Zeppelin Fund
Original-Porzellan der "Hindenburg" entdeckt
Ein wahrer Schatz, der gefunden wurde. Jetzt ist er wieder da. Und das hat etwas von einer großen Sensati-on: 63 original Porzellan-Teile, die aus dem Feuerball der „Hinden-burg“ gerettet werden konnten, gibt es immer noch. Wiederentdeckt nach langer Zeit – unversehrt und reich an Erinnerungen. Das Tafel-Service, das zum Bordporzellan des Luftschiffes gehörte, ist eine kunsthistorische Besonderheit – in einem Umfang erhalten, der ebenso einzigartig ist, wie das Porzellan selbst. Nur wenige, schnelle Sekunden dauert das Ende der „Hindenburg“ – Meisterstück der Deutschen Zeppelin Reederei und fliegendes Hotel der Luxusklasse. Es ist der 6. Mai 1937, als das bis dahin modernste und größte Luftschiff der Welt in einem riesigen Feuerball vom amerikani-schen Himmel über Lakehurst stürzt und ein Flammenmeer vor dem Hangar Nr. 1 zurück lässt. In diesem Inferno einen Schatz zu finden, grenzt an ein Wunder: Am 7. Mai steigt aus dem verkohlten Skelett der Hindenburg nur noch Rauch auf. Wer in den Trümmern nach persönlichen Gegenständen suchen darf, findet verkohlte Dinge, die eigentlich kaum mehr zu identifizieren sind. Doch unversehrt und makellos sind 63 Teile des Bordporzellans der Hindenburg, die an jenem Tag ebenfalls ihren Weg aus dem Wrack finden.
Diesen Glanzstücken deutscher Porzellankunst hat der Sturz aus dreißig Metern Höhe dank sorgfältiger Verpackung nichts ausgemacht und auch das Feuer scheint einen großen Bogen um Teller und Tassen gemacht zu haben. „Dieser Fund ist weltweit einmalig. Um die Schönheit und Einzigartigkeit des Porzellans zu entdecken, muss man es anfassen – einen Teller oder eine Tasse in die Hand nehmen, um zu erfahren, dass wir es hier mit et-was ganz Außergewöhnlichem zu tun haben,“ schwärmt der heutige Besitzer des Zeppelin-Porzellans. Diese Schmuckstücke der Porzellan-Geschichte haben nichts von ihrer Schönheit verloren. Sie strahlen leise und scheinen von einer großen Zeit zu erzählen – von weiten Reisen in einem ungewöhnlichen Flugobjekt und von einem tragischen Unglück, das der Welt den Atem stocken ließ.
Diner über den Wolken
Dieses Porzellan wurde speziell für die Hindenburg hergestellt und sollte den Luxus einer Reise im Luftschiff zum Ausdruck bringen. Die Ausstattung im Speisesaal war elegant und modern: Da in einem Luftschiff das Inventar möglichst wenig Gewicht haben sollte, sorgte eine Leichtmetallkonstruktion dafür, dass die Tische nicht zu schwer waren. Alle Stühle waren mit feinstem, rotem Leder bezogen, die bemalte Wandverkleidung beeindruckte mit Szenen einer Reise der „Graf Zeppelin“ und einer riesigen Weltkarte, die Reiserouten berühmter Welt-umsegler darstellten. Eigens für die Hindenburg wurden auch Geschirr, Besteck, Gläser, Tisch-tücher und Servietten gefertigt. Man wollte eine eigene, zeitgemäße Bordkultur kreieren. Alles an Bord wurde bewundert und hoch gelobt – es war ein Privileg, mit diesem „fliegenden Hotel der Superklasse“ zu reisen. Doch der Flug über den Ozean war ein kostspieliges Vergnügen: 400 Dollar kostete eine einfache Fahrt – heute wären das 15.000 Dollar oder ca. 10.000 Euro. Nur, wer es sich leisten konnte, gönnte sich dieses Abenteuer in der „Fliegenden Zigarre“. Für die Passagiere war eine Reise mit der Hindenburg ein luxuriöses Erlebnis am Himmel. Sie freuten sich über Aussichtsterrassen auf den Promenadendecks, Bordbibliothek, Live-Musik vom eigens von der Firma Blüthner gefertigten Aluminium-Flügel und Menüs à la carte – serviert auf dem „Zeppelin-Geschirr“. Dinieren an den weiß gedeckten Tischen war für die Fahrgäste der Höhepunkt der Reise und hatte seinen ganz besonderen Stil. Hatte man dazu noch das Glück, an einer der beiden Fensterfronten zu sitzen, konnte man die Köstlichkeiten der Küche genießen, während man den Blick über die Wolken schweifen ließ Die Küche der Hindenburg war bekannt für ihre sehr gute Qualität – serviert wurden feinste Menüs und erlesene Weine. Beim Blick auf die Menükarte der sog. „Millionärsfahrt“ zum Abschluss der Saison am 9. Oktober 1936 gerät man heute noch ins Schwärmen: * Indische Schwalbennestsuppe * Kalter Rheinlachs mit Gewürzsauce und Kartoffelsalat * 1934er Piesporter Goldtröpfchen * Filetsteak mit Gänseleberpastete, Chateau-Kartoffeln, grüne Prinz-essbohnen * 1928er Feist Brut * Carmensalat * Geeiste kalifornische Melone * Türkischer Mokka, Gebäck, Liköre Serviert wurden die Speisen auf dem Bordporzellan der Hindenburg – einem Service der Manufaktur Heinrich in Selb.
Porzellan aus Bayern
Franz Heinrich hatte wohl die beste Idee seines Lebens, als er 1896 anstelle eines Backofens eine Schmelzmuffel von 0,75 Kubikmetern ins elterliche Haus in Selb einbaute. Als Franz Heinrich den Auftrag erhielt, ein individuelles Geschirr für die Luftschiffe der Deutschen Zeppelin Reederei zu entwerfen, war aus dem kleinen Ein-Mann-Betrieb längst eine bekannte Porzellan-Manufaktur geworden. So stattete er unter anderem auch LZ 129 – die Hindenburg – mit einem zarten elfenbeinfarbenen Geschirr mit blau-goldenem Dekor aus. Eine gelungene Arbeit. Obwohl die Luftschiffe mit jedem Gramm Mehrgewicht geizten, war das ein Luxus, auf den man nicht verzichten wollte. Dieses Porzellan unterstrich den Kultcharakter, den das Reisen mit einem Zeppelin stets hatte. Wie angenehm überrascht und überdies beeindruckt von der feinen Eleganz des Services die Fahrgäste der Hindenburg waren, brachten Dr. Eckener und Dr. Dürr in einem Schreiben vom 28 September 1928 an die Manufaktur Heinrich zum Ausdruck: „Formgebung und Farbenharmonie machen jedes einzelne Stück des Services zu einem nicht alltäglichen Schmuckstück.“ Heute – 80 Jahre und eine halbe Ewigkeit später gilt dies immer noch. Dazu ist es eine Sensation, dass die Original-Teile des Porzellans der Hindenburg noch existieren – zauberhaft und elegant wie damals. Bedächtig erzählt es uns von seiner letzten Fahrt mit der Hindenburg über den Ozean, von den Menschen an Bord, von der Katastrophe.
LZ 129 – Die Hindenburg
Gigant am Himmel: Mit einem Durchmesser von 41,2 Metern und einem Prallgasinhalt von 200.000 Kubikmetern war die Hindenburg zusammen mit ihrem Schwesterschiff LZ 130 der größte Zeppelin, der jemals gebaut wurde. Das Schiff hatte eine stattliche Länge von 246,7 Meter und war damit nur 24 Meter kürzer als die Titanic – aber mindestens genauso legendär. Die Hindenburg war das erste Luftschiff, das mit vier eigens entwickelten Dieselmotoren angetrieben wurde. Sie besaßen eine Höchstleistung von 900 bzw. 1200 PS und wurden von je einem Maschinisten überwacht. Das Schiff erreichte eine Marschgeschwindigkeit von etwa 125 Kilometern in der Stunde und hatte eine Reichweite von bis zu 16.000 Kilome-tern. Der Zeppelin besaß fünfzehn Hauptringe, die Platz für sechzehn Traggaszellen boten. Sie waren mit einer gelatineartigen Substanz be-schichtet und normalerweise zu 95 Prozent mit etwa 190.000 Kubikmetern Wasserstoff gefüllt. Das normale Dienstgewicht lag bei rund 220 Tonnen. Elf Tonnen Post, Fracht und Gepäck konnten zugeladen, 88.000 Liter Dieselkraftstoff, 4.500 Liter Schmieröl und 40.000 Liter Wasserballast mitgeführt werden. Entwickelt, um die Passagierfahrt rund um den Globus auszubauen, war die Hindenburg das wohl komfortabelste Hotel über den Wolken.
Die letzte Fahrt in die Neue Welt
Die Reise von Frankfurt nach New York war zur Routine geworden: Über zwanzig Mal hatte die Hindenburg den Atlantik ohne Zwischenfälle bereits überquert. So stieg der riesige Zeppelin auch an jenem 3. Mai in die Luft, um 61 Besatzungsmitglieder und 36 Fahrgäste über den großen Teich zu bringen. Die letzte Reise des Luftschiffes. Trotz Verspätung drehte die Hindenburg ihre übliche Ehrenrunde über Manhattan – rund zehn Stunden später als sonst: Ein Gewitter über dem Meer hatte die Reise nach Amerika verzögert. Starker Regen und Gewit-ter machten auch eine Ankerung in Lakehurst zunächst unmöglich. Charles Rosendahl – Kommandeur der US-Basis – lehnte eine Landeer-laubnis aus Sicherheitsgründen ab. Die Crew beschloss daraufhin, dem Unwetter auszuweichen und flog zurück in Richtung New York, bevor sie einen erneuten Versuch startete. Um 19 Uhr erreichte die Hindenburg Lakehurst ein zweites Mal an diesem Tag...
Ein gigantischer Feuerball
19.21 Uhr kam die Hindenburg erneut am Ankermast von Lakehurst an. Um die Höhe zu verringern, wurde Gas abgelassen und – da das Schiff hecklastig war – Wasserballast abgeworfen, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Die Bodenmannschaft fing Landetaue auf, die zu Boden geworfen wurden. Überlebende der Katastrophe erinnern sich an einen „starken Ruck“, der plötzlich durch das Luftschiff ging. Besatzungsmit-glieder nahmen eine gedämpfte Explosion wahr – so „als ob man den Brenner eines Gasherdes anzünden würde“. Doch wo genau das Feuer ausgebrochen war, konnte niemand genau orten. Augenzeugen berichte-ten vom Ausbruch eines Feuers am vorderen Ansatz der oberen Heckflosse. Genährt vom Wasserstoff im Innern des Luftschiffes, breiteten sich die Flammen rasend schnell aus – das Ende der Hindenburg war ein riesiger Feuerball, der innerhalb weniger Sekunden zu Boden sackte. Es hatte, was die Zahl der Todesopfer betrifft, sicher weitaus größere Katastrophen gegeben. Das Außergewöhnliche am Hindenburg-Unglück war, dass das Spektakel vor den Augen der Weltöffentlichkeit stattfand. Zeuge waren Foto- und Zeitungsreporter, Rundfunkjournalisten und Film-teams, die den Sturz des Luftschiffes vom amerikanischen Himmel verfolgten und in die Welt hinaus trugen. Dieses Feuer wurde von den Kameras so eindringlich dokumentiert wie noch keine Katastrophe zuvor. Innerhalb weniger Sekunden verbrannten 200.000 Kubikmetern Wasserstoff – diese Explosion war die größte, die die Welt bisher so hautnah erlebte. Die Menschen waren von dieser Wucht und von den Grenzen, die ihnen die Technik aufzeigte, schlichtweg erschüttert.
Der Tag danach
Viel blieb nicht von dem hoch gelobten, bis dahin modernsten Zeppelin aller Zeiten übrig: Am Tag danach ragten nur noch ein paar verkohlte Trägerelemente und Ringe aus der Asche und erzählten von einer Katastrophe, die sich die Welt so nicht vorstellen wollte. Das gesamte Mobi-liar, Gepäck- und Frachtstücke und die meisten persönlichen Dinge von Besatzung und Passagieren waren verbrannt. Was die Flammen nicht verschlungen hatten, war verkohlt und damit kaum erkennbar. In diesem Chaos Dinge, die einem am Herzen lagen, zu finden, war fast unmöglich. Trotzdem konnten wenige wertvolle Ausrüstungsgegenstände – unter anderem auch das Bordporzellan – von Angehörigen der Deutschen Zeppelin Reederei gerettet werden. Bis spät in die Nacht hatten Suchtrupps der Post versucht, möglichst viele Briefe der Zeppelin-Post zu retten und sie trotz Brandspuren an die Empfänger zu schicken. Zollfahnder suchten nach persönlichen Wertgegens-tänden der Passagiere – vor allem Brief- und Handtaschen oder Geldbeutel, die allesamt vom Feuer gezeichnet waren. Zu diesem Zeitpunkt fand sich auch die amerikanische Untersuchungs-kommission, der unter anderem Dr. Hugo Eckener und Dr. Dürr vom Luftschiffbau Zeppelin angehörten, zusammen. Doch anstatt zu einem spruchreifen Ergebnis zu kommen, hatten sie mit Theorien der absonderlichsten Art zu kämpfen. Die Gerüchteküche brodelte. Schließlich kam Dr. Eckener vor der Kommission zu dem Schluss, dass eine Reihe unglücklicher Zufälle die Hindenburg vom Himmel holte – ein anderes Ergebnis ließen die Untersuchungen nicht zu. Nehmen wir also an, das Traggas des riesigen Luftschiffes – hochexplosives Wasserstoffgas – entzündete sich. Der Rest der Geschichte ist ein tödlicher Funke und ein Flammenmeer vor dem Hangar Nr. 1 in Lakehurst, Ein Flammenmeer, das einen Schatz voller Erinnerungen freigegeben hat.