Erkersreuther Rittergut im bürgerlichen Besitz
Im Jahre 1800 kaufte das Erkersreuther Rittergut[1] der preußische Minister Theodor Kretschmann um 80000 fl. von Adam Ohr, Karl von Lindenfels. In einem Jahrzehnt hat Kretschmann den stark verschuldeten und umfangreichen Besitz fast vollkommen zertrümmert, so daß beim Verkauf des Gutes im Jahre 1811 an den Fabrikanten Riedel aus Klingenthal von dem einst so stolzen Besitztum nur das Schloss mit seinen Gebäuden nebst zwei Tagwerk Gärten, 60 Tagwerk AeCker, 25 Tagwerk Wiesen sowie zwei Teiche und das Schafhaus übrigblieben. Die Kaufsumme betrug 27 000 Ei-Riedel wiederum verkaufte außer Feldern auch das halbe alle Schloss an den Mechaniker Jakob Haselbauer aus Markneukirchen Das alte Schloss wurde damals wegen seiner Baufälligkeit nicht mehr für Wohnzwecke verwendet. Ein Enkel Riedels hatte zur zweiten Frau eine geborene Beck aus Selb. Diese heiratete nach dem Tode ihres Mannes einen gewissen H, Haberstroh aus Dörflas. Von der Witwe Haberstroh kaufte das Gut der Bierbrauer Franz Wilfer aus Haslau, der ein neues Brauhaus erbaute und die schon damals im Schloss befindliche Schankwirtschaft weiterführte. 1880 pachteten die Brüder Max und Philipp Rosenthal das Schlossgebäude und gründeten eine Porzellanmalerei. Seit 1899 ist das Schloss im Besitz der Exportbierbrauerei Firma Rauh & Ploß in Selb.
Die ehemaligen Sehenswürdigkeiten im neuen Schloß
Durch die vielen Besitzveränderungen seit der Allodificatlon des Rittergutes im Jähre 1800 ging die ehemalige Pracht und Herrlichkeit dieses einst so stattlichen Besitzes mit Riesenschritten ihrem Verfall entgegen. Dr. A. Zoellner schreibt in seiner historischen Skizze vom Jahre 1909 über das „Rittergut Erkersreuth", daß die spärlichen Überreste der alten Ritterbehausung und des neuen Schlosses wohl kaum mehr ahnen lassen, daß hier einst so hohe Geschlechter hausten, welche die ganze Gegend in weitem Umkreis beherrschten und an Macht und Reichtum den Ersten des Landes gleichkamen. Wenn auch heute von der alten Pracht nichts mehr wahrzunehmen ist, so läßt doch Dr. Zeh in einer erschöpfen¬den Kunstbetrachtung wertvolles Kulturgut vor unseren Augen auf-erstehen. Er schreibt: „Das heute noch stehende Schloß erbaute erst Christian August von Lindenfels im Jahre 1748, ein zwar einfaches, aber stattliches, durch schlichte ionische Pilaster gegliedertes Gebäude mit Mansardendach. Das Innere dieses Schlosses war einst mit fürstlicher Pracht ausgestattet. Wie ist man heute noch überrascht, wenn man den ehemaligen Fest- und Ahnensaal mit seinen reichen Stuckaturen betritt! Helles Tageslicht flutet auf der einen Seite durch die doppelreihigen, mezzaninartig angeordneten Fenster in diesen Prunksaal und beleuchtet schimmernd die Wände und die Decken, so daß alle Feinheiten der reichen Stuckarbeit sich dem Auge darbieten. Die Wände werden durch Pilaster mit Kompositkapitellen gegliedert, die ein gekröpftes, die Wand gegen die Decke abschließendes Gesims tragen.
Die Kapitelle der Pilaster sind schon ganz vom Geiste des Rokoko beherrscht. Die durch die Pilaster voneinander abgetrennten Wandflächen werden belebt durch flott gearbeitete, früher vergoldete Stuckrahmen, in denen einst die Ahnenbilder der Freiherrn von Lindenfels hingen. Besonders reich ist der Schmuck der Decke, Noch ist hier nicht ganz das ausgesprochene Rokoko mit seinen eleganten Linien und Kurven zur Herrschaft gekommen. Wir sehen noch schwere und schwellende Formen in der Umrahmung dies Mittelfeldes, aber sonst hat sich überall die Muschel Ornamentik des Rokoko breitgemacht. Eine sprudelnde Phantasie war hier am Werke tätig. In der Mitte der Decke thront Neptun auf einer Muschel. Vier große, mit den Monogrammen der einstigen Schlossherren gezierte Muschelstücke beherrschen die Eckfelder. Phantastisch Tiere, wie Schlangen, Drachen, Greife und Bären kriechen unter dem Muschelwerk hervor. Zwischen die großen Eckmuscheln treten vermittelnd kleinere Muscheln, die wiederum Monogramme tragen. Zarte Blumengewinde sprießen an allen Ecken und Enden aus dem Muschelwerk hervor. Welch ein festlicher Anblick muß es gewesen sein, als noch die Kronleuchter aus venezianischem Glas ihr mildes Kerzenlicht auf die hier so oft versammelte höfische; Gesellschaft warfen, wahrend die Ahnenbilder an den Wänden auf das festliche und sorglose Treiben fröhlicher Menschen in. diesem Saale herabschauten! Ein kleines Stück Rokoko wird lebendig vor uns, wenn wir in diesem Saale weilen; aber schnell verschwindet dieses Bild der Vorzeit, wenn wir wieder an die rauhe Wirklichkeit erinnert werden, die später über diesen Festraum hinweggegangen ist und i'hm so viel von seiner einstigen Schönheit genommen hat. Möchten doch wenigstens die jetzigen Besitzer des Schlosses dieses Kleinod pflegen als eines der wertvollsten Kunstdenkmäler unserer Heimat!"
Wie sehr hat auch das einstige Frühstückskabinett in diesem Schlosse unter unverständiger Behandlung gelitten! Wäre dieser köstliche Innenraum in seiner Ursprünglichkeit erhalten geblieben, unsere Heimat könnte sich, einer wirklichen Sehenswürdigkeit rühmen. Vielleicht läßt sich der jetzige Besitzer des Schlosses dazu bewegen, dieses Zimmer wieder einigermaßen instand zu setzen, um es vor endgültigem Verfalle zu schützen. Die Decke und die Türen dieses Zimmers ziert prachtvoll geschnittener Stuck, während die Wände in Goldleisten eingespannte, große Ölgemälde bedecken, auf denen Szenen aus der galanten Rokokozeit dargestellt sind. So sehen wir, wie sich in prächtige Rokoko-Kostüme gekleidete Herren und Damen in üppiger Parklandschaft ein Stelldichein geben. Auf einem Bilde hört eine als Ceres (Göttin des Ackerbaues) verkleidete Dame einem Flötenkonzert zu; auf einem anderen versenkt sich ein junges Mädchen in die Betrachtung eines Emailbildchens, auf dem wahrscheinlich der Geliebte dargestellt ist. Kulturgeschichtlich sehr lehrreich ist aber die Wiedergabe einer Kaffeetischgesellschaft in einem Innenraum; hier lernen wir einmal alle Geräte eines Kaffeetisches der galanten Zeit bis in alle Einzelheiten kennen.
Alle Szenen sind üben von einem durch sämtliche Bilder gebenden purpurnen Baldachin abgeschlossen. In einer Ecke dieses Raumes steht noch ein grüner weiß glasierter Kachelofen auf einem eisernen Untergestell, auf dessen Seiten die Monogramme, und Wappen derer von. Lindenfels angebracht sind. Der Ofen dürfte der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts angeboren. Über die phantasievollen Stuckarbeiten, in den zahlreichen Zimmern dieses Schlosses ließe sich noch manches Wort sagen. Wenn wir so im Erkersreuther Schlosse wenigstens noch einen verblassten Abglanz früherer Herrlichkeit sehen, sie ist der Schlossgarten vollends zerstört. Die alten Springbrunnen sind vertrocknet, die Terrassen verfallen, Unkraut und Gestrüpp überwuchernd die zertrümmerten Bildsäulen und Urnen. Aber über aller Zerstörung Hegt klar umrissen vor uns die Geschichte dieses einst so stolzen Herrensitzes,"
Diese Kunstbetrachtung von Dr. Zeh stammt aus der Zeit vor 1920. In den folgenden Jahrzehnten trat in der Verwendung der Schlossgemächer eine tief gehende Umwandlung ein. Dem Ansuchen des Besitzers, diese Sehenswürdigkeiten unter "Denkmalschutz zu stellen, wurde von seiten der Behörde nicht stattgegeben, weshalb der Eigentümer im Jahre 1939 durch Unterteilung der großen Räume Mietwohnungen errichten ließ. Dadurch gingen die in diesem Aufsatz geschilderten historischen Sehenswürdigkeiten fast gänzlich verloren. Der genannte mit dem Lindenfels'schen Wappen verzierte Kachelofen befindet sich im Selber Museum, während sich noch ein kleiner Teil der Gemälde im Besitze des Schloßeigentümers Brauereibesitzer Ploß in Selb befindet.
 [1] Rudolf Richter Oberlehrer 1950 Heimatkunde des Ortes Erkersreuth (Selb)



