Dossier Rosenthal
Dossier Rosenthal der Tränen von Kathrin Werner (Selb) - Früher kauften die Leute das zwölfteilige Service von Rosenthal - heute Geschirr aus Asien. Das trieb den fränkischen Porzellanhersteller in den Ruin. Nun kämpft der Insolvenzverwalter um die Zukunft einer Firma mit großer Vergangenheit. Mittags sind die Läden in Selb geschlossen. Dann gehen die Bewohner ins Café Ludwig. Alte Damen, der Apotheker, auch der braun gebrannte Herr, der mit Kasinos in Tschechien reich geworden ist. Das Radio dudelt: "Und nun die Nachrichten: Rosenthal hat einen Käufer gefunden." "Seid mal ruhig, das will ich hören", flüstert eine Dame mit blond gefärbten Locken. "Der italienische Besteckhersteller Sambonet will den insolventen Porzellanproduzenten übernehmen", sagt die Radiostimme. Die Blondgefärbte zuckt mit den Schultern. "Na, mal schauen, ob das klappt. Ich glaub's ja nicht mehr." Früher glaubten in Selb alle an Rosenthal. Der Porzellanhersteller war der Stolz der Kleinstadt. Er brachte Glanz und Goldgräberstimmung in den nordöstlichsten Zipfel Bayerns. Doch das Geschäft mit Geschirr läuft nur noch schleppend. Nun liegt das Unternehmen am Boden, Anfang Januar musste es Insolvenz anmelden. Und mit der Firma fürchtet eine ganze Stadt den Niedergang.

Das Schicksal liegt jetzt in den Händen eines Mannes, der nie im Café Ludwig zu Mittag isst und der mit Porzellan noch nie etwas zu tun hatte: Volker Böhm ist der vorläufige Insolvenzverwalter. Der 40- jährige Anwalt aus Nürnberg trägt einen hellen Anzug und Streifenkrawatte, hat schon in New York gearbeitet und redet sehr schnell. "Für die Leute ist das natürlich ein Schock, wenn der Insolvenzverwalter kommt", sagt er. Schließlich ist Rosenthal kein gewöhnliches Industrieunternehmen. Es ist eine Firma mit viel Geschichte und wenig Gegenwart, die schwächelnde Herzkammer einer ganzen Stadt. Selb lebt für das Porzellan. In der Stadtmitte steht ein Brunnen aus 45.000 Porzellanplättchen, im Standesamt heiraten Paare auf Porzellanfußboden, die Wanderkarte des Fichtelgebirgsvereins ist aus Porzellan, auch das Glockenspiel im Rathaus. Es gibt ein Rosenthal-Theater, und die Selber Wölfe spielen in der Hutschenreuther-Halle Eishockey. Insolvenzverwalter Böhm geht die Angelegenheit trotzdem sehr nüchtern an. Er hat ein Büro in der Verwaltung am Philip-Rosenthal-Platz 1 bezogen. Mit seinen 15 Mitarbeitern durchforstet er Akten, prüft Bilanzen und Verträge. Er macht sich ständig Notizen - und wenn er spricht, klingt seine Sprache so spröde und analytisch wie sein Job.
Viel ist vom alten Glanz nicht mehr übrig. Der Umsatz sinkt seit Jahren. Im vergangenen Geschäftsjahr fuhr Rosenthal einen Verlust von 23 Mio. Euro ein. Anfang Januar schlitterte die irische Muttergesellschaft Waterford Wedgwood, die 90,7 Prozent an Rosenthal hält, in die Insolvenz. Es floss kein Geld mehr, Rosenthal war pleite. Jetzt hoffen die Rosenthaler auf einen Käufer. Die Verträge mit einem Interessenten seien kurz vor der Insolvenz fast unterschriftsreif gewesen. "Es gibt perse Anfragen von Investoren", sagt Böhm. "Wir arbeiten zurzeit zweigleisig, indem wir den Verkauf weiter verfolgen und eine Planung aufstellen, wie wir das Unternehmen selbst weiterführen können." 1879 fing die Rosenthal-Geschichte an: Philipp Rosenthal bemalte das weiße Geschirr anderer Hersteller und verkaufte es. Damit war er so schnell so erfolgreich, dass die sich weigerten, ihn zu beliefern. Also produzierte er selbst. Verkaufsschlager war das Service "Maria", weiß oder mit Blumenmuster, das Rosenthal 1916 seiner 35 Jahre jüngeren Frau Maria widmete. Die Firma stellt es noch immer her. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Sohn Philip (mit einem "p") die Firma, ein Weltenbummler, Bohemien und Lebemann, stets modisch gekleidet mit Zigarre im Mundwinkel. Er verpflichtete große Namen wie Dalí, Andy Warhol oder Walter Gropius für Rosenthal. Über das Fabrikgelände stolzierten Flamingos. Künstler gingen in Selb ein und aus. Mehr als 5000 Menschen arbeiteten in den Porzellanfabriken. Mit der Wiedervereinigung kam die Krise, seit den 90er-Jahren geht es nur noch bergab. Billigimporte aus Asien und ein verändertes Konsumverhalten haben die Branche geschwächt. Markengeschirr mit Terrine, Sauciere und Kaffeekanne ist längst kein Statussymbol mehr, es gehört nicht mehr wie früher zur Aussteuer jeder Braut. Heute kauft man Geschirr bei Ikea, made in China, oder im Supermarkt als Set für sechs Personen - für 49 Euro.

Ein Traditionsunternehmen nach dem anderen muss aufgeben oder wird verkauft: Winterling, Hutschenreuther, der Hummel-Figuren-Hersteller Goebel. Rosenthal ist der letzte Überlebende in der Region. In der vergangenen Woche hat sich Böhm der Belegschaft vorgestellt, 500 Mitarbeitern im Saal des Feierabendhauses. Zu besseren Zeiten hatte das Haus seinen Namen verdient, nach Dienstschluss traten hier Jazzstars auf, etwa Count Basie oder Duke Ellington. Rechtsanwalt Böhm erklärte unter der alten Diskokugel das Insolvenzverfahren, dass er nach Investoren sucht - und wann, wie und von wem die Angestellten demnächst ihre Gehälter bekommen. "Es war gut, dass das der Insolvenzverwalter erzählt hat. Dem Vorstand hätte keiner mehr geglaubt", sagt Hartmut Baumann, Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie in Nordostbayern. Er ärgert sich seit Jahren über Rosenthal. "Der Konzern ist so gestrickt, dass man zu Bilanzstichtagen versucht hat, so gut wie möglich dazustehen." Ansonsten wurde gespart, meist auf Kosten der Belegschaft. Entlassungen, Gehaltsverzicht, gekürztes Weihnachtsgeld - und jedes Mal das Versprechen, dass es diesmal das letzte Mal ist. "Wir hoffen jetzt alle, dass jemand kommt und richtig aufräumt: der Insolvenzverwalter oder ein neuer Investor", sagt Baumann.
Der Gewerkschafter glaubt, dass die Probleme des Porzellanherstellers zum großen Teil hausgemacht sind. Rosenthal mache noch das Gleiche wie vor 130 Jahren. Nur die Welt um Rosenthal herum habe sich verändert. "Es gab ein paar Strategie-Workshops, aber dann ist alles irgendwie stecken geblieben", sagt er. Es gebe zu hohe Lagerbestände, die zu viel Kapital binden. Und die Marke Hutschenreuther, die seit der Insolvenz des Wettbewerbers im Jahr 2000 zu Rosenthal gehört, hätten die Manager nicht gut am Markt platziert. Im Vorstand habe es oft Meinungsverschiedenheiten gegeben. "Und am Ende war es immer Küsel, der alles entschieden hat", sagt Baumann. "Küsel ist der Alleinherrscher bei Rosenthal." Baumann ist einer, der sich traut, Vorstandschef Ottmar Küsel offen zu kritisieren. In Selb ist das wie Majestätsbeleidigung. Die meisten Kritiker sprechen nur über ihn, wenn man ihren Namen nicht nennt. "Da kommt man in ein Möbelhaus und sieht, wie Rosenthal-Teller auf dem Wühltisch liegen mit einem roten Prozente-Aufkleber über dem Stempel. So macht man die Marke kaputt", sagt einer. In der Verwaltung werde seit Jahren Geld vernichtet, sagt ein anderer. Küsel engagiere teure Berater, denen er dann doch nicht zuhöre. Er organisiere Events wie die 125-Jahr-Feier vor fünf Jahren mit Cohibas und großem Büfett, während in den Häfen Ware liegen bleibe, weil niemand die Lieferantenrechnungen bezahlt hat. Küsel hat keine Zeit für ein Treffen. Er sei zu beschäftigt, das Unternehmen zu retten, sagt seine Sprecherin. Wolfgang Kreil würde den Vorstandschef am liebsten selbst ablösen. Der Selber Oberbürgermeister hat vor 30 Jahren im Vertrieb von Rosenthal gearbeitet und sein Studium der Betriebswirtschaft abgebrochen, weil es ihm so gut gefiel, dass er nach einem Praktikum gleich blieb. Fünf Jahre später verkrachte er sich mit dem Chef und musste gehen. Seither durchforstet er jede Bilanz bis ins Kleingedruckte auf der Suche nach Fehlern des Managements.
Weniger als 1000 Selber arbeiten noch in den Porzellanfabriken, bei Rosenthal sind es unter 500. "Wir sind Niedergang gewohnt", sagt der Bürgermeister. "Und viel kann hier sowieso nicht mehr wegbrechen." Die Stadt ist vom Niedergang ihrer Hauptindustrie gezeichnet. Von den Hauswänden bröckelt der Putz, Fensterscheiben sind mit den Jahren blind geworden. 300 Wohnungen hat Kreil in den vergangen Jahren abgerissen, Selb braucht sie nicht mehr, die Jungen ziehen sowieso weg. "Rosenthal ist wichtig für die Stadt - für die Identität, das Gefühl nach innen und das Image nach außen", sagt der Oberbürgermeister. "Aber eben nicht mehr so wichtig wie früher." Es gibt ja noch BHS Tabletop. Der Hutschenreuther-Rechtsnachfolger ist das Gegenbeispiel zu Rosenthal. BHS hat sich in den 90er-Jahren vom Kerngeschäft, dem Edelgeschirr für Privatleute, verabschiedet und ist heute Weltmarktführer für Gastronomieporzellan. Das Unternehmen erwirtschaftet mit rund 1200 Mitarbeitern einen Umsatz von 94 Mio. Euro und einen Gewinn von 2,7 Mio. Euro. Im Kreml, im Waldorf Astoria oder im Burj al Arab in Dubai - überall dort isst man von BHS- Tellern. Der alte Firmensitz in Selb hat frische Farbe bekommen. "Wenn ein Geschäftsmodell nicht funktioniert, dann muss man sich ändern," sagt Vorstandschef Hans Beckmann trocken. Insolvenzverwalter Böhm wird nun prüfen, ob eine Veränderung auch Rosenthal noch retten kann. Vier Wochen wird er dafür brauchen. Er hat sich auf dem Vorstandsflur der Hauptverwaltung eingerichtet, das Türschild ist schon angebracht. "Ich bin positiv gestimmt", sagt er. "Die Insolvenz bedeutet auch, dass da jemand kommt, der nach einer lang andauernden Hängepartie für Klarheit sorgt."
Chronik: Aufstieg und Fall eines Traditionsunternehmens 1879 Philipp Rosenthal gründet in einem Dorf bei Selb sein Unternehmen. Er kauft von Hutschenreuther und anderen Herstellern weißes Geschirr und bemalt es. Die Ware kommt so gut an, dass er bald selbst damit beginnt, Porzellan herzustellen. 1916 Der erste große Verkaufserfolg ist das Service "Maria". Rosenthal benennt es nach seiner 35 Jahre jüngeren Frau. Das Unternehmen stellt es noch heute her. 1934 Wegen seiner jüdischen Abstammung muss Rosenthal aus dem Unternehmen ausscheiden. Die Firma wird "arisiert". 1945 Nach dem Zweiten Weltkrieg erhält Gründersohn Philip Rosenthal die Firma zurück. Der schillernde Bohemien und Ex-Fremdenlegionär führt die Arbeitnehmerbeteiligung ein. Von 1969 bis 1980 sitzt er für die SPD im Bundestag. Ein Jahr lang ist er Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium.
1950 bis 1990 Rosenthal arbeitet seit den 50er-Jahren mit bekannten Künstlern zusammen. Es gibt ein Versace-Service und Porzellan von Andy Warhol und Bauhaus-Begründer Walter Gropius. Klassiker wie das Service "Suomi" entstehen. In den 80er-Jahren hat das Unternehmen mehr als 7500 Mitarbeiter. 1990 Billigimporte aus Asien und ein verändertes Konsumverhalten der Deutschen machen Rosenthal und den Rivalen zu schaffen. Die Nachfrage nach großen zwölfteiligen Kaffeeservices sinkt.
1997 übernimmt der irische Porzellanhersteller Waterford Wedgwood die Mehrheit an Rosenthal. Der Konzern sucht seit Sommer 2008 nach einem Käufer für seinen Anteil von 90,7 Prozent an den Franken. 2009 Waterford schlittert am 5. Januar in die Pleite. Ohne Geld aus Irland ist Rosenthal verloren. Die Tochter meldet vier Tage später selbst Insolvenz an. Der vorläufige Insolvenzverwalter Volker Böhm soll bei Rosenthal aufräumen. FTD-Informationen zufolge interessiert sich der italienische Besteckhersteller Sambonet Paderno für die Firma. Böhm bestätigt Verhandlungen mit einem Investor, spricht aber auch von Anfragen anderer Interessenten, die Waterfords Anteile an Rosenthal abkaufen wollen.