Zeppelin Geschirr Heinrich Selb

Heinrich Selb - Zeppelin Geschirr

Ernst Heinrich lass in der Zeitung. Las nicht besonders aufmerksam. Aber auf einmal weckte eine Nachricht sein Interesse. Er sah genauer zu und las aufmerksam noch einmal die eben flüchtig aufgenommenen Notiz: „ der Luftschiffbau in Friedrichshafen sah für das im Bau befindliche Luftschiff „Zeppelin“ eine Bordküche vor!“ Wo gekocht wird – wird serviert – wo serviert wird, braucht man Porzellan! Konnte es nicht Heinrich Porzellan sein? … Wann ging der nächste Zug nach Friedrichshafen? Schon Mittages war Ernst Heinrich in der betriebsamen Stadt am schönen Bodensee. Und bald wusste er Bescheid. Ja, man sich auch schon nach Porzellan umgesehen. Nach starkem, dicken Hotel Porzellan! Ernst Heinrich war frappiert: schweres Porzellan für ein Luftschiff, das nach geringsten Gewicht in der gesamten Ausstattung strebte? Hier wäre doch das Heinrichsche dünnwandige Elfenbein Porzellan richtig, das nach Amerika geliefert wurde und bei aller Zartheit enorme Festigkeit des Scherbens aufwies? Ein Malheur passiert überall einmal, aber die Menschen, die das Luftschiff benützen würden, wüssten wohl edles Porzellan zu schätzen. Ein Blitzgespräch verband mit Selb. Und sofort begann mit dort in fieberhafter Eile Formen zu entwerfen und Dekore zu zeichnen. Eine Nacht verging und ein neuer Tag. Und als die zweite Nacht verdämmerte, da packte einer der Mitarbeiter Zeichnungen und Musterstücke des nach Amerika gelieferten Elfenbein-Porzellan in die Tasche und machte sich auf dem Weg nach Friedrichshafen.

Nicht nur für das Luftschiff Zeppelin erhielt die Firma Heinrich die Lieferung des gesamten Porzellans übertragen. Sie wurde und blieb der alleinige Porzellanlieferant für die Zeppeline aus Friedrichshafen. Und bei allen Deutschlandfahrten kamen die Luftschiffe über Selb und grüssten das Werk, das wiederholt auf den Fabrikdächern in vielen Metern hohen aus Tellern belegte Buchstaben dem Schiff seinen Gruß entbot. Als freundlicher Zufall fügte es sich auch, dass am Tage der Siberhochzeit Ernst und Christine Heinrichs das Luftschiff Hindenburg unvermutet über Selb auftauchte und einen Auftrag abwarf. Auch die umseitige Zeichnung der Fabrik entstand nach einer Aufnahme des Zeppelins. Mit Frau Jette Heinrich, den jungen Heinrichs und einigen Herren des Betriebes sitze ich oben in der Buchhaltung des Werks. Über die letzten schlimmen Kriegsjahre und die Widrigkeiten des neuen Beginnens, jetzt, im Herbst 1945, haben wir uns die Köpfe heiß geredet. Gütig lächelnd sitzt die immer Anteil nehmende Frau Jette zwischen Adolf Heinrich und ihren Neffen Franz, Ernst Heinrichs Ältesten Sohn. Auch Dieter Jäger ist dabei, der Enkel von Ernst Adler. Im Sommer 1942 war der Leiter des Betriebes, Ernst Heinrich, von seiner Lungenentzündung nicht wieder genesen. Zuerst übernahm der langjährige Prokurist Ottmar Poller die Leitung. Doch schon bald zwang ihn schwere Krankheit von seinem Posten. Adolf Heinrich wurde vom Militärdienst freigestellt und konnte den Betrieb übernehmen. Man braucht ihn nicht lange Zeit zu beobachten, um zu erkennen, dass bei ihm das Geschick der Firma in guten Händen liegt. Energischer Wille vereint sich mit Weitblick und Tatkraft. Und sein Vetter Franz Heinrich ist als vorzüglicher Techniker dabei, den Betrieb immer noch zu verbessern, während der junge Diplomkaufmann Dieter Jäger in den kaufmännischen Abteilungen nicht minder umsichtig arbeitet.

Während einer kleinen Gesprächspause nehme ich das Trommeln der Massemühle bewusster auf und den Lärm der Ventilatoren. Das klopfende Geräusch der Kollergänge schiebt sich dazwischen und nun tönt laut und energisch die Stimme des Hofrats durch das offene Fenster, der das Entladen der eben eingetroffenen Waggons mit Kohle dirigiert. Es ist ja witzig, dass der hochgewachsene Herr Hofrat, der wendige umsichtige Hofverwalter, den netten Namen Wiesel trägt! Ich trete zum Fenster und schaue hinunter. Gutsverwalter Popp und Prokurist Gebhard kommen über den Hof und eilig strebt ihnen Fräulein Emmi mit einer unförmigen Statistik entgegen, für die sie von ihrem Chef Gebhard noch eine Angabe braucht. Da ruft mich Herr Dorn an und fragt, ob ich die Geschichte mit den 400 Waggons kenne. Erstaunt verneine ich und eifrig berichten mir die Herren ein bezeichnendes Vorkommnis aus dem November 1944. Adolf Heinrich war gerade von einer Verkaufsreise aus der Schweiz zurück gekommen, als ihm telefonisch von einem auswärtigen Rüstungskommando erklärt wurde, dass von Berlin bestimmt worden sei, dass die Firma Heinrich einen westdeutschen Rüstungsbetrieb aufzunehmen habe. 400 Waggons mit schweren und schwersten Maschinen und Gerätschaften rollten bereits an und wären sofort nach dem Eintreffen zu entladen, damit schnellstens die Erzeugung aufgenommen werden konnte. Vergeblich wies Adolf Heinrich daraufhin, dass er aus der Schweiz mit wichtigen Aufträgen gekommen sei und sich seine Fabrik für eine solche Rüstungsfertigung nicht eigne. Er musste also auf eigene Faust handeln, ehe durch eine sofortige Reise nach Berlin die Aufhebung dieser Anordnung zu erzielen war. Denn die Gefahr war beträchtlich. Wenn die Waggons einmal in Selb oder gar auf dem Gleis der Firma standen, war es schwierig, sie loszuwerden. Vorallem aber konnten die wohl einsetzenden Luftangriffe nicht nur dem Werk, sondern der ganzen Stadt Selb verhängnisvoll werden. Deshalb erklärte Adolf Heinrich dem Bahnhofsvorsteher, dass die anrollenden 400 Waggons aus besonderen Gründen noch nicht in die Stadt rangiert werden könnten, sondern draußen vor Plössberg auf freiem Gelände stehen bleiben mussten, bis er von seiner Reise zurück sei. Es gab eine wahre Hetzjagd zu vielen Behörden in einigen Städten. Aber schliesslich war auch dies geschafft: Die Anordnung wurde aufgehoben und die Waggons wo anders hinbeordert.

Zeppelin Tasse Heinrich Selb

Kaum endete die Erzählung Adolf Heinrichs, als Prokurist Gebhard mit Franz Heinrich schon wieder neue Gedanken bespricht, um der vielen Schwierigkeiten Herr zu werden, die aus Material- und Kohlemangel und so manchen Zeitnöten entstehen. Aber unüberwindlich sind sie in diesem Hause nicht! Auf der heute anmutig mit Bäumen bestandenen Höhe des Goldberges erbaute vor Jahrzehnten Franz Heinrich sein Wohnhaus. Sinnend schreite ich mit Frau Jette hinauf. Wieder ist es Herbst und leuchtend flammen die Blätter der Buchen. Friedlich liegen die Höhen im Abenddunst. Nichts erinnert hier an die Schauder, die uns erschütterten. Wir tragen sie in uns, wir spüren sie beim Atmen und bei jedem Schritt. Wenn wir heute auch noch kaum von dem zu sprechen vermögen, was uns bewegt, so wissen wir dennoch was zu tun ist. Fleißig und Geduldig haben wir den aufgewühlten Boden der Ruinen neu zu bestellen, zufrieden mit kargerem Mahl, zufrieden mit geringerem Behagen. Aber ringend mit uns. Um in den gültigen Dingen unserer Ziel zu finden. Nicht darum, weil die Welt auf uns schaut. Nicht darum, weil wir so aufgewühlt sind und bestehen wollen. Vielleicht aber deshalb, weil wir im toben der Schlachten, in den rasenden Feuerstürmen der Städte und im Leid um geliebte Tote den Segen des sanften Gesetzes der Menschlichkeit erahnten, das die Welt bewegt und erneuert.

 [1] Geschichte Heinrich Selb Franz Piepenstock 1921 − 1949

 

Gründung der Pforz.- Fabrik in Selb, Vielitzerstrasse 1896

Von 1897 bis 1906 waren Johann Adolf Gräf (geb.31.05.1869) und Friedrich Krippner (geb.15.03.1875) Teilinhaber der Porzellanfabrik Heinrich und Co. Alle drei waren Schwager. Im Jahre 1906 errichtete Heinrich und Co, nachdem die Zahl der Werksangehörigen auf 200 angewachsen war, auf der linken Seite der Vielitzerstrasse (gegenüber dem Hauptgebäude) eine neue Malerei mit zwei weiteren Brennöfen und einem Kobaltsofens. Als Adolf Gräf und Friedrich Krippner aus der Firma ausschieden, übernahmen sie diesen Bau und machten sich damit Selbstständig. Dieser Bau bildete den Grundstock der Porzellanfabrik Gräf und Krippner[1].

1907 nahm die Firma das erste mal an der Leipziger Messe teil. 1910 wurde mit der eigenen Porzellanherstellung begonnen. Die Personalzahl war auf 25 Mitarbeiter gestiegen. Bis 1913 stieg die Zahl der Mitarbeiter auf 50. Hauptsächlich wurden Hotelgeschirr, Kaffee und Speiseservice hergestellt. Am 04.10.1926 starb Adolf Gräf nach langer Krankheit an Leukämie. Darauf leiteten Friedrich Krippner und Gräfs Frau Christiane ( geborene Krippner geb.14.01.1883 gest.1963) die Firma alleine weiter.

1927 war die Zahl der Arbeiter auf 100 angestiegen. Die Porzellanfirma produzierte noch bis 1929 unter diesem Regime weiter. Durch die enge Familienverbundenheit der Fabrikanten übernahm die Firma Heinrich und Co im Jahr 1930, wegen dem Tod des Herrn Adolf Gräf und der schlechten Wirtschaftslage, die Porzellanfabrik Gräf und Krippner. 1930 führte die Firma Heinrich und CO dann auch einen neues Firmenlogo (mit Löwe) ein. Bis dahin stieg die Zahl der Werksangehörigen auf 110. Der Firmennahme wurde bis 1935 beibehalten und einige Serien wie das Modell Tina wurden danach unter Heinrich und CO noch weiter produziert. Jäger und Werner & CO. (Werk B), gegründet 1896 - 1906 Übernahme durch Lorenz Hutschenreuther AG.

 [1] Porzellanfabrik Gräf & Krippner wurde 1930 in die Porzellanfabrik Heinrich & CO. AG eingegliedert