Flamingos in Philipsburg
Flamingos in Philipsburg - Schalmeien, Gamben und Krummhorn lieferten den Gästen altfränkische Weisen ins Ohr, eine Jazz-Combo bot den "Blues for Saschko". 400 Besucher verzehrten Nürnberger Rostbratwürste, Kräuterkäse und Schlehengeist. Der Hausherr rauchte Rössli-Stumpen für 30 Pfennig das Stück. 27 Millionen Mark ließ sich der Porzellan-Industrielle Philip Rosenthal, 51, in Selb/Oberfranken (10 000 Beschäftigte, 200 Millionen Mark Jahresumsatz) eine neue Fabrik kosten, obwohl seine Hausarchitekten den halben Preis für ausreichend gehalten hatten. Doch Rosenthal, allergisch gegen jede Mißform, mochte die ihm empfohlene Eternit-Halle, "dieses mechanische Ungeheuer, das Geist und Seele tötet", seinen Arbeitern nicht zumuten. So bat der philanthropische Hausherr den Altbaumeister Walter Gropius, 84, um Mitarbeit. Nach einigen Wochen Bangen, ob der berühmte Architekt wohl im verschlafenen Selb werde bauen mögen (Rosenthal: "Ich kann doch auch den Papst nicht bitten, meine Tochter zu taufen"), erhielt der Geschirrfabrikant Antwort: Gropius mochte. Auf einer Fläche von 21 000 Quadratmetern errichtete der Professor aus New York, der zur Zeit in Bagdad eine Universität baut, ein weitläufiges eingeschossiges Anwesen aus Stahlbetonskelett. Jedes Bauteil wurde vorfabriziert und auf der Baustelle nur aufgerichtet. Wuchtige graue Betonstützen tragen das flache Dach, zwischen den Stützen leuchten blaue und weiße Wände. Ein weit über die Mauerfront hinausragendes Portal mit riesiger freischwebender Betonplatte verrät den Porzellangießern, wo in dem sonst nüchtern-sachlichen Bau der Einlaß ist. Dahinter öffnet sich ein weiter gepflasterter Verkehrshof mit Rasenflächen und Teichen. Die Rosenthaler gaben dem Werk den Namen "Philipsburg". Gropius, einst Leiter des weltberühmten Dessauer "Bauhauses", studierte vor Baubeginn wochenlang die Arbeitsplätze der Porzellanmacher. Dabei entdeckte er auf den Werktischen unzählige Vasen mit bunten Blumen, bei deren Anblick sich die vom einerlei Porzellanweiß ermüdeten Rosenthaler erholten. Die vielen Sträuße vereinigte der Architekt zu einem einzigen: In die Mitte der neuen Fabrik stellte Gropius einen "Riesenblumentopf", ein Gewächshaus mit tropischen Pflanzen. Drei bonbonfarbene kubanische Flamingos stelzen darin umher. Der Materialfluß so dozierte der Meister, "entspricht einem Kreislauf, der nur vom Rohstoff-Einlauf und vom Fertigungs-Auslauf unterbrochen wird." Alle Abteilungen können durch Umsetzen der Fertigbau-Elemente binnen weniger Tage vergrößert werden. Um den kühlen Zweckstil aufzulockern, verblendete Gropius die Brennöfen mit roten Ziegelsteinen, ihre Stahlkanten ließ er blau streichen. "So kommt ein bißchen Hänsel und Gretel ins Porzellanhaus", schrieb "Die Zeit". Jeden Morgen und Abend schleust Rosenthal die im neuen Werk Beschäftigten durch ein "Informations-Zentrum", das vor den Umkleideräumen liegt. Ein "Weltspiegel" bringt Nachrichten des Tages, die der Fabrikant in seiner Presseabteilung aufbereiten läßt. Photos mit Türrecks und Hanteln sollen die krummsitzenden Porzellanmacher zum Heimturnen anspornen. Ein Hinweisschild fordert sie auf, stets den "Lift zur Gesundheit" die Treppe, zu benutzen. Ein Wandstück seines Informationszentrums überließ Rosenthal, Demokrat aus Leidenschaft, SPD-Wähler und scharfer Gegner der innerbetrieblichen Mitbestimmung, den Gewerkschaften. Sogleich befestigten sie dort ihr Plakat: "Eine Idee des Jahrhunderts -- Mitbestimmung." Über dem durchgehend eingeschossigen Fabriktrakt erhebt sich ein zweistöckiges "Feierabendhaus", in das der engagierte Wanderer und Bergsteiger Rosenthal seine Werkleute zu Sport und Spiel einlädt. Im Speisesaal seiner Freizeitabteilung ließ Rosenthal eine Schauspielbühne herrichten, um "ein wenig Großstadtkultur" nach Oberfranken -- von Einheimischen "Bayrisch-Sibirien" genannt -- zu holen.
Baumeister Gropius: "Der Arbeiter braucht solche ständigen kleinen Stimulationen."
Außerdem enthält das Feierabendhaus eine Bibliothek sowie Räume mit Billardtischen und Tischtennisplatten. An ihren Wänden ließ der Konzernherr Klettersprossen anbringen. Daran sollen die Geschirrbrenner ihre Bauchmuskulatur kräftigen, eine Übung, die der sehnige Chef des Hauses allmorgendlich an einer Sprossenwand seines Schlosses Erkersreuth verrichtet. Gropius-Fassade, Spielsäle, Wintergarten und Sprossenwand sollen laut Rosenthal nicht allein die Arbeitslust der Porzellanmacher stärken, sondern zugleich "als werbende Kraft des Unternehmens nach außen" wirken -- als betriebliches Äquivalent moderner Porzellanform. Die neue Geschirrfabrik, die Anfang Oktober im Beisein Ludwig Erhards eingeweiht wurde, trug dem Konzernherrn und seinem Baumeister mittlerweile lobende Anerkennung der Architekten-Elite ein. Weniger erfreut nahm Rosenthal eine andere Nachricht auf. Der Deutsche Werkbund Bayern, eine Vereinigung von Stil-Puristen, verwarf ein Beitrittsgesuch des Oberfranken. Grund: Der Industrielle mit den fortschrittlichen Tassenformen und der modernen Fabrik liefert für den Export noch stilwidrig Blümchenmuster.