Meininger Oberland Teil 1
Unter der Regierung Georgs I. ließ dann die Landesherrschaft der oberländischen Glasindust-rie mehr Förderung zuteil werden. Es reifte auch in den Meininger Amtsstellen die Erkenntnis, dass eine stärkere Industrialisierung zur Schaffung von Lebensmöglichkeiten für die ständig wachsende Bevölkerung notwendig sei. Die oberländischen Industriellen fanden in den Lokalbeamten nunmehr entschiedene Verfechter ihrer Interessen. Der Sonneberger Oberamtmann von Donop, der selbst in die Reihe der oberländischen Unternehmer eintrat, und der rührige, für die wirtschaftlichen Probleme einer neuen Zeit aufgeschlossene Schalkauer Amtmann Otto taten ihr Möglichstes, die schon nicht mehr krisenfeste Industrie zu stützen und immer neue Erwerbsmöglichkeiten zu erschließen. Die Lauschaer Hütte blieb nach wie vor eine Genossenschaftshütte. Die beiden Anteile Greiners und Müllers, von denen bei Gründung 1595 jeder sechs „Stände" besaß, hatten sich in den folgenden Generationen freilich arg zersplittert. Die Teilhaber besaßen fast nur noch ganze und halbe Stände. Glücksthal kam nach dem Tod seiner Gründer an deren Söhne und blieb bis 1840 fast immer in zwei Hälften geteilt. Im Jahre 1786 erwarb die eine Hälfte Johann Paul Greiner ganz, während die andere an seinen Vetter Johann Georg Greiner kam, der durch Beteiligung an Sitzendorf, Kloster Veilsdorf und Rauenstein maßgebend an der Einführung der Porzellanindustrie im Waldgebiet mitwirkte, aber 1788 bankrott machte. Sein Anteil fiel an seinen Sohn Justus Georg Greiner, den späteren Meininger Landsturmoffizier. Im Jahre 1781 beschäftigte die Glashütte 24 Arbeiter und produzierte trotz des Rückgangs in den 1770-iger Jahren noch immer jährlich Waren im Werte von 6000 Reichstalern . Sie fanden in Russland, Spanien, Holland und in der Türkei Absatz.
Kurz nach 1770 war als neuer Zweig der Glasverarbeitung die Produktion an Spiegeln eingeführt worden. Der Coburger Kaufmann Schmidt wandelte 1772 sein in Rottenbach an der Tettau unmittelbar an der Bayreuther Grenze betriebenes Blaufarbenwerk in eine Spiegelfabrik um. Doch ging das Unternehmen bald wieder ein. Mit mehr Glück und Geschick dagegen betrieb der Sonneberger Oberamtmann von Donop die von ihm im Jahre 1778 in Köppelsdorf errichtete Spiegelfabrik. Sie gab dem bisher rein landwirtschaftlichen Dorf einen industriellen Mittelpunkt. Dieses in günstiger Lage errichtete Werk entwickelte sich in der Folgezeit sehr gut. An Ort und Stelle konnte die Wasserkraft der Steinach ausgenutzt werden. Die Spiegelrahmen lieferten die Schreiner des nahen Sonneberg, deren Zahl 1781 auf 35 Meister angestiegen war. Das Tafelglas musste zwar ursprünglich aus Böhmen herangeschafft werden, weil seine Herstellung auf dem Thüringer Wald noch nicht aufgenommen war. Später waren die auf schwarzburgischem Gebiet liegenden Hütten Aisbach und Habichtsbach Hauptlieferanten. Hauptabnehmer der Köppelsdorfer Erzeugnisse waren die Fürther Spiegelverleger, die damals Weltbedeutung hatten. So war die unter Donops Lebzeiten bedeutende Fabrik, die bis 1835 bestand, wie die übrigen Zweige der oberländischen Industrie vorwiegend exportorientiert.
Weit wichtiger aber wurde die aus der Glasindustrie um 1772 entstandene Porzellanherstel-lung. Gotthelf Greiner, der Glashüttenbesitzer von Limbach, führte sie im Thüringer Waldge-biet ein. Nach langen Verhandlungen mit der Meininger Kammer, die auch hier ein sehr zögerndes Verhalten zeigte, konnte 1772 in der Limbacher Glashütte mit der Porzellanherstellung begonnen werden. Greiner hatte bei der Einstellung der Meininger Obrigkeit zu seinen Plänen vorher versucht, in Gemeinschaft mit anderen Unternehmern sein Glück in Katzhütte auf schwarzburgischem Gebiet und in Wallendorf auf Coburgsaalfeldischem Territorium zu machen, bald aber einsehen müssen, dass es unzweckmäßig war, sich mit Gesellschaftern zu verbinden. Nachdem 1771 die Konzession für Limbach zur Überraschung Greiners sehr schnell von der Meininger Kammer gegeben worden war, konnte Greiner in seinem alten Werk mit der Porzellanherstellung beginnen. Keßler von Sprengseysen schilderte bereits 1781 das Werk als ein bedeutendes und blühendes Unternehmen . Der Jahresumsatz wurde auf 16000 - 20000 Reichstaler geschätzt. Er umfasste meist Tee- und Kaffeegeschirr. Die Zahl der Arbeiter bestand damals aus 50 „Fabrikanten" (= Fabrikarbeitern) und einer Reihe von Handwerkern und Holzhauern. Die Zahl der Arbeiter stieg bis 1811 auf etwa 100 Personen, meist aus Lauscha, Siegmundsburg und Scheibe, seit 1804 auch aus dem damals von einer schweren Brandkatastrophe heimgesuchten Steinheid. Die Absatz-märkte lagen vorwiegend in außerdeutschen Ländern, auch in Übersee.
Gotthelf Greiner und seine Söhne beteiligten sich nach der günstigen Entwicklung des Stammwerkes auch an anderen Industrieunternehmen der damals entstehenden Porzellanbranche. Die Saat dieser Bemühungen ging im 19. Jahrhundert auf und wurde erst später von der Waldbevölkerung in ihrer ganzen Bedeutung erkannt. Gotthelf Greiner starb am 12. August 1797 „betrauert auf dem ganzen Wald". Die nunmehrige Firma „Gotthelf Greiners Söhne" bestand bis ins 19. Jahrhundert und ging dann in andere Hände über.
Zum größten Industrieunternehmen im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert entwickelte sich die Porzellanfabrik Rauenstein. Sie erhielt von vorneherein die großzügigste Unterstützung der Meininger Zentral- und Lokalbehörden. Am 3. März 1783 wurde die Konzession für die Fabrik in dem kleinen, armseligen Dörfchen am Hang des Thüringer Waldes von Herzog Georg erteilt. Die Gründung geht auf eine Gesellschaft von drei Industriellen zurück, die alle aus der Lauschaer Familie Greiner stammen. Die Hauptsumme des Kapitals, nämlich 78,5 %, gab Johann Friedrich Greiner, der Besitzer der 1706 auf Coburgsaalfeldischem Gebiet unmittelbar bei Lauscha errichteten Glashütte Henriettenthal, der später Teilhaber einer Reihe anderer Unternehmungen und coburgischer Kommerzienrat wurde. Die anderen Gesellschafter waren Johann Georg Greiner, den wir bereits als Mitinhaber der Glashütte Glücksthal kennengelernt haben und dessen Sohn Christian Daniel Siegmund. Ursprünglich sollte die Fabrik in Lauscha entstehen, aber die Frage der Holzbeschaffung und ein Gutachten des damaligen Schalkauer Amtsvogts Otto, der als späterer Amtmann und Mitglied der Oberländischen Handlungskommission wesentlich an der Entfaltung der oberländischen Industrie mitwirkte, lenkte die Aufmerksamkeit der Obrigkeit auf Rauenstein. Dort wurde im April 1783 mit dem Bau der Fabrik begonnen, nachdem der Oberforstmeister von Bibra seine früher aus Gründen der Waldpflege erhobenen Bedenken aufgegeben hatte. Die Kammer stellte das Rauensteiner Schloss, die bisherige Domäne, mietweise zur Verfügung und überließ es schließlich 1786 zu sehr günstigen Bedingungen den drei Unternehmern käuflich.
Auch der Rückschlag, der durch einen Brand im September 1787 entstanden war, konnte durch die bereitwillige Hilfe der Kammer schnell überwunden werden. Johann Georg Greiner schied schon im Gründungsjahr aus der Gesellschaft aus. Die beiden anderen „Compagniers" führten die Fabrik mit großem Erfolg fort. Am Ende des Jahrhunderts war sie nicht nur die größte Fabrik des Oberlandes, sondern des gesamten Herzogtums. Sie beschäftigte 1793 über 100 Arbeiter, 1803 schon 123 Personen. Rauenstein wuchs durch Zuzug, besonders aus Lauscha, von 176 Einwohnern im Jahre 1781 auf 271 Personen im Jahre 1793 und 334 Personen im Jahre 1809. Der Umsatz betrug am Anfang des 19. Jahrhunderts jährlich oft 80000 - 90000 Reichstaler, der Reingewinn 30000 - 40000 Reichstaler. Die Holzkonzessionen mussten immer wieder erweitert werden. Die Geschäftsführung übernahm 1791 Christian Daniel Siegmund Greiner allein. In den Jahren 1798 bis 1799 beteiligte er sich an der Porzellanfabrik Kloster Veilsdorf auf Hildburghäuser Boden. Im Jahre 1805 ging er mit dem Plan um, auf seinen Gütern Ehnes und Katzberg weitere Fabrikanlagen und Arbeiterwohnungen zu bauen.
Als Christian Greiner am 4. November 1808 starb, gingen sein Anteil und die Fabrikleitung an seinen Sohn Eugen Georg Friedrich Theodor Greiner über, der die Fabrik mit wechseln-dem Erfolg bis zu seinem Tod am 30. September 1821 führte. Johann Friedrich Greiner, der sich vorwiegend in seinen anderen Fabriken betätigte, behielt seinen Anteil bis zu seinem Tod am 20. Mai 1820 und wurde von seiner Tochter beerbt, die ihren Anteil 1849 veräußerte. Im alt-Meininger Land bestanden drei Porzellanfabriken, als der Kapitalismus das Gesicht der Wirtschaft zu prägen begann. Neben dem bedeutenden Rauensteiner Unternehmen und der Porzellanfabrik Limbach war noch 1817 im alten Hüttenwerk Hüttensteinach eine Porzellanfabrik eingerichtet worden.
Neben der Eisen-, Glas- und Porzellanindustrie gab es im Oberland im 18. Jahrhundert noch eine Anzahl großgewerblicher Industriezweige, die allerdings geringere Bedeutung hatten. Außer dem mit der Eisenindustrie eng verbundenen und dort besprochenen Bergbau auf Eisen entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Amt Neuhaus der Steinkoh-lenabbau. Die Initiative ergriff 1758 der Steinacher Förster Gundermann mit einigen Genossen. Es entstanden auf meiningischem Gebiet die Zechen „Vereinigter Nachbar" (1763) und „St. Wolfgang" (1766). Seitdem wurde auch auf Bamberger Seite dem Kohlenrevier erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt. Die Meininger Kammer ließ 1768 und 1769 geologische Untersuchungen anstellen, wie weit die Stockheimer Flöze in meiningisches Gebiet reichten, kam aber zu keinem günstigen Ergebnis.