Lochstickerei in Porzellan
Die zerbrechliche Pracht neckisch tanzender Bajaderen, das auf eine barock gerahmte Platte gepinselte Lächeln der Mona Lisa und andere das Vertiko verunzierende Staubfänger aus Porzellan - kurz: "Tante Emmas ganzes Glück" soll zertöppert werden. Nicht von heute auf morgen, versteht sich, aber immerhin: Die deutsche Rosenthal-Porzellan AG im bayrischen Selb hat sich für neue Formen in Porzellan den "Industrie-Entwerfer" Professor Wagenfeld vom Werkbund gesichert. Der in Düsseldorf sitzende Deutsche Werkbund ist nur eins der Gremien, die sich für die gute Form bei den Gegenständen des täglichen Gebrauchs interessieren. Außerdem gibt es noch den "Arbeitskreis für industrielle Formgebung", den der "Bundesverband der deutschen Industrie" in Frankfurt ins Leben gerufen hat, und in Darmstadt wirkt recht in der Stille der vom Bundeswirtschaftsminister Erhard angeregte "Rat für Formgebung". Nur wenige Hüter des guten Geschmacks sind indessen in der Lage, dem Meister an der Drehbank zu zeigen, wie sich etwa ein Türgriff verbessern ließe. Um das zu können, hat der Werkbund-Professor Wagenfeld zunächst einmal zwanzig Semester in Hörsälen abgesessen, danach in der Elektro-, Glas- und Porzellan-Industrie praktisch gearbeitet und als Ziseleur und Silberschmied zwei abgeschlossene Handwerkslehren durchgemacht. Das hat den vielstudierten Professor instand gesetzt, das Anliegen des Werkbundes würdig zu vertreten: "Die Integrierung der Dinge um uns zu gestalten." Oder einfacher ausgedrückt: "Die Tasse der Arbeiterin, die Tasse des Intellektuellen, die Tasse des Diplomaten muß immer eine Tasse, das heißt als Tasse tauglich sein." Wagenfelds neue Rosenthal-Tasse erfüllt diese Forderung und noch ein wenig mehr. Die Untertasse ist so konstruiert, daß man das Trinkgefäß gesprächsverloren ruhig einmal kippen kann, ohne daß der Tee auf den Anzug schwappt. Im übrigen zeigt das neue "Thomas-Geschirr" von Professor Wagenfeld auffallend hochgezogene Kannen und Schüsseln, die für den raumknappen Familientisch berechnet sind. Diese Dinge sind nicht umwerfend neu. Professor Wagenfeld, der die Reform veralteter Produktionen schon einige Male durchexerziert hat, hält wie die meisten Industrie-Entwerfer nicht viel vom abrupten Bruch zwischen Tradition und neuer Linie. 1936 säuberte er den "Verein der Lausitzer Glaswerke", der - nach Wagenfeld - "voll von gepreßten Glasfiguren, Vertiko-Ballast und greulichen Trinkgläsern" war. Wagenfeld ließ damals die Produktion wie gewöhnlich weiterlaufen und schob nur einen schmalen Qualitäts-Sektor ein, der zunächst vom Kitsch subventioniert wurde. Nach einem Jahr hatte die Qualität den Kitsch fast zur Hälfte abgelöst, und nach drei Jahren trug sich die neue Produktion völlig. Nun ist der Werkbund keine ausgesprochene Abwehrorganisation gegen den Kitsch, den Philip Rosenthal, das 36jährige Vorstandsmitglied der Porzellan-AG, anspricht als "die Befriedigung eines an sich gesunden Strebens nach inpidualistischer Auswahl und menschlicher Wärme mit künstlerisch minderwertigen Mitteln".
Die Tendenz des Werkbundes nun, die Form aus der Funktion zu entwickeln, nach dem grob vereinfachenden Schlagwort: "Das Zweckmäßige ist immer auch das Schöne", heißt Rosenthal allenfalls bei anderen Industrieformen gut, nicht aber beim Porzellan, "das dem Menschen seelisch nahesteht". Rosenthal: "Ein funktionelles Auto ist akzeptabel, bei funktionellem Geschirr jedoch beginnt die Hausfrau zu frösteln." Das ist nicht nur in Deutschland so: Die kühnsten Farbkontraste, die üppigsten Blumenarrangements finden sich auf den Repräsentations-Service, die das Ausland heute noch bei Rosenthal bestellt. Im Vergleich zu den Paradestücken, die Selb bisher etwa für den Vatikan, für die "Banco de la Republica Bogota" oder die Botschaft von Saudi-Arabien (Dekor: eine Fahne, zwei Säbel und heftiges Grün) anfertigte, haben die Sammelservice der deutschen Warenhäuser geradezu dezente Muster. Der indische Maharadscha von Patiala bestand auf tiefviolettem Porzellan, während seinerzeit die persische Prinzessin bei einem Besuch in Selb so lange mit dem Fuß aufstampfte, bis man ihr Teller und Tassen in schreiendem Orangenrot versprach. General Eisenhower bekam zum Abschied aus Deutschland ein Rosenthal-Service geschenkt, auf dessen 96 Teilen das taktische Zeichen seiner Armee, ein flammendes Schwert, gemalt war. Daß heute auf dem in- und ausländischen Markt "ausgesprochenes Verlangen nach Kitsch" bestehe, dafür machen die Porzellanfabrikanten einmütig das ewig Weibliche verantwortlich. "Die Frau fragt nicht nach der zweckmäßigen Form, sie will ihren Schmuck für das Heim." Im Alltag gehe es mit schlichtem Porzellan noch eben so an, wenn Gäste kämen, sei es allerdings aus.
Nun plädiert aber der Deutsche Werkbund seit dem Jahre 1931, als die Firma Arzberg ein für die damalige Zeit revolutionäres weißes Service ohne jeglichen Schmuck auf den Markt brachte, für die glatt-natürliche Porzellanform ohne Dekor (Bemalung). Gerade davon aber will Philip Rosenthal, der in Oxford Kunstgeschichte studiert hat, als Kaufmann nichts wissen. Er ist bemüht, immer ein wenig "Dramatik ins Porzellan" zu bringen und damit das deutsche Gemüt per Porzellan anzusprechen. Darum bekommen Rosenthals Verkäufer Werbe-Slogans geliefert wie "Rosenthal, das Porzellan der Könige, des Vatikans, indischer Märchenprinzen und der Prominenz aus der Gesellschaft, Film und Diplomatie - fürstlich im Glanz, aber bürgerlich im Preis". Daher auch liest sich der Rosenthal-Porzellankatalog stellenweise wie von der Marlitt betextet: Es gibt Kaffeekannen "Dornröschen", "Prinzeß" und "Else", Teekannen "Helena" (verspielt-heiter), Salatieren "Winifred", Kuchenplatten "Molière" (vom Geist des heiteren Rokoko), es gibt Konfektdosen "Mystik", "Illusion", "Fantasie", Vasen "Heckenrose", "Erlkönig", "Goldene Palme" und eine Wandteller-Serie mit dem Titel "Ewige Heimat". Nicht zufällig, sagt Rosenthal, sei das Rokoko die große Zeit des Porzellans gewesen, weil es seine natürlichen Eigenschaften: Modellierfähigkeit, Transparenz und Farbwirkung auf leuchtendem Weiß vollständig ausgenutzt habe.
Kontert Professor Stephan Hirzel, Leiter der Werk-Akademie Kassel: "Die Sucht, weißes Porzellan zu dekorieren, ist nichts anderes als der horror vacui des modernen Menschen, die Angst vor der leeren Fläche, im übertragenen Sinne vor der Einsamkeit. Wir brauchen bemaltes Porzellan zur Ablenkung ebenso wie das Radio in der Natur, das Kino im Haus." Die Porzellan-Industrie solle endlich, statt sich hinter dem Publikumsgeschmack zu verschanzen, einen Affront wagen, fordert Hirzel. Daß sich die deutsche Porzellan-Industrie zu diesem Affront nur schwer entschließt, geht indessen nicht allein auf das Konto des vielgeschmähten Publikumsgeschmacks. Mindestens ebenso schwerwiegende Handikaps sind der Mangel an fähigen Industrie-Entwerfern, der klippenreiche Weg, den eine neue Form vom Künstler über Produzent, Generalvertreter, Vertreter und Händler bis zum Publikum durchlaufen muß, und der Fundus der Porzellanfabriken an traditionellen Formen, die sie nicht ohne finanzielles Risiko von heute auf morgen aus der Produktion ziehen können. Der alte Geheimrat Dr. h. c. Philipp Rosenthal hatte als Porzellanvertreter für Amerika im Jahre 1879 die Idee gehabt, weiße Untertassen aufzukaufen, durch einen Maler dekorieren zu lassen und als Aschenbecher ("Hohe Plätzchen für Zigarren") mit Gewinn zu verkaufen. Als er 1938 starb, hinterließ er einen der größten Porzellankonzerne der Welt mit zahlreichen Werken und sechseinhalbtausend Arbeitern. Mit ihm hinterließ er die zwei traditionellen Stilservice "Sanssouci" und "Pompadour", die bald die Runde um die Erde machten. Seine acht- und zwölfeckige Form "Maria-Weiß" entwickelte sich mit 176 Teilen zum größten und meistverkauften Tafelservice der Welt, das in jedem zweiten deutschen Haushalt auf dem Eßtisch stand. Obwohl diese Form mit dem weißen Fruchtrelief heute veraltet ist, macht sie immer noch einen so hohen Prozentsatz in der Rosenthal-Produktion aus, daß man wieder für sie wirbt. Unter dem Motto "Die Künstlerin in ihrem Heim" führt beispielsweise Schwarzwaldmädel Sonja Ziemann für Rosenthal schalkhaft eine "Maria-Weiß-Tasse" zum Munde.
Als sich Philip Rosenthal junior 1948 nach seinen beruflichen Eskapaden als Minenarbeiter in Afrika, Dolmetscher, Journalist und Student um die väterliche Hinterlassenschaft kümmerte, wurde ihm schnell klar, daß die Firma pleite ginge, wenn er alles, was ihm mißfiel, aus der Produktion werfen würde. Deshalb blies er die geplante Säuberung ab und bat statt dessen Amerikas prominentesten "Industrial-Designer" Raymond F. Loewy um eine neue Geschirrform. Loewy, der in seinem Entwurfsbüro New York-Chicago mit 200 Angestellten so ziemlich alle Gebrauchsgüter von der Coca-Cola-Flasche bis zum Flugzeug entwirft, schuf für Rosenthal die "Form E": ein glattes, sachliches Service, indem er die herkömmliche Rundform des Geschirrs zugunsten einer flachen, gestreckten aufgibt und die Schüsseln und Terrinen zum Anfassen nicht mehr mit Knöpfen, sondern mit flachen Ringen versieht, so daß die Deckel, wenn man sie umdreht, zusätzlich als flachere Schüsseln dienen können. Bei seinem Kaffee-Service "Rhythmus", das vorläufig nur für den Export nach Amerika bestimmt ist und vom New Yorker Museum of Modern Art mit dem Prädikat "Good Design" ausgezeichnet wurde, setzte Loewy statt eines Deckels spielerisch eine Untertasse auf die Kanne, versah sie mit einem Knopf und gab dem Service auf diese Art eine neue interessante Nuance. Revolutionierend im Sinne des Werkbundes ist die "Form E" indessen nicht, ebensowenig wie im Grunde auch Wagenfelds neues Thomas-Geschirr. Aber auf schockierende Neuformung hat der Werkbund-Professor bewußt verzichtet: "Die Leute müssen sagen, wenn sie dieses Service sehen, na, eigentlich hätte dem Wagenfeld auch etwas mehr einfallen können."
Rosenthal hat bislang selbst schon mit Erfolg experimentiert. Der Direktor Heinrich Rank, der bei Rosenthal die Kunstabteilung leitet und aus seiner Porzellan-Sphäre heraus alle Künstler in "barocke und nicht-barocke Menschen" einteilt, hat sich bereits ein halbes Dutzend namhafter "Moderner" herangezogen, so die Münchener Malerin Bele Bachem, die dreieckige Porzellanteller mit ihren skurrilen Katzen, Fischen und Mädchen bevölkert, den Direktor der Berliner Hochschule für angewandte Kunst Jan Bontjes van Beek, der eine Serie neuer glatter Vasen kreierte, ferner die Entwerferin der Stuttgarter Gardinenfabrik Margret Hildebrand und die chinesische Malerin Dr. Chow Chung Cheng. Hoffnungsvoller Nachwuchsstar der Kunstabteilung ist die 26jährige Beate Kuhn, die schon als Studentin von Rosenthal entdeckt wurde und seit Januar 1953 als Modellentwerferin im Betrieb beschäftigt ist. Ihre erste Kollektion unregelmäßiger, sehr eigenwilliger Vasen und Töpfe hat bereits bewirkt, daß Rosenthals modernes Paradestück, die "asymmetrische Vase" von Fritz Heidenreich (im Volksmund "Die schwangere Luise" genannt), heute fast schon zum konservativen Bestand der Produktion gehört. Und außerdem zu den ausgesprochenen Best-Sellern: das Stück hat seit 1952 allein 165 000 DM eingebracht - nach Meinung der Werkbund-Freunde ein weiterer Beweis dafür, daß es doch einmal ein Ende haben kann mit der leidigen "Lochstickerei in Porzellan".