Bergsteiger Philip Rosenthal
Porzellan-Millionär Philip Rosenthal fand aus ungezählten Modellen den - auf der Industriemesse in Hannover präsentierten - idealen Weinkelch. Bergsteiger Rosenthal dagegen verwechselte einen 6000 Meter hohen Himalaya-Riesen mit einem bescheidenen Buckel." Mit dieser hämischen Kritik versuchte das Münchner Fachblatt "Alpinismus" der von Rosenthal, 48, geleiteten bayrischen Karakorum-Expedition 1964 fehlerhafte Ergebnisse nachzuweisen. Die sechsköpfige Rosenthal-Mannschaft hatte, pakistanischen Vorschriften entsprechend, die etwa 7000 Meter hohen Gipfel Malubiting und K 12 als Expeditionsziele angegeben. Die zur Besteigung des K 12 bereits vorliegende Genehmigung wurde zurückgezogen, als die Gruppe in Pakistan eintraf, "vermutlich, weil sie gleichzeitig einer japanischen Expedition erteilt worden war" (Rosenthal). Ersatzweise durfte die Rosenthal-Crew die ungefähr 7000 Meter hohen Mazeno-Peaks angreifen. Doch Lawinen verschütteten zwei Lager. Die glücklich entkommenen Alpinisten brachen die Mazeno-Belagerung ab. Statt dessen bestiegen sie nun einen knapp 6000 Meter hohen, bis dahin unbezwungenen Gipfel. Rosenthal nannte ihn nach seinem Sohn - und einem Vasallen Karls des Großen - Turpin. Auf den Namen seiner Tochter trug er zwei anschließend erklommene, 5200 Meter hohe Gipfel als Sheila-Peaks in die Nanga-Parbat-Karte ein. Im Novemberheft 1964 druckte "Alpinismus" den Expeditionsbericht der Rosenthal-Gruppe. In der April-Ausgabe 1965 allerdings spottete die Monatsschrift über den Turpin-Törn: "Ein Millionär erwischte den falschen Berg." Den von Rosenthal irrtümlich erklommenen, nur 5200 Meter hohen Berg habe schon 1934 der deutsche Geograph Walter Raechl überquert.
Als Beweis für die angebliche Verwechslung führte der anonyme Autor an: "Die Kammverlaufskizze entspricht nicht den wirklichen Verhältnissen am Nanga Parbat." Wie falsche Angaben am Alpinistenruhm zehren, hatte "Alpinismus" -Chefredakteur Toni Hiebeler 1961 am eigenen Leib erfahren, nachdem ein von ihm bei der ersten Winterbesteigung der Eiger-Nordwand angewandter Trick bekanntgeworden war: Hiebeler hatte den Eiger aus einem Stollen in 600 Meter Höhe bezwungen. Zu dem Angriff auf Rosenthal (alpinistische Gipfelleistung: Ersteigung des 6957 Meter hohen Aconcagua in den Anden) hatte Dr. Karl Herrligkoffer aus München die entscheidenden Angaben beigesteuert. Unter Herrligkoffers Expeditionsleitung hatte Hermann Buhl 1953 den "deutschen Schicksalsberg" Nanga Parbat (8125 Meter) erklettert. Herrligkoffers umstrittene Methoden waren Anlaß zu einer heftigen Kontroverse mit Buhl gewesen. Der Deutsche Alpenverein verweigerte Herrligkoffer zeitweise Hilfsgelder, weil er die Gipfelaktionen meist "von unten" verfolgt habe. Heftig reagierten sofort auch Rosenthal und seine Mannschaft auf die "gewisse Art von Böswilligkeit" (so Expeditionsteilnehmer Heinz Reiter), die sie in dem "Alpinismus"-Vorwurf sahen, den falschen Berg erklommen zu haben. "Der Turpin", versicherte Rosenthal. "ist vom Rupal-Tal aus so unverwechselbar zu erkennen wie die Feldherrnhalle von der Münchner Leopoldstraße."
Zum Beweis legte Rosenthal Photos von einem Talsee auf den Turpin und umgekehrt vom Turpin-Gipfel auf den Talsee vor. Ein Vergleich der Bilder mit der Nanga-Parbat-Karte (Maßstab: 1:50 000) überzeugte auch den Ausschuß für Auslandsfahrten des Deutschen Alpenvereins davon, "daß die Darstellung im 'Alpinismus' falsch ist". Mitte Mai soll die Gegendarstellung in den Mitteilungen des Alpenvereins veröffentlicht werden. Bis vor kurzem hatten die beiden in die Alpinisten-Fehde verwickelten Kontrahenten noch an einem Seil gezogen. Rosenthal war, bevor er mit 42 000 Mark zu etwa Zweidrittel seine eigene Expedition finanzierte, als Förderer auch an einigen der insgesamt fünf Nanga -Parbat-Unternehmungen Herrligkoffers beteiligt gewesen. Doch die für diesen Sommer angesetzte Herrligkoffer-Expedition in das Nanga-Parbat-Gebiet wollte Rosenthal nicht mehr unterstützen. "Damit keine Fehler in die Geschichte des Nanga Parbat eingehen", erweiterte Herrligkoffer nun die Ziele seines für Juli vorgesehenen Gipfelunternehmens: "Wir werden alles nachmessen." Bergsteiger Rosenthal auf dem Sheila, Bescheidener Buckel?