Meininger Oberland Teil 2
Bei aller Förderung der eigenen Wirtschaft wohnte der Obrigkeit des aufgeklärten Polizeistaates ein unverkennbares sittliches Bewusstsein von Recht und Unrecht inne. Nur der „ehrliche" Kaufmann wurde geduldet. So kam es zu umfangreichen polizeilichen Untersuchungen und Verboten, als 1787 die beiden oberländischen Porzellanfabriken zur offensichtlichen Täuschung ihrer Käuferschaft ihre Waren mit Zeichen versahen, die den Kurschwertern der Meißner Porzellanmanufaktur stark ähnelten.
Die ober- und unterländischen Industriellen des späten 18. Jahrhunderts unterscheiden sich noch in vieler Hinsicht vom Typ des kapitalistischen Unternehmers des 19. Jahrhunderts, der erst unter der Regierung Bernhards JJ. Eingang im Meininger Land fand. Die Obrigkeit lenkte noch die Wirtschaft in einer Weise, dass eine freie Konkurrenz nicht aufkommen konnte. Durch die Konzessionserteilungen schloss sie vielfach andere Unternehmen der gleichen Art aus und versuchte, eine Übersetzung zu unterbinden. Wo eine wirtschaftliche Notlage eingetreten war, gewährte sie materielle und organisatorische Hilfe. Wenn freilich auch die Mittel oft unzweckmäßig und nicht ausreichend gewesen sind, so ist dieses Streben des aufgeklärten Polizeistaates doch unverkennbar. Der alte Industrielle des späten 18. Jahrhunderts konnte sich in viel größerem Umfang als der kapitalistische Unternehmer auf diesen staatlichen Schutz stützen. Vielfach wurden die Fabriken noch nach der Art der Rittergüter zu Lehen gegeben. Der feudalistische Grundzug dieser Zeit spiegelte sich auch in der Übertragung der niederen Gerichtsbarkeit über die Fabrikarbeiter an den Fabrikbesitzer wider . Zwischen „Fabrikherrn" und Arbeiter entstand so ein „patrimonales" Verhältnis, das der feudalen Grund- und Gutsherrschaft, nicht aber dem Kapitalismus mit seiner freien Lohnarbeiterschaft eigentümlich ist. Zwischen den neuen Fabrikherrn und dem alten Adel trat eine enge gesellschaftliche Verschmelzung ein. Wir haben bereits festgestellt, dass die führenden oberländischen Industriellen sowohl aus dem Bürgertum als auch aus dem Adel stammten. Die bürgerlichen Unternehmer hatten sich durch Generationen aus den alten Glasmachergeschlechtern emporgearbeitet. Sie standen am Ende des 18. Jahrhunderts am Ziel ihres Strebens. Die mannigfachen Bankrotte zeigen, dass sie anfangs durchaus nicht immer kapitalkräftig waren und immer wieder ernste Krisen überwinden mussten. Am Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich ihre soziale Stellung allerdings gefestigt. Der industrielle Adel des Oberlandes, verkörpert in den Uttenhoven und Donop, war ebenfalls aus bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen emporgestiegen. Daneben kam ein neuer Typ des landesherrlichen Beamten auf, der im Nebenberuf Industrieunternehmen betrieb oder sich an ihnen beteiligte. Bürgerliche Industrielle aus den alten Glasmachergeschlechtern hatten am Ende des 18. Jahrhunderts adlige Ritterlehen in Besitz. Der Rauensteiner Fabrikbesitzer Christian Daniel Siegmund Greiner war Gutsherr in Katzberg und Ehnes. In das Offizierskorps der oberländischen Landmiliz und des späteren Landsturms fanden bürgerliche Industrielle und Kaufleute Eingang. Die Sonneberger Handelsleute Johann Paul Bischoff und Kilian Diez waren Stabskapitäne im Landbataillon, der Glücksthaler Hüttenherr Justus Greiner, der Limbacher Porzellanfabrikbesitzer Daniel Greiner und der Rauensteiner Fabrikherr Eugen Greiner 1817 und 1818 Feldhauptleute im Landsturm. Mit der Ehe des Sonneberger Oberamtmannssohns Ernst von Donop und der Tochter der Steinacher Hammerwerksbesitzerin Henriette Kußkopf vollzog sich erstmals eine verwandtschaftliche Bindung zwischen industriellem Adel und Bürgertum.
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts betrachteten sich die Industriellen nicht mehr an das meiningische Territorium gebunden. Gotthelf Greiner hatte erst sein Glück in Wallendorf und Ilmenau versucht, ehe er sich in Limbach sesshaft machte. Im Jahre 1782 konnte er außerdem noch die Porzellanfabrik Großbreitenbach im Fürstentum Schwarzburg erwerben. Johann Friedrich Greiner, der coburgische Kommerzienrat, war Hüttenherr in Henriettenthal bei Lauscha, er besaß den Hauptanteil an der Porzellanfabrik Rauenstein und war seit 1797 auch an der Porzellanfabrik Kloster Veilsdorf auf Hildburghäuser Territorium beteiligt. Wir treffen hier auf ein bewusstes Streben nach industrieller Betätigung über die engen Landes-grenzen hinaus. Die Industrieentwicklung nahm auf die dynastische Zersplitterung keine Rücksicht mehr.
Es ist schließlich noch ein Blick auf die im Großgewerbe tätige Arbeiterschaft zu werfen. Die Industriebestrebungen der Meininger Obrigkeit hatten bekanntlich zum Ziel, die oft dürftigen Lebensbedürfnisse der Waldbewohner zu verbessern. Bei einer Untersuchung der wirtschaftlichen Lage der oberländischen Industriearbeiterschaft am Ende des 18. Jahrhunderts stoßen wir freilich auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten, die durch die Vernichtung fast sämtlicher Betriebsarchive entstanden sind. Nur für die Porzellanindustrie liegen die Verhältnisse etwas günstiger, wenn wir das Betriebsarchiv der 8 km nördlich von Lauscha auf coburg-saalfeldischem Boden im Jahre 1764 gegründeten Porzellanfabrik Wallendorf heranziehen, das bereits Stieda ausgewertet hat. Wir können dabei feststellen, dass die Arbeitslöhne am Ende des 18. Jahrhunderts noch recht günstig, bei Facharbeitern sogar ausnehmend hoch lagen. Die Rauensteiner Chronik berichtet, dass dort am Ende des 18. Jahrhunderts die geringsten Arbeitslöhne zwei Reichstaler wöchentlich betrugen und die Löhne sich bis zu zwölf Reichstalern steigern konnten . Das entspricht den Feststellungen Stiedas in Wallendorf. Freilich waren die Löhne bei den einzelnen Facharbeitergruppen sehr verschieden gelagert. Die Former verdienten in Wallendorf jährlich 130 bis 250 Reichstaler, die Dreher 200 bis 250 Reichstaler, die Buntmaler 180 bis 260 Reichstaler, die Blaumaler 100 bis 150 Reichstaler . Eine wirkliche Vorstellung vom Wert dieses Verdienstes gewinnen wir freilich erst, wenn wir andere Berufe heranziehen. Im Amt Neuhaus wurde 1803 das Jahreseinkommen eines Schreiners auf 62 fl (= 52 Rtlr), eines Hufschmieds auf 125 fl (= 104 Rtlr) und eines Zimmermanns auf 200 fl (= 166 Rtlr) festgelegt. Die Verteilung der Facharbeiterschaft auf die Gesamtzahl der Arbeiter der Fabrik Rauenstein ergab 1802 folgendes Bild: Von 123 Arbeitern waren elf Former, 23 Dreher, 17 Blaumaler und 42 Buntmaler.
Der Lohn der Facharbeiterschaft in den Porzellanfabriken war somit doch recht beachtlich. Er stand über dem Einkommen des einfachen Handwerkers. Bei dem großen Gewinn der Porzellanfabriken, der entlegenen Örtlichkeit der Fabrikanlagen und der Seltenheit solcher Fachkräfte war es allerdings nicht so verwunderlich, wie es auf den ersten Blick erscheint. Der Lohn berechnete sich nach Stückzahlen, Akkord und Zeitlohn, wobei letzterer Wochen-lohn war. Ein Teil des Lohnes wurde nicht in Bargeld, sondern in Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen ausgezahlt. Stieda hat allerdings für Wallendorf im Einzelnen nachgewiesen, dass dieses Trucksystem auf Freiwilligkeit beruhte und zur besseren Versorgung der Lebensbedürfnisse der weit abgelegenen Gebiete diente . Frauen- und Kinderarbeit ist um 1800 in Rauenstein nachweisbar, ein Zustand übrigens, den ein so menschenfreundlieher Anhänger der Aufklärung wie der Salzunger Superintendent Ernst Julius Walch vom sozialen Standpunkt als durchaus begrüßenswert hält.
Die Porzellanfabriken Limbach und Rauenstein mussten zwar um 1820 ihren Betrieb merklich einschränken. Sie vermochten sich aber schließlich auf die kapitalistische Produktionsweise umzustellen. Andere Unternehmen des Frühkapitalismus aber hatten bleibenden Bestand. Die um 1820 entstandene Glasfabrik des Glasmeisters Elias Greiner Vetters Sohn in Lauscha, der sich aus der alten Gemeinschaft der Lauschaer Glashütte gelöst und 1852 eine erstmals mit Steinkohlenfeuerung betriebene Glashütte errichtet hatte, entwickelte sich sehr günstig. Trotz aller Proteste der Lauschaer Dorfhüttengenossenschaft machte das Beispiel Elias Greiners Schule. Im Jahre 1856 wurde von einer Unternehmergemeinschaft des Porzellanmalers Robert Louis Greiner, des Bergrats Julius Hoffmann und des Fabrikbesitzers Kister aus Scheibe eine dritte Glashütte auf dem Tierberg bei Lauscha eingerichtet. Es folgte dann 1862 die Gründung einer weiteren Glashütte durch Eugen Georg Christian Eichhorn in Steinach. Auch in der Produktion hatte sich die Glasindustrie rasch umgestellt. Nachdem der Glasperlenumsatz zu Beginn des 19. Jahrhunderts merklich zurückgegangen war, stellte sie zunächst Glasspielwaren und dann Christbaumschmuck her.