Steingut Fabrik Wallerfangen
Steingutfabrik Wallerfangen
Die Steingutfabrik Wallerfangen war 95 Jahre ein Werk von Villeroy & Boch, bis sie 1931 aus verschiedenen Gründen stillgelegt wurde. Die Gebäude wurden 1935 abgerissen und so bleibt heute ausser den Objekten nicht mehr viel, was an den früheren Betrieb erinnert. Seit der Fusion der Boschschen Manufaktur in Mettlach mit der Villeroyschen Manufaktur in Wallerfangen im Jahre 1836 befindet sich der Sitz der Generaldirektion in Mettlach.

Trotz der Vorteile der nahegelegenen Saar die als Schifffahrtsweg nicht nur für den Abtransport der Rohstoffe, sondern auch für den Abtransport der fertigen Erzeugnisse genutzt werden. Im Umland von Wallerfangen schien die Versorgung mit Holz für die zu dieser Zeit üblicherweise noch mit Holz gefeuerten Öfen sichergestellt. Ausserdem waren Kohlegruben in der Nähe, welche schon vor 1789 von Thibault ins Auge gefasste Umstellung von Holz- auf Kohlefeuerung endlich ermöglicht hätte. Die meisten Keramikstandorte verlagerten sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Nähe der Kohle; Nicolas Villeroy hatte diese Notwendigkeit bereits ein halbes Jahrhundert zuvor erkannt und befolgt. In Wallerfangen waren die drei Teilhaber nicht bloss Pächter, sondern Eigentümer der Gebäude.
Die Übersiedlung der Frauenberger Manufaktur nach Wallerfangen fand jedoch nicht vor August 1791 statt. Vorhandene Rechnungen für 17 grosse und 7 mittlere Fenster im Januar 1791 über die Summe von 252 Livres oder für die Errichtung eines Ofens im Februar 1791 für 480 Livres belegen, dass das in Wallerfangen neu erworbene Gebäude erst einmal für die Keramikproduktion umgerüstet werden musste.
Nicolas Villeroy, der inzwischen wertvolle Erfahrungen in der Keramikherstellung gesammelt hatte, verfügte nun über 50%, Jean Thibault und Heinrich Kaiser je über 25% des Gesamtkapitals. Erst gegen Ende des Jahres 1792 siedelte Nicolas Villeroy mit seiner Familie von St. Avold nach Wallerfangen um, wo er zuerst das Schloss Warsberg bewohnte. Dieser Barockbau war das Kernstück der später einmal über 50 Gebäudeteile umfassenden Fabrik und wurde zuerst als Wohnhaus, in späteren Jahren auch als Bürogebäude genutzt. Nicolas Villeroy zog erst um 1825 dort aus, nachdem er sich in der heutigen Villeroystrasse ein eigenes Haus, das Schloss Villeroy, in Wallerfangen jedoch besser als - nach der letzten Besizerin - Schloss Fabvier bekannt, hatte erbauen lassen.
Am 8. Dezember 1794 starb plötzlich und unerwartet im Alter von 57 Jahren Heinrich Kaiser, der wie Thibault Junggeselle war. Die langwierigen Auseinandersetzungen mit seinen Erben bedeuteten zusätzliche Schwierigkeiten zu den alltäglichen Problemen mit der Produktion und dem schleppenden Absatz, die in dieser Zeit nicht nur auf Wallerfangen beschränkt waren, denn auch in Septfontaines stapelte sich zwischen 1790 und 1794 die unverkaufte Ware in den Lagerräumen. Dies führte soweit, dass Villeroy 1796 einen Verkauf nicht nur ernsthaft erwogen, sondern auch bereits in die Wege geleitet hatte. Das hätte vielleicht das frühe Ende der Wallerfanger Manufaktur bedeutet. Die einzige Stütze boten die teilweise aus Frauenberg übernommenen 11 Fach- und 12 Hilfsarbeiter, deren Fähig- und Fertigkeiten erprobt und bekannt waren und auf die Villeroy bauen und vertrauen konnte.
Namentlich bekannt sind der Glasierer Francois Adam, der Former Nikolaus Bähr, der Dreher Jacques Barbier, der faiencier Peter Gebel (auch Guebel oder Gnebel) und der Maler Antonie Lebelle, die aus Luxemburg und Lothringen stammten. Auch der erste Direktor Jakob Melchior Höckel - er war wohl für die technische Leitung zuständig - kannte sein Metier aus Frauenberg, Kelsterbach und Höchst, wo er Arcanist und Farbenlaborant gewesen war. Die Belegschaft stieg von den 11 Fach- und 12 Hilfsarbeitern des Gründungsjahres bis zur Jahrhundertwende auf 39 Fach- und 43 Hilfsarbeiter an. Zwischen 1803 und 1813 existierte in Saarlouis ein Lager englischer Kriegsgefangener, aus dem die ersten Engländer angeworben wurden. Nach 1810 sind relativ starke Schwankungen in den Arbeiterzahlen festzustellen: waren 1810 noch 42 verzeichnet, verminderte sich die Zahl 1811/12 auf 36, dann auf 25 im Jahre 1812, bevor sie 1813 wieder einen Höchststand von 90 Arbeitern für die Sommermonate und 42 für den Winter erreichte. Kurz darauf kamen auch Keramikarbeiter aus Niederweiler, Höchst und Saargemünd nach Wallerfangen.
Dem glücklichen Umstand, dass sich bis zum Jahre 1797 kein Käufer für die Manufaktur fand und der Tatsache, dass Thibault seinen Anteil schliesslich an Villeroy verkaufte, ist es wohl zu verdanken, dass er von seinem Plan des Verkaufes abkam. Stattdessen wurde am 15.5.1797 die Ausbezahlung der Anteile von Jean Thibault und der Erben von Heinrich Kaiser mit je 12.000 Livres vertraglich festgelegt, als alleiniger Besitzer galt Nicolas Villeroy jedoch erst nach der Ratifizierung dieses Vertrages am 19.11.1801. Er warb sofort neue Arbeiter an, startete die ersten Versuche mit Kohlenfeuerung - er gilt als der erste Fabrikbesitzer des Mosel-Departments, der Erfolg mit solchen Versuchen hatte - und steigerte seine Produktion so gewaltig, dass sie Gewinne abzuwerfen begann. Im Jahre 1798 ersteigerte Villeroy die Kohlengrube Hostenbach, für die er 1802 eine 50 Jahre gültige Konzession erhielt und deren Leitung sein Bruder Pierre übernahm. Im Jahre 1801 fertigte er in zwei Holz- (für den Glasurbrand) und zwei kohlebeheizten (für den Roh- oder Biscuitbrand) Öfen und beschäftigte 39 Facharbeiter sowie 43 Handlager, die die Produktion der Vorjahre mehr als verdoppelten. 1817 erhielt Villeroy für seine Manufaktur einen Vorzugspreis für Kohlen und einen Rabatt auf den Holzpreis, was bei Jean-Francois Boch in Mettlach Missfallen erregte. Die entgültige Umstellung auf Kohlefeuerung erfolgte jedoch erst 1828, in Septfontaines, Eich und Echternach hingegen einige Jahre nach der Fusion, nämlich 1838/39. Ein Kohlebrand dauerte etwa 40 Stunden und verbrauchte 5.000 Kilo Kohlen, wohingegen ein Holzbrand bei sieben Feuerstellen mit 24 Stunden Brenndauer und 10 bis 12 Stere Holz auskam.
Masse- und Glasurmühlen wurden nicht in Wallerfangen, sondern in Wadgassen eingerichtet, wobei die grosse Mehlmühle, die in eine Mühle zum Zerkleinern des Gesteins umgewandelt wurde, noch aus der Zeit des Prämonstratenserklosters stammte. Wann genau Villeroy die Gebäude der als Nationalgut eingezogenen Abtei Wadgassen erworben hatte, ist nicht ganz klar. Bis zum Jahre 1856 blieb die Wadgasser Mühle Eigentum der Steingutfabrik Wallerfangen.
Einen weiteren Aufschwung für die einheimischen Manufakturen brachte das durch die Kontinentalsperre 1806 erlassene absolute Einfuhrverbot für englische Waren, so auch englisches Steingut. Die napoleonischen Wirren waren auch an der Wallerfanger Manufaktur nicht spurlos vorübergegangen, doch die Produktion hatte sich schnell wieder stabilisiert, so dass Nicolas Villeroy sich 1816 dazu entschloss, die Manufaktur zu gleichen Teilen seinen vier Kindern zu übereignen.
Am 16.7.1816 trat rückwirkend zum 1. Januar des Jahres die Verzichtserklärung des Vaters zugunsten seiner Kinder Charles Ambroise, Louis, Sophie und Caroline in Kraft. Nicolas Villeroy kam damit seiner Verpflichtung nach, jedem seiner Kinder eine Mitgift von 60.000 Francs zu zahlen. Er behielt sich jedoch das Recht vor, den Anteil seiner gerade 20 jährigen Tochter Caroline selbst zu verwalten und sie in allen Dingen zu vertreten, solange er es für angebracht hielt. Da Caroline bereits 1819 starb, kam ihr Teil wieder dem Vater zu. Das Vermächtis umfasste nicht nur die Fabrik mit allen Nebengebäuden, dass Wohnhaus und den übrigen Besitz, sämtliche Waren, Rohstoffe, Brennholz, die Mühlen in Wadgassen sowie die Wohnung, Ställe und Gärten des Müllers, sondern auch eventuelle Schulden sowie die noch offen stehenden Rechnungen für Holz, Kohle und andere Rohstoffe.
Noch am Tage der Verzichtserklärung durch den Vater Nicolas Villeroy 1816, fassten die vier Geschwister Villeroy den Beschluss, den zweitältesten Sohn Louis zum Direktor zu ernennen. Doch selbst nachdem dieser die Direktorenstelle besetzt hatte, zog sich Nicolas Villeroy noch nicht ganz aus dem Unternehmen zurück, verfügte er doch seit dem Tod seiner Tochter Caroline wieder ein Viertel desselben. Nicht nur, dass das Unternehmen weiterhin seinen Namen trug, dieser Name Nicolas Villeroy wurde auch als neue Stempelmarke für bedruckte Objekte verwendet.
Auch hatte er 1818 bei Jean-Francois Boch um eine gemeinsame Beschwerde gegen die hohen Zölle auf ausländische Rohstoffe gebeten, doch kam Boch dieser Bitte nicht nach. Nicht erst - wie bislang immer angenommen - durch die 1818 erfolgte Lieferung von Mennige nach Mettlach war es zu einem ersten Kontakt zwischen den beiden Unternehmen gekommen, sondern es existieren Quellen, die bereits für das Jahr 1817 verschiedene Weinbestellungen des Nicolas Villeroy bei Jean-Francois Boch in Mettlach belegen. Es folgte die gemeinsame Nutzung der Glasurmühlen in Saarhölzbach in der Zeit um 1820.
Louis Villeroy, übernahm die technische Leitung, was ihn zu mehreren Englandreisen veranlasste, die er seit 1828 auch mit Auguste Jaunez oder seinem Schwager Henry de Galhau unternahm. Während seiner Amtszeit wurde die Produktion von gewöhnlichen Steingut auf eine feinere, kalkhaltige weisse Ware umgestellt, die mit qualitätsvollen Kupferdrucken unter einer perfekten Bleiglasur dekoriert wurde. Vier Jahre nach der Übergabe der Direktion an Louis Villeroy wiesen die Lohnlisten bereits mehr als 50 Beschäftigte auf, das waren mehr als 6% der überwiegend von der Landwirtschaft lebenden Wallerfanger Bevölkerung. In den Folgejahren setzte auch eine zweite Phase des Anwerbens englischer Arbeiter und Fachkräfte ein, besonders in Verbindung mit der Entstehung des Kupferstecherateliers. 1828 trat der aus Metz stammende Ingenieur Auguste Jaunez in die Dienste der Manufaktur Wallerfangen, der er bis 1861 treu blieb.
Unter Jaunez nährte man sich mehr dem englischen Produktionsverfahren und fallen auch in diese Zeit die ersten Metall-Lüsterversuche, die namentlich für Küchengeschirre Anwendung fanden. Jaunez war für die Komposition von Massen und Glasuren zuständig und diesbezüglich so unentbehrlich, dass für den Fall seiner Abwesenheit Aufzeichnungen angefertigt wurden, in denen die verschiedenen Rezepturen nachzulesen waren. Dank dieser Notes sind exakte Angaben über die zwischen etwa 1828 und 1836 verwendeten Zusammensetzungen der Masse verfügbar. Zur Aufsicht über die Mühlen in Wadgassen sowie in Verantwortung für die Farbzusammenstellungen wurde 1829 der Apotheker M. Vissers aus Merzig engagiert.
Am 19. Oktober 1830 verstarb Louis Villeroy im Alter von gerade 40 Jahren auf Hof Limberg. Auch in Mettlach hatte sich ein Jahr zuvor, also 1829 ein Wechsel vollzogen, als Jean-Francois Boch - um nach Septfontaines übersiedeln zu können - die Leitung der Mettlacher Manufaktur seinen 20 jährigen Sohn Eugen Boch übergeben.
Aus den unternommenen Englandreisen vom verstorbenen Louis Villeroy profitierte die Fabrik unter anderem durch die Anstellung eines englischen Brennmeisters, Sir Henry Wolff, der 1834 engagiert wurde. 1835 trag ein gewisser Saur aus Burslem als Spezialist für Glasuröfen in Wallerfangen ein. Gute Brennöfen waren für das Gelingen des Steingutes ebenso wichtig wie eine gute Masse. Dem Brennmeister kam insofern eine besondere Bedeutung zu, da es vor 1782 keine Möglichkeit gab, eine Brenntemperatur oberhalb von 360° C exakt zu bestimmen. Die einzige Methode war das Beobachten der Flammen, deren Farbe dem erfahrenen Auge Aufschluß geben konnte über die vorherrschende Temperatur. Erfolg oder Mißerfolg eines Brandes war somit abhängig von den Fähigkeiten des Brennmeisters und seinen Erfahrungen.
Am 14. April 1836 schliesslich wurde in der Saarmühle der Vertrag zur Gründung der offenen Handelsgesellschaft Villeroy & Boch unterzeichnet. Aus der für Nicolas Villeroy ausgefertigen Abschrift, die sich noch heute im Familienbesitz befindet, seien hier nur die wichtigsten Punkte zusammengefasst: Die Gesellschaft wurde rückwirkend zum 1.1.1836 begonnen und ihre Dauer auf 50 Jahre festgelegt. Zum Gesellschaftsvermögen zählten die Mobilien und Immobilien der Fabriken Wallerfangen und Mettlach mit sämtlichen Nebengebäuden sowie die Hälfte des Septfontainer Werkes. Das Gesellschaftskapital betrug 420.000 Preussische Taler, die in 120 Aktien zu je 3.500 Taler aufgeteilt wurden. Nicolas Villeroy verfügte über 72, Jean-Francois Boch-Buschmann über 48 Aktien.
Wohl in Anbetracht seines hohen Alters von fast 77 Jahren überlies Nicolas Villeroy gemäss Artikel 5 des Vertrages drei Viertel seiner Aktien, als 54 zu je 18 Aktien seinen Sohn Charles-Ambroise, seiner Tochter Sophie (Gattin von Henry Fulbert de Galhau) sowie seinem Enkelsohn Nicolas Henry Charles Villeroy, dem einzigen Nachkommen seines bereits verstorbenen Sohnes Louis, der aus der Ehe mit Marie Ebray hervorgegangen war. Jean-Francois Boch vermachte seinen Sohn Eugen sieben Anteile, seiner Tochter Anne Virginie, seiner Tochter Wilhelmine sowie seinem jüngsten Sohn Frederic Victor hingegen je fünf.
Da Luxemburg durch die Gründung des deutschen Zollvereins 1834 seinen belgischen Markt verloren, stattdessen aber den deutschen hinzugewonnen hatte, stellte Boch-Buschmann mit seinem Septfontainer Werk eine Konkurrenz für seine Mettlacher Erzeugnisse dar. Deshalb trat Septfontaines 1838 aus dem Verband aus. Noch im selben Jahr übertrug Jean-Francois Boch die Leitung der Fabrik Septfontaines seinen Sohn Eugen, der sogleich sehr darüber klagte, dass in Septfontaines gute Öfen fehlen würden; seit einigen Monaten betreibe man nun drei Kohleöfen, zwei für den Biscuitbrand und einen für bedruckte Ware.
Doch das Jahr 1838 war ein für alle drei Manufakturen besonders schlechtes. Eugen Boch beklagte auch, dass die Fusion noch nicht die gewünschten Erfolge gebracht hätte. Er plädierte für eine Arbeitsteilung anstelle der Beibehaltung des gleichen Produktionsprogrammes in allen drei Fabriken, um somit eine gegenseitige Konkurrenz zu verhindern. Umfasste die Firma bei der Fusion erst drei Manufakturen, so war ihre Zahl 1839 bereits auf sechs angestiegen: zu Mettlach, Wallerfangen und Septfontaines kamen die beiden luxemburgischen Fabriken Eich und Echternach sowie die Fabrik in Saargemünd. Eugen Boch schlug deshalb eine Neuorganisation vor, die ein von den Werken unabhängiges Zentralbüro für alle Verwaltungsangelegenheiten, administrativie wie kommerzielle Aufgaben übernehmend, schaffen sollte. Diese Art Generaldirektion sollte unter Vorsitz von Charles Villeroy in Fremersdorf eingerichtet werden. Das Projekt zerschlug sich jedoch, da Vater und Sohn diesbezüglich konträre Positionen vertraten.
Um die Jahrhundertwende waren über 1000 Arbeiter und Beamte in Wallerfangen beschäftigt. Für das Jahr 1906 ist nachweisbar, dass etwa 600.000 Kg Masse durch Kupferdrucke, 120.000 Kg Masse durch Steindrucke und 500.000 Kg Masse durch Malerei dekoriert worden sind. Als Obermaler waren Andreas Kronenberger und Johann Oswald aufgeführt; diese waren ein Schwamm- und drei Schablonenschneider zur Hand gestellt; Kronenberger oblag auch die Aufsicht über die Kupferdruckerei; als Modelleur waren Guillaume Theis, Nikolaus Schweitzer, Emil Weismüller und Nikolaus Baccus, als Graveure Theobald und Krämer tätig.