Denkmal Morandini Hommage Philipp Rosenthal

Das Vermächtnis des Porzellankönigs

Das Vermächtnis des Porzellankönigs Gesamtkunstwerk | In Erkersreuth hütet Beate Reichel, die letzte Lebensgefährtin des Vorzeigeunternehmers, Politikers und Abenteurers Philip Rosenthal, die Erinnerungen an einen Menschen, dem sie sich auch nach dessen Tod noch unterordnet. Das Kupferzimmer ist ausgelegt mit Kupfermosaik, die Holzdecke war einst der Boden. Selb-Erkersreuth - "Das ist wie mit dem Philip hinter der Queen." Beate Reichel, langjährige enge Vertraute, Lebensgefährtin und Assistentin des Vorzeigeunternehmers und Abenteurers Philip Rosenthal, stand ein halbes Leben lang im Schatten dieses großen Mannes. Eben wie der Gemahl der englischen Königin. Heute, neun Jahre nach dem Tod des Sozialdemokraten, hütet die Frau, die nach fünf Ehen des Unternehmers ohne Trauschein mit ihm zusammenlebte, das Vermächtnis Rosenthals wie den Heiligen Gral. Die Herrin von Schloss Erkersreuth wohnt in einem Teil der 1000 Quadratmeter umfassenden Räume, in denen sich das gesamte Lebenswerk des berühmten Porzellankönigs widerspiegelt. Und in seinen Privaträumen spürt man zu meinen: Rosenthal ist eben nur mal zur Tür raus.

Ich habe mein Leben seinem stets untergeordnet, erzählt Beate Reichel im Gespräch mit der Frankenpost. 43 Jahre lang war sie "Rosenthalerin mit Leib und Seele" - seit der Insolvenz ist sie arbeitslos. Sie bewohnt die Privatgemächer - ein Gesamtkunstwerk - des charismatischen Frauenschwarms, hat hier testamentarisch verfügtes Wohnrecht auf Lebenszeit. "Ich bin jeden Tag dankbar dafür", erklärt die zurückhaltende 60-Jährige, die seit nach dem Tod Rosenthals rein gar nichts verändert hat in dem historischen Gemäuer. Noch heute nimmt sie sich zurück, lässt seinen Geist wirken. Bis auf die Vase der Designerin Pieke Bergmans - natürlich von Rosenthal - auf dem hochglänzenden weißen Tisch in der "weißen Küche". "Philip hätte das nicht gefallen", weiß Beate Reichel und deutet auf die lilafarbene Orchidee in der Vase. "Er war ein Minimalist." Und so lebt die Frau, die den Kunstliebhaber über Jahrzehnte begleitet hat, so, als würde sie mit ihm die 220 Quadratmeter-Eigentumswohnung im Schloss noch teilen: Die weiße Küche - Beate Reichels Lieblingsraum mit traumhaftem Blick auf den Schlossteich - mit dem Rosenthal-Klapptisch, Boden und Wänden aus mattem Edelstahl und auch das Schlafzimmer mit dem Beduinen-Sternenzelt aus orangefarbenem Leinen und dem Boden mit Wüstensand unter Glas. Unverändert auch sein Arbeitszimmer, in dem sich die 60-Jährige, die ihn auf vielen Reisen rund um die Welt begleitet hat, zum Fernsehen zurückzieht. Philip Rosenthals Pfeifensammlung - Reste von Tabak-Krümeln stecken noch in einer - erinnert an den Genussmenschen, der Flugzeug-Propeller über dem offenen Kamin an den Abenteurer. Und oben in der Ecke hängt ein Stuhl. "Den hat er sich von seinem ersten verdienten Geld in England gekauft", verrät seine Partnerin. "Schon bezeichnend!"

Vasarely-Kunstwerk - Rinderhäute an der Wand - Jeder Blick bleibt an Außergewöhnlichem hängen, etwa an der mit genähten Rinderhäuten bespannten Wand im Arbeitszimmer, an den Türklinken, die in jedem Zimmer anders und Mitbringsel aus fernen Ländern sind. So einige Abenteuer hat Beate Reichel an der Seite jenes Mannes, der Gran Canaria umruderte und umschwamm, schon bestehen müssen. Ein Türgriff ist aus rundem Plexiglas, das bräunlichen Sand beinhaltet. "Der stammt aus Russland", schweift die Schlossherrin zurück in die 80er-Jahre. "Das war während des kalten Krieges, und Philip wollte unbedingt bei seiner Kanu-Fahrt auf der Donau von der rumänischen auf die russische Seite, um sich ein bisschen Sand zu holen. Plötzlich waren wir umringt von Militär. Einige Krümel Sand konnte er für den Türgriff retten." Touren führten Rosenthal in den Himalaya, nach Afrika oder Ecuador. Mit an seiner Seite stets Beate Reichel. "Ich wartete immer irgendwo, um ihn wieder aufzupicken." Sie begleitete den Abgeordneten auch in den Bundestag. Mit seinem Campingbus, der in der Garage steht, als müsste sich die Chauffeurin des Politikers gleich hinters Steuer setzen. Die Bewohnerin des Schlosses - "es ist das kulturelle Zentrum von Rosenthal" -, bringt auch heute noch nur ihre saisonale Garderobe mit nach Erkersreuth. "Alles andere habe ich im Haus meiner Mutter in Kirchenlamitz, wo ich nur zum Blumengießen bin, seit sie im Altersheim lebt."

Der Rittersaal im Schloss - Beate Reichel schwärmt von dem Mann, "der Meilensteine gesetzt hat und in allem seiner Zeit voraus war". Wenn sie durch ihr "Privatmuseum" wandelt, genießt sie jeden Augenblick. Viele Erinnerungen kommen hoch, hat sie Philip Rosenthal doch seit 1977 begleitet und durch ihn viele Prominente aus der Politik sowie der Kunst- und Designerszene kennengelernt. "Meine aufregendste und interessanteste Begegnung war die mit Helmut Schmidt und seiner Frau. Da saß der Bundeskanzler doch tatsächlich auf diesem Barhocker - und war nur der Mensch Helmut Schmidt." Die 60-Jährige deutet auf den Stuhl in der "weißen Küche". Auch Norbert Blüm war hier, und Otto Schily. "Da war er noch bei den Grünen." Während Philip Rosenthal in der Zusammenarbeit mit weltweit namhaften Designern stets ein glückliches Händchen hatte, war dies in der Politik nicht immer so. "Beim Thema Mitbestimmung, das ihm sehr am Herzen lag, war er ein einsamer Rufer in der Wüste. Er wäre glücklich gewesen, wenn er vor zwei Jahren den Auftritt von Bundespräsident Köhler in Selb miterlebt hätte, der sich ebenfalls für die Mitbestimmung einsetzt", ist Beate Reichel überzeugt. Sie sieht in Rosenthal einen "der letzten Manager und Unternehmer, die mit Herzblut bei der Sache waren". Schillernde Figuren zu Gast

Das Arbeitszimmer Philip Rosenthals - Seine Leidenschaft für Architektur verband den Unternehmer mit so wichtigen Figuren wie Hundertwasser, Gropius oder Morandini, ein langjähriger Freund und gern gesehener Gast in Schloss Erkersreuth. Überhaupt riss sich die Prominenz zu den Glanzzeiten der Partys im Schloss um eine Einladung. Schillernde Figuren nahmen Platz an großen Tafeln im Rittersaal oder im Kupferzimmer. Nicht selten endete das Stelldichein im Kellergewölbe, wo Philip Rosenthal täglich seine 600 Meter im 12,5 Meter langen Pool schwamm. "Er war ein faszinierender Mann. Seine Ziele waren meine Ziele. Warum sollte ich an seinem Vermächtnis etwas verändern?", meint Beate Reichel zu ihrem Leben in einem Reich voller Erinnerungen. "Ich würde es nur verschlechtern."

Quelle: www.frankenpost.de - Von Peggy Biczysko