Philip Rosenthal 2001

GÄSTE AUS ALLER WELT EHREN PHILIP ROSENTHAL IN SELB

Alles hatte er vorbereitet, schlichtweg alles für den Augenblick, da der Tod ihn aus diesem Leben nimmt, und das tat er nicht erst jetzt, bevor er ging, sondern vor Jahren schon. Wir sprechen von Philip Rosenthal. Er wünschte, wenn die Familie ihn auf seinem letzten Gang begleitet hatte, er wurde eingeäschert, keine öffentliche Trauerfeier; er lud Freunde und Bekannte, private wie geschäftliche, Genossen wie politische Gegner zu einer Sekt- Rotwein-Party ein; auch die Namen, gut über 50 wohl aus der Heimat wie aus aller Welt, hatte er selbst ausgewählt.

Nicht trauern über Unabänderliches sollten seine Gäste, sondern feiern. Und das taten sie eben, sieben Wochen nach seinem Tod am 27. September, im Schloss Erkersreuth und in der Rosenthal-Porzellanfabrik am Rotbühl, in Selb.

Große Namen im Schloss Erkersreuth

Als Sohn Turpin auf dem weltlich geheiligten Boden im Schloss, launig wie der Vater, die Leute - who is who? - begrüßte, blitzten in innerer Einblendung Philip Rosenthals Politpartys auf: Da waren, weil Klasse, Tiefgang, Lockerheit und Niveau, Presse, Hörfunk, Fernsehen aus ganz Deutschland herbeigeeilt und hörten und sahen zum Beispiel Professor Ludwig Erhard, Willy Brandt und Helmut Schmidt, Norbert Blüm und Johannes Rau, Edward Heath, den konservativen Premier und Schulfreund Philips aus England, Hermann Höcherl, Kurt Biedenkopf und Otto Schily (als er noch ,,grün'' war).

Wer nennt die Namen?

Aus der Politik kamen jetzt nach Erkersreuth und zum Rotbühl EU-Kommissar Günter Verheugen, der Anfang der Achtziger Philips SPD-Bundestagsmandat in Kulmbach übernommen hatte; Bayerns SPD-Landesvorsitzender Wolfgang Hoderlein, er stand Rosenthal schon als junger Lehrer zur Seite; Dr. Dieter Spöri: Rosenthal beriet einst den SPD-Vorsitzenden von Baden-Württemberg persönlich, jetzt ist er Manager bei Daimler-Chrysler in Berlin; Dr. Jürgen Warnke und Frau: junger Syndikus der Porzellanindustrie war er, bevor er CSU-Bundesminister geworden war. Last but not least die SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier und ihr Mann Klaus: Sie schrieb im SPD- Organ Vorwärts einen einfühlsamen Nachruf unter dem Titel ,,Was wir ihm verdanken'' und nannte Philips ,,unerschütterbaren Kampf für die Beteiligung der Arbeitnehmer an den Gewinnen ihrer Unternehmen - lange unverstanden''.

Eigentlich wollte die Familie sich am 23. Oktober im Schloss Erkersreuth treffen, um Philips 85. Geburtstag zu feiern: Turpin, Francisca, Toby, Julie und Ian und Caroline Rosenthal und seine Lebensgefährtin Beate Reichel. Jetzt folgten sie ihm - auch das von ihm exakt vorbereitet, so Sohn Turpin - mit allen Gästen von Erkersreuth zum Rotbühl und erlebten einen langen Abend zwischen Staunen, Lachen, dann und wann auch Tränen. Philips Speisekarte lehrt uns schon auf der Titelseite: ,,Wichtiger als fernsehen ist sich näher kommen, zum Beispiel beim zusammen Essen.'' Und das geschah mit Fisch in Currysauce als Einstieg, Schweinshaxen mit Klößen, dem Hauptgericht: ,,Bereitet fantastisch Horst Menne zu, der Leiter des Rosenthal-Casinos. Denn ich mag'', wie der Philip, ,,besonders eine rösche, knusprige Kruste.'' Der Kaiserschmarrn schließlich, Teil drei, mit Zimt, Zucker und Apfelmus. P. R.: ,,Ich habe seit 30 Jahren eine Regel für mein Körpergewicht. Als ich Kapitän meiner Rudermannschaft im Exeter College in Oxford war, wog ich 14 Stone und zwei pounds. Das sind genau 90,7 Kilogramm. Wenn ich ein biss chen mehr wiege, esse ich weniger, und wenn ich weniger als 90,7 Kilogramm wiege, esse ich mehr und habe Spaß daran - zum Beispiel beim Kaiserschmarrn.''

Genießen konnten die Gäste im Speisesaal am Rotbühl nicht nur das vorzügliche späte Dinner, sondern Philip Rosenthal selbst. Er war als großes Andy-Warhol- Bildnis dabei und mit einem von ihm ganz persönlich gestalteten Programm von 1992 für das Studio Franken des Bayerischen Rundfunks, Lieder, Musik und Gedanken, die Philip liebt.

Wie begann es? Mit dem Freiheitschor Die Gedanken sind frei. ,,Ich konnte im Kerker nur frei werden und frei bleiben, weil ich geistig frei geblieben bin.'' Harry Belafontes O Island in the Sun das nächste Lieblingslied: ,,Dennoch, ich liebe den Wechsel der Jahreszeiten, Frühling, Sommer, Herbst und Winter.'' La Montanara: ,,Ein wunderschönes Lied. Meine ganze Sportleidenschaft und Liebe zu den Bergen steckt da drin.''

,,Noten schreiben, die Symphonie macht der Verbraucher schon selbst'' Und er erzählt, wie er einen namenlosen Sechstausender im Himalaya nach seinem ältesten Sohn getauft hat: Turpin Peak. Den Hinterhupfer Bene singt Philip auf bairisch, eine Uraufführung. Porzellan? Für ihn Originales unserer Zeit. ,,Wir Porzelliner müssen die Noten schreiben. Die Symphonie macht der Verbraucher selbst.'' Politik? ,,Warum ich Sozialdemokrat bin? Reiche Jungen sind arme Hunde. Man kann das Leben genießen, wenn man weiß, wie es von unten aussieht.''

Frank Sinatras Song My Way macht noch auf dem nächtlichen Heimweg ein bisschen Wehmut. Yes, it was my way, singt Frank. Und Philip sagt: ,,Ja, was immer ich tat, ich hab's auf meinem Weg gemacht.''

Der Text auf seiner Grabplatte natürlich auch von ihm: ,,Vom Porzellan verstand sein so genannter König / eigentlich wenig. / Schon etwas mehr der Bruder Rot / von Menschen und vom Ruderboot.''

17.11.2001 - VON HEINRICH GIEGOLD

http://www1.frankenpost.de/nachrichten/gerch/resyart.phtm?id=191250 Stand: 2011


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