Porzellanfabriken Hutschenreuther Konzern
Hutschenreuther im Strupp Konzern
Gründung der Porzellanfabrik Kahla durch Ch. Eckardt
Der Begründer der Kahlaer Porzellanfabrik war Christian Eckardt. Im Jahre 1844 baute dieser ein in der Rudolstädter Strasse gelegenes Farbenwerk zu einer Massenmühle mit Brennofen um. Die Zeit war nicht glücklich gewählt, die wirtschaftliche Lage war allgemein schlecht, und das Unternehmen blieb längere Zeit in seinen bescheidenen Anfängen stehen, auch nachdem es 1856 in den Besitz des früheren Gutbesitzers Fr. A. Koch übergegangen war. Noch gegen Ende der sechziger Jahre hatte die Fabrik zwei kleine Öfen mit Holzfeuerung, und ihr Betrieb war nichts weniger als gewinnbringend. Den Anlass für die Gründung der Kahlaer Porzellanfabrik haben wohl neben anderen Umständen die Quarzsandvorkommen des Saalethales gegeben, indessen waren doch noch andere Vorbedingungen erforderlich, um ein neues, schon damals mit starker Konkurrenz kämpfendes Unternehmen hochzubringen.Diesen Anlass brachte erst der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung nach dem siegreichen Kriegen 1870/71. In der Mitte der siebziger Jahre fand eine wesentliche Vergrösserung die sog. Wiesenmühle, eine frühere Mahl- und Schneidemühle, angekauft und in eine Porzellanfabrik umgebaut. Die Wiesenmühle ist in ihrem heutigen stark erweiterten Zustande noch in Betrieb. Das Unternehmen entwickelte sich jetzt unter der tatkräftigen Leitung Hermann Kochs, des ältesten Sohnes des oben Erwähnten, der die Fabrik 1871 übernommen hatte, rasch zur Blüte. Als die abermals erforderlichen Erweiterungen die Kraft eines einzelnen überstiegen, wurde die Porzellanfabrik im Jahre 1888 unter Mitwirkung des Bankhauses B. M. Strupp in Meiningen, die kurz vorher mit der Umwandlung der Porzellanfabriken zu Kloster Veilsdorf und Königszelt (Schlesien) zu Aktiengesellschaften überführt. Schon im folgenden Jahre wurde in Kahla eine weitere Porzellanfabrik, die sog. alte Lehmannsche Fabrik mit fünf Öfen, hinzugekauft. Durch den Erwerb dieses Werkes gelangte die Firma gleichzeitig in den Besitz der sog. Saalmühle, welche zur Ausnutzung ihrer Wasserkräfte im Laufe der Jahre wohl zur grössten Massenmühle Deutschlands ausgebaut worden ist.
Gründung von Zweigfabriken durch Zukauf
Um die selbe Zeit erfolgte mit der Gründung einer Zweigfabrik in Hermsdorf (S.-A.) ein wichtiger Schritt zur Erweiterung des Unternehmens über die Stadtmauern von Kahla hinaus. Die Angliederung von Zweigniederlassungen wurde im Jahre 1890 durch den Ankauf der Zwickauer Porzellanfabrik fortgesetzt. Als sodann die in Hermsdorf eingeführte Fabrikation des technischen, besonders elektrotechnischen Porzellans sich über Erwarten gut entwickelte, gab das den Anlass 1906 auch in der Stadt Freiberg (Sachsen) eine grosse Fabrik zu Erweiterung des Geschäftszweiges zu erbauen.
Umwandlung in eine Aktiengesellschaft
So wuchs die A.-G. Porzellanfabrik Kahla zu einem Unternehmen heran das im Jahre 1914 über 78 Rundöfen verfügte und mehr als 3300 Personen beschäftigte. Heute 1922 ist die Zahl der Arbeiter und Angestellten nach starkem Sinken infolge des Weltkrieges wieder über den Stand vor dem Kriege angewachsen und beträgt rund 3500 Mitarbeiter. In Kahla selbst besitzt die A.-G. Porzellanfabrik Kahla gegenwärtig 37 Öfen mit einem Gesamtinhalt von rund 2000 cbm. Dieselbe verteilen sich auf fünf räumlich getrennte Betriebe. Von diesen sind die Bahnhofsfabrik und die Fabrik an der Jenaer Landstrasse die grössten und mit den modernsten Einrichtungen versehen. So ist z.B. ersteres Werk zur Hälfte, letzteres vollständig für Generatorgasfeuerung eingerichtet. Die Fabrik an der Jenaer Landstrasse liegt etwa 10 Minuten nördlich des Staatsbahnhofs und wurde erst kurz vor dem Kriege fertig (1914). Dem langestreckten Brennhauses gegenüber liegt die zugehörige Gasanstalt mit mehreren Generatoren neuester Bauart. Das Gas wird durch Kanaleitungen sämtliche Öfen zugeführt, von denen in der Regel jeden Tag einer entleert und einer in Brand gesetzt wird, während die übrigen in Glut stehen, in der Füllung oder im Abkühlen begriffen sind. Das Tätigkeitsgebiet der Fabrik umfasst hauptsächlich Gebrauchsgeschirre jeder Art, die in Massen angefertigt werden und neben einen beträchtlichen Absatz im Inlande seit langen Jahren vorwiegend im Ausland abgesetzt werden. Vor dem Ausbruch des Krieges wurden über Dreiviertel der ganzen Erzeugung nach allen Auslandsstaaten ausgeführt, und wenn der Krieg auch diese Beziehungen zum grössten Teile unterbrach, so ist doch das Exportgeschäft wieder im Steigen und dürfte in Zukunft die alte Bedeutung wieder gewinnen. Die Porzellanfabrik Kahla verfügt nicht nur über eigene günstig liegende Gruben von Quarzsand, sondern hat sich auch zum Zwecke einer dauernden gesicherten Selbstversorgung mit Porzellanerde angegliedert. Die Porzellanfabrik Kahla zählte 1914 zu den grössten Porzellanherstellern Deutschlands und gliedert u. a. die Porzellanwerke Arzberg, Hutschenreuther und Schönwald an. Im Jahre 1946 wurde die Porzellanfabrik eine russische Aktiengesellschaft und folgte 1952 in einem VEB Betrieb der DDR. Im Jahre 1991 wurde die Porzellanfabrik Kahla privatisiert und ging zwei Jahre später in den Konkurs. Im Jahre 1994 erfolgte eine Neugründung und firmierte unter den Namen Kahla/Thüringen G.m.b.H.[1]
Gründung der Aktiengesellschaft Porzellanfabrik Kahla[2]
1881 war die Porzellanfabrik 25 Jahre im Besitz der Kochschen Familie. Aus Anlass dieses Jubiläums fand am 17.09.1881eine große Feier im Fürstenkeller statt. Die Fabrik wurde mit 4 000 Lämpchen beleuchtet. Die Feier bei Tafel und Ball wurde durch ein Zwischenfall getrübt. Infolge Fahrlässigkeit eines Arbeiters brach vom Heuboden der Fabrik ein Feuer aus. Die 5 Pferde konnten mit Mühe gerettet werden, der versicherte Schaden betrug 25 000 Mark. Das gestiegene Ansehen der Fabrik und die damit verbundene Hebung der heimatlichen Industrie trug sich auch dazu bei, dass Hermann Koch am 16.09.1885 vom Herzog zum Kommerzienrat ernannt wurde. Die ganze Stadt und seine auf 400 Mann angewachsene Belegschaft fühlten sich mitgeehrt. Viel Ehre und großes Ansehen brachte dem Unternehmen die Landes-Gewerbeausstellung im Jahre 1886. In einem Pavillon demonstrierte Hermann Koch die Herstellung von Porzellan und zeigte seine besten Erzeugnisse. In den zehn Jahr. von 1880 - 1890 gewann Kahla als Porzellanhersteller so an Größe und Bedeutung, dass es das weltgrößte Porzellanwerk für Haushaltporzellan wurde. Inzwischen beschäftigte Koch 800 Arbeit, 1878 waren es nur 180. Ein zur damaliger Zeit moderner Betrieb war entstanden, in dem die Mechanisierung Einzug gehalten hatte. Die Arbeitsbedingung konnten durch die technologisch. Veränderungen im Vergleich zu den Bedingungen in der Zeit von Kochs Vater zugunsten der Arbeiter wesentlich verbessert werden. Mit der Größe des Betriebes war natürlich auch die Verantwortung seines Leiters gewachsen. Als 1887 das Bankhaus B. M. Strupp in Meiningen Hermann Koch zu seiner Entlastung die Gründung einer Aktiengesellschaft nahe legte, zeigte er Verständnis für diesen Gedanken. Die für die Expansion seines Unternehmens notwendigen Geldmittel gingen auch über die Kräfte Kochs hinaus. So stand aus Sicht Kochs der Gründung einer Aktiengesellschaft nichts im Wege. Am 05.01.1888 gründeten Kommerzienrat Koch (Porzellanfabrik Kahla), Dr. Gustav Strupp, Meinhold Strupp (Bankhaus B.M. Strupp Meinigen), Louis Strupp (Bankier Gotha), Julius Leffson (Kaufmann Meinigen) die Aktiengesellschaft. In den Aufsichtsrat wurden Gustav, Meinhold und Louis Strupp Gewählt. Der Vorstand setzte sich aus Direktor Hermann Koch, dem Techniker Johann Bünzli und dem Buchhalter Leopold Frank zusammen.
Das erste Geschäftsjahr brachte gute Erfolge, man dachte über die Erweiterung des Betriebes nach. Der Bau einer Porzellanfabrik in Hermsdorf wurde begonnen. Zu den Erweiterungen in Kahla gehörten 1889 der Kauf der „Alten Lehmannschen Fabrik“ in der Bahnhofstraße und Anteile an der „Saalmühle“. Den Ankauf der „Saalmühle“ hatte Johann Bünzli vermittelt. Als Dank erhielt er die alte „Walkmühle“ in den Bibrawiesen, samt aller erforderlichen Ziegelsteine für den Umbau (das Werk Kahla stellte damals noch selbst Ziegelsteine her). Bünzli baute diese Mühle um und veränderte ihr Aussehen, sie ging als erste Massenmühle in die Geschichte ein. In der Generalversammlung am 16.12.1890 wurde Hermann Koch zum Generaldirektor ernannt, Johann Bünzli wurde damit zum Direktor. Prokurist Leopold Frank und Eduard Bolbrinker erhielten Prokura. Koch fühlte sich in dieser Position nicht wohl und schied am 21.12.1891 aus und verlegte seinen Wohnsitz nach Hermsdorf.
Porzellanfabrik Tirschenreuth
Am 8.11.1832 wurde durch den Fabrikanten Heinrich Eichhorn aus Schney bei Lichtenfels um Genehmigung zur Gründung einer Porzellanfabrik in Tirschenreuth eingereicht. Diese wurde am 22.11.1832 durch die Organe der Stadt Tirschenreuth, unter anderem da eine Porzellanfabrik eine Konkurrenz gegen die Steinguterzeuger darstellte, zu viel Holz benötigte und die Fabrikgebäude nicht sicher genug seien, abgelehnt. Nach Einspruch gegen den Bescheid 1833 und Widerlegung der Begründung für die Ablehnung wurde der Betrieb einer Porzellanfabrik durch die königliche Regierung des Obermainkreises stattgegeben. 1838 waren die Baumassnahmen abgeschlossen und die Aufnahme der Produktion mit einem Brennofen begann. Die Produktionspalette umfasste Pfeifenköpfe, Tassen und zahlreiche Einzelartikel. Anfangsschwierigkeiten erfordern eine Bezuschussung des Betriebes durch Eichhorn. Im Jahre 1846 wurde eine zweiter Brennofen in Betrieb genommen und eine Sortimentserweiterung um Andenkentassen für die böhmischen Badeorte sowie komplizierte Artikel wie Uhrengehäuse im Bestand aufgenommen. 1880 verstarb der Firmengründer Heinrich Eichhorn und seine Anteile erwarb Edmund Tittel, Friedrich Muther und August Bauscher. Im selben Jahr verkaufte August Bauscher seine Besitztitel an Karl Gotthold Mezger, Textilkaufmann aus Nürtingen/Württemberg. Mit dem Erlös finanzierte August Bauscher die Errichtung einer Porzellanfabrik Bauscher in Weiden. Nach Vernichtung grösstenteils der Betriebsanlagen wurden 1886 ein neuer Brennofen und eine Massenmühle gebaut. Desweiteren wurden die ersten kompletten Serviceformen entworfen.
Bis 1900 wurden die Produktionsanlagen auf über 1100 Artikel, darunter neben Schnauzbarttassen, Serviceformen wie Carmen und Aurora, die den floralen Jugendstil zugeordnet sind. Im Jahre 1902 erfolgte der Aufbau einer eigenen Rohstoffversorgung durch die Errichtung eines Pegmatitwerkes und einer Kaolinschlemmerei auf der Schmelitzhöhe. 1908 verstarb Gotthold Mezger, seine Anteile wurden an Johann Schlipphack übertragen. Während des I. Weltkrieges 1914 bis 1918 brachen die Absatzmärkte vorallem in Übersee bedingt durch den ersten Weltkrieg ein. Angesichts des gleichzeitig zurückgehenden Bedarfs an den in Tirschenreuth gefertigten luxuriösen Erzeugnissen erfolgt gezwungenermassen ein Arbeitskräfteabbau. Nach 1918 mit Kriegsende Wiederanknüpfung der ehemaligen Exportverbindungen bei nahezu unverändertem Charakter der Produktionspalette, insbesondere repräsentativer Porzellanservice. Mit der Barockform München oder den Klassizismus Servicen Empire und Hohenzollern erfolgt eine Hinwendung zu historisierenden Aktualisierung vergangener Stilepochen in Porzellan. Prägend für die Formgestaltung ist der Modelleur Johann Böhm, dessen Tätigkeit über 30 Jahre andauert. Kobaltätzkanten, in hervorragender Qualität in Tirschenreuth fabriziert erlangen Berühmtheit. Im Jahre 1926 verstarb der Direktor Johannes Schlipphack.
1927 übernahm der Porzellanhersteller Lorenz Hutschenreuther die Porzellanfabrik Tirschenreuth. Eine durchgreifende Erneuerung und Modernisierung der Brennanlagen waren die Folge. Aus Anlass des 100 Jährigem Betriebsjubiläums 1938 erfolgte die Vorstellung einer auf das Jubiläum ausgerichtete Serviceform 100 mit entsprechend sachlich gehaltenen Randliniendekoren. Einführung zeitgenössischer glatter, klar gestalteter Serviceformen wie Helena oder Astoria neben neuen Historismusentwürfen wie z. B. Elli 1937. Im September 1945 erfolgte die Wiederaufnahme der während des II. Weltkrieges eingestellten Produktion dank weitestgehender Verschonung der Fabrikanlagen von Zerstörungungen und Demontage. Unterstützung der Fabrik und der Einwohner Tirschenreuth durch Paul Straub, dem Alleinimporteur für die USA. Herstellung von Nippes Artikeln wie Bierkrügen für die amerikanischen Soldaten und der während des II. Weltkrieges entworfenen Form Sparta. Nach 1950 Umstellung des Sortiments auf dem Zeitgeist der 50er Jahre entsprechende weich verlaufende z. T. asymmetrische Geschirrformen, aber auch Vasen, Konfektschalen und andere Geschenkartikel. - Entwurf zahlreicher der Nierentischzeit verpflichteter naturalistisch farbenfroher oder graphisch orientierter Dekore durch Josef Zwerenz. Wiederbelebung des Exports nach Übersee mit speziell hierfür entwickelten Kobalt-Ätzkanten und Stahldruckdekoren. Im Jahre 1957 betrug die Monatsproduktion 70 Tonnen Porzellan für den Verkauf. 1958 wurden die Brennbetriebes von sechs Rundöfen auf drei Tunnelöfen bei gleichzeitiger Erhöhung des Produktionsvolumens auf 110t/Monat. 1963 zum 125 jährigen Betriebsjubläums wurde die Jubiläumsform Juliette, die vom Markt sehr gut angenommen wurde, eingeführt. 1965 erstes Serviceentwurf des Bildhauers Hans Achtziger für Tirschenreuth - Symphonie - in der Folgezeit wurden weitere Serviceformen wie z. B. Rhapsodie (1967) und Melodie (1969) eingeführt. Weitere Formen runden 1976 die Kollektion im Servicebereich ab. Der Geschenkartikelbereich wurde ausgebaut. Vor allem der Designer Heinz Saur entwirft erfolgreiche neue Formen für Vasen und andere Geschenkartikel wie etwa kleine Tierfiguren. 1994 trennte sich die Lorenz Hutschenreuther AG von der Porzellanfabrik Tirschenreuth und Ende 1995 wurde die Porzellanfabrik Tirschenreuth nach über 150 Jahren geschlossen.[3]
Porzellanfabrik Bauscher Weiden[4]
Zahlreiche Städte und Ortschaften der bayrischen Kreise Oberfranken und Oberpfalz verdanken ihr Aufblühen vorwiegend der Entwicklung der Porzellanindustrie. Ursache dieser raschen Entwicklung waren einmal der grosse Holzreichtum dieser Kreise in früheren Jahren und die reichen Kohlenschätze des nahe gelegenen Böhmen in der Neuzeit, dann aber auch die überaus wertvollen und reinen Vorkommen an keramischen Rohstoffen, wie Kaolin und Feldspat, in den benachbarten bayrisch-böhmischen Grenzgebieten. Diese Verhältnisse haben auch die Stadt Weiden in der Oberpfalz zu einem der Mittelpunkte der bayerischen Porzellanindustrie gemacht. Die weltbekannten Hotelgeschirrre der AG Porzellanfabrik Weiden Gebr. Bauscher haben den Namen dieser Stadt über das ganze Erdenrund getragen und den guten Ruf der Firma begründet, welche die Herstellung dieser Spezialität von jeher besonders gepflegt hat. Man mag reisen wohin man will, auf den Schiffen des Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Amerika-Linie, auf dem Postdampfern des Afrika- und Ostasienverkehrs, auf den Dampfern der Red Star- oder der Pacific Steanship-Comp., man mag an den norwegischen Küsten oder in der Levante seine Erholung suchen, oder auf dem Hutson oder dem Vater aller Ströme, dem Nil, so findet man seine üppige Tafel mit den erlesenen Geschirren der AG Porzellanfabrik Weiden Gebr. Bauscher besetzt. Man mag den europäischen Kontinent im Speisewagen der Mitropa oder die Prärien Nordamerikas im Pullman Car durchmessen, man speist von den Tellern, trinkt aus den Tassen der AG Porzellanfabrik Gebr. Bauscher Weiden. In den führenden Hotels beider Hemisphären, ob in Berlins Esplanade, in Hamburgs Atlantic oder im Carltonhotel in Frankfurt a. M., in den ersten Häusern von London, New York, Paris und Kopenhagen, am Fusse der Pyramiden und bei Shepeard in Kairo, in Jerusalem und Montevideo serviert man dem Globetrotter auf blendend weissem Bauschergeschirr, dessen Ausstattung je nach Geschmack und Ansprüchen des Hauses vom einfachsten bis zu üppig-schönen Dekor wechselt. Die Porzellanfabrik von Gebrüder Bauscher wurde in Weiden a. d. Naab 1881 mit 70 Mitarbeiter gegründet und trug für ihre Erzeugnisse schon im folgenden Jahre auf der Bayerischen Landesindustrie- und Gewerbeausstellung eine Anerkennung davon.
Seit den Neunziger Jahren ist die Firma mit ihren Spezialgebiet, das sie von Anbeginn ihrer Wirksamkeit pflegte, auf allen Fachausstellungen von Bedeutung vertreten gewesen und hat überall ehrende Auszeichnungen, in Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Kopenhagen und in anderen Städten grosse goldene Medaillen oder erste Auszeichnungen ähnlicher Art erhalten. Was den Erzeugnissen der Fabrik in kurzer Zeit so unumschränkte Anerkennung im In- und Auslande verschafft hat, ist die Güte der verwendeten Rohstoffe, die einen Scherben von höchster Härte, Feinheit und Weisse verbürgt, und das damit immer verbunden gewesene Streben nach Vornehmheit des Dekors. Die Firma hatte sich mit Hilfe dieser Vorzüge bis zum Jahre 1914 auf dem Gebiete des vornehmen Hotelporzellans nahezu eine Monopolstellung erworben. Peter Behrens, Hans Christiansen, Josef Maria Olbrich - das waren die drei auffälligsten Vertreter jener damals umstrittenen Stilrichtung, die auf ihr Panier geschrieben hatte: Alles ist Kunst!. Die Barrieren zwischen Industrieproduktion und Kunstgegenstand, zwischen Massenproduktion und künstlerischen Unikat sollten fallen. Von der Harmonie des Gesamten war plötzlich die Rede, von der Poesie aller Dinge, mit denen sich der Mensch umgab. Dass man bei Bauscher die Verbindung zum Jugendstil nicht als flüchtigen Gag abtat, zeigen die noch vorhandenen Modellbücher jener Zeit. So erweiterte sich das Thema Jugendstil um etliche Namen, um etliches Porzellan. Beginn bei Peter Behrens, dem Maler, Baukünstler und Formengestalter. Seine sechs- und achteckigen Porzellanteile in mehreren Dekorvarianten bereicherten die Produktpalette über Jahre. Seine sechseckige Untertasse erschien Anfang der siebziger Jahre letztmals als Hotelaschenbecher. Paul Bürck, jüngster der Gruppe, in Strassburg geboren, konzipierte für Bauscher 1902 ein Kaffeeservice moderne Form Professor Brück, kurz darauf ein spezielles Hotelgeschirr, dass er bis 1911 ständig erweiterte. Bis zu Beginn des I. Weltkrieges stand es auf dem Programm. Der Architekt Josef Maria Olbricht, Schöfper der Darmstädter Hochzeitsturmes entwarf zunächst ein Tafelservice moderne Form Professor Olbricht, füllte in den folgenden Jahren noch manche Seite in den Modellbüchern. Mit einem Dekorentwurf, im Hausgebrauch Pfötchenkante genannt, überdauerte sein Einfallsreichtum eine Generation auf dem Weidener Hotelporzellan.
Porzellan Schönwald Johann Nikol Müller
Im November 1879 sieht man die Fackel der Porzelliner in Schönwald lodern. Auf dem Grund der alten Fronherberge, Haus Nr. 95. Der Porzellanpionier beginnt die Produktion feinen Tafelgeschirres mit zwei Brennöfen. Er spürt, in welchen Qualitäten was zu produzieren ist: Gebrauchsgeschirr einschliesslich Festongeschirren und Kaffeeservicen von besonderer Haltbarkeit. Dieser Wille zur Qualität führt zum Beinamen: Qualitäts-Müller. Die Ausstattung der Fabrik war nach unseren Massstäben einfach, für die 70er und 80er Jahre des 19. Jahrhunderts jedoch ohne Zweifel fortschrittlich. Je 76 Brutto cbm hatten die zwei Brennöfen. Effektiv zu wirtschaften lag nun einmal in der Art dieses Gründer Unternehmers. So nutzte er beispielsweise auch die bereits vorhandenen Betriebe des Dampfsägewerkes und der Zündholzfabrikation voll aus. Die Räume werden umgestellt und für die Rohproduktion des Porzellans eingerichtet: Zwei Brennkammern mitten im Haus. Und - bei nur zwei Brennöfen sollte es nicht bleiben. J. N. Müller unternahm in jedem Jahr etwas. Bauen, Aufbauen und Neubauen. Das Ergebnis war das Wachstum und zwar schneller als die anderen.
1885 lässt er zwei weitere Öfen mit ebenfalls 76 cbm Brennraum installieren. Zwei Jahre danach die Öfen Nr. 5 bis Nr. 7 mit je 80 cbm Brennraum. Am Anfang steht in der Frohnherberge nur eine Schmelze mit sechs Kammern. Dann kommt die Kapsel-Dreherei. Dann ein eigenes Brennhaus. Danach das Kesselhaus mit einer riesigen Dampfmaschine. Die Massenmühle und bereits 1900 ein weiteres Brennhaus. Im Zeitraum 1895 bis 1896 wird wiederum konsequent erweitert: drei weitere Brennöfen werden gebaut. Die Porzellanfabrik J.N. Müller verfügt nun schon über einen Brennraum von 704 Brutto cbm. Die weitere Entwicklung beweisst, dass J. N. Müller den unternehmerischen Schritt zu Recht vollzog. Er hatte es nicht nur verstanden, Gebäude zu bauen, sondern er schuf auch ein für unsere heutigen Vorstellungen marktgerechtes Produktionsprogramm. Die Einzelfirma J.N. Müller wurde am 19.9.1891 als offene Handelsgesellschaft eingetragen und am 29.6.1894 als Kommandit Gesellschaft. Zu diesem Zeitpunkt waren Friedrich und Michael Müller, die Söhne des Pioniers, persönlich haftende Gesellschafter. Müller baute Betriebswohnungen für seine Mitarbeiter. 1896 im Todesjahr des Gründers, verfügt der Betrieb aufgrund der unternehmerischen Weitsicht über 9 Brennöfen und 2 Schmelzbrandmuffeln für das Einbrennen der Dekore.
Porzellanfabrik Schönwald AG
1898 - ist inzwischen die Belegschaft auf 340 angewachsen - wird die Firma in eine Aktiengesellschaft Porzellanfabrik Schönwald AG umgewandelt. Es trägt jetzt den Namen des Ortes Schönwald. Die Nachfahren des ersten Porzelliners von Schönwald, die Müllers, sind weiterhin der Branche treu. Friedrich Müller, der älteste Sohn von Johann Nikol Müller, wird als kaufmännischer Leiter in der Porzellanfabrik Schönwald AG eingesetzt. Michael Müller scheidet 1889 aus und gründet eine Brauerei. Eduard Müller, der jüngste Sohn von Johann N. Müller baut eine Malzfabrik. Im selben Jahr 1898 wird das Unternehmen als Aktiengesellschaft dem Strupp Konzern angegliedert. Damit ist die finanzielle Basis gesichert. Die Porzellanfabrik Arzberg Theodor Lehmann wurde 1902 durch einen Grossbrand stark in Mitleidenschaft gezogen. Da zumindest ein Brennofen ausgefallen war, geriet die Firma jedenfalls in Lieferschwierigkeiten, vertraglich vereinbarte Porzellanlieferungen konnten nicht termingerecht ausgeliefert werden. Dieser Anlass führte Th. Lehmann dazu, seine Bemühungen um eine Kooperation bzw. einen Zusammenschluss seiner Fabrik mit einer leistungsfähigen anderen Firma zu suchen. Die Verhandlungen führten schliesslich im Mai 1903 zum Verkauf der Porzellanfabrik Theodor Lehmann an die Porzellanfabrik Schönwald AG. Die Fabrik in Arzberg wurde dann unter den Namen Porzellanfabrik Schönwald, Abteilung Arzberg geführt.[5]
1904 baut Eduard Müller gemeinsam mit seinem Bruder Adolf Müller die Malzfabrik in eine moderne Porzellanfabrik um. Zwei Jahre später, 1906, kaufen die beiden zur Porzellanherstellung zurückgekehrten Müller dem Königlich Sächsischen Kammerherrn Arno Achim die Ziegelei ab und wandeln diese 1907 in die Porzellanfabrik E. & A. Müller AG um. Im Jahre 1927 werden die beiden Schönwalder Porzellanfabriken - Porzellanfabrik Schönwald AG und die Porzellanfabrik E. & A. Müller - wieder zusammengeführt und es kommt zur Fusion mit der Kahla AG/Thüringen. Die expandierende Porzellanfabrik Kahla führt das neue Unternehmen unter der Bezeichnung Porzellanfabrik Schönwald, Zweigniederlassung der Porzellanfabrik Kahla in Schönwald/Ofr. Die ausgesprochenen Aktiven Männer von Kahla haben zu dieser Zeit ausser ihrem Stammwerk bereits Zweigniederlassungen in Hermsdorf, Freiberg und Großdubrau. Sie produzieren ausser Geschirrporzellan in besonderen Maße technisches Porzellan für die Hoch- und Niederspannung.
Bis Ende 1920 hatte man bei Schönwald sich mit allgemeinen Gebrauchsgeschirr beschäftigt. Die Kaffee- und Tafelserviceformen Charlotte und Ursula erwiesen sich als recht erfolgreiche Modelle im Handel. Im Bereich des Hotels und der Gastronomie entwickelte sich die Form Potsdam stetig weiter. Hatte man bis dahin das Augenmerk auf andere Probleme gerichtet als auf die Gestaltung der Porzellanformen, so änderte sich dies schlagartig mit dem Einritt von Heinrich Schindhelm am 1.11.1934 in den Vorstand des Kahla Konzern. Seit dem 1.Januar 1926 war Schönwald dem Kahla Konzern angegliedert, es beschäftigte zu dieser Zeit rund 600 Arbeiter und hatte nach der Zusammenlegung mit Schomburg & Söhne und E. & A. Müller rund 9690 cbm Ofenraum.
1928 legte man die Geschirrabteilung von Freiberg nach Schönwald. Geschirr produzierte im Kahla Konzern demnach nur noch Kahla, Schönwald und Arzberg. Damit wurde Schönwald für den Konzern immer wichtiger. Die Krisenjahre 1929 trafen den Konzern schwer. Ein Preisverfall setzte ein. Erst 1933 beruhigte sich der Markt wieder. Es erfolgte eine durchgreifende geschmackliche Ausrichtung der drei Geschirrwerke im Konzern. Schönwald wurde zur Spezialfabrik für Hotel- und Gastronomieporzellan erklärt.
Porzellanindustrie in Schönwald/Obfr[6]
Nur mit geringem Zeitabstand von dem Vordringen der Textilfertigung in den Nordostraum des Fichtelgebirges und das Ascher Ländchen schob sich die Porzellanindustrie in das Fichtelgebirge vor. Fand die Textilindustrie als Voraussetzung für ihre Standortwahl billige Arbeitskräfte vor, so waren der Porzellanindustrie mindestens anfangs noch weitere Vorteile durch Holzreichtum in den Wäldern und Nähe der Rohstoffreviere geboten. Carl Magnus Hutschenreuther, ein Thüringer, gründete schon 1814 die erste Porzellanfabrik in Hohenberg. Lorenz Hutschenreuther, sein Sohn, errichtete 1856 in Selb die erste Porzellanfabrik. Wenige Jahre später - 1864 - baute Jakob Zeidler in Selb-Plößberg eine Porzellanfabrik. In Schönwald entstand die Porzellanindustrie aus einer alten Fronherberge heraus, die zu den „Achtzehnern" gehört, später die Hausnummer 95 erhalten und ihre Grundstücke zu Oberst im Dorf links der alten Straße nach Rehau hatte, ferner aus dem alten Pferdefronhof mit der späteren Hausnummer 1 und dessen Grundstücken rechts der alten Rehauer Straße, von dem es 1690 hieß, dass dem Besitzer bereits von weiland Johann Friedrich Rab 1 Gulden uff ewig wegen des geringen Ertrags und Werts erlassen wurde. Johann Nikol Müller, am 5. Dezember 1821 geboren, gelernter Schreiner, versuchte es zunächst 1862 mit einem Sägewerk samt Zündholzfabrikation. 1879 baute er diesen Betrieb zu einer Porzellanfabrik mit 2 Brennöfen um. In den Jahren 1885 bis 1896 kamen weitere 7 Brennöfen hinzu. 1891 wurde die Firma Johann Nikol Müller als offene Handelsgesellschaft und 1894 als Kommanditgesellschaft in das Handelsregister eingetragen; Friedrich und Michael Müller, Söhne des Johann Nikol Müller, wurden als Gesellschafter geführt. Außer Friedrich und Michael hatte Johann Nikol Müller noch 3 Söhne, Hans, Adolf und Eduard, und 1 Tochter. Johann Nikol Müller starb am 17. Mai 1896.
1898 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft „Porzellanfabrik Schönwald" umgewandelt. Friedrich Müller blieb kaufmännischer Leiter bis 1904; Michael Müller schied 1898 aus. 1900 wurden 3 weitere Brennöfen gebaut. 1898 errichteten Eduard und Adolf Müller eine Malzfabrik im mittleren Dorf. Diese wurde 1904 in eine Porzellanfabrik umgewandelt und 1905 vergrößert (heute als Abteilung A bezeichnet). Die Firma wurde unter dem Namen „Porzellanfabrik E. und A. Müller" als offene Handelsgesellschaft, ab 1907 als Aktiengesellschaft geführt. 1906 kauften Eduard und Adolf Müller die von Arnim'sche Ziegelei und bauten sie gleichfalls zu einer Porzellanfabrik um (heutige Abteilung B). 1907 wurde die Gesamtfirma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. 1925 erwarb die Firma E. und A. Müller AG. die am unteren Ortsausgang gelegene Porzellanfabrik Dümmer und Co. (jetzige Abteilung C). Dieser Betrieb war aus der im 1. Weltkrieg errichteten Lumpenreißerei Grässel entstanden. Michael Müller errichtete 1898 die Exportbierbrauerei „Bergschlößchen", die bis 1922 bestand. 1922/23 bauten Sohn und Schwiegersohn des Michael Müller die Brauerei in eine Porzellanfabrik „Michael Müllers Erben" um. 1925 ging der Betrieb an die Porzellanfabrik Schönwald AG über und wurde 1930 stillgelegt. 1927 kamen beide Betriebe, die Porzellanfabrik Schönwald AG und die Porzellanfabrik E. und A. Müller AG, mit allen Werken in den Besitz der Porzellanfabrik Kahla/ Thüringen und wurden unter der Bezeichnung „Porzellanfabrik Schönwald, Zweigniederlassung der Porzellanfabrik Kahla in Schönwald/Ofr." fortgeführt. 1948 wurde der Sitz der Porzellanfabrik Kahla nach Schönwald verlegt. Für die Fabrik wurde die Firmierung „Porzellanfabrik Schönwald, Zweigniederlassung der Porzellanfabrik Kahla in Schönwald/Ofr." beibehalten.
In den letzten Jahren wurde der Betrieb der Porzellanwerke gründlich modernisiert. Die Brennöfen mit ihrem qualmenden Rauchabzug und lodernden Kaminen, Jahrzehnte hindurch ein Merkmal der Porzellanherstellung, wurden bis auf Reste durch Tunnelöfen in der Abteilung B ersetzt. Die Abteilung A wurde ganz stillgelegt, der PS-Bau auf den Buntbetrieb beschränkt. Die Staublungengefahr, früher eine Geißel der Porzellanarbeiter, ist weitgehend beseitigt. Die Porzellanfabrik Schönwald ist auf Hotelporzellan spezialisiert; etwa 80 Prozent ihrer Produktion entfallen auf Hotel-, etwa 20 Prozent auf Haushaltsgeschirr. Die Erzeugnisse sind weltbekannt. Die Zahl der in den Porzellanbetrieben in Schönwald beschäftigten Arbeiter betrug bereits im Jahre 1910 950 Beschäftigte; sie stieg bis zum Jahre 1925 auf 1220 an und erreichte zeit- weise die Grenze von 1400. Der Anteil weiblicher Arbeitskräfte war ständig hoch; er betrug 1910 45,3 v. H., 1925 41,6 v. H. Gemessen an der Einwohnerzahl Schönwalds betrug die Zahl der Arbeiter der Porzellanbetriebe im Jahre 1910 30,5 v. H., im Jahre 1925 34,5 v. H. Wird der Zahl der Arbeiter die Zahl der Familienangehörigen zugesetzt, so zeigt sich, dass nahezu die gesamte Bevölkerung unmittelbar mit dem Geschick der Porzellanbetriebe verbunden war. Versuche, andere Industrien anzusiedeln, blieben bis weit in die jüngste Zeit hinein ohne Dauererfolg. Mit dem Wald verbunden, hielt sich das nach dem 1. Weltkrieg er- richtete Sägewerk Baumgärtel und Kant Erst nach dem 2. Weltkrieg trat eine gewisse Auflockerung durch die Betriebe Wirkwarenfabrik Adolf Müller, Keramische Zierdruckanstalt Müller und Siegmund und Transportgerätefabrik Gempf und Börner ein.
Gleichlaufend mit der Entwicklung der Industriebetriebe stieg die Einwohnerzahl von 1144 im Jahre 1880 und 1336 im Jahre 1890 auf 2003 im Jahre 1900 und 3114 im Jahre 1910. Der Anstieg war vorwiegend auf Zuwanderungsgewinn zurückzuführen; aus der einheimischen Bevölkerung allein konnte der Bedarf an Arbeitskräften lange Zeit nicht mehr gedeckt werden. Wie in den Zeiten der ersten Besiedlung des Fichtelgebirgsraumes ging der Zustrom der Menschen wieder von der Oberpfalz aus, diesmal verstärkt durch ein Zurückfluten aus dem bayerischen Siedlungsraum der böhmischen Grenzgebiete. Der 1. Weltkrieg hemmte die Entwicklung; 1919 zählte Schönwald 3049 Einwohner. 1925 war die Einwohnerzahl auf 3570 gestiegen; 1939 betrug sie 3273. Das Ende des 2. Weltkrieges brachte den Zustrom von Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland, der einen gewissen Rückgang der einheimischen Bevölkerung ausglich und die Einwohnerzahl auf 4349 im Jahre 1950 und 4479 im Jahre 1961 ansteigen ließ, wovon rd. 1300 Heimatvertriebene waren.
Paul Müller Selb, Abteilung Lorenz Hutschenreuther 1890
Die Porzellanfabrik und Malerei Paul Müller (Inh. Porzellanfabrik Lorenz Hutschenreuther, Vorstand Direktor Herrmann Müller Selb, Bayern. Das Unternehmen wurde im Jahre 1890 durch Herrn Paul Müller in Wiesbaden begründet und zunächst in kleinem Umfange mit zwei Öfen betrieben. Neben den allgemeinen günstigen Verhältnissen, die ja schon eine ganze Reihe von Porzellanfabriken in Selb hatten entstehen lassen, kam hier noch als besonderer Anlass, die finanzielle Beteiligung des Begründers an zwei damals in Selb bestehenden Porzellanmalereien hinzu. Das Unternehmen, pflegte von Anfang an und auch nach seinem weiteren Ausbau, zuletzt bis auf sechs grosse Rundöfen, die Herstellung von Gebrauchsgeschirren als Spezialität und hat gleich regen Absatz im In- und Ausland, so dass seine Arbeiterzahl, die vor dem I. Weltkrieg 330 betrug, diesen Stand nicht nur wieder erreicht, sondern sogar schon überschritten hat. Das Werk wurde im Jahre 1917 durch die Porzellanfabrik L. Hutschenreuther angekauft. Hierdurch wurde jedoch die Selbständigkeit nicht beeinträchtigt, wie auch der Geschäftsbetrieb unter der alten Firma Paul Müller fortgesetzt wurde.
Die Fabrikgebäude dienten von 1943 - 1954 der ausgelagerten Produktion der KPM Berlin
Die Auslagerung der Produktion der KPM Berlin wurde während des II. Weltkrieges 1943 ausgelagert in die Lorenz Hutschenreuther Porzellanfabrik, Abteilung Paul Müller in Selb. Diese bestand bis 1954 weiter. Dem Bombenhagel, der in der Vergangenen Nacht über Berlin niederging und die Stadt in Schutt und Asche gelegt hat, sind die Fabrikgebäude der Staatlichen Porzellanmanufaktur Berlin am S-Bahnhof Tiergarten zum Opfer gefallen. Den Verlusten, die der Krieg seit 1939 gefordert hat, ist ein neuer, wenn auch ideeller, hinzuzufügen. Mit der KPM ging ein Stück Kulturgeschichte verloren. Direktor Pfeifer wird nun einen für den Notfall bereits ausgearbeiteten Plan in die Tat umsetzen und die Manufaktur verlagern müssen. Es ist vorgesehen, dass technisches Porzellan in Selb weiter produziert wird. Der Direktor will mit seinen Malern nach Karlsbad umsiedeln, in eine Glasmanufaktur ganz in der Nähe des Kurortes. Nach seinen Vorstellungen soll dort dekoriert werden, was an weissen Porzellan noch aus den Trümmern gerettet werden kann. Service und Zierporzellan dürften in der letzten Zeit vor der Zerstörung ohnehin nicht mehr geformt werden. Es ist Pfeifer zwar lange Zeit gelungen, die Produktion mit privaten Aufträgen einflussreicher Gönner, wie etwa mit Bestellungen des Reichsaussenminister Ribbentrop, noch einigermassen aufrechtzuerhalten. Aber zum Schluss wurde ausschliesslich technisches Porzellan hergestellt, weil das im Krieg gebraucht wurde.
Der Tafelaufsatz Geburt der Schönheit, den der Bildhauer Heinrich Scheurich auf Wunsch Ribbentrops entwarf, war einer der letzten privaten Aufträge für künstlerisches Porzellan der KPM. Nun wird sie in Notquartieren ausserhalb Berlins untergebracht. Und noch ahnt niemand, dass in der Tschechoslowakei schliesslich auch alles verloren und in Selb jahrelang die einzige Zufluchtsstätte für die Porzelliner werden würde. Berlin, Anfang der 50er Jahre Berlin versucht die Folgen des II. Weltkrieges und der totalen Zerstörung allmählich zu überwinden. Es gelingt zunächst mehr schlecht als recht. Auch die Mitarbeiter der Porzellan-Manufaktur, soweit sie sich wieder in der Stadt eingefunden haben, wagen einen bescheidenen Anfang. Ihre Kollegen in Selb haben es leichter gehabt, die Produktion in Schwung zu bringen. Beim technischen Porzellan fehlt nur noch ein kleiner Prozentsatz an der ursprünglichen Kapazität. Im Jahre 1952 ist zudem bereits Geschirr nach 374 Modellen und Zierporzellan nach 238 Modellen hergestellt worden. Das war nun, wie uns berichtet garnicht vorgesehen. Nur technisches Porzellan sollten sie in Selb produzieren, nichts anderes. Dann zeigte sich aber bald, dass es in Berlin doch nicht so flott voranging, wie man sich das vorstellte. Deshalb musste umdisponiert werden, um den Anschluss nicht zu verlieren.
Die Produktion der KPM bis 1956[7]
Nach Ende des II. Weltkrieges ging die nach Selb evakuierte Teil-Belegschaft der KPM trotz der ungünstigen Produktionsverhältnisse wieder voller Elan ans Werk. Bereits 1945 arbeitete Sigmund Schütz an Porträtplaketten und es folgten im darauffolgenden Jahr 1946 figürliche Reliefs und Medaillons für das Arkadische Service, dessen Form im Krieg zerstört worden ist. Trudi Pedri hat 1947 ihr Urbino-Tafelservice von 1931 um ein Kaffee- und Teeservice vervollständigt indem sie eine Kugel von einem Kegel durchdringen lässt und damit eine im wahrsten Sinne des Wortes pointiertere Form erreicht - zwanzig Jahre später versucht Björn Wiinblad mit seiner Zauberflöte diesen Versuch erneut zu unternehmen.
Neben den Kannen von 1947 werden für Urbino das bis heute von Kritikern und Kunden gleichermassen geschätzte, als einziges ständig in der Produktion gebliebene, hochmoderne Service der KPM, weiterhin die nach unten verjüngten rundlicheren Kannen des Entwurfes Neu-Berlin (Petri 1931) ausgeformt. Ihre Mitarbeit nahm in den späteren vierziger Jahren ab, sie lebte nicht mehr ständig in Selb und wanderte schliesslich 1953 nach Amerika aus, wo sie eine handwerkliche Töpferei betrieb und mit der KPM als freie Mitarbei[8]terin nur noch lose verbunden blieb. Gerhard Gollwitzer, seit 1935 an der KPM, war schon 1948 einem Ruf nach Stuttgart gefolgt. Als einziger, an der Manufaktur fest angestellter Formgestalter bleib Siegmund Schütz. Dekore entwarfen seit Ende der 30iger Jahren die Malerinnen Luise Charlotte Koch und Sigrid von Unruh-Reindel. Der Berliner Keramiker Rudolf Rausch entwarf für die Manufaktur 1955 - 59 das Moccaservice Suleika, das er aus Gefässen der technischen Abteilung entwickelte und 1962 ein Teeservice Assam aus Kugelformen. Hans Theo Baumann entwarf verschiedene Vasen und ein Service.
Walter Popp, einer der führenden Keramiker der Nachkriegszeit entwarf die Vase Ikarus und Konrad Quillmann, der bis 1970 mehrere Aschenbecher, Leuchter einbrachte. Die Bildhauerin Ursula Sax entwickelte 1965 aus Gefässen der Abteilung Technische Porzellane eine Gruppe von Vasen und Schalen, an denen Durchbruch und Relief reizvoll verbunden sind, die aber als kompliziert für die Serienherstellung angesehen wurden, ebenso wie ihre frei modellierten Leuchter. 1967 wurde durch Wolf Karnagel ein neues Moccaservice in Zylinderform mit Kugeldekor gestaltet. Es folgten noch mehrere Vasen bevor er für andere Porzellanfabriken tätig wurde. Eine nachhaltige Zusammenarbeit ergab Sicht mit den Formengestalter Hubert Griemert. Griemert entwickelte 1953 bis 1956 umfangreiche Service Krokus. Für die klassischen Getränke Tee, Kaffee und Mokka bot es drei unterschiedliche Kannentypen von spezifischer Funktionalität an. Ferner modellierte Griemert verschiedene Vasen in Kolbenform 1954. 
[1] 175 Jahre Lorenz Hutschenreuther
[2] http://www.hermsdorf-regional.de/saale-holzland/personen/Buenzli_Johann/Buenzli_Johann.htm Stand: 22.04.2011
[3] 175 Jahre Lorenz Hutschenreuther
[4] Strupp Konzern Meiningen 1918 siehe Seite 41
[5] 100 Jahre Porzellanfabrik Arzberg 1887-1987, Seite 13
[6] 100 Jahre Porzellanfabrik Arzberg 1887-1987, Seite 13
[7] Die königliche Porzellanmanufaktur Berlin wurde aufgrund der Kriegsschäden an den Gebäuden der Manufaktur 1943 nach Selb in die Porzellanfabrik Lorenz Hutschenreuther, Abteilung Paul Müller ausgelagert.
[8] KPM Königliche Porzellanmanufaktur Berlin