Pöllwitzer Porzellanfabrik
Die wirtschaftlichen Probleme dieser Jahre gehen auch an diesem Unternehmen nicht spurlos vorüber. Rückschläge bleiben nicht aus. In einer Lageeinschätzung heisst es dazu: “Die bisher betriebene Fabrikation von Papierwäsche musste wegen Absatzunmöglichkeit und Unrentabilität aufgegeben werden. Beschäftigte Personen wurden bisher nicht entlassen. Es soll schnellstens auf eine neue Produktion ausgewichen werden, damit in der Gemeinde Pöllwitz auch weiterhin die meisten Menschen in Arbeit und Brot stehen können.” Ein völlig neuartiges Produktionskonzept wird in Angriff genommen: Eine moderne Porzellanfabrik ist das Ziel. Am 5. April 1922 werden vom Baugeschäft Johannes Werner in Selb die Bauzeichnungen zum Fabrikumbau und für die Errichtung von zwei Porzellanbrennöfen vorgelegt. Schon Ende April wird mit dem Bau der modernen Porzellanfabrik begonnen. Alles, was dazu erforderlich ist, entsteht: von der Massemühle über die Tonaufbereitung, Kapselfertigung, Porzellandreherei, Brennöfen bis hin zur Dekoration einschliesslich der notwendigen Werkstätten für die einzelnen Gewerke. Ein gigantisches Unternehmen wurde aus der Taufe gehoben, wenn man bedenkt, dass weder Roh- und Brennstoffe in der näheren Umgebung, noch Erfahrung auf dem Gebiet der Porzellanfabrikation vorhanden waren. Spezialisten mussten aus den Zentren der angestammten Porzellanindustrie gewonnen und Menschen für den neuen Industriezweig ausgebildet werden. Dennoch wurde das Wagnis eingegangen. Am 16. Oktober 1922 meldet Wachtmeister Sporn von der Gemeindegendarmenstation Pöllwitz: “Die frühere Papierwäschefabrik der Fa. W. Gleissner Söhne ist in eine Porzellanfabrik umgebaut und der Betrieb derselben Firma in voriger Woche aufgenommen worden."
Voraussetzungen für den Porzellanstandort
Bei den Überlegungen wurden die Verkehrslage, die Rohstoffsituation und das Arbeitskräftereservoir in die Betrachtungen einbezogen mit dem Ergebnis: Pöllwitz liegt verkehrstechnisch günstig zwischen den Steinkohlerevieren von Sachsen und Böhmen und in unmittelbarer Nähe zu den Braukohlengruben Zeitz und Meuselwitz. Die Gebäude der Firma “W. Gleissner Söhne, Porzellanfabrik in Pöllwitz-Reuss” Die künftige Porzellanfabrik liegt ausserdem – was wohl das Wichtigste war – zentral zu den Bezugsquellen der keramischen Rohstoffe (Ton, Kaolin usw.) von Zettlitz, Börtewitz, Halle, Wunsiedel und anderen Orten. Die Fabrikanlage und das grosse Fabrikareal mit einer Fläche von 30725 qm sind durch einen Privatgleisanschluss mit der Eisenbahnstation Pöllwitz verbunden. Die Gleisanlage besitzt eine weitverzweigte doppelte Gleisspur mit beiderseitigen grossen Seiten- und Kopframpen sowie Weichen, des weiteren eine Güter- und Gleiswaage.
Ein frachtgünstiger Antransport aller Rohmaterialien, Betriebshilfsstoffe und der Hohle sowie der Abtransport der Fertigprodukte war dadurch gegeben. Da am Ort keine Produktions- und Vertriebsspezialisten und auch keine in der Porzellanindustrie erfahrenen Arbeiter vorhanden waren, wurde das Fachpersonal aus der Porzellanregion um Selb-Wunsiedel-Marktredwitz angeworben. Viele Namen erinnern noch heute an die ehemaligen Neuen aus Bayern: Thumser, Brechtelbauer, Ullrich, Strassenreuter, Förster… Zu ihrer Unterbringung wurde 1921 ein Sechsfamilienhaus und ein Doppelhaus in der Pausaer Strasse und ein Beamtenhaus in der Ortsmitte gebaut. Die Porzellanfabrik bot natürlich auch vielen Einwohnern Arbeit und jungen Leuten Ausbildungsmöglichkeiten; bis hin zur Porzellanmalerei zählten die neuen Berufe.
Fabrikkomplex und Produktionsprogramm
Es wurde eine Fabrikanlage nach neuesten technologischen und betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten entworfen und gebaut. Der gesamte Fabrikkomplex umfasste 5530 qm bedeckte Arbeitsräume. Die vorhandenen Fabrikgebäude, sehr solide in Eisenbeton ausgeführt, mit massiven lichten Treppenhäusern, deren Wände durchweg mit weissen Porzellanfliesen verkleidet waren, boten gute Voraussetzungen. Die Gesamtanlage war unter Berücksichtigung späterer Erweiterungen konzipiert, die ohne Störung des laufenden Betriebes hätten durchgeführt werden können. Sämtliche Räume des technisch-technologischen Betriebes waren grosszügig ausgelegt und besassen die für die Produktion notwendige Tiefe und Höhe. Lageplan der Firma “W. Gleissner Söhne, Porzellanfabrik in Pöllwitz-Reuss” Die Fabrik umfasste einen Gebäudekomplex mit fünf Produktionssälen (wohl ein feststehender Begriff in der Porzellanindustrie), und zwar: Brennraum, Glühboden und Glasurerei, Kapseldreherei und Giesserei, Porzellan-Dreherei, Formboden und Modelleinrichtung. Des weiteren vervollständigten Massemühle, Tonaufbereitung, Modelltischlerei, Schlosserei und Schmiede, eine komplett eingerichtete Kistentischlerei sowie Weiss- und Fertigwarenlager, Schmelze, Druckerei und Malerei die Fabrikationsstätte. Ein davon getrennt stehender grosser Vorrats- und Verladeschuppen rundete den technologischen Ablauf ab. Eine grössere Schleiferei war im Weisslager untergebracht. Die Dekorationsabteilung (Druckerei, Malerei und Schmelzmuffel), neuzeitlich eingerichtet, konnte alle Kundenwünsche erfüllen. Die benötigten Modelle, Mutter- und Gebrauchsformen, in eigener Werkstatt hergestellt, waren ebenfalls in grossen und hellen Räumen untergebracht.
Für die Herstellung der Schamottekapselmasse gab es eine separate Anlage, die jederzeit einem weit höheren Produktionsausstoss angepasst werden konnte. Die Lage der Arbeitsräume zueinander war gut durchdacht und zweckmässig angeordnet, so dass ein rationeller und effizienter Durchlauf der Fabrikationsstoffe, Halb- und Fertigfabrikate reibungslos vor sich gehen konnte. Zum Transport dienten ausserdem moderne Aufzüge, und zwischen den Rampen der Anschlussgleise und den Fabrikationsstätten erleichterten Feldbahn-Gleisanschlüsse die Arbeit. In den beiden Hauptgebäuden standen vier moderne zweietagige Porzellanbrennöfen mit einem Gesamtofeninhalt von 206 m³, davon zwei Öfen zu je 38 m³ und zwei weitere mit je 65 m³ Inhalt sowie eine Schmelzmuffel. Mit dem Brennhaus waren die grossen Kohlebunker, die vom Anschlussgleis aus gefüllt wurden, direkt verbunden.
Ein eigenes Maschinenhaus sorgte für die Bereitstellung der notwendigen elektrischen Energie, Dampf und Wärme. Zwei Dynamos von 50 und 85 PS zur Herstellung des elektrischen Stromes wurden von einer Dampfmaschine (Lanz Lokomobile) angetrieben. Moderne Licht- und Heizungsanlagen (mit Niederdruckdampf) sowie Wasserleitungen einschliesslich der Löschwasserleitungen waren in sämtlichen Räumen – auch in allen Treppenhäusern – vorhanden. Das Wasserleitungssystem – aus eigenen Brunnen gespeist – reichte für einen mehrfach höheren Produktionsausstoss. Besondere Entwässerungs- du Kanalanlagen vervollständigten die Fabrikanlage.
Inbetriebnahme
Die Porzellanfabrik in Pöllwitz ist als komplexe Anlage im Jahre 1922 mit den beiden kleineren Porzellanöfen in Betrieb gegangen. 1923 wurde die Produktionsstätte noch einmal mit den beiden grösseren Öfen von je 65 m³ Brennraum erweitert. Das Produktionsprogramm - Spezialität war das Gebrauchsgeschirr. Hergestellt wurden Tafel-, Kaffee- und Teeservice sowie Teller und Tassen. Das Pöllwitzer Porzellan war weithin bekannt. Es gab zwei Markenzeichen, einmal das der Fa. W. Gleissner Söhne und das der Porzellanfabrik Pöllwitz (Reuss) GmbH. In manchen Haushaltungen in Pöllwitz und Umgebung findet man noch heute Erzeugnisse dieser Zeit. Noch in den fünfziger Jahren gab es in der Pöllwitzer Gemeindeverwaltung Anfragen aus den USA nach diesem typischen Porzellan. Ein besonders schönes Teeservice befindet sich im städtischen Museum in Zeulenroda – wahrscheinlich handelt es sich um eine Schenkung des ehemaligen Prokuristen Fritz Thumser aus Pöllwitz. Der Niedergang der Porzellanfabrik Fabrikmarke der Fa. “Porzellanfabrik Pöllwitz (Reuss) GmbH” von 1925 bis Ende 1926 Nur kurze Zeit währte die Konjunktur. Zunehmend geriet das Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die erdrückende Konkurrenz und Missmanagement trugen offenbar zum Niedergang bei. Der ungezügelte Expansionsdrang verbrauchte wohl sämtliche finanzielle Reserven.
Bereits 1924 stand die Firma “W. Gleissner Söhne, Porzellanfabrik Pööwitz/Reuss” unter Geschäftsaufsicht und musste schliesslich verkauft werden. Am 31. Dezember 1924 schied die Firma aus dem Verband der Porzellan- und Geschirrfabriken aus. Die “Dampfsäge- und Hobelwerke in Pöllwitz/Reuss” waren auch nicht zu halten und mussten ebenfalls verkauft werden. Wahrscheinlich zeigten sich schon Anfang des Jahres 1924 verstärkt Absatzprobleme. Durch Wechsel in der Geschäftsleitung versuchte man das Steuer noch einmal herumzureissen. Am 15. März 1924 erhielten deshalb der Kaufmann Paul Voges und der Betriebsleiter Johannes Albert Prokura. Aber auch sie konnten das Unvermeidliche nicht verhindern. Die Zahlungsschwierigkeiten scheinen überhandgenommen zu haben, denn bereits am 12. Mai 1924 ist vom Zeulenrodaer Zimmermeister und vereidigten Taxator Hermann Schauerhammer ein Gutachten über das Vermögen der Porzellanfabrik erstellt worden. Es handelt sich um ein stattliches Vermögen, was noch durch die ergänzende Bemerkung des Gutachters unterstrichen wird.
Am 14. Mai 1936 erfolgt die Löschung im Handelsregister. Der Ziegelbau der ehemaligen Porzellanfabrik wurde Anfang 1936 von der in Pöllwitz ansässigen offenen Handelsgesellschaft “Vogel & Co. Werkzeugmaschinen und Gummistrickwaren”[22] und der Altbau sowie der ehemalige Sägewerksbetrieb vom Sägewerksbesitzer Albin Fleischer aus Wolfshain “Albin Fleischer Sägewerk und Holzhandlung” übernommen. Die Fa. Vogel & Co. erwirbt ausserdem die Villa. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden beide Betriebe enteignet und dem Land Thüringen unterstellt. Das Sägewerk wird im März 1949 ein kreiseigener Betrieb. Die Betriebsteile der Fa. Vogel & Co. firmieren als landeseigene Betriebe nun als “Vogel & Co., LEB., Maschinenfabrik Pöllwitz” und “Vogel & Co., LEB., Thüringer Gummi-, Wirk- und Strickwarenfabrik Pöllwitz”.
Die ehemals zum Gleissnerschen Unternehmen gehörende umfangreiche Landwirtschaft mit Kutscherwohnung, neuzeitlich angelegten Speichern, Viehstallungen, Pferdestall und 120 Morgen Grund und Boden (82 Morgen Felder und Wiesen, 33 Morgen Wald und 5 Morgen Fischteiche) ging in den Besitz des Bauern Walter Geiler über. Die Wohnhäuser wurden ebenfalls verkauft; lediglich das ehemalige Beamtenhaus blieb bei der Famile Köhler bzw. deren Nachkommen. Die Liquidation der Gesellschaft war am 27. September 1938 beendet. Im Handelsregister erfolgte am 29. September die Löschung der Firma “Porzellanfabrik Pöllwitz GmbH” in Pöllwitz.
Die an die moderne Porzellanfabrikation langfristig geknüpften Hoffnungen auf Arbeit für die Menschen in Pöllwitz und Umgebung sowie Einnahmen für die Gemeinde Pöllwitz hatten sich nicht erfüllt. Leider konnten auch die nachfolgenden Industriesparten – bedingt durch die Folgen des Zweiten Weltkrieges – keine dauerhafte Lösung herbeiführen. Durch einen Grossbrand am 25. Mai 1980 wurde der gesamte Fabrikkomplex zerstört, so dass heute nichts mehr an die ehemalige Porzellanfabrik erinnert. Dennoch: Kurze Zeit hat Pöllwitz Industriegeschichte mitgeschrieben, wenn auch am Ende die Feststellung bleibt: “Der Erlös der verwerteten Aktiven wurde restlos zur Deckung der Passiven verwendet. Ein Überschuss … wurde nicht erzielt!” 
[1] von Günther Schmutzler: aus “Jahrbuch des Museums Reichenfels-Hohenleuben Nr. 44, 1. Auflage 1999″