Philip Rosenthal
Philip Rosenthal (* 23. Oktober 1916 in Berlin; † 27. September 2001 in Selb) war ein deutscher Industrieller und Politiker. Er promovierte in Oxford zum Master of Arts in Philosophie, Politik und Wirtschaftswissenschaften und meldete sich am 8. September 1939 in Marseille als Freiwilliger zur französischen Fremdenlegion. Seine Erlebnisse in der Legion schrieb er in seinem Buch Einmal Legionär (Albrecht Knaus Verlag, Hamburg, 1980, ISBN 3-8135-1085-9) nieder. 1950 trat Philip Rosenthal in die väterliche Porzellanfirma, die Rosenthal AG, ein und wurde 1958 deren Vorstandsvorsitzender. Von 1981 bis 1989 war er Vorsitzender des Aufsichtsrats. 1969 trat er der SPD bei und wurde im selben Jahr als Direktkandidat in den Bundestag gewählt. Im September 1970 wurde der Unternehmer Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium unter Karl Schiller, trat wegen Differenzen mit diesem über das Tempo der Umsetzung der Arbeitnehmerbeteiligung jedoch im November 1971 von diesem Amt zurück: Bundestagsabgeordneter blieb Rosenthal aber bis 1980. Das Streben nach sozialer Gerechtigkeit im Zusammenwirken von Unternehmen und Mitarbeitern war ein dominierendes Thema in seinem Leben. Als Unternehmer setzte er sich für die Beteiligung der Arbeitnehmer am "Sagen und Haben" durch Mitbestimmung und Vermögensbildung am Produktivkapital ein.
Der Unternehmer und Designer
Ausserdem war Philip Rosenthal Präsident des Rats für Formgebung und Vorsitzender des Bauhaus-Archivs, Berlin, sowie Vorsitzender des Verbandes der Keramischen Industrie. Sein zentrales Anliegen als Mensch und Unternehmer war die "gestaltete Umwelt" mit originaler Kunst und zeitgemässem Design zur Erhöhung der Lebensqualität des Einzelnen. In Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern und Designern aus aller Welt gelang es Philip Rosenthal in den späten 50er und den 60er Jahren, die Rosenthal Studio-Linie zu einem anerkannten Leitbild für modernes Design zu machen. Aus der Porzellanfabrik seines Vaters wurde ein Unternehmen für zeitgemässe Tisch- und Wohnkultur. 1988 wurde Philip Rosenthal zum Professor für Design an der Bremer Hochschule für Künste berufen. Von 1977 bis 1986 war er Präsident des Rates für Formgebung. Philipp Rosenthal, dem priviligierten Unternehmersohn, ein leidenschaftlicher Sozialdemokrat wurde. Die einen bewundern ihn als exaltierten Kunstfreund, für andere ist er der innovative Manager aus der Porzellanbranche, wieder andere fürchten ihn als querdenkenden Politiker. Philip Rosenthal selbst liebt alle Widersprüche. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag. München - Im Morgengrauen wird Erkersreuth zum Schauplatz einer seltsamen Erscheinung. Der kleine Ort liegt bei Selb im nordostbayerischen Grenzgebiet zu Tschechien, einer an Sagen und Legenden reichen Gegend. Direkt gegenüber der Dorfkirche steht das 1747 erbaute Schloss. Tag für Tag tritt in der Früh der Schlossherr heraus. Zielstrebig schreitet er dann zum Kiosk, um sich mit Lektüre zu versorgen - gekleidet in eine Dschellaba. Acht Exemplare dieses traditionellen Gewandes arabischer Wüstenbewohner besitzt Philip Rosenthal, "in acht verschiedenen Farben, die ich je nach Stimmung trage". Seine Nächte verbringt der frühere Vorstandsvorsitzende in einem Schlafgemach, bei dessen Anblick selbst erfahrenen Innenausstattern wohl der Atem stocken dürfte. Auf dem Boden verteilen sich 300 Kilogramm Saharasand aus der Oase Er Foud, ganz so, als hätte hier eben der Schirokko durchgeblasen. Vor kurzem erst wurde der Sand per Lufthansa eingeflogen; mit dem Fön, erläutert Rosenthal, habe er dann die charakteristischen Wellenmuster der Wüstendünung geformt. Eine rund 15 Zentimeter über dem Boden eingezogene Plexiglasscheibe schützt die filigranen Strukturen. Ein beiges Zeltdach überspannt den Raum. Unzählige kleine Glühbirnen symbolisieren eine sternenklare Nacht.
Wetten ist so eine Sache
Mit Wetten ist es so eine Sache. Arbeitsminister Norbert Blüm, zum Beispiel, hat eine verloren, obwohl er sie eigentlich gewann. Das ist nicht einmal ein Widerspruch: Blüm hatte mit dem Unternehmer und sozialdemokratischen Vermögensbildner Philip Rosenthal im Januar 1984 gewettet, daß er eine neue tarifliche überbetriebliche Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand binnen zwanzig Monate durchsetzen werde. Rosenthal hielt dagegen. Für den Fall des Verlusts der Wette versprach Blüm, aus Rosenthals Buch „Die Arbeit geht weiter" vorzulesen, Sportruderer Rosenthal wiederum wollte Blüm von Remagen bis nach Bonn den Rhein herunterrudern. Nun ist es soweit. Die 20-Monate- Frist des Arbeitsministers ist abgelaufen, die Vermögensbildung steht noch immer aus. Zwar ist sich Blüm sicher, daß sein vorliegender Gesetzentwurf noch in dieser laufenden Legislaturperiode verabschiedet wird, gleichwohl ist er formal Wettverlierer. Rosenthal, Gentleman wie eh und je, honoriert dennoch, daß Blüm die Vermögensbildung schon verab-schiedungsreif vorangebracht hat, wenn auch nicht in der verabredeten Wettfrist. Der Unternehmer aus Selb läßt die Wette als halb gewonnen gelten; er stand zu seinem Wettversprechen, reduzierte aber die Ruderstrecke um die Hälfte. Eine Politgeschichte, wie sie in Bonn immer seltener wird. Am 23. Oktober 1916 wurde Philip Rosenthal in Berlin als Sohn eines vom Judentum zum Katholizismus übergetretenen Porzellanfabrikanten geboren - und entwickelte sich schnell zum Grenzgänger zwischen allen Lebensbereichen. In den 60er Jahren schliesslich näherte sich der Unternehmer immer mehr der SPD an. 1969 dann, mit Beginn der sozialliberalen Koalition, wurde er im Wahlkreis Goslar-Wolfenbüttel direkt zum Bundestagsabgeordneten gewählt. 13 Jahre lang behielt er sein Mandat für das Bonner Parlament. Als Staatssekretär im Wirtschaftsministerium gab er dagegen nur ein kurzes Gastspiel: Nach 14 Monaten trat er im November 1971 zurück, weil er sich wegen seiner Vermögensförderungspolitik für Arbeitnehmer mit Minister Karl Schiller überworfen hatte. Seit 1981 ist Rosenthal Beauftragter des Parteivorstands für Kommunikation, Mitglied der Kommission Medienpolitik und des Kulturforums - und in allen Ämtern, wie er sagt, leidenschaftlich engagiert. Er schwankt stets zwischen Draufgängertum und Disziplin. Fünfmal pro Woche treibt er nach einem penibel ausgearbeiteten Trainingsplan Ausdauersport - zehn Kilometer Radfahren, 600 Meter Schwimmen oder fünf Kilometer Rudern. Den 5900 Meter hohen Turpin Peak im Karakorum bestieg er 1954 als erster und benannte ihn nach einem seiner Söhne. Noch vor zwei Jahren erreichte Rosenthals Belastungs-EKG die Sollwerte eines 50jährigen. In der Wüste lägen die Wurzeln seiner Persönlichkeit, sagt er - dabei begann alles ganz grossbürgerlich. Nach dem Besuch des Wittelsbacher Gymnasiums in München studierte Philip Rosenthal von 1934 an in Oxford Volkswirtschaft, Sprachen und Philosophie.
1939, bei Kriegsausbruch, meldete er sich als Freiwilliger in der Fremdenlegion, um gegen Hitler-Deutschland zu kämpfen. Sein Vater, der die Firma 1879 gegründet hatte, war 1937 gestorben, die Familie von den Nationalsozialisten aus dem Unternehmen gedrängt. Die Fremdenlegion setzte Rosenthal in Marokko ein. Schon bald bereute er seine Entscheidung, unternahm Fluchtversuche, verdingte sich im Steinbruch, als Schweinehirt und Strassenarbeiter, wurde wieder gefangen. 1942 schliesslich gelang die Flucht nach England. "Diese harte Zeit hat mir eine einfache, aber wichtige Lebensweisheit gezeigt", meint Philip Rosenthal heute. "Der Prozentsatz von anständigen Leuten und Armleuchtern, von Intelligenten und Deppen ist unter den Kindern von Millionären und Armen, Adeligen und Schweinehirten genau gleich - nur die Chancen sind verschieden. Diese Erkenntnis war es letztendlich, die mich, den Privilegierten, zum Sozialdemokraten gemacht hat." Im Jahr 1950, seine Mutter und er hatten inzwischen elf Prozent der Rosenthal-Anteile zurückerhalten, trat er in das Unternehmen als Werbeleiter ein; später übernahm er die Verantwortung für Produktgestaltung und Verkauf. 1958 wurde er Vorstandsvorsitzender - und setzte in dieser Funktion zwei revolutionäre Neuerungen durch. Die erste betraf die Marke Rosenthal mit ihrem zu jener Zeit angestaubten Image: Rosenthal engagierte von Gropius über Dali bis zu Hundertwasser mehr als hundert Künstler, die aus der Porzellanfabrik ein Unternehmen für Tischkultur machten. Die zweite Neuerung betraf die Belegschaft: Als einer der ersten Unternehmer führte er 1963 ein Beteiligungssystem ein. Es sollte den Beschäftigten nicht nur Vermögensbildung ermöglichen, sondern ihnen weitgehende Mitspracherechte zusichern. "Das ist der vernünftige, gerechte Weg zwischen dem ungerechten und anonymen Grosskapitalismus und dem ineffizienten und anonymen Kommunismus", so die Begründung Rosenthals, der "soziale Gerechtigkeit" als eines seiner Lebensziele bezeichnet. Heute besitzt die Belegschaft rund neun Prozent des Grundkapitals der AG, die Familie selbst etwa drei Prozent. Aus dem Aufsichtsrat des Unternehmens, dessen Vorsitz er 1983 übernommen hatte, zog er sich 1989 zurück. Noch heute sind allerdings zahlreiche Räume von Schloss Erkersreuth für Veranstaltungen der Firma reserviert, darunter ein Rittersaal. In seinem Arbeitszimmer - ringsherum mit Rindsbälgen verkleidet und sandfrei - hat er Kunstgegenstände und Erinnerungsstücke untergebracht, die von ungebremster Dynamik zeugen. Über dem offenen Kamin hängt ein leicht deformierter Flugzeugpropeller, Relikt einer Bruchlandung, die der hochgewachsene Hobbyflieger unversehrt überstand. Eines seiner grossen Anliegen war die Soziale Gerechtigkeit. Zitat Philip Rosenthal: „Ich bin ein Egoist, aber ein altruistischer Egoist, der weiß, dass man sich selbst nur wohlfühlen kann, wenn man für andere etwas tut“. Deshalb trat der Unternehmer Philip Rosenthal 1969 in die SPD ein, wurde 1970 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium unter Prof. Karl Schiller. Rechts davon eine Landkarte von Gran Canaria, auf der handschriftlich alle Etappen von insgesamt 190 Kilometern Länge eingezeichnet sind, die er beim Umschwimmen der Kanareninsel im Jahr 1989 zurückgelegt hat. Auch Fotos der bestiegenen Gipfel fehlen nicht - Rosenthal zählt sie auf wie Jagdtrophäen. Fünfmal hat er geheiratet, die Tochter eines schottischen Bankiers gleich zweimal. Seinen fünf Kindern gab er die Weisheit mit auf den Lebensweg: "Lernt das Leben kennen, wo es hart ist." Still wird er, wenn das gegenwärtige Schicksal des Unternehmens zur Sprache kommt, das seinen Namen trägt. Wie die meisten Betriebe der Branche kämpft es gegen die rückläufige Nachfrage sowie ausländische Billigkonkurrenz an; im vergangenen Geschäftsjahr musste es einen Rekordverlust hinnehmen. Philip Rosenthal beobachtet das mit Bedauern und kommentiert mit einem Augenzwinkern: "Wenn mich jemand konkret fragen würde, was ich von der derzeitigen Lage im Unternehmen halte, dann würde ich antworten: die Klappe.
Mehr als Reich - Artikel der Zeitschrift Kristall 1962
Chef der grössten Porzellanwerke der Welt ist der 45jährige Rosenthal. Mit modernen Formen und Dekore hat er in diesem Bereich des Gebrauchsgegenstandes einen neuen und sehr zeitgemässen Stil durchgesetzt: die Studio Linie aus Selb in Bayern, dem Stammsitz der Rosenthal Porzellan AG. Die hab ich gestern in Dänemark gekauft! Er zeigt eine neue Tabakspfeife. Er könnte auch sagen: Vor ein paar Stunden in Rom gekauft oder in Dublin, Entfernungen spielen bei ihm keine Rolle. Denn Philip Rosenthal, Vorstandsvorsitzender der vom Vater gegründeten Grossfirma, besitzt ein Privatflugzeug und kann also rasche Hüpfer machen oder auch grosse Sprünge. Und die macht er. Was alles sich der 1,87 Meter hohe Industrieboß in der saloppen Wildlederjacke dank seines geschäftlichen Erfolges erlauben kann, beunruhigt überraschenderweise ihn selbst. Die Überraschung legt sich, wenn man ihn kennenlernt. Er ist Geschäftsmann, der um keinen Preis nur Geschäftsmann sein möchte. Mit dem auf ihn selbst gemünzten Edel-Slogan „Verleger des Guten“ hat er ausgedrückt, was ihm am Herzen liegt: Mehr sein als bloß reich. Der ehemalige Junior und Sohn-Erbe des ersten Rosenthal, der seinen Namen zur Qualitätsmarke für Porzellan in der ganzen Welt gemacht hatte, wollte keineswegs Nachfolger seines Vaters werden. Nicht nur die Berufshatz des Firmengründers und Generaldirektors (mit 20% Anteile) schreckte das Kind Philip ab, das geboren wurde, als der grosse Rosenthal bereits 61 Jahre zählte. Aus der schon planierte Weg, das gemachte Bett, der unübertreffbare Ruhm des Vaters, des Ersten, behagte ihm nicht. Er wollte lieber Professor werden. Nach sorgfältiger Erziehung in der Schweiz und in England erwarb der junge Mann an der Universität Oxford einen akademischen Grad, der unserem Doktortitel entspricht (Masters of Arts). Der erste Plan des frischgebackenen Doktors: eine wissenschaftliche Expedition in die Mongolei. Die Mongolei hatte er sich nicht zuletzt deshalb ausgesucht, weil bis dahin noch wenig über dieses Gebiet geschrieben worden war. Es bestand also Aussicht, dort Neuigkeiten zu entdecken und sich auszuzeichnen - durch eigenen Verdienst. Ein vernünftiger Grund. Die Gabe der Vernunft, die ihn später entscheidend mitbestimmte, entgegen allen (oder einigen) Neigungen das Erbe seines Vaters dann doch zu ergreifen, setzte allerdings 1939 vorübergehend aus. Als der zweite Weltkrieg den jungen Rosenthal auf einer Frankreich Reise überraschte, meldete er sich Hals über Kopf in die Fremdenlegion, um mit dabeizusein und die Welt von unten kennenzulernen. Das gelang ihm über die Maßen, während er in der Sahara Dienst schob. Erst sein vierter Fluchtversuch geriet nach Wunsch - er entkam nach Gibraltar und England, wo er Journalist wurde. Kein Interesse an Porzellan. Der Journalismus sag er jedoch, ist eine der besten Lehren für den Kaufmann. Ein Journalist muss, wie ein Kaufmann, eine gute Sache erkennen und sie gut formulieren, um sie anzubringen. Das gute Erzeugnis ist ja gar nichts wert, wenn man es nicht anbringt.
Philip Rosenthal sagt über: Wünschenswerte Eigenschaften eines Vorstandsvorsitzenden 1. Fähigkeit, gute Leute zu finden und zu koordinieren. 2. Einen guten Weg zwischen gefährlichen Vabanquespiel und lauem Treibenlassen zu steuern. 3. Den Betrieb so zu leiten, dass er nach seinem Ausscheiden zumindest nicht schlechter, möglichst besser funktioniert.
Durch Journalistenarbeit wider Willen zum Kaufmann vorbereitet und ohne es zu wissen, näherte sich Philip Rosenthal nach dem Kriege arglos seinen Schicksal Porzellan. Seine Mutter hatte ihn gebeten, einmal nach dem Erbe zu sehen. Er tat es und geriet sofort ins Drahtverhau behördlicher Un- und Zuständigkeiten, Verordnungen und Bestimmungen. Durch den Streit mit Behörden, sagt er, hab ich mich eigentlich erst an die Sache rangeärgert. Hinzu kam ein Ärger darüber, dass das Instrument, das mein Vater geschaffen hatte, garnicht richtig genutzt wurde. Wie es richtig zu nutzen war, konnte er sich damals allerdings auch noch nicht vorstellen. Er wusste weder etwas von Bilanzen noch von Porzellan. Aber eines wusste er besser: Obwohl durchaus ungebeten, brachte er es fertig, im Handumdrehen in die ehedem väterliche Firma hineinzukommen. Nicht ohne List überließ man dem etwas unheimlich zudringlichen jungen Mann die Werbeabteilung, die es eigentlich garnicht gab. Aber bald gab es sie. Sehr bald wusste er, dass es ihm nur Spaß machen würde, für etwas zu werben, was ihm wichtig erschien. Das althochdeutsche Kaffeeklatschgeschirr, das damals in Selb hergestellt wurde, erschien ihm keineswegs wichtig genug. Er suchte etwas Neues.
Anfang der fünfziger Jahre
Auf der Ausschau nach Künstlern, die ihm helfen könnten, sah er Anfang der fünfziger Jahre in München eine Faschingsdekoration der phantasieverspielten Malerin Bele Bachem und fragte sie: Wie wär‘s? Er gewann zuerst sie, dann mehrere andere Künstler zur Verschönerung seiner gehobenen Gebrauchsware. Der Versuch gelang. Mit dem geglückten Versuch gelang es auch dem Werbeleiter, in dem Verkauf zu kommen und Direktor zu werden - eine fast folgerichtige Entwicklung seiner Aktivität. Der neue Rosenthal Stil, der in einem besonderen Studio auf dem Werksgelände in Selb erarbeitet worden ist und gepflegt wird, bekam den Namen Studio Linie. Sie wurde ein immer grösserer Erfolg. Anfangs waren nur ein, zwei, drei Prozent der Gesamtprodukion vom neuen Stil. 1961 war die Nachfrage nach Philip Rosenthals junger Linie bereits derart gestiegen, dass über 65% der Gesamtproduktion nach den Studio-Modellen verfertigt wurden. Im gleichen Zeitraum stieg der Umsatz auf etwa das Dreifache von 1950. Weil er keine Titel mag, ist er heute nicht Generaldirektor wie sein Vater, sondern Vorstandsvorsitzender und hat nach eigenen Angaben sieben Prozent der Aktien im Besitz, viel weniger als der Gründer. Aber dafür hat er etwas Eigenes und Neues gemacht, woran ihm zweifelslos mindestens soviel gelegen ist, wenn nicht mehr. Vater Rosenthal der 1879 mit Hilfe des Malers und späteren Obermalers Roth im Kellerraum eines alten Schlosses bei Selb in Erkersreuth mit Porzellan Malerei und 1891 mit der Herstellung von Rosenthal Porzellan begann, hat die Porzellan Qualität und das Werk gemacht. Sohn Rosenthal hat mit Hilfe moderner Künstler einen neuen Stil gefunden und damit wahrscheinlich die Geschmacksbildung von Hunderttausenden mit beinflusst. Begreiflicherweise sieht er, jetzt, auch gerade darin seine eigentliche Aufgabe. Denn sein stärkster Wunsch geht dahin, dazu beizutragen, dass was bleibt von unserer Zeit, dass nicht alles Schall und Rauch ist, sondern dass die Kräfte unserer Zeit realistisch zu Wort kommen. Das Wort „realistisch“ ist ihm als Gegengewicht zu dem, was er „idealistisch“ nennt, sehr wichtig. Er will beides. Alles bleibende, sagt Philip Rosenthal, wird von Idealisten gemacht. Die Machtmenschen stauben nur dauernd davon ab. Was ist das, ein Generaldirektor gewesen zu sein und im Laufe seines Lebens 200 Millarden Umsatz gemacht zu haben? Das ist doch sinnlos, keine Lebensaufgabe! An seiner eigenen Tätigkeit findet er idealistisch, dass er Verleger des Guten ist. Dass er sehr hohe Umsätze erzielt, hat für ihn damit nichts zutun. Es bringt ihn vielmehr auf ein Lieblingsthema, das Thema seines Lebens als Porzellanindustrieller: Man darf nicht entweder Idealist sein und schwärmen oder Machtmensch und rechnen. Man muss etwas Gutes machen und davon leben. Ein anderes Lieblingsthema: Niemanden nachahmen (auch nicht den Vater)! Als er vor fünf Jahren erfuhr, dass Schloss Erkersreuth, in dessen Keller Vater Rosenthal mit Maler Roth die Produktion eröffnet hatte, zum Verkauf stand, griff er sofort zu. Für 40.000 Mark erwarb er die prachtvolle Verpackung der Rosenthal Urzelle. Dort lebt er jetzt als Schlossbesitzer mit seiner englischen Frau Lavinia, der kleinen Tochter Sheila und dem winzigen, Weihnachten geborenen Sohn Philip Turpin, Philip dem Dritten, der natürlich nicht der Nachfolger werden soll. Zuviel Geld sagt der Schlossbesitzer und Millionär Philip Rosenthal, ist schlecht. Es nimmt den Menschen die notwendige Grenze weg. Wer nur einen Scheck auszuschreiben braucht, und schon ist das Auto bezahlt, der verliert die Freude. Deshalb sind so viele reiche Leute ja unglücklich. Sie können sich über nichts mehr freuen. Und wie macht er selber es mit der notwendigen Grenze? Mir fehlt es an Zeit. Das gibt die Grenze. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Dieser Mann lässt möglichst wenig mit sich geschehen, er macht selber. Er macht es sich nicht leicht, um nicht im Geld zu veröden, im Erfolg zu verblöden. Angestrengt bemüht er sich um endgültige, druckreife Formulierungen seiner Probleme und strahlt, wenn ihm die Lösungen wie Sprichworte einfallen: „ Ein Snob ist jemand, der Dingen nachjagt, die andern etwas bedeuten, nicht ihm selbst.“ Oder: „Ein Playboy ist jemand, der die wunderschönen Nebenbeschäftigungen des Lebens dadurch verdirbt, dass er sie zur Hauptbeschäftigung erhebt“. Philip Rosenthal findet sich nicht damit ab, dass er keine Zeit hat. Er baut sich Hindernisse aus der Zeit, über die er dann zu neuen Freuden hüpfen muss. So hat er mit seiner sehr attraktiven Frau (mit rauhem Lachen) das alte Schloss nicht etwa auf einen Schlag eingerichtet, sondern nach und nach.
Noch heute, nach fünf Jahren Wohnens, gibt es Zimmer, die fast oder ganz leerstehen. Es ist den beiden noch nicht das Richtige hierzu eingefallen. Dafür wird der Besucher der fix und fertigen Räume von einer etwas bedrückenden Perfektion des schönen Geschmacks geradezu überwältigt. Sie wirken ein wenig wie Theaterdekorationen. Aber im Theater hilft die Phantasie, die man im Schloss nicht braucht, weil nichts, aber garnichts mehr fehlt. Da gibt es herrlich drapierte, voll fallende goldene Vorhänge, atemberaubend schöne Altbilder, sanft restauriert. Da dämpfen Ledertapeten das Licht, leuchten Bücherwände, wölbt sich hoch ein weiß-goldener Saal mit zwei Kaminen und Ahnengalerie. Philip Rosenthal bringt die Ahnen des Porzellans dort an, wertvolle Stücke aus uralter Zeit bis heute. Aber er hat auch in diesem Sonntagsorgelkonzert vollkommener Schönheit noch Sinn für Pfiff. Im Arbeitszimmer kreist ein abgebrochener Flugzeugprobeller elektrisch als Uhrzeiger auf einem riesigen, ziffernloses Lederzifferblatt, na ja. Und er fährt Volkswagen, einen simplen, und einen Transporter, in den (Serienherstellung) Arbeittisch, Kleiderschrank, Bar, Eisschrank und Betten eingebaut sind, ein Reisewagen für Arbeit und Urlaub. Philip Rosenthal hat sich dazu noch ein Telefon (über Funk) neben dem Fahrersitz einrichten lassen. Kostenpunkt: fast 10.000 Mark. Er muss, er will erreichbar sein, auch unterwegs. Es sei denn, er besteigt den Himalaja. Die Bergsteigerei bis zu hohen Gipfeln deutet für Philip Rosenthal einen Erlebnisbereich, den er für unerlässlich hält, um mehr zu sein, als nur reich: „Rauf auf die Berge, auch wenn man Angst hat und müde ist. Da bleibt man normal. So was braucht der Mensch. Er muss frieren, hungern, naß werden, um sich am Gegenteil freuen zu können. Ich versuche so zu leben, dass ich auch ohne Geld glücklich sein könnte.“ Es fällt auf, dass der zu breitem Lachen, legerem Gebaren und freundlichen Scherzen neigende Vorstands-vorsitzende der Rosenthal Porzellan AG sich als Chef kaum anders verhält als im Haus: aufmerksam, bestimmt, manchmal in sich versinkend, aber rasch in der Entscheidung und sehr locker, ohne Steifheit. Geduldig hört er sich lange und begeistert umständliche Erzählungen seiner Designer oder Formenentwerfer an, erkundigt sich nach dem Umsatz per Quadratmeter irgendwelcher Porzellan-verkaufsläden, schiesst mitten im Gespräch mit Pfeil und Bogen auf eine grosse Zielscheibe an einer Wand des Büros und weist den Besucher immer wieder auf den idealistischen Zug der Studio Line ein. Er ist ein moderner Mann, der auch reich sein will. Er ist ein Mann des Erfolgs, und will es auch sein. Aber der Stachel in ihm, die Unruhe, die ihn nach Frankreich, in die Fremdenlegion, nach England und nach Deutschland und Selb getrieben hat - die ihn nämlich getrieben hat, etwas Eigenes zu leisten, kein Nachfolger zu sein und sich immer wieder Anerkennung zu verschaffen, auch bei sich selbst - diese Unruhe treibt, ihn noch jetzt. Es kann sein, sagt er, dass etwas was von unten wie Erfolg aussieht, von weiter oben gesehen noch gar keiner ist! Und sprichwörter: „Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden! Die Macht und das Geld sind Dinge, die man brauchen muss, um etwas durchzusetzen. Aber man darf sie nicht achten, denn sie selbst sind nichts!“ Wie auch immer - er ist mehr als reich.
Hommage Philip Rosenthal
Großer Augenblick vor dem Porzellanikon Selb: Marcello Morandini enthüllt „Hommage an Philip Rosenthal“ an seinem 70sten Geburtstag. Diese Stelle soll eine Ehrung sein für das Museum, zum Gedenken an seine Geschichte und seine Gründung, sagte der Künstler, sichtbar berührt vor einem zahlreich erschienenen Festpublikum. Denn zur Enthüllung der konstruktivistischen Doppelstele des italienischen Designers und Architekten an seinem 70sten Geburtstag war am vergangenen Samstag eine überraschend große Menge Bewunderer, Wegbegleiter und Freunde ins Porzellanikon Selb gekommen. Die Stelle, die nun vor der ehemaligen Porzellanfabrik in Oberfranken zu sehen ist, war von langer Hand geplant: Schon 2005 gab es einen ersten Entwurf, den Morandini 2009 jedoch durch einen neuen ersetzte. Bei der Enthüllung der doppelläufigen, monumentalen Stahlplastik gab der Künstler deren Titel bekannt: „Hommage an Philip Rosenthal“. Der Direktor des Porzellanikons, Wilhelm Siemen, der eine Laudatio auf den Jubilar hielt, sagte dazu: „Morandini drückt mit diesem Kunstwerk seine Freundschaft und seine Verehrung einem Mann gegenüber aus, der ein Pionier des Designs und der Kunst in Porzellan war: Philip Rosenthal“. Morandini selbst sagte es in einem Interview so: „Philip Rosenthal war dadurch außergewöhnlich, dass er die Kunst mit dem Alltäglichen vereint hat. Ich glaube, hier war er wirklich ein Kämpfer. Und das ist seine wichtigste Leistung für Rosenthal.“Die geglückte Vereinbarkeit von scheinbar Gegensätzlichem drückt sich in der 11 Meter hohen Außenplastik im Zusammentreffen und ineinander Verschränken einer schwarzen und einer weißen aufstrebenden Stahlstrebe auf halber Höhe aus. 8,5 Tonnen Stahl wurden damit in der Erde verankert. Die Plastik korrespondiert außerordentlich gut mit der nüchternen, klar gegliederten Fassade der ehemaligen Rosenthal-Fabrik, die seit 1996 als größtes Porzellanmuseum Europas dient. Zudem steht die schnörkellose und strenge Form in reizvollem Gegensatz zu der sie direkt umgebenden, üppigen Natur des Fichtelgebirges. Und, wie es Morandini selbst poetisch im Bezug auf den damit geehrten Philip Rosenthal ausdrückt: „Es scheint mir nun gut, dass sein Geist, seine Träume und seine Lehren immer hoch und frei in dem Wind und in den Wäldern dieses von ihm so geliebten Landstrichs weiterleben.“ Im Porzellanikon schätzt man sich glücklich, dass man ein derart außergewöhnliches, aktuelles Kunstwerk im Rahmen der viel beachteten Sonderausstellung „Königstraum und Massenware. 300 Jahre europäisches Porzellan“ (noch bis 02.11.2010) einweihen und in Besitz nehmen konnte.