Rosenthal-Isolatoren GmbH (RIG)

Im Jahre 1900 wurde auf Initiative von Geheimrat Philip Rosenthal eine Abteilung "E" (Elektrotechnik) in der damaligen PF Ph. Rosenthal & Co. AG in Selb geschaffen. Nachdem die ersten Isolatoren zusammen mit Geschirr- und Kunstporzellan in einem Ofen gebrannt worden waren, machte die Erweiterung der Produktionspalette um Preßporzellanartikel 1901 den Neubau eines Rundofens für die Abteilung E erforderlich, dem zwei weitere Öfen mit jeweils 65 m3 folgten. Die bestehenden Prüfvorschriften erforderten 1904 den Bau eines Prüffeldes für Spannungen bis zu 100 kV, das ein Jahr später auf 200 kV erweitert wurde.

Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges stieg die Produktion von Elektrokeramiken so stark, daß trotz wachsender Konkurrenz die Abteilung E 1910 schon eine Million Mark umsetzen konnte. Die rasche Entwicklung auf diesem Sektor läßt sich daran ablesen, daß 1912 bereits 9 Rundöfen allein für die Isolatorenproduktion im Einsatz waren und eine eigene Massemühle in Betrieb genommen wurde, nachdem man bis dato die Porzellanmassen von der Geschirrabteilung bezogen hatte. Da man bei der Hochspannungsübertragung inzwischen auf Betriebsspannungen von 110 kV übergegangen war, mußte 1912 ein zweites Prüffeld gebaut werden, das für Prüfungen bis 500 kV ausgelegt war. Der Beginn des Ersten Weltkrieges bedeutete für die Abteilung E der Rosenthal AG, daß viele Spezialkräfte zum Kriegsdienst eingezogen wurden und die Umsätze deutlich zurückgingen. Erst ab 1917 stiegen die Umsätze allmählich wieder an und ab 1920 konnte mit dem Bau neuer Gebäude für Verwaltung und Prüffeld begonnen werden. Es folgte 1921 der Abschluß eines Interessengemeinschafts-Vetrages zwischen der Rosenthal AG und der A.E.G., in dem eine Zusammenarbeit des Rosenthal-Isolatorenwerkes Selb und der 1910 erbauten Elektroporzellanfabrik Hennigsdorf der A.E.G. (b. Berlin) mit einer Laufzeit von 80 Jahren vereinbart wurde. Unbeschadet der beiderseitigen Besitzverhältnisse übernahm die Fa. Rosenthal auf Provisionsbasis die Betriebsführung der PF Hennigsdorf:

RIG Rosenthal

Die A.E.G. hat für ihren Betrieb eine sachkundige Leitung gefunden, um sich die Erfahrung eines in der Porzellanfabrikation führenden Unternehmens zur Verfügung zu stellen, ihre Wünschen kann sie durch den Betriebsausschuss Geltung verschaffen, der Rosenthalkonzern andererseits erhält für die Fabrikation von der A.E.G. viele Anregungen, die nicht nur dem Hennigsdorfer Betriebe, sondern die den elektrotechnischen Abteilungen in Selb und Selb-Plössberg zugute kommen, und vor allem hat sich der Rosenthalkonzern einen Abnehmer grössten Stils gesichert; diese Massnahme war umso wichtiger als die Konkurrenz in der elektrotechnischen Porzellanindustrie besonders gross ist, und der andere grosse deutsche Elekto-Konzern Siemens-Schcukert sich im Jahre 1917 zwei Porzellanfabriken zur Herstellung von elektrotechnischem Porzellan angegliedert hatte.

Im Jahre 1925 gliederte sich der Rosenthalkonzern wie folgt:

  • PF Ph. Rosenthal AG, Geschirrabteilung Selb
  • PF Ph. Rosenthal AG, Kunstabteilung Selb
  • PF Ph. Rosenthal AG, Abt. E, Selb
  • Rosenthal PF, vorm. Jakob Zeidler & Co., Selb-Plössberg
  • PF Ph. Rosenthal AG, Kronach
  • PF F. Thomas & Co., Marktredwitz
  • PF Ph. Rosenthal & Co. AG, Abt. C, Marktredwitz
  • Krister Porzellanindustrie AG, Waldenburg
  • A.E.G. Porzellanfabrik Hennigsdorf, Betriebsführung Rosenthal,
  • Hennigsdorf PF Bohemia, Karlsbad

Zu diesen Betrieben gehörten folgende Nebenbetriebe:

  • Möbelfabrik Rosenthal Holzabteilung,
  • Marktredwitz Maschinenfabrik,
  • Marktredwitz Holzwollefabrik,
  • Marktredwitz Buntdruckanstalt, Selb
  • Maschinenfabrik, Selb
  • Elektrische Prüfstation, Selb
  • Schlosserei und Klempnerei, Waldenburg
  • Schreinerei, Waldenburg
  • Buntdruckanstalt, Waldenburg
  • Rohkaolinlager b. Halle

Beteiligt war der Konzern an der: Steatit-Magnesia AG und der Fa. Mikro-Metallwaren, Johann Labien & Rosenthal & Co. AG, Dresden. Der Konzern beschäftigte 5.500 Arbeiter und 700 Angestellte; die Zahl der Öfen betrug 63 Normalöfen, 17 Spezialöfen und 4 Tunnelöfen, deren Leistungsfähigkeit ungefähr der von 40 Normalöfen entsprach. Zu dieser Zeit besaß nur der Kahla-Konzern eine größere Produktionskraft mit 10.000 Arbeitern und Angestellten und 140 Öfen. Die Beschäftigten bzw. Öfen des Rosenthalkonzerns verteilten sich auf die einzelnen Werke wie folgt: Tab. 71 Beschäftigte und Ofentypen im Rosenthal Konzern

1936 wurde die Interessengemeinschaft zwischen der Rosenthal AG und der A.E.G. umgewandelt in die Rosenthal-Isolatoren GmbH, kurz RIG, an der beide Unternehmen mit jeweils 50% beteiligt waren. Die 1903 gegründete PF F.Thomas & Co. in Marktredwitz wurde 1908 der Rosenthal AG angeschlossen und 1917 wurde dort mit der Produktion von Isolatoren begonnen. In der Zeit von Mitte 1917 bis Ende 1921 wurden ca. 400 t Isolatoren an die Oberpostdirektion Erfurt geliefert, im Jahre 1920 ca. 185 t Isolatoren für Stauwerke in der Schweiz. An die 1921 von Selb nach Marktredwitz in die PF F.Thomas & Co. verlegte Abteilung für chemisch- technische Porzellane wurde ein wissenschaftliches Laboratorium mit zwei Abteilungen angegliedert. Die erste Abteilung, das Untersuchungslaboratorium, beschäftigte sich vorwiegend mit chemischen Analysen von Porzellanmasse; die Aufgaben des betriebstechnischen Laboratoriums lagen hingegen bei der Herstellung neuer Versätze, dem Testen neuer Brandverfahren und keramischer Farben sowie in der Kontrolle der laufenden Produktion. Die Zahl der Beschäftigten der PF F. Thomas & Co. stieg von 1908 bis 1928 um ca. 150% von 385 auf 961; die Zahl der Brände konnte mehr als verdoppelt werden (1910: 194, 1927: 409).

Die Rosenthal AG produzierte in ihren Werken Selb, Abt. E, Selb-Plössberg und Hennigsdorf bedarfsabhängig sowohl Hoch- als auch Niederspannungsporzellan, im Marktredwitzer Werk wurden in der Abt. C Laboratoriumsgeräte fabriziert. Insofern war die Rosenthal AG ein "parallelisiertes" Unternehmen, da eine große Menge unterschiedlicher Waren der gleichen Produktionsstufe hergestellt wurde.