätten retten können. Auch der Landgerichtsarzt Dr. Höflich hätte beinahe auf der Strasse seinen Tod gefunden. Er war bereits in Flammen eingehüllt, als ein Windstoss die Flammen auseinandertrieb und er so fliehen konnte. Das war es eben auch, was alle Rettungsversuche zur Unmöglichkeit machte, dass der Wind die Flammen Strassauf, Strassab trieb. Es war gar bald unmöglich, sich auf den Strassen aufzuhalten, Feuerwehrleute mussten ihre Spritze dem gewaltigen Element überlassen, die eine Selber Feuerspritze ist mit verbrannt.
Gleich wohl wurden Löschversuche und Rettungsarbeiten unternommen. Pfarrer Cloeter rühmt die mannhafte Art der Ascher Einwohner, die unter Führung des Oberpfarrers Soedel und des Archidiakonus Alberti mit einer kleinen Löschmaschine eifrigst bestrebt waren, die Stadtkirche zu retten. Wenn es ihnen nicht gelang, so sind die Bauern des Selber Kirchspiels zum Teil mit daran Schuld, die angsterfüllt, untätig dem schauerlichen Schauspiel des Selber Brandes zusahen und zu Löscharbeiten nicht zu bewegen waren, mit Ausnahme von einzelnen wenigen. Zu ihnen zählten vor allem die Langenauer, die mit ihrem tapferen Lehrer Kolb und dem besonnenen Lehrer Zahn von Selb das 2. Schulhaus gerettet haben, die, als das Wasser gebrach, die brennenden Fensterkreuze zuletzt mit Tinte ablöschten. Seine Pflicht hat auch Pfarrer Cloeter getan, der unter Ausserachtlassung seines eigenen Besitzes die ganzen Kirchenbücher, die wertvolle alte Kirchenbibiliothek und die Hauptsache der Pfarrregistratur rettete, ebenso der Stadtschreiber Seybold, der die Rathaus-Registratur mit einem grossen Teil der Archivalien und Stadtbücher gerettet hat. Bei den alten Pfarrakten befindet sich ein Verzeichnis derer, die beim Brande sich besonders ausgezeichnet haben.
Ungeheuer viel Wertvolles ist aber durch den Brand in Schutt und Asche gefallen. Selb hat seinem althistorischen Charakter verloren und ist in baulicher Beziehung stillos geworden. Ein Teil der Urkunden, die im Schloss aufbewahrt waren, ging verloren. Das alles hätte für die Nachwelt grossen Wert gehabt und war nicht mehr zu ersetzen. Gewiss besaß auch der Einzelne noch manch wertvolles Familienstück, dessen Verlust auch vom Standpunkt der Allgemeinheit sehr zu beklagen ist. Vieles freilich von dem, was verloren ging, wurde wieder ersetzt und besser ersetzt. Christliche, brüderliche Liebe hat unmittelbar nach dem Brande eingesetzt, um zu helfen und zu heilen.
Zunächst galt es den Hunger und Durst der auf den Fluren herumliegenden, von Kummer und Schrecken und Abgebrannten und ihrer Tiere zu stillen. Aus den benachbarten Ortschaften, vornehmlich aus Asch wurden gleich am frühen Morgen nach dem Brande Wagen voll Brot und andere Nahrungsmittel und Futter herbeigeschafft. Sehr schwierig war es für die 624 Familien, die obdachlos geworden waren (mehr als 3.000 Personen), Unterkunft zu suchen. Teils wurden sie auf den umliegenden Dörfern, teils auch notdürftig in den Ruinen untergebracht. Das Elend war gross: nur 17 Einwohner hatten ihr Mobilar versichert. Der 1. Pfarrer blieb zunächst wegen seiner in offenem Gewölbe und Keller liegenden Effekten in der Stadt. Er fand Unterschlupf beim Weber Wolf Sommerer am Ostende der Stadt. Später schlug er seine Wohnung in Unterweißenbach auf. Der 2. Pfarrer suchte zuerst Unterkommen beim Lehrer in Vielitz und siedelte später nach Oberweißenbach über. Der Rektor nahm in Erkersreuth Wohnung. Auch auf den Pfarrgebäuden, vornehmlich auf dem Pfarrstall, wurden Notdächer errichtet und dort die geretteten Effekten des Pfarrers und der Pfarrerei aufbewahrt. Auch den Turm, den man zunächst wieder herstellen wollte, deckte man notdürftig ab.
Das es an allem, was Menschen bedürfen, nach dem Brande in Selb fehlte, ist selbstverständlich. Aber ebenso gross wie die Not war auch die Hilfsbereitschaft im ganzen bayerischen Vaterlande. Selb und seine Bevölkerung sollte es nie vergessen, was christliche Liebe in jenen Tagen getan. Dankbar sollte man auch daran gedenken, dass das bayerische Könighaus, Mar II. und Ludwig I., sowie die Königin im ganzen Lande eine Kollekte von Haus zu Haus zu veranstalten befahl. Die Kollekte ertrug 75.000 Gulden. Ausserdem flossen Selb grosse Mengen von Nahrungsmitteln und Kleidungsstücken zu, auch das königliche Haus hatte viele Kleidungs- und Wäschestücke gespendet. Die Sammlung wurde frachtfrei mit der Eisenbahn bis Schwarzenbach Saale befördert. Dort in Schwarzenbach hatte sich ein Speditionskomitee gebildet, an dessen Spitze Bürgermeister Goller von Schwarzenbach stand. Dieses Komitee sorgte dann für den Weitertransport der Gaben nach Selb. Die angelieferten Pakete mussten die Aufschrift tragen Kollektensache. Auch die angefallenen Gelder wurden postfrei erpediert. Zur Verteilung der Spenden wurde ein Komitee gebildet. Der Vorstand desselben wurde Landrichter Kellein, der 2. Vorstand war Pfarrer Cloeter, der 3. Vorstand Bürgermeister Martin Netzsch.
Das Komitee selbst bestand aus Mitglieder des Magistrats, der Gemeindebevollmächtigen, der Armenpflege. Es war eine überaus schwierige und undankbare Aufgabe, die Gaben niemand zu Liebe und niemand zu Leide austeilen. Denn es war im Voraus zu erwarten, dass dem Komitee alle möglichen Vorwürfe gemacht werden würden. Das Komitee tagte im stehengebliebenen Schulhaus. Dieses wurde wochenlang von den Arbeitslosen umlagert, die immer wieder mit Forderungen an das Komitee herantraten, die empfangenen Waren unter sich verkauften und für Verbreitung halb wahrer und unwahrer Gerüchte sorgten. Hat das Komitee einmal einem Laib Brot angeschnitten – seine Mitglieder mussten ja schliesslich doch auch etwas essen – gehörten sie ja schliesslich doch auch zu den Abgebrannten, gleich wurde ihnen der Vorwurf gemacht und in die Welt hinausposaunt, dass Komitee vergeude und verschwende die Wohlfahrtsgaben, es zeche im Schulhaus. Dass solche Vorwürfe überaus unklug waren und der Bevölkerung Selbs mehr Schaden als Nutzen brachten, ist selbstverständlich. Wenn wir heute die Arbeit dieses Komitees beurteilen, die Gabenlisten und die Verteilungslisten liegen bei den Parrakten, dann gewinnen wir den Eindruck, dass dasselbe gewissenhaft gearbeitet hat und dass alle üblen Nachreden Verleumdungen waren, wie sie auch heute noch nicht nur Seltenheit geworden sind. Dazu gehörte auch das Couplet, das ein gewisser Mauerer Riedel verfasst, oder wenigstens für dessen Verbreitung gesorgt hat – Das Gedicht wurde vom Landgericht verboten und konfisziert. Es ist auch tatsächlich kein Exemplar mehr aufzutreiben. Nur einige Verse konnte ich mir noch aus dem Gedächtnis sagen lassen.
Sie lauten: Im Jahre 1856, zum grossen Selber Brand, wimbede, wimbambum, da kamen grosse Fuhren zum Verteiln; ‘s war a Schand: Wimbede, wimbambum Seit dem grossen Selber Brand ist es für Euch ‘ne wahre Schand! Der eine trägt den Speck nach Haus, na anderen zieht ma d’ Socken aus. Da kommt die löbliche Polizei, Gestohlen ham sie, alle zwei. Das das Landgericht seinen Sitz nach dem Brande nach Thierstein, und nicht, wie die Regierung es wollte, ins Schloss Erkersreuth verlegte, hat natürlich nicht dazu beigetragen, dass die Verhältnisse in dem abgebrannten Selb bald geordnet wurden.
Wiederaufbau der Stadt Selb
Mit dem Wiederaufbau der Stadt durfte erst nach Fertigstellung eines Bebauungsplanes, der auf Erweiterung der vormals engen Gassen und Strassen bedacht war, ohne durch Strassen-Neubauten viele Kosten zu veranlassen, begonnen werden. Es dauerte dies aber doch noch 4 Wochen. Diese 4 Wochen waren die schwersten für die Bevölkerung, die zur Untätigkeit verdammt war. Sobald nun aber der Bebauungsplan genehmigt war, setzte die rührige Bautätigkeit ein. Das Wetter war überaus günstig und bis zum Oktober war der grösste Teil der Häuser wieder soweit aufgebaut, dass sie bezogen werden konnten. Im Oktober kehrte auch das Landgericht wieder nach Selb zurück. Der Staat hatte das Areal des abgebrannten Schlosses und die umliegenden Brandstätten aufgekauft, um dort die für den Staat nötigen Gebäude aufzuführen. Im Herbst wurde noch mit dem Neubau des Landgerichtes, des Forsthauses und des neuen Schulhauses begonnen. Der Staat verlegte nun auch ein Rentamt nach Selb und dieses sollte in dem neuen Rathaus, für das der Staat den noch übrigen Bauplatz am Landgericht zur Verfügung stellte, unternommen werden. Mit diesem Bau wurde 1861 begonnen. 1862 am 1. Oktober war er vollendet.
Der rasche Aufbau der Stadt Selb geschah leider in einer Zeit, die vom Bauen wenig verstand und so wurde versäumt, auch nur irgendwie architektonisch reizvoll zu bauen. Auch musste ja mit den billigsten Mitteln gearbeitet werden. Durch den Brand waren viele Webmaschinen mit vernichtet, die nicht mehr wiederbeschafft wurden, das führte dazu, dass die Selber einen anderen Erwerb suchen mussten. Industrie förderte das rasche Wachstum in der neuerstehenden Stadt. 1858 errichtete Lorenz Hutschenreuther die grosse geplante Porzellanfabrik auf der Ludwigsmühle. Damit begann für unsere Bevölkerung eine neue Erwerbs Möglichkeit. Auch für das Gewerbe, das von der Industrie immer in Anspruch genommen wurde, ergab dies bessere Arbeitsgelegenheit. Mit der Arbeit aber kehrt der Wohlstand ein und damit nimmt die Zufriedenheit ihren Einzug. Das war auch in Selb der Fall. In der neuerbauten Stadt herrschte bald Zufriedenheit und Wohlstand. So war der Brand wohl ein schwerer Schlag für Selbs Bevölkerung gewesen, aber er hatte in seinem Gefolge doch Heil und Segen. Der Aufschwung unserer Stadt ist auf den Brand zurück zuführen.