Nur bei Picasso klappte es nicht
Nur bei Picasso klappte es nicht Erinnerungen | Dietrich Müller, der ehemalige Sprecher des Vorstandes von Rosenthal, hat mit vielen namhaften Künstlern zusammengearbeitet. „Wenn man an Grenzen rüttelt, bringt man alle voran“, sagt er über die herausfordernden Aufgaben. Selb - Als 1971 in Persien das 2500. Jubiläum des Reiches ansteht, will der Schah seine Gäste auf einem besonderen Porzellan bewirten. Er lässt bei verschiedenen Firmen anfragen und bestellt schließlich ein Geschirr aus Selb. Rosenthal wird die Teller und Schüsseln entwerfen, auf denen die Gäste aus aller Welt speisen. In der Unternehmensgeschichte von Rosenthal ist dieser Auftrag ein Meilenstein. "Der Schah machte so gut wie keine Vorgaben", erinnert sich Dietrich Müller, früherer Sprecher des Vorstands bei Rosenthal. "Er wollte nur, dass man auf den Tellern die ganze Herrlichkeit Persiens spürt." Ein gewaltiger Anspruch und eine große Aufgabe. Rosenthal beauftragt den Bildhauer Björn Wiinblad mit dem Entwurf. Dieser hat für Rosenthal mit seiner Form "Zauberflöte" bereits die Grenzen des Machbaren ausgelotet.
Bei der Form ,Zauberflöte' waren wir schnell an den Punkt gekommen, an dem es hieß: Das geht nicht, erzählt Müller. Die Teller haben extrem flache, dünne Ränder, die beim Brennen immer und immer wieder rissen. Dank des enormen Könnens und des Qualitätsbewusstseins der Modelleure und einem extra entwickelten Brennverfahren habe es Rosenthal geschafft, die Herausforderung zu meistern. Das Umfeld für solche Wagnisse sei in jenen Jahren angesichts der Experimentierfreude von Philip Rosenthal ideal gewesen, sagt der ehemalige Vorstandssprecher: "Die Dinge, die wir damals machten, waren oft schwer und wir haben dennoch versucht, sie zum Erfolg zu bringen. Wenn man sich nichts traut, geschieht nichts. Dabei schauten wir aber immer, dass wir das Risiko im tragbaren Bereich hielten." Das Service für den Schah entwickelte Wiinblad gemeinsam mit den Modelleuren. "Das war eine riesige Arbeit. Aber es war auch einer der Höhepunkte in der Firmengeschichte und für das gesamte Porzellan", sagt Müller. "Sowohl im künstlerischen als auch im technischen Bereich gibt es wenig Vergleichbares." Die dabei gewonnenen Erfahrungen hätten sowohl Rosenthal als auch die gesamte Branche nach vorne gebracht.
Ähnlich war es bei einer Arbeit von Salvador Dali für Rosenthal. Dali stellte sich einen großflächigen Goldüberzug vor, der damals technisch nicht möglich war. Deshalb entwickelte Rosenthal gemeinsam mit dem Zulieferer Degussa eine Goldvariante, die auch für die anderen Porzellanfirmen ein großer Fortschritt war. Wenn man an Grenzen rüttelt, bringt man alle voran", sagt Müller. Und fügt hinzu: "Leider gibt es zurzeit keine Grenzenrüttler." Dietrich Müller hat fast sein gesamtes Berufsleben bei Rosenthal verbracht. Geboren wurde er 1931 im schlesischen Bunzlau, einer der Hochburgen der Keramikherstellung. Die Familie zog bereits 1934 nach Stuttgart, weil der Vater - ein überzeugter Sozialdemokrat - unter den Nazis seine Stelle als Bibliothekar verloren hatte. Nach dem Abitur studierte Dietrich Müller an der Porzellanfachhochschule in Selb und ging nach dem Abschluss als Ingenieur zu Rosenthal. Ein weiteres Studium an der Uni Frankfurt schloss er in den sechziger Jahren als Diplom-Kaufmann ab. 1963 und 1964 war Müller Prokurist der Gläshütte Riedel in Kufstein, an der Rosenthal damals 25 Prozent Anteil besaß. Bis 1975 leitete er als Verantwortlicher für Design die Produktentwicklung bei Rosenthal. Danach war er Sprecher des Vorstands. 1991 ging er in Ruhestand.
Schon in den sechziger Jahren, erzählt Müller, habe man bei Rosenthal erkannt, dass der Werkstoff Porzellan angesichts von Plastik und der Konkurrenz aus Billiglohnländern früher oder später in die Krise kommen werde. Deshalb habe Philip Rosenthal konsequent auf Design und das Besondere gesetzt. Das sei nicht einfach gewesen, weil ihm das Unternehmen nicht gehörte und er dem Druck des Aufsichtsrates standhalten musste. Auf zahlreichen Gebieten habe Philip Rosenthal Wegweisendes geleistet, unter anderem in der Produktwerbung: "Wir müssen erreichen, dass man über unsere Produkte spricht", sei seine Devise gewesen. Damals seien seine Thesen, die er unter anderem in dem Büchlein "Das Markenbild von heute ist der Umsatz von morgen" aufschrieb, revolutionär gewesen, heute handele es sich um Allgemeingut. "Wir haben immer versucht, uns über einen emotionalen Zusatzwert der Produkte zu profilieren", sagt Müller. "Aber dafür muss man bereit sein, hart zu kämpfen."
Anfängliche Abneigung - Neben dem Elektrogeräte-Hersteller Braun gilt die Selber Firma als Wegbereiter des deutschen Industriedesigns. "Interessante Menschen fühlten sich von Rosenthal angezogen", erzählt Müller. So sei es gelungen, Künstler als Gestalter zu gewinnen. Anfangs hätten die meisten abgelehnt, weil sie fürchteten, mit dem "Kitschprodukt" Porzellan ihren Ruf zu beschädigen. Vom Engländer Henry Moore bis zum Franzosen Victor Vasarely und dem Deutsch-Amerikaner Walter Gropius arbeiteten zahlreiche namhafte Maler und Bildhauer der damaligen Zeit für Rosenthal. Leider sei es nicht gelungen, Picasso zu gewinnen, sagt Müller, "obwohl wir eine Prämie ausgesetzt hatten für den, der den Kontakt herstellt". Der ehemalige Vorstandssprecher, der immer noch in Selb wohnt, erinnert sich gerne an die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen Persönlichkeiten: "Die Begegnungen mit den Künstlern und die gemeinsame Suche nach Lösungen waren Höhepunkte meines Lebens."
Quelle: Elfriede Schneider Redakteurin Frankenpost.de